Martin Compart


WASHINGTONS SÖLDNER by Martin Compart
15. Mai 2015, 12:44 pm
Filed under: Eeben Barlow, Politik & Geschichte, Rezensionen, Söldner | Schlagwörter: , , , ,

Stellvertreterkriege in der 3.Welt gehörten zu den Strategien im Kalten Krieg. „Stabiler Frieden oder gar Entspannungspolitik zwischen den Metropolen wurden um den Preis des immer währenden Gemetzels an der Peripherie erkauft.“
Um amerikanische Interessen zu wahren, unterstützten die USA jede faschistoide oder faschistische Regierung oder Anti-demokratische Guerilla mit großzügigen Militärhilfen. Jede antikommunistische Banditenbande konnte mit Waffen, Geld oder sonstigen Zuwendungen aus CIA-Krokodilfonds oder offiziellen Töpfen rechnen. Wo das nicht genügte, griff die US-Administration durch ihren zivilen Geheimdienst CIA auf Söldner zurück, die die jeweilige Drecksarbeit leisteten, ohne dass man dafür die USA offiziell verantwortlich machen konnte. Die Gefährdung der unterstützten rechten Gruppierungen machte die Hilfe der USA unumgänglich: Warum sollten sich Afrikaner oder Lateinamerikaner vor dem Kommunismus fürchten? Sie hatte kein Privateigentum oder Kapital, das sie schützen mussten. Das war bereits in den Händen westlicher Konzerne und deren Heloten.

Das Debakel in der Schweinebucht und der die Nation teilende Vietnamkrieg ließen es nicht opportun erscheinen, dass die USA weiterhin militärisch direkt intervenierten.

Voss[1]Der 1982 geborene Historiker Klaas Voß vom Hamburger Institut für Sozialforschung hat letztes Jahr eine ebenso lesenswerte wie lesbare Studie über den verdeckten Einsatz von Söldnern in Washingtons Diensten veröffentlicht.

Als die Angelsachsen nach dem Ende des Kalten Krieges durch Auslagerungen begannen private Militärfirmen (PMCs) mit Millionenverträgen auszustatten, sprach man übereilt von der „Rückkehr der Söldner“. Inzwischen haben Söldner-Firmen wie BLACKWATER (und ihre nominellen Nachfolgeorganisationen) das ohnehin miese Image dieses Berufstandes weitgehend ruiniert. Aber von der Rückkehr der Söldner zu sprechen, wie es die Mainstreammedien taten, zeigt nur einmal mehr die Ignoranz der Behaupter.

Voß bestreitet überzeugend diese in der 1990er- und 2000er Jahren mit dem Entstehen großer Söldnerfirmen und PMCs behauptete Rückkehr der Söldner. Er weist nach, dass die Söldner ein wichtiger Faktor in der Anti-sowjetischen Kriegsführung in Dritt-Welt Staaten waren, also „weit mehr als eine Fußnote des Ost-West-Konflikts“, die ansonsten in der Geschichtsschreibung des kalten Krieges gerne behauptet wird.

Bereits 1962 hatten die USA eine Direktive erlassen (damals mit Blick auf Vietnam, aber anwendbar auf weltweite Einsatzgebiete), die es ihnen ermöglichte, der den Kampf gegen kommunistische Aufstände Söldner zu requirieren. Als Premiere dieser Strategie erkennt Voß Einsatz von Söldnern im Kongo. Bei der Unterstützung von Regimes, wie in Kongo, retteten die Söldner zumeist Strukturen, die durch nichts anderes gefährdet waren als durch die Gier und Inkompetenz ihrer Inhaber.

