Martin Compart


THRILLER, DIE MAN GELESEN HABEN MUSS: CHARLES WILLIAMS – VON DEN BACKWOODS ZUR HOCHSEE by Martin Compart

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Es fängt mal wieder ganz harmlos an: Der herunter gekommene Ex-Footballer Lee Scarborough muss sein Auto verkaufen und gerät dabei an die attraktive Madelone Butler. Und die schlägt ihm ein windiges Geschäft vor: Er soll in ein Haus einbrechen und die versteckte Beute aus einem Raub holen. Und damit geht die Party natürlich erst richtig los.
A TOUCH OF DEATH (100 MEILEN ANGST bei Heyne, 1968) gehört zu den düstersten Romanen von Charles Williams. Vielleicht der Roman mit der schlimmsten femme fatale aller Zeiten. Williams Frauenfiguren haben weniger mit den üblichen femmes fatales der Pulp- und Paperback Originals gemein, als dass sie die „Heldinnen“ in Neo-Noir-filmen wie LAST SEDUCTION (1994) von John Dahl oder Lawrence Kasdans BODY HEAT (1981) vorweg nehmen. Sie sind emanzipiert und absolut skrupellos. Und Williams dämonisiert nicht, sondern versucht zu verstehen. Die Frauen sind in seinen Büchern die komplexeren Wesen, die seine begrenzten Ich-Erzähler weder begreifen, noch durchschauen.

YnMta3QtMDA0MDMtYmswMDQ=Williams männlichen Helden, abgesehen von den Hochsee-Romanen, sind meistens die typischen Noir-Figuren: von Gier beherrschte, zur Gewalt neigende Gescheiterte aus der Arbeiterklasse oder der unteren Mittelschicht. Ihrer einstigen Hoffnungen beraubt, sind sie dazu bereit, eine Menge Risiken einzugehen um einmal an das große Geld und eine Sexgöttin zu kommen. Sie sind keine primitiven Machos, aber selten dazu in der Lage die Manipulationen durch die Frauen zu durchschauen. Eines der durchgehenden Subtexte in Williams Romanen ist, dass der Held, oder Anti-Held, feststellen muss, dass er nicht die geringste Ahnung von Frauen hat, da er sie nur an seiner Denkungsweise misst. Die „Ironie des Schicksals“ könnte man Williams Plot-Technik bezeichnen. Seine Ich-Erzähler beschreiben unsentimental jede überraschende Wendung, die ihnen (und den Lesern) zustößt. Sein literarisches Können zeigt sich auch darin, mit wie wenigen Sätzen er seinen Personen und dren beziehungen zueinander Tiefe verleiht. Für jeden Fime-Macher sind seine Vorlagen ein Traum; und zum Glück sind einige großartige Filme nach seinen Romanen entstanden (Truffauds Verfilmung von THE LONG SATURDAY NIGHT gehört m.E. nicht dazu; dieser 1962 erschienene Roman war übrigens sein letztes Buch für Gold Medal). Von den 23 Romanen wurden 14 Filmoptionen verkauft und bisher 10 für das Kino verfilmt.

Williams, Scorpion Reef, UK SCORPION REEF war sein erstes Hardcover und sein erster Hochsee-Thriller. Ein Kritiker nannte diese Romane „nautic noir“. Williams selbst war ein fanatischer Segler und Angler. Der aktuelle Meister des Hochsee-Thrillers, der Brite Sam Llewellyn, verdankt ihm mindestens soviel wie Dick Francis.

HELL HATH NO FURY (THE HOT SPOT) von 1953 war das erste Paperback Original, das von der New York Times besprochen wurde. Das wäre nicht weiter erwähnenswert, wenn es sich bei dem NYT-Rezensenten nicht um Anthony Boucher handeln würde, der einflussreichste Kritiker der amerikanischen Kriminalliteratur und von da an bekennender Williams-Fan.

Am nächsten an ein en konventionellen Privatdetektiv- oder Detektivroman kommt Williams in GO HOME, STRANGER (1954). Der Protagonist versucht die Unschuld seiner zu Unrecht des Mordes an ihrem Mann angeklagte Schwester zu beweisen, indem er den wahren Killer sucht. Aber es sind genügend typisch Williamsche Backwood-Elemente vorhanden um den Roman ebenfalls zu einem herausragendes Paperback original zu machen.

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Seine Backwood-Thriller, die einiges Erskine Caldwell verdanken, umfassen ncht nur Noir-Thriller, sondern auch die aberwitzige Comedy UNCLE SAGAMORE AND HIS GIRLS, die Manchette für die komischste Geschichte über Hinterwäldler hielt.

Am bekanntesten ist Charles Williams heute noch für seine Hochsee-Thriller (dank der erfolgreichen Verfilmungen von AGROUND und DEATH CALM). Daneben schrieb er erfolgreich in anderen Subgenres, etwa Southern-Bachwoods wie seine Girl-Trilogie oder gemeine Kleinstadt-Thriller und On the Run-Thriller.

Stranger Er ist der große Vergessene (außer in Frankreich) der Paperback Original-Autoren der 1950er- und 1960er Jahre. Er war lediglich einmal für den EDGAR nominiert („Best Paperback Original“ für AND THE DEEP BLUE SEA).
Um ihn hat es nie einen Kult gegeben wie um Jim Thompson oder David Goodis. Warum, ist schwer zu begreifen: Seine Plots sind oft besser, seine Weltsicht genauso düster und seine Figuren umwerfend. Vielleicht liegt es daran, dass er keinen so in sich geschlossenen psychopathischen Kosmos beschreibt wie Thompson oder Goodis. Er beschildert die erkennbare Realität der amerikanischen Gesellschaft eher aus einer cooleren Perspektive, ohne deshalb ihre Verkommenheit auszusparen. Das gibt den Büchern eine zeitlose und moderne Dimension, die Goodis oder Thompson fehlen (mit äußerstem Verlaub gesagt). Seine Thriller sind oft action orientierter und haben mehr überraschende Handlungswendungen als fünf gute PO-Thriller zusammen. Im Grunde schrieb er bereits Neo-Noir als Goodis und Thompson noch Noir-Klassiker notierten. Ed Gorman, der als erster einen Essay über Williams schrieb, sagt, er sei der beste aller Gold Medal-Autoren.6992967609_5e10e1e44c_z

Charles Williams wurde am 13. August 1909 in San Angelo, Texas, geboren. Er hatte vier Brüder. San Angelo hatte damals unter 10 000 Einwohner und lebte von Rindern, Schafe und Öl. Die Kleinstadt über dem Fluss sollte später in den unterschiedlichsten Formen in vielen seiner Thriller beschworen werden. Genauso, wie die texanischen Backwoods. Wahrscheinlich begann hier in seiner Jugend seine andauernde Leidenschaft fürs Fischen und Leben in der Natur.
Er ging 1929 für zehn Jahre zur Handelsmarine, wo er sich auf Radiotechnik spezialisierte und vor allem als Funker arbeitete. So entkam er der Depression, indem er um die Welt fuhr. Seine Liebe zum Meer hielt ein Leben lang an und inspirierte ihn zu seinen exzellenten Hochsee-Thrillern. Nachdem er 1939 Lasca Foster geheiratet hatte, arbeitete er für RCA und andere Firmen bis zum Ende des 2. Weltkriegs. Dann ging er mit seiner Frau nach San Francisco, wo er bei Mackay Radio arbeitete bis 1951 sein erster Roman, HILL GIRL, erschien. Er war bereits 41 Jahre alt. Der Roman war ein Riesenerfolg und verkaufte über zwei Millionen Exemplare. Es folgte sein erster on-the-run-Thriller: BIG CITY GIRL. williams-hill Williams arbeitete von nun an als Schriftsteller und Drehbuchautor. Anfangs natürlich ausschließlich für die Paperback Originals. Ray Banks bemerkte, dass er von den PO-Klassikern derjenige war, der die wenigsten Qualitätsschwankungen in seinen Büchern aufwies. Er zog mit seiner Familie öfters um und lebte eine Zeitlang in der Schweiz, in Peru. Frankreich, wo seine Romane hoch geschätzt wurden; auch als Drehbuchautor war er dort gefragt. Für seinen NOTHIN IN HER WAY erhielt er 1956 den Grand prix de littérature policière. Die Franzosen taten einmal mehr für Williams das, was sie auch für Goodis, Thompson und einige andere Noir-Klassiker getan hatten: Sie hielten ihn lieferbar, als in seinem Heimatland seine Bücher nur noch in Secondhand-Shops aufzutreiben waren. Die Franzosen verfilmten auch einige seiner Romane: NOTHING IN HER WAY mit Belmondo und Jeanne Moreauvon Marcwel Ophüls (1963) war die zweite Williams-Verfilmung nach THE THIRD VOICE (1960) von Hubert Cornfield (nach ALL THE WAY).

