Martin Compart


KRIMI DES JAHRES 2017 by Martin Compart

In unregelmäßiger Folge nennen hier ausgewiesene Kenner des Genres einen Titel, der sie 2017 besonders beeindruckt hat. So wollen wir nicht das Weh beklagen, das die meisten Neuerscheinungen erzeugt haben, in ihrem erstaunlichen Niveau.

MARTIN COMPART
Die beste Neuerscheinung, die ich letztes Jahr gelesen habe, ist der zweite Roman des herausragenden Southern-Autors Michael Farris Smith.Sein Erstling, RIVERS, erschienen bei Heyne, ist bei uns völlig untergegangen und auch noch als eine Art SF verkauft worden. Dabei war es eher eine Horror-Noir-Quest. Mit DESPERATION ROAD schrieb er ein Meisterwerk, das Southern Noir mit poetischen Realismus verbindet. Die heimatlose Maben streift mit ihrer Tochter durch Mississippi um eines Tages in einem üblen Kaff zu landen. Ihre letzten Dollar gehen fürs Motel drauf. Nach elf Jahren Knast (weil er jemanden totgefahren hatte) kommt Russell in dieses Kaff, das seine Heimatstadt ist, zurück um von den rachsüchtigen Brüdern seines Opfers empfangen zu werden. Russel wird zusammengeschlagen und soll sich auf die ganze Wucht der Rache freuen… Maben wird vom Deputy vergewaltigt, den sie erschießen kann, bevor seine Kumpels zum Gangbang kommen. Und dann fängt endlich der Spaß an.

‚One of the best writers of his generation, Desperation Road may very well be his best work‘ – Tom Franklin

http://bittersoutherner.com/from-the-southern-perspective/politics/the-united-states-of-mississippi-michael-farris-smith

 

 

MiC:
Herr Compart bestand darauf, dass das Buch hierzulande zwischen Januar und Dezember 2017 erschienen sein muss. Der Monat wäre egal, das Jahr Pflicht.

Auf zwei gelesene Titel treffen o.g. Kriterien zu:

Antonin Varenne, Die Treibjagd, Penguin – dreckige Machenschaften in der französischen Provinz, jedes Arschloch kassiert mit, ein „Heimatkrimi“, der rockt.https://martincompart.wordpress.com/category/antonin-varenne/

Jérome Leroy, Der Block, Edition Nautilus – der Aufstieg einer nationalistischen Partei in Frankreich bis in die Hallen der Staatsmacht, erhellend, spannend, Parallelen erkennbar

In Frankreich bereits 2015 bzw. 2011 erschienen. Beide empfehlenswert.

Nicht den o.g. Kriterien entsprechend, dafür absolute Knaller, drei Sachbücher, die tief in die Mechanismen unserer Welt blicken, alle drei dazu „echte Spannungslektüre“:

The Killing of Crazy Horse, Thomas Powers – die feige Entsorgung eines dem System gefährlichen Helden. Powers ist u.a. der Autor eines Buches über Richard Helms (1979), das auch bei uns einiges Aufsehen erregte.

The Last Stand, Nathaniel Philbrick – Eitel-Custer als Prototyp des kapitalistischen Aufsteigers und PR-Profis in eigener Sache.

Heroes, Massmurder and Suicide, Franco Berardi – die neuen „Helden“ unserer kapitalistischen Realität werden im Titel verraten.

FRANK NOWATZKI:
„Krimi des Jahres“ klingt überkandidelt, „Krimi-Debüt des Jahres“ trifft es dagegen für meinen Geschmack schon eher, auf jeden Fall war er für mich mit seinem individuellen, literarischen Sound, der seinen amerikanischen Vorbildern wie Raymond Carver oder Barry Hannah in nichts nachsteht „die Überraschung des Jahres“. Wir sprechen von: Sven Heuchert mit „Dunkels Gesetz“. http://www.pulpmaster.de/wp/dunkels-gesetz-ein-interessantes-debuet-von-sven-heuchert/
Ich freue mich jedenfalls jetzt schon wie Bolle auf seinen neuen Storyband „Könige von nichts“, der im Frühjahr bei Bernstein erscheinen soll.

