Martin Compart


MARK FISHER ÜBER TRUMP, POPULISTEN UND GETEILTE ELITEN by Martin Compart
30. März 2020, 9:38 am
Filed under: Edition Tiamat, Mark Fisher, Politik & Geschichte | Schlagwörter: , , , ,

Die Mannequin-Challenge*

Das Bild, das mich seit der Wahl am meisten verfolgt, ist das Foto, auf dem Hillary Clinton und ihre Mitarbeiter die sogenannte »Mannequin-Challenge« im Flugzeug machen.

Dabei stößt nicht nur die Selbstgefälligkeit auf (schau dir an, wieviel Selbstzufriedenheit in Clintons Lächeln liegt); es war vielmehr das Gefühl, dass diese Simulation des Stillstandes – die mich an die gespenstischen Szenen aus Westworld erinnern, in denen die Androiden kurzzeitig in den Schlafmodus versetzt werden – zeigt, worin der Wahlkampf von Clinton in Wahrheit bestand: ausrangierte politische Roboter, die ein letztes Mal ein überkommenes Szenario durchspielen, bevor sie für immer aus dem Verkehr gezogen werden. Die unbequeme Ironie besteht darin, dass dieses Werbevideo aus den letzten Tagen vor der Wahl – steh nicht still, geh wählen – leider genau das zeigt, was zu viele von Clintons potenziellen Wählern getan haben.

Zugleich war zu sehen, was Clinton und ihr Wahlkampf die ganze Zeit gemacht hatten: stillgestanden. Während von Trumps Wahlkampf ein Gefühl überschäumender Begeisterung ausgeht, von anarchischer Unvorhersagbarkeit, das Gefühl, Teil einer Bewegung zu sein, bot Clinton lediglich Altbekanntes an. Oder noch weniger als Altbekanntes. Die Message war nicht nur, dass sich nicht viel verändern wird, sondern auch, dass sich nicht viel zu verändern braucht.


Diese Paralyse kann nicht allein der Selbstzufriedenheit und Engstirnigkeit des Clinton-Lagers zugeschrieben werden; es handelt sich vielmehr um das Symptom einer umfassenderen Pathologie, die die »linke Mitte« betrifft. »Linke Mitte« muss in Anführungszeichen gesetzt werden, weil die Malaise zum großen Teil damit zu tun hat, dass diese Gruppe nicht begriffen hat, dass die »Mitte«, an die sie sich hängt und nach der sie sich richtet, verschwunden ist. Neben den Parallelen zum Brexit gibt es auch deutliche Ähnlichkeiten zur letzten Wahl in Großbritannien.

Wie Ed Milliband hat Clinton im Grunde deswegen verloren, weil es ihr nicht gelungen ist, ihre eigenen Unterstützer zu mobilisieren. Es stellt sich heraus, dass es gar keine so große Rechtswende gab: Wie Gary Younge in seinem unverzichtbaren Artikel schreibt, hat Trump »vielleicht den Marsch nach rechts angeführt, aber vergleichsweise wenig Leute sind ihm gefolgt« (er hat am Ende weniger Stimmen gehabt, als erfolglose Kandidaten wie John Kerry, John McCain, Mitt Romney und Gerald Ford). Stattdessen kam es zu einer Evakuierung der Mitte. Wie Boris Johnson ist auch Trump ein Opportunist; aber es ist dieser Opportunismus, der ihm erlaubte, auf veränderte Bedingungen zu reagieren und dabei auch wahrgenommen zu werden – etwas, dass dem Establishment seiner eigenen Partei ebenso wenig gelungen ist wie Clintons Demokraten.

Die Stimmung, die Trump und der Brexit eingefangen haben, ist die Unzufriedenheit mit dem kapitalistischen Realismus. Es ist jedoch nicht der Kapitalismus der in diesen unfertigen Revolten abgelehnt wird, sondern der Realismus. In seinem Artikel über Trump vor ein paar Wochen, nahm Simon Reynolds ein Zitat aus The Art of the Deal auf: »Ich arbeite mit den Phantasien der Menschen.« Die Hinwendung zur Phantasie ist ein entscheidender Faktor für den Erfolg der Rechten wie ihn Trump und der Brexit darstellen.