John D. MacDonald sagte über ihn: “Nobody can make violence seem more real.”
Anfang der 1970er Jahre starb seine Frau an Krebs. Williams kaufte etwas Land an der Grenze zwischen Oregon und Kalifornien und lebte dort in einem Trailer. Er konnte zwar fischen, aber nichts schreiben. Also zog er 1972 nach Los Angeles, wo er an einigen Drehbüchern mitarbeitete. In den letzten 12 Jahren seines Lebens hatte er nur noch drei Romane geschrieben. Sein Erfolg verblasste in den USA bereits in den 1960ern.
1975 setzte er seinem Leben ein Ende und erschoss sich. Im selben Jahr gab es noch eine Verfilmung: The Man Who Would Not Die) nach dem Roman THE SAILCLOTH SHROUD. Er wurde am 7.April in seinem Appartement in Van Nuys tot aufgefunden.


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AUFGEPASST, TIERSCHÜTZER! by Martin Compart
10. Mai 2013, 9:06 vormittags
Einsortiert unter: ORGANISIERTE KRIMINALITÄT, Parasiten, Tierschutz | Tags: ,

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Die Sodomisten und Tierquäler fahren gerade wieder eine Offensive um engagierte Tierschützer mundtot zu machen. Ihr Trick: Sie bedienen sich Maulwürfe, um an Interna zu gelangen, die nicht veröffentlicht werden sollten, zum Beispiel schwarze Listen (auf denen diese Dreckstypen identifiziert und benannt werden). Der Maulwurf sorgt dafür, dass diese Listen im Netz veröffentlicht werden. Dann kann der Sodomist nämlich klagen (Datenschutz, Verleumdung usw.). Ein Tierschützer sieht sich bereits von einer Klagewelle überrollt (ca.50 Sodomisten und Tierquäler haben sich offenbar vereint um ihn fertig zu machen, was leicht den Tatbestand einer – lacht nicht – „Verschwörung“ erfüllt und als solches gerichtet werden kann. Knotenpunkt scheint eine Staatsanwaltschaft in Ostdeutschland zu sein. Falls einer von Euch betroffen ist/wird: Sofort Gegenklage erheben. Wir arbeiten an der Möglichkeit eines Unterstützerfonds. LASST EUCH VON DIESEN LUMPEN NICHT BEEINDRUCKEN!
Am Ende kriegen wir sie alle.

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EIN BLADE RUNNER ERZÄHLT: JONATHAN LETHEMS ESSAYS by Martin Compart
29. April 2013, 1:51 nachmittags
Einsortiert unter: Bücher, Comics, Film, Jonathan Lethem, MUSIK, Politik & Geschichte, Science Fiction | Tags: , , ,

Der 1964 geborene Jonathan Lethem ist als Kind einer Hippie-Familie ein genauer Analytiker seiner Generation und darüber hinaus unter den US-Autoren der vielleicht beste Beobachter des neuen Jahrtausends. Sein erster Roman erschien 1994: DER KURZE SCHLAF war eine höchst amüsante Kombination aus Chandlerscher PI-Novel und SF. Lethem engagierte sich in der Occupy Wall Street-Bewegung und ist, wie sein Jugendidol Norman Mailer, ein politischer Autor ohne Scheu davor, eine kritische Meinung zu vertreten. Bei uns hat er ein festes Heim im Tropen Verlag gefunden, wo er jetzt neben dort gut behandelten Genre-Autoren wie Roger Smith und Joe Lansdale steht.

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Lethem legt mit BEKENNTNISSE EINES TIEFSTAPLERS – MEMOIREN IN FRAGMENTEN (THE ECSTASY OF INFLUENCE) eine sowohl stilistisch wie analytisch brillante Esssay-Sammlung vor, wie man sie bei uns von keinem Belletristen erwarten kann. Es sind Essays zur Populärkultur. Ein Begriff, der Lethem nicht wirklich zusagt:
In einem kurzen Essay wendet er sich gegen diesen Terminus, da er mehr mit dem Ausdruck Alltagskultur anfangen kann, der „rege eher zum Nachdenken an, er lege Fragen und Differenzierungen nahe, statt Unterschiede zu überkleistern“. Leider ist die deutsche Ausgabe gekürzt. Ähnlich schlimmes muss man auch über die deutsche Veröffentlichung der Essays von Nick Tosches sagen.

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Im Mittelteil dieser Essay-Sammlung haut Jonathan Letham mächtig aufs System ein und knöpft sich die impotenten Krämer vor, die Angst davor haben, durch moderne Technologien ihre parasitäre Position im Zwischenhandel zu verlieren:

„Die Welt ist ein Haus, das mit popkulturellen Produkten und Emblemen zugemüllt ist…Diese Dinge gehören mir genauso wenig wie Gehsteige und Wälder, doch ich lebe mit und in ihnen, und wenn ich eine Chance haben soll, als Künstler oder Bürger zu bestehen, muss es mir erlaubt sein, sie zu benennen…
Die Vorstellung, dass kulturelle Erzeugnisse Eigentum sind – geistiges Eigentum – soll rechtfertigen, dass Pfadfinderinnen für die Lieder, die sie am Lagerfeuer singen, Lizenzgebühren bezahlen… Thomas Jeffersons Vision (vom Urheberrecht) wurde über die Jahrhunderte von jenen unterwandert, die Kultur als einen Markt betrachten, aus dem alles, was irgendeinen Wert hat, notwendig auch einen Eigentümer haben muss…“ Lethem beschreibt die ekeligen Warnfilme der Musik- und Filmindustrie, die illegales downloaden kriminalisieren und mit dem Diebstahl von Autos oder Handtaschen gleichsetzen und kommt zum Schluss: „(Gestohlene) Autos und Handtaschen stehen ihren Besitzern nicht mehr zur Verfügung, die Aneignung von geistigem Eigentum dagegen lässt das Original unberührt.“ „Doch die Industrie des kulturellen Kapitals, die nicht vom schöpferischen Akt profitiert, sondern von seiner Verbreitung, betrachtet den Verkauf der Kultur als ein Spiel, bei dem sie nicht verlieren kann… Die raubgierige Erweiterung von Monopolrechten lief dem öffentlichen Interesse immer zuwider, ob nun Andrew Carnegie den Preis von Stahl kontrollierte oder Walt Disney die Geschicke der Maus.“ Fast schon naiv klingt die ideologische Begründung, derer sich die Parasiten wohl gerne bedienen: „In der in Theorie der freien Marktwirtschaft gilt jeder Eingriff, der die Umwandlung in Eigentum behindert, als paternalistisch, da er die Freiheit des Bürgers in seiner Neubestimmung als potentieller Unternehmer beschneidet.“

Wie wenig (oder besser: gar nicht) dieses nur verkürzt als Kapitalismus zu bezeichnende System der Allgemeinheit dient, macht er unmissverständlich klar:„Wir müssen deshalb mit äußerster Wachsamkeit die Übergriffe derjenigen verhindern, die unser gemeinschaftliches Erbe für ihre persönliche Bereicherung ausbeuten. Solche Übergriffe auf unsere natürlichen und kulturellen Ressourcen haben mit Unternehmergeist und Eigeninitiative nichts zu tun. Vielmehr sind sie Versuche, dem Volk etwas fortzunehmen, um es einigen wenigen zu übereignen.“

Superhelden begleiten ihn seit der Kindheit. Er hatte selbst den 70er Marvel-Helden OMEGA revitalisiert. Witzig und nachdenklich lässt er sich über die Kostümträger und diverse Verfilmungen aus. Etwa über SPIDERMAN: „Ebenso hat Parker etwas von einem masturbierenden Teenager, wenn er hinter verschlossenen Türen seine neue Fähigkeit ausprobiert, klebrige Spinnweben-Masse zu verschleudern.“

Er schreibt über Dylan (dieser Text ist schon jetzt ein Klassiker), Marlon Brando, Sex im Film, Norman Mailer und – sehr ausführlich – über Science Fiction, insbesondere Philip K.Dick und J.G.Ballard und viele andere kulturelle Topoi. Memoiren sind diese Essays nur insofern, dass sie die innere Entwicklung des Autors verfolgen. Das ist Analyse und Kritik der Popkultur, Lethem möge mir verzeihen, auf einem Niveau, von dem das deutsche Print-Feuilleton nur träumen kann. Für diese Spießbürger hat er auch ein paar warme Worte: „Die Vorstellung, dass die um ihren Status besorgten Wächter der hohen Literatur eine anerkannte Unterklasse (etwa die SF) benötigen, die sie verachten können, schien mir nie zu exotisch als Diagnose.“

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Sein jüngster Roman, CHRONIC CITY, ist bei Tropen ebenfalls lieferbar und wird durch die vorherige Lektüre der Essays beim Leser fast wie eine praktische Demonstration seiner theoretischen Überlegungen. Es ist eine Art Bildungsroman für das 21.Jahrhundert und bestätigt Letham als einen der originellsten und intelligentesten Autoren der zeitgenössischen Weltliteratur.