MYRON BÜNNAGEL
Dieses Jahr stand eher im Zeichen von abgegriffenen Taschenbüchern,
statt Neuerscheinungen. Aber eine gab es doch:

54 x 13 – Die Tour de France nach Jean-Bernard Pouy

Zwar von 1996, aber dieses Jahr in einer Neuübersetzung im egoth Verlag erschienen. Vier gnadenlose Stunden der Tour. Eine schonungslose Berg- und Talfahrt. /54 x 13/ bildet dabei das perfekt zusammengeschraubte Rennrad für diese Tour de Force.http://www.mordlust.de/jean-bernard-pouy-54-x-13/

Hanspeter Eggenberger:

Gar nicht so einfach dieses Jahr.
Der Hammer war nicht dabei.
Also:
Eine Wahnsinnsentdeckung hat das ausgehende Jahr im Krimibereich für mich nicht gebracht. Zu den Sachen, die ich sehr gerne gelesen habe, gehört insbesondere
Wallace Stroby: „Geld ist nicht genug“ (Pendragon),
der zweite Band der Reihe um Crissa Stone.
«Crissa zog sich die Skimaske über das Gesicht, trat auf die Kupplung des Schaufelladers und schaute über den Asphalt zum Geldautomaten hinüber und dem rotgeziegelten Bankgebäude dahinter.» Mit diesem ersten Satz ist man mitten drin in der Geschichte um die Berufskriminelle. Sie kommt ein bisschen rüber wie eine kleine Schwester von Parker, dem Helden der legendären Romanreihe von Richard Stark (bzw. Donald E. Westlake). Wie Parker geht es Crissa in dieser Geschichte, die vor allem von Treue und Verrat handelt, darum, das Richtige zu tun, auch wenn es illegal ist. Ganz auf der Höhe von Stark/Westlake ist der 1960 geborene Stroby nicht, aber das kann ja noch werden. Ich freue mich jedenfalls schon auf den nächsten Band, „Fast ein guter Plan“, der im kommenden Februar erscheint.


PETER HIESS
:

Sterben auf Italienisch/Tod auf der Piazza (metro/Unionsverlag)

Viel zu spät draufgekommen … also habe ich mit den zwei letzten Büchern der hervorragenden Aurelio-Zen-Reihe begonnen. Und die sind großartig! Alles andere als geschmäcklerische Literatur für sozialdemokratische Toscana-Rentner, sondern vielmehr witzige, gut erzählte Krimis um einen sympathischen (und angenehm unneurotischen) Ermittler, der als Polizist immer wieder an anderen Orten Italiens stationiert ist. Michael Dibdin nimmt verblödete Silicon-Valley-Millionäre, verstockt-verbrecherische Bergbewohner und verkokste Fernsehköche aufs Korn – und zeigt dabei nicht nur seine Liebe zum Land, sondern auch zum Krimi. Genau das zählt. Musste sofort die neun Vorgänger kaufen.


AMBROS WAIBEL:

Mir hat Sven Heucherts „Dunkels Gesetz“ am besten gefallen. Die Begründung steht (hoffentlich) hier:

http://www.taz.de/!5451251/

Und um es mit Heiner Müller zu sagen: Wenn ich es anders hätte sagen können, dann wäre ich nicht extra nach Siegburg gefahren. Ich freue mich einfach auf alles, was aus der Heuchertschen Werkstatt noch so kommen mag.

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EINE ART JAHRESRÜCKBLICK 1 by Martin Compart
16. Dezember 2015, 10:13 am
Filed under: Bücher, NEWS, Rezensionen, TV-Serien | Schlagwörter: , , , ,

 

Auch mein Blog schreckt vor einer Art Jahresrückblick nicht zurück. Deshalb habe ich ein paar prominente Experten befragt, was sie 2015 besonders beeindruckt hat. Hier die ersten Ergebnisse für die Kategorien:

1.Fiction/Crime Fiction

2.Non-Fiction

3.TV-Serie und/oder Film

4.Enttäuschung des Jahres.