Was sowohl Trump als auch die Brexit-Befürworter verkaufen, ist die Phantasie eines nationalistischen Revivals. Der automatische Verweis auf ökonomischen »Sachverstand« und wirtschaftliche »Expertise«, auf die sich der kapitalistische Realismus verlassen hat. Zeichen der Ehrerbietung gegenüber …, die noch vor ein paar Monaten für alle, die an die Macht wollen, Pflicht waren, sind nun toxisch geworden. Anstatt ihre Autorität zu vergrößern, hat Clintons Nähe zur Wall Street ihren Ruf als Handlanger des Status quo nur noch weiter gefestigt; genauso wie die Verweise auf »Experten« von David Cameron – der inzwischen wie eine Figur einer vergangenen Ära wirkt – sich am Ende in katastrophaler Weise als kontraproduktiv herausgestellt haben. In der Phantasie des nationalistischen Revivals kehren die »Experten« zurück, aber nicht als Avatare eines ökonomischen Realitätsprinzips, sondern als Spielverderber und Querschläger, als Feinde des wieder erstehenden Willens.

Das Brexit-Referendum war im Grunde ein Lehrbeispiel dessen, was Paul Gilroy postkoloniale Melancholie genannt hat. Trumps Aufstieg – Make America Great Again! – ist das amerikanischen Pendent dieses Phänomens. Wie Gilroy zeigt, hat Melancholie eine manische und eine jubilatorische Seite, aber sie gründet in der Sehnsucht nach einer idealisierten Vergangenheit und einer Abwehr der Komplexität und Orientierungslosigkeit der Gegenwart … Da sie um Bedürfnisse herum strukturiert ist, die unmöglich zu befriedigen sind, ist die Flucht in die Phantasie natürlich alles andere als eine harmlose Übung in Eskapismus; der Versuch der Rettung dieser //// der Restauration und »Reinigung« wird unvermeidlich großen Schaden anrichten. Postkoloniale Melancholie wird durch den »Verlust der Allmachtsphantasie« verursacht und ist zugleich eine Kompensationsstrategie, die das Verschwinden dieses Allmachtsgefühl zum temporären Zustand erklärt, der bald wieder vorbei sein wird. Es ist genau diese phantasmatische Dimension des Allmachtsgefühls, die in Trumps Rhetorik geleugnet wird. Die Allmacht war real – der Rückfall in Verletzlichkeit und Malaise wird einem depressiven Stumpfsinn angelastet, der durch eine Wiederbelebung von Willen und Glauben überwunden werden wird: nationalistischer magischer Voluntarismus.

Die euphorische Verweigerung der einschränkenden Kräfte ökonomischer Verhältnisse – und letztlich aller Verhältnisse – erklärt zum Teil die bemerkenswerten Unterschiede der libidinösen Stimmung in Clintons und Trumps Wahlkampf. Clintons zugeknöpfte Haltung, ihr Bezug auf eine obsolete »praktische Vernunft« und ihre Unfähigkeit, zu erkennen, dass die »Mitte«, in der sie zu stehen glaubt, zusammengebrochen ist, all das verkörperte den kapitalistischen Realismus in seiner biedersten und verstaubtesten Form: völlig unfähig zu inspirieren und einer noch nicht so lange zurückliegenden Vergangenheit verhaftet, für die nur wenige nostalgische Gefühle hegen.

Auch Obama repräsentierte eine Gestalt des kapitalistischen Realismus – auch seine Präsidentschaft führte nach der anfänglichen Euphorie von »Veränderung« und »Hoffnung« schnell zu Stillstand und Stagnation –, aber er besaß nichtsdestotrotz eine gewisse Statur, Gelassenheit und Charisma, was Clinton niemals gelang. Obama gab dem spätkapitalistischen Realismus und der geopolitischen Realpolitik ein seriöses, sympathisches und nachdenkliches Gesicht; und trotz aller Enttäuschungen und Ermattung besaß seine Präsidentschaft dennoch ein Gefühl des Unerwarteten und Bedeutsamen. Selbst wenn Clintons Wahlsieg auch bedeutsam gewesen wäre, es hat sich nicht so angefühlt. Ihr Status als glanzloser Insider einer Dynastie überschattete, dass sie durch ihr Geschlecht ein Außenseiter war.

