Martin Compart


KLASSIKER DES POLIT-THRILLERS: OSS117 und MALKO – DIE FRANZÖSISCHEN SUPERAGENTEN by Martin Compart

Der erste Superagent der Nachkriegszeit war nicht Flemings James Bond, sondern der CIA-Agent OSS 117 aus der Feder des Franzosen Jean Bruce (Pseudonym für Jean Alexandre Brochet; 1921-1963), der mit der Unterstützung seiner Frau,die die Serie nach dem Tod ihres Mannes alleine fortsetzte, diesen Franzosen im Dienste der Amerikaner um den Erdball jagte.

Armand de Caro startet im Pariser Verlag „Presses de laCite“ die Reihe „Le Fleuve Noir“.
„Jean Bruces Serie um OSS 117 sicherte den Start der Reihe, die anfangs zum Scheitern verdammt schien…Aber der Begründer hatte verspürt, woher neuerdings der Wind wehte, und er setzte mit ungewöhnlichem Scharfblick auf den neuen Spionageroman…„(Boileau/Narcejac, DER DETEKTIVROMAN, Luchterhand; S.175)

Die Serie um den Geheimagenten OSS 117 begründete den „Superagenten der Nachkriegszeit“ und nahm Elemente von James Bond vorweg. Kein anderes Genre oder Subgenre propagiert das mechanische Menschenbild intensiver; weshalb es heute in unterschiedlichen Verkleidungen -etwa in Form des Commando-Thrillers oder Anti-Terror-Thrillers – eine Renaissance erfährt.

Dank der beiden Parodien (eine dritte ist in Vorbereitung) mit Jean Dujardin, dürfte auch bei uns Geheimagent OSS 117 wieder einen gewissen Bekanntheitsgrad haben. In den 1960ern war die Figur des französischen Autors Jean Bruce durch die Verfilmungen im Rahmen der Bonditis in Deutschland einige Jahre recht präsent: Der Moewig Verlag veröffentlichte zwischen 1966 und 1969 in einer Reihe 26 gekürzte Romane als Taschenbücher; was der Qualität sicherlich nicht schadete.

OSS 117 ist zwar in den USA geboren, hat aber französische Vorfahren, die während der Revolution nach Louisiana flüchteten. Daher auch sein aufgeblasener Name Hubert Bonisseur de la Bath.
Nach den Erfahrungen als besetztes Land unter den Nazis, den vielen Kollaborateuren und dem Versagen der eigenen Streitkräfte wundert es nicht, daß Bruce keinen Agenten des französischen Geheimdienstes zum Helden gemacht hat. Scham über die eigene Vergangenheit und Bewunderung für die Weltmacht USA ließen seinen Helden Hubert Bonisseur de la Bath, alias OSS 117, den Kalten Krieg mit viel Freude auf Seiten der USA mitmachen.

Wie jeder Superagent des Kalten Krieges, trug OSS 117 nur die feinste Kleidung, trank und aß vom feinsten, fuhr die schnellsten Autos und verführte die attraktivsten Frauen.
Natürlich hat er auch einen Boss, der ihn mit seinen heiklen Missionen beauftragt: Mr.Smith. Und gelegentlich hat er auch einen treuen Gefährten, Enrique Sagarra.

Die oft von realen politischen Ereignissen inspirierten Plots waren solide, manchmal überraschend gut, reichten aber nie an die von Ian Fleming oder Peter O´Donnell heran. Dasselbe gilt für die literarische Qualität. Dafür arbeitete Jean Bruce aber mit hohem Tempo und hatte einen Ausstoß, der sich mit deutschen Heftromanautoren oder angelsächsischen Paperback Original-Schreibern vergleichen lässt.

OSS 117 trat nicht nur literarisch vor 007 auf, auch im Medium Film erschien er vor Bond: Sechs Jahre vor DR.NO gab es den ersten Film mit ihm: MÄNNER, FRAUEN UND GEFAHREN (OSS 117 n’est pas mort), in dem er von Ivan Desny verkörpert wurde.

Jean Bruce wurde als Jean Alexandre Brochet am 22.März 1921 in Ailler– Beauvoir, in der Loire-Region geboren. Seine Eltern hatten ein Restaurant. Nach seiner Schulzeit trieb er sich in den verschiedensten Jobs herum: Bürgermeistergehilfe, und Mitglied einer fahrenden Schauspielertruppe. .Mit 17 Jahren machte er den Pilotenschein und beim Ausbruch des Krieges arbeitete er in der Luftfahrtindustrie.
Von Kindheit an trieb er leidenschaftlich Sport. Skifahren, Reiten und Ralleysport begleiteten ihn bis zum frühen Tod.

Während des 2.Weltkrieges kämpfte er im Widerstand.

Bei der Befreiung Lyons lernte er den leitenden Analytiker des US-Geheimdienstes OSS, William L. Langer, kennen, der die OSS-Codenummer 117 hatte. Offenbar wurden sie gute Bekannte oder sogar Freunde.