Schund! Theorie und Praxis eines Versuchs von Dieter Paul Rudolph by Martin Compart
23. April 2013, 7:52 vormittags
Einsortiert unter: Dieter Paul Rudolph, E-BOOKS, Heftroman, Pulp | Tags: , , ,

Dieter Paul Rudolph stellt, ausgehend von theoretischen Überlegungen, hier das Verlagsprojekt SCHUNDHEFTE vor.

Das Theoretische…

Ach ja, Schund. Über Schund redet man nicht, an Schund verdient man. Schund, das ist, sagen wir das böse Wort, Unterschichtlesen. So anspruchsvoll wie Reality-TV, so nahrhaft wie ein XXL-Whopper, so kurzlebig wie die Sozialknete, für die man – neben dem obligatorischen Flachbildschirm – gelegentlich Minderleisterlektüre ersteht, um sie im bildungsfernen Milieu soziologisch korrekt zu konsumieren.

Schund, kurz und bündig, das ist ein Pfeil im Arsenal der sozialen Diffamierung. Historisch betrachtet, steht er für die Kolportage- oder Hintertreppenliteratur des 19. Jahrhunderts, angeblich von Dienstboten gelesen (was nicht stimmt; meist wanderte die Lektüre von der Herrschaft hinunter zu den Domestiken) und eben das genaue Gegenteil dessen, was das Bildungsbürgertum, das damals tatsächlich auch noch Vermögensbürgertum war, zu lesen pflegte. Offiziell jedenfalls. Später schuf man neue Namen für das Schmuddelkind, Trivialliteratur, Unterhaltungsliteratur, Heftchenliteratur, sie fand als Forschungsgegenstand Eingang in die akademischen Überlegungen (insbesondere im Nachklapp der 68er Jahre), war dann allerdings zumeist von literatursoziologischem Interesse (Rezeptionsforschung), kaum von literarischem. Immerhin stellte sich heraus, dass einige amerikanische Krimiautoren es geschafft hatten, trotz zweifelhafter Pulp-Herkunft eine schöne Karriere zu machen, Hammett und Chandler natürlich.

Gerade beim Krimi allerdings wird deutlich, wie vage der Begriff Schund die Dinge umschreibt. Was wir heute Kriminalliteratur nennen, verdankt sich dem Einfluss des Versatzstückhaften und Knalligen auf die literarische Grundessenz. Es bediente sich bei der Verbrechensliteratur von den griechischen Tragöden bis Schiller und Kleist, bei den Schauerromanen und den Mysterien der Romantik, naschte vom Realismus und spannte den Mechanismus einer immer industrialisierten Gesellschaft für seine Zwecke ein. Die Entwicklung des Genres mit seinen Regeln war also eine Entwicklung zum Trivialen, seine aktuelle Ausprägung, in solchen Wortungetümen wie „anspruchsvoller / literarischer Krimi“ fixiert, muss daher als Rückschritt bezeichnet werden. Das ist wahrscheinlich ein literaturbiologischer, gar kunstbiologischer Prozess, eine Form von Degenerierung und beileibe nicht singulär.praz+liebe-tod-und-teufel-die-schwarze-romantik[1]
Zwei Beispiele. Vor über 200 Jahren entstand kunstübergreifend die Romantik. In ihrer literarischen Ausprägung war sie ein Gegenstück zur formal hochgezüchteten Klassik, ihre dunkle, vage Ausformung, allerdings ohne die klassischen Antworten, dafür mit umso mehr Fragen. Sie war, nebenbei, auch hochpolitisch. Ihr widerfuhr im Laufe der Zeit nun das, was wir ihre „Popularisierung“ nennen wollen. Heute ist der Begriff „Romantik“ gleichbedeutend mit einem küssenden Pärchen auf der nächtlichen Parkbank unter dem diskreten Vollmond oder einem Strauß Rosen zwischen zwei Kandelabern mit flackernden Kerzen und einem geigenden Schmalztopf in der Lautsprecheranlage.

Wenn wir schon bei der Musik sind: die „Neue Deutsche Welle“. Das war, die Älteren erinnern sich vielleicht, einmal der musikalische Output genialer Dilettanten auf billigen Casio-Keyboards, auf MusiCassetten gespeichert und u.a. von dem Journalisten Alfred Hilsberg auf Winziglabels vertrieben, Hilsberg, der auch den Begriff „Neue Deutsche Welle“ prägte. Nur wenige Jahre später war „Neue Deutsche Welle“ dies: schlagerjodelndes Jungvolk mit schnoddrigen Texten zu leidlich aufgepeppter Popmusik, wo sich Lima auf Klima und Gas auf Spaß reimte, ein Riesengeschäft eben.

Was war geschehen? Zwei künstlerische Bewegungen hatten sich – vorwiegend aus ökonomischen Erwägungen – verkitscht. Kitsch? Man hält bisweilen Kitsch für ein Synonym von Schund, aber das ist grundverkehrt. Während Schund, wie bereits erwähnt, ein soziologischer Kampfbegriff ist, steht Kitsch für eine literarische Diagnose. Kitsch bezeichnet das Unechte, Verzuckerte, Abgeschliffene, Nachahmende, Verstiegene, er ist allgegenwärtig, in der sogenannten Hoch- ebenso wie in der, nun ja, Schundliteratur. Kitsch versucht krampfhaft, „Literatur“ zu sein, dieses auf das Ergebnis einer schlechten Deutschstunde reduzierte Kulturgut mit seinen Textinterpretationen und Subtexten, seiner stilistischen Brillanz und seiner Bedeutungsschwere. Das meiste davon ist, wie gesagt, längst antiquiert, Schmuckverpackung für schalen Inhalt, Transportmittel für banalste Weisheiten.

Im Krimigenre, dem wir, siehe oben, eine gewisse Neigung zum Dekadent-Degenerierten nachsagen wollen, ist der Kitschanteil besonders evident. Sobald etwa ein Protagonist zu grübeln anhebt, erscheint vor dem inneren Auge des erfahrenen Lesers, der routinierten Leserin augenblicklich der Warnhinweis „Vorsicht, Kitsch!“ Und meist zu Recht. Da Krimis immer auch Unterhaltungsliteratur sind und damit automatisch unter Schundverdacht stehen, wird dieser Kitsch zumeist mit eben jenem Schundanteil assoziiert – und nicht etwa, wie es zutreffender wäre, mit seinem intendierten Maß an Hoch- und Schwerliteratur. Dabei liegt genau hier das Problem. Die meisten Kriminalromane sind nicht deshalb unlesbar, weil sie „Schund“, vulgo: unterhaltsam sind, sondern weil sie beanspruchen, „Literatur“ zu sein (die gute, die hehre, die anspruchsvolle), diesen Anspruch aber nicht einlösen können.