Jedenfalls hat Trumps Übermaß mit all dem gebrochen. Seine Darstellung entfesselter Libido waren performativen Charakters. Trumps »unprofessionelle« »Ausfälle«, seine scheinbaren Fehltritte, der schnelle Wechsel in rassistische Invektiven und Misogynie, seine Hass schürende Rhetorik: All das ist nicht nur wegen der Anziehungskraft auf jene wichtig, die bereits solche Positionen haben. Sie üben auch einen Reiz auf jene aus, die nicht solche Meinungen vertreten und sie vielleicht sogar verachten: Was diese Ausbrüche vermitteln sollten, war »Authentizität« – eine Simulation des »Gerade-heraus-Sprechens« – und zugleich, und ebenso wichtig, sollten sie eine libidinöse Freiheit darstellen. Ich bin auf keinen Fall der erste, dem die Parallelen zu Silvio Berlusconi aufgefallen sind, Trumps offensichtlichsten Vorläufer. Franco Berardi hat richtig festgestellt, dass die Faszination Berlusconis auf seinem »Spott für die politische Rhetorik und ihrer trägen Rituale« beruhte. Man lud die Wähler ein, sich mit dem »ein bisschen verrückten Premier« zu identifizieren, »dem Schelmenpolitiker, der so ist wie sie«. Denn auch die Wähler versprechen sich (und in jedem Fall sagen sie im Privaten Dinge, die sie nicht in der Öffentlichkeit sagen würden); auch sie verachten die biederen Konventionen des Parlaments.

Natürlich ist diese Form der »Ähnlichkeit« immer künstlich und hergestellt; die Wähler sollen sich mit ein paar bestimmten Merkmalen identifizieren und andere vergessen. Wie Berlusconi hasst auch Trump das Gesetz und Regeln und zwar »im Namen einer spontanen Energie, die sich durch die Regeln nicht länger zügeln lässt«. Selbst diejenigen, die von Trumps Rassismus und Misogynie beunruhigt oder abgestoßen sind, können sich trotzdem über seine Missachtung von Höflichkeit, Prozedere und Präzedenzfälle freuen. Es war Trumps Exzess, der dafür sorgte, dass er als der »Kandidat der Veränderung« wirken konnte, etwas, das seine Unterstützer immer wieder als Grund angaben, warum sie für ihn stimmen. Simon Reynolds beschreibt dies als das »provokativ daherkommende Versprechen einer weniger langweiligen Politik. Die New York Times zitierte kürzlich einen Wähler, der mit der Idee spielte, für Trump zu stimmen, weil die ›dunkle Seite in mir sehen möchte, was passiert … Irgendetwas wird sich verändern, selbst wenn es eine irgendwie Nazi-mäßige Veränderung ist, aber die Leute sind einfach so gespannt. Sie wollen so etwas in der Art sehen.‹«

Insofern könnte man sagen, dass Trump nicht der Glam-Kandidat, sondern der Punk-Kandidat war, mit genau derselben explosiven, spaltbaren Mischung von reaktionären und … die so viele Punkbands auszeichnete. Punks politische … Langeweile … Stillstand Mitte der Siebziger war so unerträglich, dass jede Veränderung willkommen war. Nun, nach dem Brexit und nach Trump kann man mit Sicherheit sagen: Die langweilige Dystopie ist vorbei. Wir befinden uns nun in einer vollkommen anderen Dystopie.

Im Falle Trumps wirkt die Phantasie einer nationalen Restauration beruhigend, sie mildert das Gefühl des Risikos, das von ihm ausgeht. Es ist fast so, als ob er die Erlaubnis gibt, sich der Aufregung hinzugeben … schwindelerregende Veränderungen und eine wiederhergestellte Vergangenheit, alles zugleich; Trump hat eine Möglichkeit gefunden, die Formel wieder einzusetzen, die die Rechte seit Reagan und Thatcher erfolgreich angewandt hat. (Und ein anhaltendes Problem für die revolutionäre Linke besteht darin, dass sie nicht denselben Zugang zu diesen beruhigenden Phantasien hat, nicht gleichermaßen an die Rettung der Vergangenheit appelliert, mit der sich der Sprung ins Unbekannte begründen ließe.)

Und dann gibt es da die Phantasie der Klasse … worin Trump hervorragend ist.

