Martin Compart


DIE HYBRIDE „MOUNTIE NOIR“ VON MICHAEL SLADE 2/ by Martin Compart
7. Januar 2026, 6:25 pm
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„Als ich ein Junge war, war die Jugendkultur größtenteils amerikanisch. Ich dachte, meine Flagge seien die Stars and Stripes. Um mich auf den rechten Weg zu bringen, tauchte mich meine Mutter in alles Spannende über die Mounties, Blackfoot, Cree und Kwakiutl ein und nahm mich jedes Jahr mit zur Calgary Stampede.

Meine erste Erinnerung – ich mache keine Witze – ist, wie ich im Sattel sitze, ein Mountie mich festhält und ich von Blackfoot-Häuptlingen umgeben bin, die in Hirschleder und Federhauben gekleidet sind.

Hollywood hat einen Namen für seine Hunderte von Mountie-Filmen: `Northerns´. Sie reichen zurück bis zu `Riders of the Plains´  der 1910 von der Edison Company gedreht wurde.

In den 1930er Jahren verfolgten amerikanische Radiohörer gebannt die Jagd der Mounties auf einen Polizistenmörder, den sogenannten Mad Trapper of Rat River, durch die Arktis. Danach folgten diverse amerikanische Comics wie Zane Greys `King of the Royal Mounted´ und die amerikanische Fernsehserie `Sergeant Preston of the Yukon´. Und so weiter.

Obwohl ich im Mountie-Subgenre schreibe, ist HEADHUNTER eher das Gegenteil von all dem stereotypischen, geradlinigen RCMP-Zeugs.“

Von Anfang an legte Clarke Wert auf die exakte Beschreibung der Polizeiarbeit und Dank seiner Kontakte als Strafverteidiger bekam er Unterstützung von der RCMP. Slade war häufig Gastredner auf internationalen Polizeikonferenzen und bei Regimentsessen der RCMP

Er selbst führt sein Interesse am police procedural aber auf seine lebenslange Liebe für Ed McBain zurück. Seine Faszination für das 87. Polizeirevier hatte in der Jugend begonnen.

„Den größten Einfluss auf mich hatten wohl die 55 Krimis der 87. Polizeiwache von McBain. Man kann ohne Übertreibung sagen: `Ohne Ed McBain gäbe es keinen Michael Slade´. Ich war 13, als ich McBains `Lady, Lady, I Did It!´ las, kurz nachdem Hitchcocks `Psycho´ in die Kinos kam. Ein Killer betritt eine Buchhandlung und ballert um sich, wobei er stöbernde Leser wie dich und mich niedermäht! Das Motiv war so abscheulich, die Reaktion der Polizei so rachsüchtig und die rätselhafte letzte Nachricht so haarsträubend, dass ich mir an die Stirn schlug und dachte: Warum habe ich das nicht kommen sehen? Dann habe ich gedacht: Eines Tages möchte ich so etwas schreiben.

Auch McBain lernte ich später kennen und korrespondierte mit ihm bis zu seinem Tod.“ (https://www.fearforever.com/art-books-music/interview-michael-slade-part-1/)

Über seine Schreib-Methoden sagt er:

Das Mantra der Schriftsteller lautet: Schreibe über das, was du kennst. Ich verfügte über reichlich Material aus meiner Familiengeschichte, um es in das zu verwandeln, was ich Mountie Noir nenne.

Wenn ich Kurse zum Schreiben von Thrillern gebe, lautet meine erste Frage an die Studenten: Was war das Schlimmste, das Ihnen je passiert ist? Und wie nutzen Sie das als Inspiration für Ihre fiktionalen Werke? Und das schlimmste Ereignis deines Lebens ruft naturgemäß deine stärksten Emotionen hervor. Selbst wenn du nur die Hälfte davon in deiner Geschichte einfängst, wird sie für die Leser dennoch authentisch und unverfälscht wirken.