Ein nettes Beispiel für Ironie oder Perversion der Geschichte ist Angola. Präsident Ford hatte beschlossen, dass nach der Unabhängigkeit gewählte Regime, das als sozialistisch eingestuft wurde, stürzen zu lassen. Im Auftrag der CIA wurden südafrikanische Spezialkräfte zur Unterstützung von Jonas Savimbis UNITA eingesetzt. 25 Jahre später kämpften dieselben südafrikanischen Soldaten in der Söldnerfirma EXECUTIVE OUTCOMES für die sozialistische Regierung gegen die UNITA und bildete die angolanischen Streitkräfte aus. Die von ihnen ausgebildeten UNITA-Kämpfer hatten wichtige Rohstoffgebiete besetzt gehabt und die angolanische Armee war nicht dazu in der Lage gewesen, diese aus eigener Kraft zurück zu erobern.

http://www.amazon.de/Washingtons-S%C3%B6ldner-Verdeckte-US-Interventionen-Kalten/dp/3868542744/ref=sr_1_1?s=books&ie=UTF8&qid=1431679598&sr=1-1&keywords=washingtons+s%C3%B6ldner

In seinem Buch, das ohne Übertreibung von nun an als Standardwerk zum Thema anzusehen ist, erarbeitet er die Formel für Söldnerinterventionen im Dienste der USA heraus und beleuchtet sie detailliert in ihrer Anwendung in Afrika und Lateinamerika. Die vier Fallstudien behandeln die berüchtigtsten und prominentesten Söldnereinsätze im Kongo, Angola, Rhodesien und Nicaragua.

Voß hat beim höchst beeindruckenden Quellenstudium interessante Dinge herausgefunden. Etwa, das die ersten zehn Jahrgänge des berüchtigten Magazins SOLDIER OF FORTUNE „mittlerweile fast vollständig aus den öffentlichen und akademischen Bibliotheken der USA, einschließlich der Library of Congress, verschwunden“ sind.

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(Das Kapitel über SOLDIERS OF FORTUNE verdeutlicht die Dämlichkeit der Covert Op-Strategen in der CIA: Das von ihnen so gerne genutzte und instrumentalisierte Magazin hatte inzwischen soviel Selbstbewusstsein, dass es durch öffentliches Einklagen einer härteren Gangart Washingtons die Verantwortlichen in den Focus der Medien zerrte und den gesamten „Feldzug“ sabotierte indem er oppositionelle Kräfte in Kongress und Senat munitionierte. Ein wunderbares Kapitel, bei dem man Tränen lacht!)

Er kontextualisiert Presseberichte, Dokumente der US-Administration, Fachliteratur, persönliche Kontakte und Erinnerungsliteratur um das amerikanisch initiierte Söldnerwesen im in einer Genauigkeit darzulegen, wie das bisher noch nicht geschehen ist. Die Problematik des Unterfangens liegt in seiner Natur: „Direkte Verbindungen zwischen US Akteuren und Söldnern wurden minimiert und sind häufig nur durch detektivische Quellen Forschung sichtbar zu machen. Hierin liegt eine Beweislast, die in der Sekundärliteratur oft nur fragmentarisch erbracht wurde.“ Aus den ausgewertete Dokumenten geht – manchmal unfreiwillig komisch – erschreckendes hervor: Die Verantwortlichen versuchten die jeweiligen Realitäten in ihre Ideologie herein zu choreographieren.

Heute sind die USA einer der Big Player in Afrika mit Brückenkopfstaaten wie Uganda und Ruanda. Bis 1958 (erst dann wurde im Außenministerium ein Büro für afrikanische Angelegenheiten eingerichtet) war der Schwarze Kontinent uninteressant und wurde in der CIA lediglich als Wurmfortsatz des Nahen Osten mitverwaltet. Erst Kuba-Schock und Vietnam-Fiasko lenkten den Blick auf die südliche Hemisphäre und die Erkenntnis, das der Kalte Krieg Afrika erreicht hatte. „Von Anfang an vermischten sich in dieser Arena die ökonomischen Interessen der USA an Rohstoffen und Investitionen im Kongo mit politisch-strategisch begründeten Ängsten vor einer kommunistischen Übernahme der gesamten Region.“