»Worum es wirklich geht in dieser Wahl«, so Francis Fukuyama, »ist, dass nach mehreren Jahrzehnten die amerikanische Demokratie endlich auf den Anstieg der Ungleichheit und der ökonomischen Stagnation reagiert, die ein Großteil der Bevölkerung erleben. Die soziale Klasse ist zurück im Zentrum der amerikanischen Politik und übertrumpft [Ha!] alle anderen Trennlinien – Herkunft, Ethnizität, Geschlecht, sexuelle Orientierung, Geographie –, die bisher die Wahlen dominierten.«

Martin Jacques hat im Guardian eine ähnliche Position vertreten:

»Die Welle des Populismus signalisiert die Rückkehr der Klasse als zentraler Kategorie in der Politik, sowohl in Großbritannien als auch in den Vereinigten Staaten. Vor allem in den USA ist das bemerkenswert. Seit Jahrzehnten war die Vorstellung einer ›Arbeiterklasse‹ in der politischen Diskussion randständig. Die meisten Amerikaner empfanden sich selbst als zur Mittelklasse gehörig, ein Zeichen für den Puls des Ehrgeizes im Innersten der Gesellschaft. Laut einer Umfrage von Gallup aus dem Jahr 2000 verorteten sich nur 33% aller Amerikaner in der Arbeiterklasse; 2015 waren es 48%, fast die Hälfte der Bevölkerung. […] Auch der Brexit war in erster Linie eine Revolte der Arbeiterklasse. […] Die Rückkehr der Klasse, schon allein aufgrund ihrer Reichweite, hat wie kein anderes Thema das Potenzial, die politische Landschaft neu zu definieren.«

Bernie Sanders …; aber die Klassenpolitik, die Trump und der Brexit anbieten, ist nichts Neues. Sie wiederholt eine Strategie des Teile-und-Herrsche, die schon Nixon, Thatcher und viele andere Rechte jahrelang anwandten. Was uns Trumps Wahlsieg und der Brexit zeigen, ist eine anhaltende Verschleierung von Klasse durch Rassismus und Nationalismus. Sowohl Trump als auch die Brexit-Befürworter propagierten einen durch Rassismus aufgeladene Klassenpolitik, wie bereits der Begriff der »weißen Arbeiterklasse« zeigt. Die Plünderung, die die Arbeiterklasse im Neoliberalismus hinzunehmen hatte, wurden immer wieder auf rassifizierte Andere verschobene: Immigranten, ökonomisch aggressive fremde Mächte … Den Klassenantagonismus in rassistisches und nationalistisches Ressentiment zu verwandeln war sehr wichtig für den Erfolg von UKIP, aber sie haben diese Strategie, die der Rechten 40 Jahre lang gedient hat, nicht erfunden, sondern lediglich intensiviert.

Auf den ersten Blick ist es unglaublich, dass jemand wie Trump überzeugend als Mann des Volkes auftreten kann – als ein, wie es einer seiner Söhne ausgedrückt hat, »Arbeiter mit einem dicken Konto«.

Trump, der seinen Reichtum geerbt (und das meiste davon verschwendet) hat, ist nicht mal ein Selfmade-Millionär, der aus bescheidenen Verhältnissen kommt. Ohne Zweifel ist das ein weiteres Beispiel, wie die Unterdrückten dazu verführt werden, sich mit den Reichen zu identifizieren (und deswegen zum Beispiel höhere Steuern für Superreiche abzulehnen).

Wenn Trump ein »Arbeiter mit einem dicken Konto« ist, was sind dann diejenigen, die sich der phantasmatischen Identifikation hingeben … Arbeiter, die eben noch kein dickes Konto haben (die aber, gemäß der Phantasie, am Ende bestimmt eins haben werden). Das beantwortet jedoch noch nicht die Frage, wie Trump – gerade er – es geschafft hat, diese Phantasie aufzubauen. Ich glaube, es gibt mindestens vier (stark miteinander verbundene) Gründe: Seine Fähigkeit, so zu erscheinen, als wisse er um die Sorgen und Nöte der Arbeiterklasse; seine liberal-professionelle Elite; sein Verhalten; und seine Stellung im Ökosystem der Medien.

»Anders als in den Mainstreammedien oft dargestellt, hat Trump gar nicht nur über Mauern, Immigrationsbeschränkungen und Deportationen gesprochen. Tatsächlich hat er meistens gar nicht so viel über diese Themen gesprochen. […] [D]er Kern seiner Message bestand in etwas anderem, einerseits einem ökonomischen Ersatzpopulismus, der überall bemerkt wurde, aber andererseits auch in einer, und das wurde oft übersehen, starken Antikriegsposition. Beides reagierte auf legitime Sorgen der Arbeiterklasse. […] Trump nahm Bernies Populismus, entfernte den Klassenaspekt und reduzierte das Ganze auf eine Mischmasch affektiver Assoziationen und drosch damit auf die aalglatten Liberalen der professionellen Managerklasse ein.«

»Populismus«, so Francis Fukuyama im Juni, »ist das Label, das die politischen Eliten jener Politik verleihen, die von den einfachen Leuten unterstützt wird und die sie nicht mögen.«