 

01b-1121x12801[1]PETER HIESS:

Fiction:

James Carlos Blake – Pistolero (Liebeskind)

  1. Die schönste Outlaw-Geschichte seit langem. Und ein Auftrag, wieder mehr gute Western zu lesen.
  2. Non-Fiction:
  3. Jeff Archer – Uncle Sam’s erster Kolonialkrieg in der Alten Welt (Ahriman). Weil es gut ist, eine Alternative zu den geschichtsverfälschenden Kriegshetzer-Stories der Lügenpresse zu lesen. Ja, es war ein Überfall – ja, die Gründe waren billige Vorwände – ja, es war ein Angriffskrieg der Monopol-Imperialmacht der Gegenwart.

Serie:

Penny Dreadful, Season 2

Frankenstein, Dracula, Werwölfe, Dorian Gray, Hexen, viktorianisches London … und in Staffel 3 sollen auch Dr. Jekyll und sein Alter ego eine wichtige Rolle spielen. Man muß kein Goth sein, um diese Serie zu lieben.

ENTTÄUSCHUNG DES JAHRES:

„True Detective 2“: War schon die (von den postmodernen Ironiedeppen) zu Tode gehypete erste Staffel im Endeffekt eine Enttäuschung – Was war denn jetzt mit dem „King in Yellow“? Warum mußten wieder irgendwelche inzüchtlerischen Rednecks die Mörder sein? Und können zwei Schauspieler noch selbstverliebter agieren? -, so brachte Season 2 selbst Fans spätestens bei der dritten Episode zum Abschalten. Eine schlecht konstruierte Story, durchwegs unsympathische und noch dazu von unsympatischen Schauspielern dargestellte Figuren und eine tödlich langweilige Inszenierung … thanks, but no thanks. Da schauen wir uns lieber „Justified“ oder „The Shield“ noch einmal an.

 

MiC:

1.Fiction/Crime Fiction nichts, was 2015 erschienen ist.

2.Non-Fiction nichts, was 2015 erschienen ist.

A tie:  Xenophon, The Persian Expedition, Penguin Vintage – großes Abenteuer und große Selbstdarstellung, das vielleicht längste Bewerbungsschreiben der Welt, und, The Peregrine, J.A. Baker, NYRB-classics – perfekte Naturbeobachtung, ein Mann wird eins mit einem vom Aussterben bedrohten Falken Essential for a writer: Shakespeare, Peter Ackroyd – was für ein Buch, Shakespeare und seine Zeit, aus Sicht seiner Zeit, riesig – Collected Letters of John Steinbeck, Penguin – Steinbecks unbeabsichtigte Autobiografie, Briefe von den 1920er Jahren bis 1968.

3. TV-Serie und/oder Film 2015 Reality-Series:

Hunted 2015, Channel 4 – der Überwachungsstaat führt sich und uns alle vor…   Docu-Serie: Jinx, HBO – ein Mörder entlarvt sich selbst oder auch nicht, True Crime at ist best Drama-Serie: Mr. Robot, USA-Channel – die mit Abstand originellste Serie in diesem Jahr… Storylines, Charaktere, visuelle Umsetzung, Maßstäbe setzend Dieses Jahr erst gesehen… A tie, Drama-Serie: Happy Valley, BBC; Silk, BBC; Boss, Starz – großartige Charaktere, grandiose Schauspieler, phantastische Scripte Beste Folge einer Drama-Serie seit Deadwood: Boss, Season 1, Episode 7 – elliptisch, gigantisch, Mayor Tom Kane’s Charakter völlig entlarvt. Docu-Film: Seduced & Abandoned, James Toback – beste Innensicht auf Kino, Liebe, Leidenschaft und die leidige Sache mit dem Geld.

 

frank_nowatzki[1]FRANK NOWATZKI:

Fiction:

Sven Heuchert, Asche. Stories. Bernstein Verlag.