Nach Kriegsende ging er an die Ecole Nationale de Police’, wo er für eine Spezialabteilung ausgebildet wurde. Aber er blieb nur ein paar Jahre bei der Polizei und arbeite als Juwelier und Sekretär eines Maharadschas

1947 verließ er seine erste Frau und die Mutter seines Sohnes Francois wegen seiner Geliebten Josette, die von ihm mit seiner Tochter Martine schwanger war.

1949 veröffentlichte er seinen ersten Roman, der auch der erste OSS117-Thriller, Tu parles d’une ingénue , und sofort ein Erfolg war. Die Gelddruckmaschine OSS 117 lief an und ermöglichte dem Sportwagenfan Jean Bruce ein luxuriöses Leben. Dieselbe disziplinierte Routine seiner schriftstellerischen Arbeit übertrug er auch auf sein Privatleben.

Er verbrachte regelmäßig seine Winterr in L’Alpe d’Huez und die Sommer an der Côte d‘ Azur. Dort malte er auch. Ansonsten lebte er mit Josette und seiner Tochter in der Villa Saint-Hubert in Avenue General Leclerc in Chantilly .

Er schrieb auch erotische Geschichten für Magazine und neben OSS 117 fand er noch Zeit für andere Romane. Er veröffentlichte diese unter den Pseudonymen Jean Alexandre, Jean Alexandre Brochet, Joyce Lyndsay und Jean-Martin Rouan.

Am 26. März 1963 verließ er seine Pariser Wohnung um nach Chantilly zu fahren. Er stieg in seinen Jaguar 3.8l MK2 (registriert mit dem Nummernschild 117 HJ 60). Wie üblich raste der Hobbyrennfahrer auf Strassen, die noch kein Tempolimit hatten. Auf der Nationalstraße 16 bei Luzarches verlor er die Kontrolle und knallte gegen einen Baum. Er war sofort tot.

Er wurde 42 Jahre alt.

Bis 1963 hatte er 88 Romane über OSS 117 geschrieben, die in 17 Sprachen übersetzt waren und 24 Millionen Bücher verkauft.

Und der Tod seines geistigen Schöpfers war nicht das Ende des Geheimagenten.

Josette Bruce schrieb von 1966 bis 1985 insgesamt 143 OSS 117-Romane! Ihre Romane orientierten sich weniger an politischen Realitäten, wie zuvor bei denen ihres Mannes. Sie ließ sich vor allem durch ihre jeweilige Lektüre inspirieren.

Alles blieb zumindest formal in der Familie, als die Kinder Martine und Francois von 1987 bis 1992 noch 24 weitere Romane nachlegten.



In Frankreich war OSS 117 erfolgreicher als 007.

1956, als sich Fleming in der angelsächsischen Welt auf moderaten Niveau gerade etabliert hatte, kam bereits der erste OSS 117-Film in die Kinos. Elf weitere sollten folgen (mit insgesamt acht verschiedenen Hauptdarstellern). In den 1950er- und -60er Jahren gab es in ganz Frankreich keinen Bahnhofskiosk ohne exklusiven Drehständer mit OSS 117-Romanen. Das Franchising von OSS 117 erreichte nie die Dimension von James Bond, ist aber durchaus beeindruckend:

Von 1966 bis 1982 gab es eine 73bändice Comic-Adaption im Taschenbuchformat. Die durchschnittliche französische Startauflage betrug 50.000 Exemplare. Bis heute wurde die Serie in 17 Ländern veröffentlicht mit einer Gesamtauflage von 75 Millionen Exemplaren.
Es gab sogar zwei Theaterstücke um OSS 117, 1955 und 1961, geschrieben von Jean Bruce und inszeniert von Robert Manuel.

1960 wurde im Olympia eine Tanzshow, inszeniert von Georges Reich aufgeführt und der französische Rundfunk in Algerien strahlte eine Hörfunkserie aus.
Und OSS 117 gelang das seltene Kunststück, dass einige seiner Romane sogar in den USA und England veröffentlicht wurden.

Zu den prominentesten Fans gehörten Jean Cocteau und natürlich Gérard de Villiers.

Sein Einfluss auf den französischen Agenten-Thriller kann gar nicht überschätzt werden.

Durch seinen Erfolg angeregt, wurde der französische Markt mit Epigonen (etwa COPLAN von Paul Kenny) überschwemmt, die alle mehr oder weniger erfolgreich waren. Bis SAS MALKO von de Villiers 1965 erschien und es in jeder Hinsicht wilder und realer trieb (siehe weiter unten).

Es ist nicht belegbar, dass Jean Bruce Einfluss auf Ian Fleming hatte. Aber man sollte berücksichtigen, dass er fließend Französisch sprach und häufig Frankreich besuchte. Vielleicht war OSS 117 vor 1953 (dem Jahr, in dem mit CASINO ROYALE der erste 007 erschien) noch nicht das gigantische Phänomen wie nach 1955, aber seine ungeheure Präsenz auf dem französischen Buchmarkt wäre schwer zu übersehen gewesen.