Dennoch stammt diese Politik meist nicht von den »einfachen Leuten«; vielmehr handelt es sich meistens um Versuche der Eliten, wie eine Art Bauchredner das Begehren und die Sorgen, die den »einfachen Leute« zugeschrieben werden, zum Ausdruck zu bringen. Der rechte Populismus, den Trump und der Brexit repräsentieren, ist Teil eines Konfliktes zwischen unterschiedlichen Versionen von Elite. Und die Art und Weise, wie die gegnerische Elite dargestellt wird, ist hier ganz entscheidend. Spätestens seit Nixon stellen die Rechten die »schlechte« Elite als »liberale« Clique dar, voller kosmopolitischer Leichtigkeit, weit entfernt vom normalen Leben und mit großer Verachtung für die vermeintliche Vulgarität, Engstirnigkeit und den Chauvinismus der niederen Schichten. Natürlich existiert eine solche Elite, und ihre Vorherrschaft in weiten Teilen der Linken seit den 1960er Jahren hat es der Rechten leichtgemacht, immer wieder auf diesen Trick zurückzugreifen, den Trump … in seinem Wahlkampf. Trump beruhigt seine Unterstützer und schmeichelt ihnen: Ihr seid nicht das Problem, sagt er, sondern die Anderen und sobald wir die Mauer gebaut haben, wird alles gut werden. Die Linken sagen aber, so Trump, dass ihr das Problem seid; die Anderen sind okay, sie verdienen ihre Privilegien, die euch vorenthalten werden.

In einem problematischen Artikel, der nichtsdestotrotz ein paar wichtige Gedanken enthält, behauptet Joan C. Williams, dass Trumps Erfolg auch die Folge einer bestimmten Form des Ressentiments ist, dass nämlich die »weiße Arbeiterklasse« die »Experten verachtet, aber die Reichen bewundert.«
Wenn Hillary Clinton, wie Williams schreibt, die »stupide Arroganz und Selbstgefälligkeit der Expertenelite« symbolisiert, dann erscheint Trump – wie eine Figur aus Ballards Das Reich kommt, einem schlechten, aber prophetisch aktuellen Roman – als eine Verschmelzung der Celebrity-Kultur und der Geschäftswelt, die derzeit sehr viel hegemonialer ist als die trockene Expertenpolitik, die Clinton so trostlos verkörpert.

Diese Art des Populismus beruht auf der Simulation von Nähe und Vertrautheit durch das Fernsehen – McLuhan bemerkte einmal, dass, wenn die Menschen einen Filmstar auf der Straße treffen, sie ihn zwar erkennen, aber nur wenn sie einen Fernsehstar sehen, dann glauben sie, dass das jemand ist, dem sie bekannt sind. Trumps Rolle bei The Apprentice und seine Bereitschaft in Shows aufzutreten wie The Roast of Donald Trump bedeutet, dass er wirkt wie jemand, den das Publikum persönlich kennt.

Als Repräsentant der »Expertenelite« war Clinton zu nah, zu vertraut. Zugleich wirkte Trump aufgrund seiner Stellung in der Medienökologie weniger entrückt als Clinton.
Was wir beobachten, ist offensichtlich kein Angriff von außen auf das Establishment (oder von unten), sondern den Austausch von einem Establishment durch ein anderes. Und ein Grund, warum es diesem neuen Establishment – das eher neoautoritär und neonationalistisch als neoliberal ist – gelungen ist, seine Gegner zu besiegen, liegt darin, dass es den politischen Eifer mobilisieren konnte, den der kapitalistische Realismus normalerweise kleinhält. Der kapitalistische Realismus hat seine Vormachtstellung dadurch gesichert, dass er die Menschen als politische Subjekte deaktivierte und sie als Unternehmerpersönlichkeiten ansprach. Politische Bewegungen sollten verhindert, nicht aufgebaut werden, Politik ließ sich besser von oben organisieren und verwalten.

Foto: Evan Vucci/AP/dapd

Konfrontiert mit Trumps entfesselter Libido…

Die Gefahr besteht darin, die Rückkehr der Klasse mit der Handlungsfähigkeit der Klasse zu verwechseln. Eines der beeindruckendsten – und trefflichsten – Phänomene im Nachgang des Brexit-Referendums war eine bestimmte Form des Entsetzens, und zwar von einigen, die für den Austritt gestimmt hatten. Sie waren erschrocken über das Ergebnis, weil »sie nicht daran glaubten, dass ihre Stimme zählt«. Andere wiederum waren der Meinung, dass so wichtige Entscheidungen nicht von ihnen getroffen werden sollten. Zwar wurde der Brexit von großen Teilen der Arbeiterklasse unterstützt, aber das ist weit entfernt von einem selbstbewussten Handeln der Arbeiterklasse.