Zurück zum Schund. Er soll uns unterhalten, er soll uns die Zeit vertreiben, er soll positive Gefühle in uns wecken, zum Weinen oder Lachen bringen. Die Diffamierung des Schunds ist dabei unauflöslich mit der behaupteten Abwesenheit von Nachdenken verbunden, jener fortschrittlichen Gehirnfunktion also, von der angenommen wird, sie werde bei „Hochliteratur“ automatisch aktiviert (nichts könnte irriger sein…). Wer sich darauf einlässt, dass man an seine niederen Instinkte appelliert (denn genau darum geht es beim Schund), schaltet nicht unbedingt seinen Verstand ab. Dass er ihn nicht einsetzen kann, liegt nicht am „Schund“, es liegt an den Produzenten desselben.
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Wenn wir für einen Moment die Argumentation der Schundverächter übernehmen wollen, dann können wir feststellen, dass Schund ein ideales Transportmittel für unangenehme Wahrheiten sein kann, für die produktive Arbeit mit den unappetitlichen Seiten der Gesellschaft, für die Vorurteile, die banalen Geheimnisse oder den Potemkinismus der Schleiflackkultur. Er ist, im Wortsinne, „trivial“, sprich: jedermann zugünglich. Im Schund, dessen Leserschaft nicht auf intellektuelle Feinkost aus ist, fühlt sich der ungeschliffene Klartext am wohlsten, die Regelverletzung, das hemmungslose Spiel mit den Versatzstücken, das Ersetzen der verdünnten Lesebrühe durch den kräftigen Extrakt.

So wie das Starkgebärdige des Schunds konstituierend für das Genre des Krimis wurde, so destruierend wirkt sich seine Verkitschung aus. Spätestens seit Mankell regiert der Psychokitsch, einhergehend mit dem Politkitsch. Der Krimi als ABC-Fibel für das Einpauken der Gut-Böse-Weltbilder mitsamt einer beruhigenden Portion Küchenpsychologie, die Schweinereien der Globalisierung als auf der To-Do-Liste des Anspruchsvollen abzuhakende Items. Neben dem Kitsch der Erniedrigung von Geschichten und Sprache existiert also auch der Kitsch der Erhöhung von Geschichten und Sprache zu einem letztlich affirmativen System von „Anspruch“. Wer nicht liest, um sein Gehirn bei der Bearbeitung des intellektuellen Common Sense hörbar ächzend in Schwingungen zu versetzen, wer gar nur „aus Wolluscht“ schmökert, fällt ohne Umschweife aus der Hochkultur.

… die Zurichtung des Theoretischen…

Schund als Kampfbegriff. Was sich wie ein roter Faden durch die kulturelle Entwicklung zieht, kann auch als die Diffamierung des Denkens außerhalb akademischer Bahnen, außerhalb intellektueller Verständigungssystems generell definiert werden. Dann bleibt Schund zwar ein Kampfbegriff – wendet sich aber nun gegen diejenigen, die ihn erfunden haben. Schund bedeutet nicht die Abwesenheit von Kultur, sondern ihre Anwesenheit in anderer Form. Vor allem jedoch erweist sie sich als probates Mittel im Kampf gegen den als Anspruch verbrämten Kitsch, der längst als Alibi für bahnengebundenes Denken herhalten muss. Also lasst uns Schund produzieren, um die intellektuelle Blümchentapete von den Wänden der Texte zu reißen!

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… zum Praktischen.

Die Reihe [Schundheft!] (http://schundheft.wordpress.com/) möchte gleich dreierlei ausprobieren. Erstens: Krimis und andere Genreprodukte ohne kitschige Zierleisten herstellen. Zweitens: Lesevergnügen für Bauch, Zwerchfell und Kopf. Drittens: Eine Renaissance der längeren Erzählung (mit der, nebenbei, die Kriminalliteratur begann!), die zwischen die Mühlsteine dickleibiger Thriller und flotter Kurzgeschichten geraten ist, im Zeitalter von E-Books und des problemlosen Selbstverlegens von Papierbüchern aber unverhofft eine neue Chance erhält.

Darüber steht für alle beteiligten AutorInnen das große Motto: Habt Spaß! Spielt und experimentiert! Betrachtet die Hirnmasse nicht allein als den Ort, an dem Konsumentscheidungen emotional manipuliert werden können!
Denn der Schund – oder sollten wir ihn die niederschwellige Literatur nennen? – ist ein Einfallstor für die widerborstigen Geschichten, die abgeschnittenen und in den Abfalleimer gekehrten Haare im vornehmen, parfümierten Frisörsalon des literarischen Betriebs. Schund kann subversiv sein, Schund kann dich in Gegenden deines Bewusstseins führen, von denen du bisher gar nicht wusstest, dass sie überhaupt existieren.
Die AutorInnen schreiben – unter mehr oder weniger geheimen – Pseudonymen. Sie sind im wirklichen kriminalliterarischen Leben durchweg renommierte Vertreter ihrer Zunft und sehen die Teilnahme am Schundprojekt auch als eine stilistische Entschlackungskur.

In der [Schundheft!] – Reihe (die von einer merkwürdigen Organisation namens Schundbüro herausgegeben wird) sind bisher acht Titel erschienen (ein neunter, ein Ritterroman mit Suspense!, ist in Vorbereitung). Neben traditionellen Krimis mit erfolglosen Privatdetektiven (siehe die beiden Schundromane von O.M. Gott) gibt es eine erbarmungslose Agentenpersiflage (Hans I. Glocks „Beiß die Zähne zusammen, alter Schwede“), eine Cyborg-Dystopie zu Ehren Isaac Asimovs (Isa Oblomovs „Robozid – Das große Verschrotten“), einen Western aus der deutschen Spätpubertät (Hans I. Glocks „Der Herbert ist dem Karl sein Freund“), zwei hartgesottene Krimis aus dem gesellschaftspolitischen Müll (Edi La Gurkis „Buschzulagenficker“ und „Loch Starnberg“) – und in Zukunft noch einiges mehr, gerne auch Tarzanromane, Mädchenromane, Arztromane.

60 Seiten. Schnörkellos verspielt. Weitgehend kitschfrei (garantiert unter 2%). Direkt von den Erzeugern (oder über Amazon…). Haarscharf an der deutschen Kritik vorbei, die derweil über „gute Krimis“ räsoniert. Bauchnahrung, Hirnnahrung: Vollwertsschund!

Dieter Paul Rudolph

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NOIR-FRAGEN AN DIETER PAUL RUDOLPH by Martin Compart
10. April 2013, 8:34 vormittags
Einsortiert unter: Dieter Paul Rudolph, Fragebogen | Tags:

Er gehört zu den markantesten und vielseitigsten Typen in der deutschen Krimi-Szene. Als Theoretiker war er Mitherausgeber mehrerer Krimi-Jahrbücher, Herausgeber der Criminalbibliothek des 19. und frühen 20. Jahrhunderts und vor allem Blogger des inzwischen legendären Watching the detectives (2007-13). Außerdem schreibt er Kriminalromane, von denen DER BOTE (Conte, 2012) ein gelungener cross over zwischen Detektivroman und steam punk ist. Heute also der Bünnagelsche Fragebogen mit ihm.dpr

Name?
Dieter Paul Rudolph. Unter anderem.

Berufungen neben dem Schreiben?
Denken. Beobachten. Fehler machen. Also alles, was man tun sollte, wenn man schreibt.

Film in Deinem Geburtsjahr?
Wahlweise „Der Mann mit dem goldenen Arm“ und „Die Mädels vom Immenhof“. Immer wieder interessant ist dabei die Frage, welcher davon mehr noir ist.

Was steht im Bücherschrank?
Alles von: Arno Schmidt, Jean Paul, Vladimir Nabokov, Alfred Döblin und mir. Natürlich auch eine Tour de Force durch die Kriminalliteratur. Von J.D.H. Temme bis Guido Rohm, sprich: nur das Beste.

Was war Deine Noir-Initiation (welcher Film, welches Buch)?
Weder Film noch Buch, sondern eine Erkenntnis: Dass am Ende eines guten Buches immer die Resignation steht. Das Scheitern, die Einsicht. Das Schulterzucken.

Welches Noir-Klischee ist Dir das liebste?
Alkohol, Zigaretten, schöne Frauen, die wie Lauren Bacall aussehen.

Ein paar Film noir-Favoriten?
Geständnis: Ich mache mir nicht viel aus Filmen. Grund: Ich drehe pausenlos in meinem Kopf selber welche und bemühe mich anschließend mit mäßigem Erfolg, sie als Literatur auf die Menschheit loszulassen. Gehört „die Schwarze Serie“ zum Noir? Wenn ja: Ich mag diesen Film, in dem man das Gesicht des Protagonisten nicht sieht, weil es durch die Kamera ersetzt wird.