„Mit ihrem erfolgreichen Einsatz im Kongo 1964 /65 und schrieben sich Söldner in Washingtons Instrumentarium für verdeckte Interventionen ein und bekamen einen festen Platz Handlungsrepertoire der CIA. “ Im Vergleich mit dem Boko Haram-Problem Nigerias und der Nachbarstaaten fallen verblüffende Parallelen zum Simba-Aufstand 1964 auf: Wie schon im Kongo ließ sich on Nigeria das fast völlige Versagen der Armee beobachten. So verpuffte auch jede Militärhilfe oder sonstige Unterstützung (bis hin zu den US-Drohnen, die nichts positives bewirkten). Die Situation änderte sich erst Anfang 2015 mit dem kurzfristigen Engagement der Söldner von STTEP unter Colonel Eeben Barlow. Die Situation des ausgerufenen (heiligen) Krieg gegen den Terror ist nicht 1:1 zu vergleichen mit dem Kalten Krieg. Aber damals (Vietnam) wie heute (Afghanistan, Irak) mieden und meiden die USA eine direkte Intervention. Im Unterschied zu früher, als es noch ein Apartheits-Regime gab, lehnen die USA aber den Einsatz südafrikanischer Söldner ab, befürworten aber den Einsatz angelsächsischer PMCs. Im Gegenteil: Die US-Administration sorgte dafür, dass Barlow und EO sowohl aus Angola wie auch aus Sierra Leone rausflogen. Und wahrscheinlich üb(t)en sie auch auf Nigeria Druck aus.

Das Buch ist kalt, analytisch und nüchtern (dabei glänzend geschrieben), wie es eben rein wissenschaftliche Werke sind. Aber gelegentlich vernimmt man das leise winseln der gequälten Menschen, die Opfer er analysierten Covert Operations waren.

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„Voß’s Studie liest sich stellenweise wie ein Krimi, und das, ohne dass der Autor Abstriche am streng wissenschaftlichen Arbeiten macht. Nachdem ein amerikanischer Staatsbürger neben drei weiteren Söldnern im Angola-Einsatz in Luanda im Februar 1975 zum Tode verurteilt und hingerichtet worden war, verklagte dessen Witwe die CIA auf 33 Millionen Dollar Entschädigung. Die Agency verwischte eifrig die ohnehin nur wenigen in den Akten zu findenden Spuren ihrer Operation; die Akten des die Operation führenden Agenten „wurden aufgelöst und an diversen Stellen fehlplatziert, um Anfragen unter dem Informationsfreiheitsgesetz vorzubeugen“ (285).“, schreibt Klaus Starkmann in seiner Rezension in SEHPUNKTE (http://www.sehepunkte.de/2014/12/25155.html).

Wolf Senff notiert in seiner genauen Rezension, auf welche Untersuchungen man, ausgehend von Voß´ Buch, hoffen (und sich freuen) könnte: „Zweifellos wäre aber interessant zu wissen, welche Aktivitäten den Irakfeldzug vorbereiten halfen – abgesehen von der verlogenen Propaganda der CIA und Colin Powells – und in welchem Umfang Söldnertruppen der Firma Blackwater und anderer eingesetzt wurden. Die Frage stellt sich ebenso für den sogenannten Arabischen Frühling. Wurde Libyen im Vorwege systematisch destabilisiert? Leisteten »covert operations« und »clandestine operations« einen Beitrag zur Destabilisierung Syriens, seit neuestem der Ukraine? Wo und mit welchen Aufträgen setzten die USA und andere Beteiligte Söldnertruppen ein? Brisante Fragen von neuem Gewicht und eine Menge Stoff für die Historiker der nächsten Jahrzehnte“ (http://titel-kulturmagazin.net/2014/03/21/klaas-voss-washingtons-soeldner/).

Neben Frank Westenfelders Geschichte der Söldner (das von Voß ebenso zitiert wird, wie er auf Westenfelders Page KRIEGSREISENDE verweist) ist WASHINGTONS SÖLDNER eines der wenigen deutschen Bücher zur Söldnerthematik, das als Pionierarbeit die internationale Forschung bereichert.

http://www.amazon.de/Eine-kleine-Geschichte-S%C3%B6ldner-Historische/dp/3940461121/ref=sr_1_1?s=books&ie=UTF8&qid=1431679829&sr=1-1&keywords=s%C3%B6ldner+westenfelder

P.S.: Voß veröffentlichte zeitgleich mit dem Buch eine im Netz zugängliche kleine Untersuchung „Die Hunde des (Kalten) Krieges. Söldnermemoiren und -zeitschriften als historische Quellen (1960 bis 1990)“ in http://www.zeithistorische-forschungen.de/1-2014/id=5017

Typische Propaganda-Doku:

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