Es ist in jedem Fall ein Fehler, die Rückkehr der Klasse gegen Rasse auszuspielen. Neu ist, dass es keine Gegenwehr von Seiten der Fürsprecher der Globalisierung, des freien Handels etc. gibt. Die Spannung, die die neoliberale Rechte der letzten vierzig Jahre auszeichnete – worin sich vermeintlich gegensätzliche Positionen in der Praxis ergänzten – ist nun zur Spaltung geworden.

Was bedeutet das?

Es bedeutet zunächst, dass die Rechte ihren Anspruch auf die Moderne aufgegeben hat. Die neoliberale Ideologie hat dafür gesorgt, dass Neoliberalismus als Modernisierung erschien. Aber es ist genau diese Moderne, die die Rechte nun ablehnt. Statt der neoliberalen Umarmung der globalisierten Gegenwart, schaut man nun zurück und nach innen. Das Votum für den Brexit beruhte auf dem, was Paul Gilroy »postkoloniale Melancholie« nannte und auch Trumps Sieg hatte offenkundig mit dem amerikanischen Äquivalent dieses Phänomens zu tun.

Doch der Abschied der Rechten von ihrem Anspruch auf die Moderne gibt der Linken umso mehr Gründe, sie zurückzuerobern. Der gegenwärtige rechte Populismus reagiert auf echte Probleme der neoliberalen Welt. Neben der ökonomischen Stagnation bietet er auch ein Balsam für das existenzielle Defizit des zeitgenössischen Kapitalismus: der banale Nihilismus einer durch kapitalistische Imperative entleerten Welt. Die Antwort ist natürlich Nationalismus. Aber das ist auf keinen Fall die einzige Antwort auf das Problem der Zugehörigkeit. Kontrolle über ihr eigenes Leben.

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QUELLEN:

1 Gary Young, How Trump Took Middle America, Guardian, 16. November 2016, https://www.theguardian.com/member¬ship/2016/ nov/16/how-trumptook-middletown-muncie-election
2 Simon Reynolds, Is Politics the New Glam?, Guardian, 14. Oktober 2016, https://www.theguardian.com/books/2016/oct/ 14/politics-new-glam-rock-power-brand-simon-reynolds.
3 Ebd.
4 Francis Fukuyama, American Political Decay or Renewal: The Meaning of the 2016 Election, Foreign Affairs, 95.4 (2016), https:// ceulau.files.wordpress.com/2016/08/fa-politcal-decay-or-renewal-aug-2016.pdf.
5 Martin Jacques, The Death of Neoliberalism and the Crisis in Western Politics, Guardian, 21. August 2016, https://www.theguardian. com/commentisfree/2016/aug/21/death-of-neolibe¬ra¬lism-crisis-in-western-politics.
6 Christian Parenti, Listening to Trump, Jacobin, 22. November 2016, https://www.jacobinmag.com/2016/11/trump-spee¬ches-populism-war-economicselection.
7 Fukuyama, American Political Decay or Renewal?, S. 68.
8 Joan C. Williams, What So Many People Don’t Get About the US Working Class, Harvard Business Review, 10. November 2016, https://hbr.org/2016/11/what-so-many-people-dont-get-about-the-u-s-working-class.
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* Das ist der letzte, nicht beendete und nicht veröffentlichte Beitrag für k-punk vom 15. November 2016. Der Text enthält einige fragmentarische und unvollständige Passagen.

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© 2020 by Verlag Klaus Bittermann

Dank an Klaus Bittermann, der diesen Text zur Verfügung stellt. Dank auch an Robert Zwarg, der ihn übersetzt hat.


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Fisher, Mark


1 Kommentar so far
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Also ich denke wir „kleingeistigen Kleingeister“ haben noch nicht verstanden das Politik für die „grosskopferten Gropferten“ eine Art unter-Haltung(kann doch schön alles mögliche reinlesen) ist…

und das die Dicköpfe das nicht verstehen…

@Scheffe von dit janze ;-):
„Wie isset…?!“
oder im Psüchosprech der 70er:
„Was macht das mit dir?“ 😉

Kommentar von Martin Däniken




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