Und abgesehen von Noirs?
Natürlich „Manche mögen’s heiß“! Natürlich „The Big Sleep“! Und „Jonas, der im Jahr 2000 25 Jahre alt sein wird“ von Alain Tanner. Weil dort ein Männertraum erfüllt wird: der Dreier mit zwei schönen jungen Frauen.

Welche Film- oder Romanfigur würdest Du mit eigenen Händen umbringen?
Keine, das wäre nämlich ungerecht. Die können ja nichts für ihre Blödheit. Man sollte die verantwortlichen Schöpferinnen und Schöpfer – nicht umbringen, aber vielleicht mal tüchtig vermöbeln. All diese im Brei ihrer Klischees und Versatzstücke herumgrübelnden Tiefsinnmenschen, die Flachwichser.

Internet?
Ständig. Überall vorbeischauen. Aufsaugen, abgestoßen sein, angeregt werden. Selbermachen.

Noir-Fragen – Dein Leben als Film noir
1. Im fiktiven Film noir Deines Lebens – welche Rolle wäre es für Dich?
Ich würde eine Statistenrolle bevorzugen. Der kleine Angestellte in der U-Bahn beispielsweise, der den Protagonisten jeden Morgen zwischen Station A und Station C beobachtet, wie er immer desillusionierter wird.

2. Und der Spitzname dazu?
Karl-Heinz natürlich. So heißen die meisten kleinen Angestellten.

3. Welcher lebende (oder bereits abgetretene) Schriftsteller sollte das Drehbuch dazu schreiben?
Ich wünsche mir einen Autor mit der nüchternen Sprache von J.D.H. Temme, an einigen Stellen das kalte Feuer von Jim Thompson.

4. Berühmtestes Zitat aus dem Streifen? (Beispiel: Scarface = The World
Is Yours, White Heat = Made It Ma, Top Of The World)
„Sie dürfen hier nicht rauchen. Das ist ein Krematorium.“

5. Schwarzweiß- oder Farbfilm?
Nur schwarzweiß. Gibt es überhaupt schon Farbfilme?

6. Wer liefert den Soundtrack zum Film?
Joni Mitchell, weil sie schon immer ergreifender und intelligenter war als Dylan.

7. Welche Femme fatale dürfte Dich in den Untergang führen?
Keine! Ich bestehe darauf, eine Femme Fatale in den Untergang zu führen. Egal welche.

8. In welchem Fluchtwagen wärst Du unterwegs?
In einem von den Dingern, die James Bond immer fährt. Und bei denen der Knopf für die Mittelstreckenrakete klemmt.

9. Und mit welcher Bewaffnung?
Mittelstreckenrakete, Machete und Intelligenz.

10. Buch für den Knast?
Prousts „Recherche“. Weil es a) sehr umfangreich ist und damit genau richtig für den Knast und weil es b) eigentlich ein prototypischer Noir ist. Am Schluss hängt alles von einem Stück Gebäck ab.

11. Und am Ende: Welche Inschrift würde auf dem Grabstein stehen?
„Er kam, sah und ging wieder.“



THRILLER, DIE MAN GELESEN HABEN MUSS: JOHN D.MACDONALDs TRAVIS McGEE by Martin Compart

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Schon längere Zeit (also etwa ein Jahr) hatte ich nichts mehr von ihm in der Hand gehabt, ihn aber bereits mehrfach Michael Krause empfohlen. Nun hatte Michael endlich meine Empfehlung erhört und sich den ersten John D.MacDonald zugelegt. Und bei allen zeitlich bedingten Einschränkungen, sprang der Funke über. Das war mir ebenfalls Anlass, mich mal wieder etwas in John D. zu vertiefen, der so was wie eine fast lebenslange Krimi-Liebe von mir ist. Außerdem scheint in den USA eine kleine Renaissance bevor zu stehen, denn er wird dort endlich wieder aufgelegt.

48_A Deadly Shade of Gold 1965 Entdeckt habe ich Jaydee, wie wir Fans zu sagen pflegen, Ende der 1960er bei Heyne, die dankenswerter Weise damals auch die genialen Fawcett-Cover übernahmen. Gleich mein erster Travis McGee schlug bei mir ein wie eine Bombe. Endlich ein hard-boiled-Protagonist, der nicht in „der Tradition von Hammett und Chandler“ stand. Bei aller Liebe zu den Großmeistern, waren diese doch in vielen Dingen antiquiert und brachten mit Sicherheit nicht den Zeitgeist der 1960er Jahre (wie hätten sie auch können?) auf den Noir-Punkt.

43 Non-Series-Romane, 21 McGee-Romane, 3 Sciene Fiction-Romane, 4 Sachbücher (darunter mit THE HOUSE GUESTS eines der besten über Katzen) und etwa 500 Kurzgeschichten. Das Meiste auf hohem Niveau. Wer kann da ein bis drei Bücher auswählen, die man unbedingt gelesen haben sollte. Ich versuche es trotzdem: The Deep Blue Good-by (1964), Darker than Amber (1966), Dress Her in Indigo (1969 The Turquoise Lament (1973), The Empty Copper Sea (1978), gehören zu meinen McGee-Favoriten. THE EXECUTIONERS/CAPE FEAR (1962) oder END OF THE NIGHT (1960), oder NEON JUNGLE… oder, oder… oder…

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J.D.war der erste amerikanische Kriminalliterat, der sich mit Umwelt- und Wirtschaftsverbrechen beschäftigte. Mit der Zeit wurden seine Kommentare zum american way of death immer schärfer und verzweifelter. Da ihm die Perspektive einer (sozialistischen) Alternative fehlte, bemerkte er zum Schluss nur noch zynisch wie die verdammenswerte Konsumgesellschaft den Planeten zerstörte und in den Abgrund führte. Er wurde nie müde, die freie Marktwirtschaft, deren Axiome er lange unterstützte, in ihren Auswüchsen zu beklagen. Allerdings gelang er selten zu der Erkenntnis, dass eben diese Auswüchse konsequente Folge des unkontrollierten kapitalistischen Systems sind. Für MacDonald versagt nicht das System, sondern die menschliche Moral. Heute wären für ihn Banker und Politiker noch mehr als zu seiner Zeit Symbole des Bösen.

Kein anderer Autor (außer Ed McBain) führte die amerikanische Kriminalliteratur thematisch und mental so gründlich in die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts. Kein anderer zeitgenössischer Autor der 1950er bis 1970er behandelte die neuen Themen so breit und intensiv wie er: Jugendkriminalität, Stadtflucht, Umweltzerstörung, Rassismus, Entwurzlung der Kriegsveteranen, Wirtschaftskriminalität, Verknüpfung der Organisierten Kriminalität mit der legalen Wirtschaft, Konsumterror, Drogen, Suburbia-Neurosen, Revolte usw. Außerdem war er einer der ersten Noir-Autoren, die die Großstädte verließen um in der Provinz den Schrecken zu beschreiben. Er fügte Florida der Noir-Landkarte hinzu und war der Begründer des „Sunshine State Noir“, heute vertreten u.a. von so großartigen Autoren wie Carl Hiaasen, Randy Wayne White und James W.Hall (besonders letztere verdankten JD und Travis McGee eine Menge).
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In den 50er Jahren gab es erstmals auf breiter Ebene das Phänomen der Jugendrevolte. Die in Freiheit und Wohlstand aufwachsende junge Generation begann die Werte der Eltern nicht nur in Frage zu stellen, sondern auch erste Ansätze einer Gegenkultur zu entwickeln. Eine Tatsache, die MacDonald zutiefst beunruhigte.. Als einer der ersten Autoren – zu nennen wären auch noch Ross Macdonald, Ed McBain, Hal Ellson, Thomas B.Dewey und die zahlreichen Schreiber so genannter “juvenile delinquents” – beschäftigte er sich mit diesem Thema. Mit großer Skepsis sah er die Entwicklungen und die Verbrechen der Mansion-Family Ende der 6oer Jahre muss ihm wie eine Bestätigung für seinen fast prophetischen Roman END OF THE NIGHT vorgekommen sein. MacDonald schrieb in der Regel auch keine Detektiv- oder PI-Romane; er schrieb amerikanische Thriller, oft Noir-Thriller.