Der Sound der Suburbs mal auf deutsch: Hier erzählt einer über Loser, Malocher, Kriminelle und Säufer in der Provinz und er hat seinen eigenen Sound bereits gefunden. Die Vorbilder Bukowski und Algren schimmern durch, so gar ein wenig Carver. Das kommt nicht oft so unprätentios aus deutscher Feder. Den Kerl sollte man auf dem Radar behalten.

Non-Fiction:

Fabian Scheidler, Das Ende der Megamaschine – Geschichte einer scheiternden Zivilisation, Promedia Verlag, Wien.

Wieso unser System trotz Makel so makellos funktioniert wie es funktioniert und warum es letztendlich scheitern muss, das hat Fabian Scheidler – angesichts des komplexen Themas – gut strukturiert und leicht verständlich zusammengetragen. Eine Bereicherung. Ein Muss. Eine Offenbarung.

Serie:

Ray Donovan (3.Staffel)

Während Ray (Liev Schreiber) für megareiche L.A. Celebrities bei ihren Entgleisungen die Kohlen aus dem Feuer holt und ihnen Presse und Polizei vom Leib hält, wühlt Vater Mickey (Jon Voight), ein Krimineller alter Schule, weiter im Bodensatz nach schnellen Dollars. Grandios gespielt, perfekt inszeniert, abwechselnd komisch, brutal, sexy, nie oberflächlich. Hier gehen vor und hinter der Kamera Vollprofis zur Sache.

 

Ambros WAMBROS WAIBEL:

 

Fiction:

Und mir fällt leider wirklich keine Belletristik ein, die spuren hinterlassen hätte.

 

Non Fiction Robert Kisch: Möbelhaus http://www.droemer-knaur.de/buch/7985703/moebelhaus

Das ist kein wirklich gutes buch. aber mehr realität gibt es halt nicht in deutschland. wenn der autor nicht diese story des einst berühmten journalisten hätte, wäre es wahrscheinlich auch nicht durch die großverlagszensur gegangen.

 

Serie/Film: Sense8

sense8 ist ein spektakel. und versucht zumindest unsere tatsächliche zeit abzubilden. macht spass.



zu DER SODOM KONTRAKT by Martin Compart
9. März 2009, 7:15 am
Filed under: Bücher, Drehbuch, Dutroux, Sodom Kontrakt | Schlagwörter: , , , ,

Zur Erzählstrategie:

Im SODOM KONTRAKT benutze ich eine Erzählweise, die weder dem allwissenden Erzähler entspricht, noch dem Ich-Erzähler. Stattdessen ist sie irgendwo dazwischen, gleichzeitig in der dritten Person und aus dem

Der Sodom-Kontrakt

Sodom-Kontrakt bei amazon.de

Blickwinkel der Haupt- und im Focus stehenden Personen. Die szenisch im Mittelpunkt stehende Figur dient als visueller auditiver und psychologischer Brennpunkt. Ihr Blickwinkel soll der Erzählweise Farbe geben und abgrenzen. Die Anwendung dieser Erzählstrategie soll dem Leser intime Einblicke in die Denkprozesse von mehr als nur der Hauptfigur ermöglichen, ohne dabei auf den allwissenden Erzähler zurückzugreifen. Die Beschränkung des Erzählers sollte dazu führen, dass der Leser die Weltsicht der Figuren auf einer tieferen Ebene nachvollziehen kann. Die unterschiedlichen Auffassungen der Figuren über die Geschehnisse sollen zusätzliche Spannung erzeugen. Damit wird der Leser aufgefordert, Haltungen und Situationen selbst zu beurteilen, Dies erscheint mir von einiger Bedeutung: Nicht die individuelle Wahrnehmung der Figuren soll für eine gewisse Spannung sorgen, sondern die Widersprüche in ihren unterschiedlichen Wahrnehmungen. Mit der existenzialistischen Psychologie ausgedrückt: Jeder nimmt gleichzeitig zwei Welten wahr: den idios kosmos, der die eigene, persönliche Welt ist, und den koinos kosmos, die (mit anderen) geteilte Welt. Das Stemmen gegen den Zusammenbruch des idios kosmos sollte als unbewusst wahrzunehmendes Spannungselement die Thriller-Handlung unterstützen. Der Astigmatismus der Figuren soll den Leser dazu bringen, den eigenen koinos kosmos abzuleiten. Der Leser übernimmt die Aufgaben des allwissenden Erzählers und muss Urteile fällen, Wertvorstellungen festlegen (oder die vom individuell ausgerichteten Erzählers verwerfen/zustimmen) und die Erzählung auf seine Metaebene heben. Natürlich versuche ich dies zu steuern, indem ich die Blickwinkel auswähle. Aber der Leser muss selbst die Bedeutung produzieren, indem er eigene Schlüsse zieht um sie seinem koinos kosmos anzugleichen, da dass Konglomerat aus verschiedenen Sichtweisen nicht durch einen allwissenden Erzähler aufgelöst wird.