Während Flemings Bond ein Angehöriger der oberen Mittelschicht ist, setzte Bruce auf einen Aristokraten als Verteidiger der westlichen, bürgerlichen Demokratien. Da OSS 117 nicht für den Geheimdienst seines eigenen Landes arbeitet, lassen sich seine Gewaltakte während der verschiedenen Missionen auch nicht mit nationalistischen oder patriotischen Gründen bemänteln (wie etwa bei Bond).

Gewalt ist einfach nur Teil eines Spiels. Damit die französischen Leser aber nicht zu sehr vor den Kopf geschlagen wurden, bezeichnete Jean Bruce seinen im Laufe der Jahre immer mehr zu einem klischeehaften Bondepigonen verkommenen Agenten als den „besten Agenten des amerikanischen Geheimdienstes“. Tja, die Amis haben vielleicht Frankreich von den Nazis befreit, aber ohne einen beherzten Franzosen kriegen sie eben doch nichts hin.

OSS 117 galt im Bewusstsein der Franzosen als gallischer Bond. Jean Bruce konnte der Figur jedoch nicht die Faszination mitgeben, die Flemings Agenten zum Welterfolg machten. Er bediente sich der Fleming ähnlichen Formel zwar manchmal mit einigem Geschick – exotische Schauplätze, skurrile Schurken und schöne Frauen -, aber das erzählerische Niveau des Briten erreichte er nie.

In den 50er und 60er Jahren drehten die Franzosen im Zuge der Agentenwelle im Kino auch einige Filme um OSS 117; am bekanntesten wurden wohl die drei Filme mit dem Amerikaner Frederick Stafford in der Titelrolle und bei einem führte sogar Bond-Regisseur Terrence Young Regie. Wie die Bücher, so wirkten auch die Filme wie die Abenteuer eines armen Vetters von 007. An Chauvinismus und Antikommunismus konnte es OSS 117 allerdings jeder Zeit mit oo7 aufnehmen; nur wurde dieser weniger originell vorgetragen.

Jean Bruces Held ebnete den Weg für einen noch erfolgreicheren und unangenehmeren französischen Romanagenten:
Gerard de Villiers Malko, ein österreichischer Adeliger im Dienste der CIA, der von 1965 bis 2013 in 200 Romanen auftrat. Wieder sind es keine patriotischen Gründe, die den Helden für den Kampf motivieren. In diesem Falle sind es sogar ästhetische: Malko übernimmt nur Aufträge für sehr viel Geld, mit dem er dann einen weiteren Raum seines Familienschlosses restaurieren lässt.

Der Autor war ein bekannter konservativer Journalist, der die ganze Welt bereist hatte und bemerkenswerte Einblicke in politische Prozesse genoss.

Und damit kommt tatsächlich eine gewisse Qualität in diese sadistischen und sexuell freizügigen (dagegen wirken die britischen Autoren der 50er und 60er Jahre prüde und puritanisch – was sie wohl auch waren) Romane: de Villiers gelingt es hervorragend die politisch-historische Situation und die regionalen Eigenheiten seiner Schauplätze einzufangen. Dabei beschränkt er sich nicht auf touristischen Firlefanz; ihm gelingt meist ein überzeugendes Bild, das auch die Schattenseiten und die Welt der verarmten Einheimischen nicht auslässt, seiner in jedem Roman wechselnder Handlungsorte.

Seine 200 Malko-Romane erreichen eine geschätzte Gesamtauflage von 150 Millionen Exemplaren!

Historisch gesehen lesen sich die MALKO-Romane wie eine weltpolitische chronique scandaleuse seit den 196oer Jahren. Dazu an anderer Stelle mehr.

Die Figur Malko selbst ist ein Pragmatiker, der jeweils um seinen Auftrag oder Vorteils wegen mal mit Rechten und mal mit Linken paktiert.
Einige der Romane, wie HEROIN AUS LAOS (Cora Verlag, 1981), setzen sich auch kritisch mit der CIA auseinander. Selbst ein Konservativer ist seit den 1970er Jahren – wenn er nicht so blöde wie Trump und seine Dalton-Gang ist – wohl nicht mehr dazu in der Lage, eine positive, verherrlichende Darstellung des CIA abzuliefern.

Der extrem gut vernetzte Journalist de Villiers versuchte mit seinen Spionageromanen so eine Art „konservative Aufklärung“ zu betreiben.

Bemerkenswert ist, dass diese beiden populärsten Geheimagenten des französischen Spionageromans Angehörige des Adels sind (dazu ist einer noch Österreicher) und in amerikanischen Diensten stehen.
Als wollte das französische Bürgertum beide gegnerischen Klassen, Feudale Klasse (als Vertreter der westlichen Welt) und Proletariat (Realsozialismus), aufeinanderschlagen lassen, während es sich genüsslich zurücklehnt und die Triumphe des Stellvertreters einer längst überwundenen Epoche beklatscht.

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