Wirkliches Verständnis für die jugendliche Subkultur hatte er nicht – trotz des ehrenwerten Versuches in DRESS HER IN INDIGO. Als Libertärer hatte er allerdings auch kein Verständnis für die staatliche Repression gegenüber Drogen: “Der Besitz von Marihuana ist ein Kapitalverbrechen. Egal ob Marihuana nun so harmlos ist, wie viele glauben, oder so schlecht und schädlich wie andere meinen… Die selbstherrlichen Säulen der Gesellschaft und der Kirche glauben, den Rauschgiftgenuß damit verhindern zu können, indem sie den Besitz zum Kapitalverbrechen stempeln… Diese Strafe ist zu hart. Sie verschließt zu viele Türen. Diese Strafe zerstört einem jungen Menschen – der ein kleines Experiment gemacht hat – das ganze Leben…” (“Der Hippie im Indigo-Dress”; München 1970, Seite 18ff.)
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Seine Sprache erscheint auf den ersten Blick weniger kunstvoll. Das täuscht gewaltig, denn er ordnet jeden Satz der Geschichte oder seines kapitalismuskritischen Kommentar unter. Das unglaubliche Können, das sein Handwerk zu echter Kunst erhebt, zeigt sich erst bei genauerem Hinsehen. Man muss sich zum Beispiel im ersten Kapitel von A DEADLY SHADE OF GOLD das Telefonat zwischen McGee und Taggert ansehen. Auf zwei Seiten Dialog zeichnet J.D. ein genaues Psychogramm des alten Freundes, setzt den Plot, beschwört Vergangenheit und Beziehung herauf und legt die erste Schicht für die Atmosphäre, die den Roman durchzieht. Angesichts dieses Kunsthandwerks… Nein, angesichts dieser Kunst kann man nur in die Knie gehen vor einem Autor, der mit einem simples Telefonat dreidimensionale Figuren schafft und dabei noch den Suspense eröffnet.
Seine Stimme als Autor – der ganz bestimmte, unvergleichliche Erzählerton – kommt nicht aus der hard-boiled-Tradition des Genres. Viel mehr Gemeinsamkeiten hat sie mit Scott Fitzgerald oder John O’Hara, den MacDonald sehr bewunderte. Auch Graham Greene kommt einem bei der Lektüre manchmal in den Sinn. Er machte keine großen stilistische Experimente, sondern konzentrierte sich auf den Aufbau seiner Geschichten und auf die Erzählerstimme. Deshalb bleibt mehr noch als die vielen hinreißenden Charaktere, originellen Szenen und teuflischen Plots eben diese besondere Stimme in der Erinnerung. MacDonalds unnachahmlicher Ton gab den Takt an für seine höllischen Orchester. MacDonald ist ein komplexer Autor, der alle Aspekte der amerikanischen Gesellschaft aus einer kritischen, wertkonservativen Position heraus kommentierte und oft Weitsicht bewies. In der amerikanischen Kriminalliteratur steht er als Original völlig einzigartig da. Mit Travis McGee gelang ihm eine der komplexesten Serienfiguren des gesamten Genres.

Der ehemalige Harvard-Business-Schüler begann mit Ende vierzig seinen Magnum Opus; die Travis McGee-Serie. Er war eher konservativ, besser gesagt, ein Libertärer. Aber er beäugte den Markt genauso skeptisch wie den Staat. Als Bestseller-Autor war er spätestens Mitte der 1950er etabliert. Sein bis dahin ambitioniertester Roman, THE DAMNED, hatte 2 Millionen Exemplare verkauft. Bis 1963 weigerte sich John D. eine Serie zu schreiben. Aber dann überwarf sich sein Lektor bei Fawcett mit dem politischen Blindgänger Richard S.Prather. 22851732Dessen Shell Scott-Serie gehörte zu den erfolgreichsten Produkten des Verlages, aber der McCarthyismus von Prather störte Lektor Knox Burger zunehmend und er strich den verballhornten Namen eines demokratischen Politikers, den Prather einem Antagonisten gegeben hatte, aus dem Manuskript. Prather war sauer und bekam gleichzeitig ein Angebot für seine Erfolgsserie von Fawcetts Konkurrenten Pocket Books. Burger war in Schwierigkeiten. Die Verlagsleitung war sauer, dass er die Milchkuh auf eine andere Weide laufen ließ. Also wandte er sich an J.D., mit dem er inzwischen befreundet war (und der ihm als Autor von Dell zu Fawcett gefolgt war). Um die Sache kurz zu machen: J.D. schrieb erstmal drei Romane über einen Dallas McGee, bevor er meinte, er käme mit einer Serie zurecht. Wegen der Ermordung Kennedys in Dallas (so hat doch alles etwas gutes) wurde dann Dallas zu Travis.

Mit Travis McGee schüttelte JD endgültig den Trenchcoat vom amerikanischen Noir-Helden ab. McGee ist kein Privatdetektiv, also kein idealisierte Kleinunternehmer. Er lebt auf einem Hausboot in Fort Lauderdale und arbeitet nur, wenn er muss oder es sich lohnt. Denn er ist der Meinung, erst das Vergnügen und dann die Arbeit.

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McGee löst lieber Bikini-Oberteile als knifflige Fälle, feiert, trinkt und angelt gern. Ein Hedonist, der mit den Jugendlichen der Sechziger mehr gemein hat als mit der Generation ihrer Eltern (zu der JD gehörte). Im Gegensatz zu Marlowe und Spade und Hammer behandelte er Frauen mit Respekt und Gleichberechtigung. Er ist ein guter Freund und hat einen ausgeprägten Gerechtigkeitssinn. Ein Leben als Angestellten-Lemure kommt ihm schon gar nicht in den Sinn. Dazu liebt er die Freiheit zu sehr. Aber er weiß natürlich, dass Freiheit in der kapitalistischen Gesellschaft ein teures Gut ist. Deshalb macht er „Bergungsjobs“(„salvage consultant”). Er kümmert sich also um Geld oder Vermögenswerte, die jemanden legal, aber nicht legitim, geraubt wurden oder die durch sonstige kriminelle Machenschaften den Besitzer gewechselt haben. Für die Hälfte holt ihnen McGee das Geraubte zurück. Davon legt er dann was für später zurück und von dem anderen Teil lebt er in den Tag hinein, bis es mal wieder eng wird und er den nächsten Job erledigt. Natürlich ist sein Kodex nicht immer mit dem Gesetz deckungsgleich. Da empfindet er ähnlich wie seine Vorläufer. Nur scheint er intelligenter, empfindsamer und hat mehr Interessen. Wenn es hart auf hart geht, weiß er natürlich zu kämpfen, muss aber oft verdammt viel einstecken. Und oft genug hat es Travis mit Burschen zu tun, die mit Dämonen aus der Hölle verwandt sind.Image.ashx

Das Böse in seiner mythischen und irrationalen Vorstellung existierte für John D.MacDonald. Es manifestierte sich in vielen seiner Romane in dämonisch skrupellosen Figuren, die nicht nur von Macht- Geld- oder Sexgier angetrieben werden, sondern einen Teil ihrer Motivation und Kraft aus der Hölle direkt beziehen. Nick Cady aus den EXECUTIONERS oder Junior Allen, Boo Waxwell und Ans Terry – um nur einige Kontrahenten von McGee zu nennen – sind das personifizierte Böse, dem man- laut MacDonald – mit soziologischen oder psychologischen Erklärungsmodellen nur unzureichend beikommen kann. Diesem anthropologischen Pessimismus bringt er in seinem vorletzten Travis McGee-Roman auf den Punkt, wenn er seinen Helden und Sprachrohr mit dem Freund Meyer streiten lässt: “Du gehst davon aus, dass jeder erst einmal unschuldig und rein ist, und dann passiert irgendwas, das ihn verändert. Du gehst von dem Konzept aus, dass die Menschen erst einmal gut sind, und was wir als Gesellschaft dann verstehen sollen, sind die Gründe, durch die sie verdorben werden. Verstehen und versuchen zu heilen. Ich dagegen glaube, dass es so etwas gibt wie das Böse, dass das auch ohne Grund existiert. Das schwarze Herz, dem es Spaß macht, schwarz zu sein…”(Zimtbraune Haut, München 1983, Seite 139) 07_25_2010_05_47_27PM

Bis zum 17, Band, THE EMPTY COPPER SEA, waren die Romane alle “stand alones”, die man in beliebiger Reihenfolge lesen konnte. Ab diesem Roman intensivierte MacDonald das serielle Erzählen. Jetzt nahm jeder Roman auf den vorhergehenden Bezug oder baute darauf auf. Bei aller erzählerischen Kraft, ließ aber meines Erachtens von nun an MacDonalds Fähigkeit zum plotten deutlich nach.