Einige Rezensionen zum Roman SODOM KONTRAKT

JUNGE WELT
24.09.2007 / Feuilleton / Seite 13
Der beste Kaffee
Zwei klassische Thriller von Ross Thomas und Martin Compart geben vor, was heute anliegt
Von Ambros Waibel
… Der Alexander-Verlag flankiert nun seine Werkausgabe mit Büchern aus Fausers persönlichem und ideellem Umfeld, eine realistische Traditionslinie wird sichtbar, die nach Jahren im Untergrund der Genre-Literatur mit Leuten wie Meyer und Saviano gerade wieder auftaucht. Zuletzt erschienen sind der Klassiker »Umweg zur Hölle« von Ross Thomas, im Original 1978, 1984 auf Deutsch bei Ullstein herausgekommen, und ein schnelles, schmutziges, höchst unterhaltsames Paranoia-Ding vom eben damals verantwortlichen Ullstein-Herausgeber und Fauser-Kumpel Martin Compart, »Der Sodom-Kontrakt«…. Martin Comparts konsequenter »politisch inkorrekter Anti-EU-Thiller« »Der Sodom-Kontrakt«, der in einer agitprop-mäßig noch deutlich schärferen Fassung bereits 2001 im Strange-Verlag erschienen ist, geht da einen Schritt weiter, indem er mindestens einen zurückgeht. Er will nicht den Pulp-Roman auf die Höhe der goutierten Literatur bringen, sondern er nimmt ihn als reißfeste Tüte, in die er kräftig hineinkotzt. Das kann sich wohl nur jemand erlauben, der von der anderen, der Verleger-Seite herkommt und es da bis zum deutschen »Krimi-Papst« gebracht hat. Compart weiß den Zeitungen noch etwas zu entnehmen, insbesondere denen aus Witten/Ruhr, und was er nicht weiß, reimt er sich so kräftig zusammen, daß er in aller Ruhe und mit fieser Ironie Raymond Aron zitieren kann: »Die Gesamtheit der Ursachen, welche die Gesamtheit der Wirkungen bestimmen, übersteigt die Fassungskraft des menschlichen Verstandes.«


DER SODOM KONTRAKT als eBook bei: http://www.amazon.de/DER-SODOM-KONTRAKT-ebook/dp/B006UJXY76/ref=sr_1_6?ie=UTF8&qid=1325937554&sr=8-6

Zuschaufeln, mit dem Auto drüber und Schluss!
Martin Compart glänzt mit einem bitterbösen Thriller
Von Jens Müller
TAGESSPIEGEL 13.1.2008

Charlie und Lee in „The Killers“. Mr. Wint und Mr. Kidd in „Diamonds Are Forever“. Jules und Vincent in „Pulp Fiction“. Killerduos mit sarkastischem Dialogwitz haben manchmal enormen Unterhaltungswert. Vorausgesetzt, man ist nicht ihr nächstes Opfer und muss nicht mit anhören, auf welche Art und Weise man selbst das Zeitliche segnen soll: „,Zuschaufeln, zweimal mit dem Wagen drüber, und das war’s.‘ ,Einfache Lösung, Herr Schmidt, einfach aber nicht simpel. Bewundernswert.‘ ,Vielen Dank, Herr Schneider.‘“