comfort23Seit einiger Zeit geistert das Gerücht herum, dass diCaprio McGee in einer Verfilmung von THE BEEP BLUE GOOD-BYE spielen wird. Bisher gab es eine ganz akzeptable Verfilmung von DARKER THAN AMBER und ein TV-Movie nach THE EMPTY COPPER SEA. Beide, sonst von mir geschätzte, Schauspieler konnten mich nicht als Travis überzeugen. Der junge Robert Redford oder Ray Liotta kämen meinen Vorstellungen näher.
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John Dann MacDonald wurde am 24 Juli 1916 in Sharon, Pennsylvania geboren. Als er 12 Jahre alt war, zog seine Familie nach Utica, New York. Kurz darauf wurde er schwer krank und musste ein ganzes Jahr lang das Bett hüten. In dieser Zeit las er wie ein Besessener, um vor Krankheit und Monotonie zu fliehen. 1934 schrieb er sich an der Wharton School of Finance an der Universität von Pennsylvania ein. Nach dem Studium ging er nach New York und schlug sich mit Gelegenheitsjobs durch. Natürlich arbeitete er auch als Tellerwäscher – das darf wohl in keiner amerikanischen Erfolgsbiographie fehlen! Später landete er an der Universität von Syracus, wo er Betriebswirtschaft studierte und mit Diplom abschloss. MacDonald gehört zu den ganz wenigen Schriftstellern, die eine Ausbildung in Ökonomie machten. Ein Aspekt, der sich in seinem Werk niederschlagen sollte. An der Universität lernte er die Kunststudentin Dorothy Prentiss kennen, die er 1937 heiratete. Anschließend zogen beide nach Massachusetts, wo MacDonald an der wirtschaftlichen Fakultät von Harvard seine Studien vertiefte. 1939 beendete er endgültig seine Studien; in diesem Jahr wurde auch sein Kind, Maynard John, geboren. Nach wenig befriedigenden Jobs in der Wirtschaft trat er 1940 in die Armee ein. Im Juni 1943 wurde er nach Neu-Delhi ins Hauptquartier für den hinterindischen Kriegsschauplatz als Stabsoffizier versetzt. Dort wurde er auch dem Office of Strategic Service(OSS), dem direkten Vorläufer der CIA, zugeteilt. In dieser Funktion war er direkt an den Guerilla-Aktionen der Amerikaner gegen die Japaner in China und Hinterindien beteiligt und an der Planung der Burma-Offensive, die die Kriegswende zu Gunsten der Amerikaner mit einleitete, involviert. Wegen der strengen Geheimhaltungsvorschriften des OSS unterlag selbst seine Post an die Familie strengen Zensurmaßnahmen. Deshalb schrieb MacDonald für seine Frau einmal eine 2100 Worte lange Kurzgeschichte über sein Leben in Neu Delhi, statt eines Briefes. Ohne MacDonald zu fragen, verkaufte Dorothy diese Impression an das Magazin “Story” für 25 Dollar.john d. macdonald 60s Die Story wurde im Sommer 1946 unter dem Titel INTERLUDE IN INDIA veröffentlicht und gehört zu den gesuchtesten Raritäten der MacDonald-Fans. Im September 1945 kehrte John nach New Jersey, wo seine Familie inzwischen lebte, zurück, und Dorothy überreichte ihrem verblüfften Mann den Scheck des “Story-Magazins”. Erstmals dachte er darüber ernsthaft nach Schriftsteller zu werden. Zumindest schien ihm das eine gute Gelegenheit um sich langsam in die Nachkriegsgesellschaft wieder einzuleben. “In den nächsten vier Monaten schrieb ich etwa 800 000 unverkäufliche Worte. Es war die klassische learning-by-doing-Methode. Hätte ich damit begonnen, einen Roman pro Jahr zu schreiben, hätte es zehn Jahre gedauert bis ich das Handwerk gelernt hätte. So saß ich vier Monate wöchentlich 80 Stunden an der Schreibmaschine, schrieb und lernte. Ungefähr 25 bis 30 Kurzgeschichten von mir zirkulierten ständig zwischen den Magazinen.”mystery_book_1949sum Fünf Monate später verkaufte er seine zweite Geschichte für 40 Dollar an das Pulp-Magazin “Detective Tales”. Anfang 1947 hatte er bereits 23 Geschichten an alle möglichen Magazine verkauft und konnte seine Familie mit der Schriftstellerei ernähren. In den nächsten Jahren war MacDonalds Ausstoß an Kurzgeschichten geradezu atemberaubend: Er verkaufte 1947 mindestens 35, 1948 etwa 50 und 1949 sogar 73 Geschichten. 1950, das Jahr, in dem er Romane zu schreiben begann, veröffentlichte er 52 Short Stories. Er schrieb alle Arten von Geschichten: Sportstories, Abenteuergeschichten, Western, Science Fiction, Fantasy und Kriminalgeschichten – immer mehr Kriminalgeschichten, bis in die frühen 50er Jahre über 160 Crime Stories. Er veröffentlichte so viele Geschichten, dass manchmal mehrere im selben Magazin erschienen. In der 1949er Juli-Ausgabe von “Fifteen Sports Stories” etwa, erschienen vier gleichzeitig. Deshalb musste er sich eine Reihe von Pseudonymen zulegen; so schrieb er als John Wade Farrell, Robert Henry, John Lane, Scott O’Hara, Peter Reed und Henry Rieser. Trotzdem verkaufte er nichtmal alle Geschichten. Später erzählte er, wie er einen Nachmittag damit verbrachte seinem elfjährigen Sohn zuzuschauen, wie dieser zwei Millionen unverkaufte Worte verbrannte. JDM-Brass1951 zogen die MacDonalds in den Bundesstaat, dessen genauester Chronist er werden sollte: nach Florida. Zuvor hatte er aber mit THE BRASS CUPCAKE bei “Gold Medal Books” seinen ersten Roman, eine Taschenbuchoriginalausgabe, veröffentlicht. Anfang der 50er Jahre war das große Sterben der Pulp-Magazine nicht mehr zu übersehen. Neue Medien, wie Fernsehen und Taschenbuch, verdrängten die jahrzehntelang für die Literaturgenres eine innovative Rolle spielenden Pulps in der Gunst der Leserschaft. Keine Kurzgeschichten und Fortsetzungsromane in großformatigen Magazinen waren jetzt noch gefragt, sondern schnelle, spannende Romane in billigen, kleinen Taschenbüchern, die sich auf den täglichen Fahrten mit Bus oder Bahn aus den Vororten in die Stadt zügig runterlesen ließen. Der Ökonom MacDonald erkannte die Trendwende ziemlich rasch und warf sich auf das neue Medium “Taschenbuchoriginalroman”. Von den 42 Romanen zwischen 1950 und 1964, die MacDonald vor dem ersten Serienroman um Travis McGee geschrieben hat, gelten heute viele als Klassiker. Wie kaum einem anderen amerikanischen Autor gelingt ihm ein facettenreiches Bild der US-Gesellschaft im Umbruch. Auf dem Höhepunkt der MacDonald-Renaissance Anfang der 1990er, waren in den USA wieder alle Non-MacGees lieferbar.
Bis auf zwei Ausnahmen, deren Wiederveröffentlichung er noch vor seinem Tod ablehnte: die James M.Cain-Imitation WEEP FOR ME aus dem Jahre 1951 (die von verschiedenen Fans hochgeschätzt wird) und die Novellisierung eines Judy Garland-Films.

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Da MacDonalds Romane meistens als Taschenbuchoriginalausgaben erschienen, wie gleichzeitig die Bücher von Jim Thompson, David Goodis oder Charles Williams, wurden sie bei Erscheinen von der Kritik wenig beachtet. Lediglich Anthony Boucher, der große Mann der amerikanischen Kriminalliteraturkritik, besprach und lobte seine Bücher regelmäßig. Er verglich ihn sogar mit Simenon, was den großen Ausstoß (in den 5oer Jahren durchschnittlich vier Romane im Jahr) und das gleichmäßig hohe Niveau angeht. Im Laufe der Jahre wurde MacDonald mit mehreren literarischen Ehrungen bedacht: 1955 erhielt seine Story THE BEAR TRAP den “Benjamin-Franklin-Preis” der Universität von Illinois als beste Short Story des Jahres. Der Roman A KEY TO THE SUITE wurde 1964 in Frankreich mit dem “Grand Prix de la Littérature Policière” ausgezeichnet. Sein Roman THE LAST ONE LEFT wurde 1967 für den “Edgar-Allan-Poe-Preis” nominiert; mal wieder typisch für die amerikanische Kriminalschriftstellervereinigung und ihrer Ostküstenklüngelpolitik, dass MacDonald ebenso wenig wie Mickey Spillane, E.S.Gardner, Rex Stout, Ed McBain, Chester Himes, Gavin Lyall, Len Deighton, Desmond Bagley und, und, und, einen “Edgar” für den besten Roman des Jahres verliehen bekamen. 1972 gabenihm die Mystery Writers of America, wie in solch peinlichen Situationen üblich, dann aber noch ihren “Grand Master Award”.

Er starb am 28. Dezember 1986 in Milwaukee.

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P.S.: Die Berufsbezeichnung seines Protagonisten in Jörg Fausers DAS SCHLANGENMAUL war übrigens eine bewusste Reminiszenz an J.D.s großen Helden.

Auch wenn Rod nicht wirklich McGee ist, der Film ist ein kleines Juwel.



SCHÄCHTEN by Martin Compart
18. März 2013, 4:14 nachmittags
Einsortiert unter: Essen & Trinken, Politik & Geschichte, Tierschutz | Tags:

Liebe Freunde der Tiere,

der Arbeitskreis für Umweltschutz und Tierschutz hat eine Informationsbroschüre über das betäubungslose Schächten erstellt. Diese Informationskampagne wird in Deutschland von pro iure animalis, in der Schweiz vom Verein gegen Tierfabriken (www.VgT.ch[http://www.VgT.ch]) und in Österreich von Animal Spirit (www.animal-spirit.at[http://www.animal-spirit.at]) sowie von Tierschutz im Unterricht (www.tierschutzunterricht.at[http://www.tierschutzunterricht.at]) gefördert und unterstützt.

Diese aufrüttelnde Broschüre können Sie hier abrufen bzw. auch in gedruckter Form bestellen:

http://www.pro-iure-animalis.de/schaechten

Bringen Sie bitte auch die Kraft und den Mut auf, die zugehörigen Videos anzuschauen, damit Ihnen tatsächlich bewusst wird, von welch unvorstellbarer Grausamkeit hier unter dem Deckmantel der Religion gesprochen wird.

http://www.pro-iure-animalis.de/index.php?option=com_content&task=view&id=1406&Itemid=54

Im Übrigen ist die kritisches Auseinandersetzung mit dem Schächten kein Phänomen unserer Tage. Bereits 1906 hat die Zeitschrift “Deutscher Tierfreund – Illustriere Monatsschrift für Tierschutz, Tierfunde, Tierzucht und Tierpflege” das Thema kritisch aufgegriffen. In der Januar-Ausgabe werden die Ergebnisse einer Erhebung über das Betäubungs- und Schächtverfahren in 585 Schlachthöfen Deutschland veröffentlicht.

Ein Zwischenresümee von 1906 lautet: “Ein Schlachtverfahren, das von hunderten Sachverständigen in solch scharfer Weise in Grund und Boden verurteilt wird, hat im 20. Jahrhundert nicht mehr die Spur einer Berechtigung, auch selbst dann nicht, wenn es von einigen wenigen hunderttausend Menschen zu einer Religionshandlung erhoben wird. Eine wahre Religionshandlung verstößt nie gegen Sitten.”

In den Schlussfolgerungen heißt es: “Das heutige Betäubungslose Schächten der Israeliten ist in einem Lande mit sittlich hoch ausgebildetem Staatswesen streng zu verbieten. Die Blutentziehung ist nur an vorher blitzartig betäubten Tieren gestattet.” Weiter heißt es: “Das betäubungslose Schächten ist tierquälerisch.”

Im weiteren Text finden sich zahlreiche Argumente die das betäubungslose Schächten verurteilen, die an Aktualität nach über 100 Jahren nichts verloren haben. Das Dokument zeigt vortrefflich, wie stagnierend sich jegliche Diskussion gestaltet, wenn religiöse Glaubenshandlungen die Grundlage bilden. Das komplette Dokument aus dem Jahre 1906 finden Sie hier:

http://www.pro-iure-animalis.de/dokumente/deutscher_tierfreund_1906.pdf%5Bhttp://www.pro-iure-animalis.de/dokumente/deutscher_tierfreund_1906.pdf%5D

Schächten ist eine der grausamsten Methoden überhaupt, ein Tier zu töten. Vorgebliche Begründung für die Notwendigkeit des Schächtens sind Religionsvorschriften, die bis zu ca. 2.800 Jahre zurückreichen. Diese archaisch-brutalen Vorschriften werden mit rigider Konsequenz allerdings nur gegenüber der wehr- und rechtlosen Tierwelt umgesetzt.
Angebliche Gottesvorschriften aus der gleichen Zeit, die Brutalität, Genozid und Mord gegen Menschen fordern, befolgt man heute so gut wie nicht mehr, da diesem abstrusen Treiben die weltliche Gesetzgebung inzwischen einen Riegel vorgeschoben hat.
Damit Sie sich gezielt einmal über die Grausamkeit der “heiligen” Vorschriften informieren können, haben wir eine Zusammenstellung aus den ersten Büchern der Bibel erstellt, die Grausamkeiten gegen den Mensch fordern.

Urteilen Sie also selbst, mit welcher Begründung diese “Gottesbefehle” nicht mehr vollzogen werden, die Grausamkeiten jedoch gegen die Wehrlosesten, gegen die Tierwelt, beibehalten werden.

http://www.pro-iure-animalis.de/index.php?option=com_content&task=view&id=1022&Itemid=54%5Bhttp://www.pro-iure-animalis.de/index.php?option=com_content&task=view&id=1022&Itemid=54%5D

Es ist unbestreitbar ein Verbrechen, eine Glaubensvorstellung dargestellter Art – wie schauerlich weht uns dies alles, wie aus dem Grabe uralter Vergangenheit an! Sollte man glauben, daß so etwas noch geglaubt wird? (Friedrich Nietzsche, Menschliches, Allzumenschliches, 113) – über das Leben und Leiden real existierender Lebewesen zu stellen, das Recht auf freie Berufsausübung über Leid, Schmerz und Angst von Tieren zu stellen, die dem Menschen in seiner Leidensfähigkeit in nichts nachstehen.

Ein Staat, ein Mensch, der Phantasiewelten höher bewertet als das Leid in der Realität, hat sich moralisch diskreditiert, tritt alle menschlichen Werte und Wertvorstellungen in den Dreck des Profits, des eigenen Vorteils – er hat sich zum moralischen Paria zurückentwickelt. Solange Ehrfurcht vor dem Leben nur Ehrfurcht vor Menschenleben beinhaltet, ist jeder Humanismus grotesk und wertlos.

Es kommt aber noch die zweite Komponente hinzu. Innerhalb der Glaubensvorschriften werden die absurdesten Anweisungen, den Menschen betreffend, ausgeblendet und nicht befolgt. Mag es noch bei jedem einzelnen ein Privatvergnügen sein, sich an Kleidungs-, Waschungs- und Ernährungsvorschriften zu halten, die Tausende von Jahren zurückliegen, mag er diese Regeln zur Befriedigung seiner eigenen geistigen Sklaverei bis zum Exzess befolgen; er behindert und stört damit niemanden.

Kein Privatvergnügen ist es hingegen, wenn so konsequent, wie die menschbezogene Anordnungen der Todesbefehle in den “heiligen Schriften” nicht befolgt werden, genauso konsequent Todesbefehle, welche die wehrlose Tierwelt betreffen, ausgeführt werden. Wir stehen vor einem sittlichen Skandal, einer ethischen Unredlichkeit erster Güte, einem moralischen Verbrechen.

(Siehe auch ausführlich zu diesem Thema “Die Seelenverkäufer” http://www.pro-iure-animalis.de/index.php?option=com_content&task=view&id=338&Itemid=89%5Bhttp://www.pro-iure-animalis.de/index.php?option=com_content&task=view&id=338&Itemid=89%5D)

Herzliche Grüße
für pro iure animalis

Dr. Gunter Bleibohm und Harald Hoos

Weitere Infos unter:
http://www.pro-iure-animalis.de

[http://www.pro-iure-animalis.de]

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