Mit den Herren Schmidt und Schneider bereichert Martin Comparts Thriller „Der Sodom-Kontrakt“ die Typologie der Killerduos um ein illustres Pärchen. Im Ruhrgebiet hinterlassen sie zwischen Witten und Dortmund eine beispiellose Blutspur: Sie zerlegen ihre Opfer mit einem Samuraischwert, erschießen sie aus dem fahrenden Auto oder knüpfen sie an einem Nylonseil auf – um nur einige Methoden zu nennen.
Ihren ersten Mord wollen sie Gill in die Schuhe schieben, einem Freund des Opfers. Was ein Fehler ist, denn dieser Gill ist ein harter Hund, ein ehemaliger Stasi-Agent, der mit seiner Glock-Pistole schlafen geht: „Man hatte es ihm während seiner Ausbildung beigebracht. Er war jedes Mal brutal durch einen Stromstoß geweckt worden, wenn er im Schlaf die Hand öffnete und die Waffe fallen ließ.“ Wow! Der Autor Compart spricht gerade dem aus Skandinavien importierten Krimistil Hohn, der in den vergangenen Jahren so reüssierte. Er psychologisiert nicht wie Henning Mankell; er reibt einem nicht seine literarische Ambition unter die Nase wie Hakan Nesser.
Compart beschwört eine ältere, sehr amerikanische, sehr schwarze Tradition: schnörkellos, rasant, brutal, schmutzig, trashig. Hier hat ein Kenner – Compart war Herausgeber der Krimiprogramme von Ullstein, Bastei-Lübbe und Du Mont – kurzen Prozess gemacht und die ihm bekannten Genre-Versatzstücke derb gesampelt. Unnachgiebig verfolgt sein desillusionierter hardboiled detective das Killerduo und kommt dabei einer europäischen Korruptionsaffäre im Dunstkreis des Kinderschänders Dutroux auf die Spur. Weitere Akteure: Eine nymphomane Kommissarin, eine lokale Kiez-Größe („Karibik-Klaus“), ein exzentrischer Althippie mit ausgesuchtem Musikgeschmack (etwa: „Gilded Palace of Sin“ von den Flying Burrito Brothers). Und: korrupte Polizisten, korrupte Geheimdienstler, korrupte Politiker. Der böse Mann im Hintergrund ist ein deutscher EU-Kommissar, dessen bemerkenswerte Ähnlichkeit mit Martin Bangemann gewiss nicht zufällig ist. Comparts Roman trägt den Zweittitel „Ein politisch inkorrekter Anti-EU-Thriller“. Hier hat jemand mit einer gehörigen Portion Wut im Bauch geschrieben.
Dass er nun – überarbeitet – im Berliner Alexander Verlag neu erscheint, liegt sicher auch an Comparts Freundschaft zu einem anderen Autor. Für die Jörg-Fauser-Werkausgabe hat der Verlag zu Recht– viel Lob erfahren. Vielleicht war es mehr als alles andere das, was die beiden Männer, Compart und Fauser, verbunden hat: die Wut im Bauch. Ein paar mehr solcher literarischen Killerduos könnte das Land gut vertragen.

MÜNSTERLÄNDISCHE VOLKSZEITUNG: 9.5.07
Politisch unkorrekter harter Thriller – Philosophische Killer
Von Hans Gerhold
Privatdetektiv Gill, ehemaliger Geheimdienstmann, der untreue Pärchen überwacht, gerät in Mordverdacht und zwischen alle Fronten. Zwei Killer hängen sich an seine Fersen, schalten ihn aus und schieben ihm den Mord an seinem Freund Hans Brenner, für den er einen Geldkoffer übergeben sollte, in die Schuhe. Wie Gill aus dieser Schieflage herauskommt, was er zwischen Dortmund, Witten und Brüssel erlebt und wie sich die verbissen hartnäckige Kriminalkommissarin Alexa Bloch, Star und Leiterin der Dortmunder Mordkommission, an den Mann ohne Koffer hängt, gehört zu einem Thriller, der fern der Behägigkeit deutscher Regionalkrimis in der Tradition des Hard-Boiled-Genres wandelt, nein: spurtet.
Denn Martin Compart, langjähriger Herausgeber der einflussreichen Krimiprogramme von Ullstein, Bastei-Lübbe und DuMont, legt ein furioses Tempo vor und liefert ein Glanzstück des Genres, das es mit amerikanischen Vorbildern aufnehmen kann, sie bruchlos auf deutsch-europäische Verhältnisse überträgt. Compart hat ein Ohr für Kneipengespräche, schaut „dem Volk aufs Maul“ und bringt das Maß an drastischem Realismus und absurdem Humor ein, das ein Noir-Roman benötigt. Eine Verfolgungsjagd mit Pfiff gehört dazu, der authentische Fall des belgischen Kinderschänders Dutroux, undurchsichtige Geschäfte eines Karibik-Klaus, korrupte Beamte, die ineffektive EU-Bürokratie in Brüssel, unfähige Anwälte.
Herzstück ist das Killerpaar Schmidt und Schneider, zwei Gemütsmenschen, die sich wie Philosophen beim Stammtisch unterhalten und an legendäre Vorbilder wie Ernest Hemingways Short Story „The Killers“ und deren Verfilmungen erinnern, deren Niveau Compart mit geistreich witzigen Dialogen spielend erreicht. Grandios die Anspielungen auf populäre Kultur, Songs der Doors oder Charles Bronson („Spiel mir das Lied vom Tod“), dem eine Passage gewidmet ist, die jeden Film- und Thrillerfreund entzücken wird.

Voralberger Nachrichten
Kultur
Böse Buben und starke Frauen
Der Ruhrpott ist spätestens seit Schimanski als gefährliches Pflaster verrufen.
Von BRUNO LÄSSER

(VN) Vor einer Kulisse wie jener in der „Tatort“-Serie hat Martin Compart, bekannt als „Deutschlands Krimipapst“ mit dem Roman „Der Sodom-Kontrakt“ einen knallharten und spannenden Thriller mit unverhohlen deutlichem Realitätsbezug geschrieben.
Gill, ein ehemaliger Söldner und Einzelkämpfer im Auftrag des deutschen Geheimdienstes BND, hat sich von den kriegerischen Schauplätzen in Afrika und im Nahen Osten verabschiedet und arbeitet mittlerweile vergleichsweise ruhig als Privatermittler und Sicherheitsexperte. Eines Tages erhält er den Hilferuf von Brenner, einem Bekannten aus alten Tagen, der um sein Leben fürchtet. Obwohl Gill sofort seine Kontakte zur Halbweltszene nutzt, kann er nicht verhindern, dass dieser kurze Zeit später vor seinen Augen hingerichtet wird. Schlimmer noch, Gill steht bald darauf selbst unter Mordverdacht und wird von der Polizei ebenso wie von Brenners Auftragsmördern gejagt.
Bald schon pflastern noch mehr Leichen seinen Weg und, obwohl in Wirklichkeit unschuldig, glaubt die Polizei nach wie vor an Gill als Haupttäter und will ihn, ebenso wie der um auf möglichst wenig Publizität bedachte BND, so schnell als möglich aus dem Weg räumen.

Perfekt abgeschmeckt
Gill findet heraus, dass sein verstorbener Kollege Brenner sich seine Finger im wahrsten Sinn des Wortes an einer Erpressungssache verbrannt hat. Gills Ermittlungen lassen auch deutliche Querverbindungen zum Fall des belgischen Kinderschänders Dutroux und einem unglaublichen Sumpf aus politischer Korruption bis in höchste EUKreise, moralischer Verkommenheit und skrupelloser Geschäftemacherei erkennen. Neben allerhand bösen Buben bevölkern Comparts Buch auch ein paar starke Frauen, die das Blut der Macho-Protagonisten bis zum ultimativen Showdown noch zusätzlich in Wallung bringen.
„Der Sodom-Kontrakt“ ist eine perfekt abgeschmeckte Mischung aus Spannung, Macho-Herrlichkeit und Aufdecker-Journalismus, garniert mit Sex, Hippie-Flair und fast schon wieder rührender Wissenshuberei über Popbands aus den 1960 er-Jahren.
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