Viel aufregender ist es, meine Geschichten selbst zu erleben, bevor ich sie aufschreibe. Deshalb fliege ich an einen fernen Ort, der meine Fantasie beflügelt, und begebe mich in Situationen – oft mit kalkulierter Gefahr –, um die daraus resultierenden Nervenkitzel zu erfahren und festzuhalten.“

„Die Arbeit als Strafverteidiger ist die ideale Vorbereitung auf das Schreiben von Thrillern. Jedes Verbrechen beginnt mit einem Motiv. Dieses Motiv bestimmt das Opfer, die Art der Tat und den Tatort, an dem Polizei, Forensiker und Profiler arbeiten müssen.

Ich bewundere Autoren, die ein Buch anfangen und nicht wissen, wohin die Reise geht. Ich würde wahrscheinlich einen Nervenzusammenbruch erleiden. Ich beginne mit dem Motiv und dem letzten Satz des Thrillers, bevor ich die Handlung von hinten nach vorne entwickle. Mein Entwurf umfasst in der Regel hundert Seiten, unterteilt in Kapitel.

Fast 40 Jahre sind seit der Erstveröffentlichung des ersten Romans vergangen, und eine erneute Lektüre und Neubewertung ist längst überfällig.
Einige Romane sind schlechter gealtert, bedingt durch den Wandel des Zeitgeschmacks. Dennoch ist es erstaunlich, wie gut Slade den Zeitgeist seiner Epoche trifft.

Obwohl „Headhunter“, „Ghoul“ und einige andere auch/oder gerne als Horrorromane hohes Ansehen genießen, handelt es sich im Grunde um Polizeithriller. Zweifellos würde ein Teil der Handlung in der heutigen Zeit nicht mehr funktionieren. In Vancouver der 80er-Jahre gab es weder DNA-Analysen noch Überwachungskameras oder Handys. Aber wer misst Hammett, Chandler, Buchan, Fleming oder Ambler an heutigen Realitätsbezügen?

Und wie spannend kann die Jagd nach einem Serienmörder noch sein, nachdem man Hunderte von Krimiserien und -filmen über Serienmörder gesehen hat, ganz zu schweigen von unzähligen Romanen? Und wie steht es mit dem Genre der forensischen Krimis und Profiler?

Tatsächlich kann Slade noch immer mithalten, und zwar in der Schwergewichtsklasse. Dank seiner zeitgeschichtlichen und historischen Bezüge, die sein Werk einzigartig machen. Komplexe Plots mit vielen Wendungen und Verbindungen zwischen Vergangenheit und Gegenwart sorgen für seine Alleinstellung im Genre. Es macht zusätzliche Freude, die – manchmal überwältigende – Flut an Fakten und Anekdoten zu lesen, die eine der Grundpfeiler der ausschweifenden Erzählung bilden.

           

 

                                                                 DIE ROMANE:

 

  1. Headhunter (1984)

In Vancouver werden mehrere Frauen brutal ermordet. Die Opfer waren offenbar sehr schön, aber ganz sicher ist das nicht – ihnen fehlen nämlich die Köpfe. Superintendent Robert DeClercq und seine Kollegen kommen mit ihren Ermittlungen nicht weit. Verfolgt der Mörder einen Plan? Oder treibt ihn unkontrollierte sexuelle Perversion an? Spielt Kannibalismus eine Rolle? Erst als DeClercq auf einen alten Fluch der kanadischen Indianer stößt und herausfindet, dass Verbindungen zum Voodoo-Kult in New Orleans bestehen, offenbart sich eine entsetzliche und irre Erklärung …

Das erste Buch etabliert den Stil. „Headhunter“ verfasste er 1984 zusammen mit John Banks und Richard Covell. Brightlight Pictures sicherte sich 2006 die Filmrechte. Seitdem wurden sie mindestens drei weitere Male neu vergeben.

Jochen Konig über den Roman: https://www.krimi-couch.de/titel/11974-der-kopfjaeger/

Nach Erscheinen des Buches fragte eine Zeitung einen örtlichen Mountie-Inspektor nach seiner Meinung zu meinem Thriller – zweifellos in der Hoffnung, er würde mich verunglimpfen und eine Schlägerei provozieren. Stattdessen gab er eine positive Rezension und sagte, er sei beeindruckt, wie gut ich die Uniformen dargestellt hätte. (Das Mountie-Handbuch zur Kleiderordnung ist in der Tat ein dicker Wälzer.)

Als ich anrief, um ihm für seine Großzügigkeit zu danken, bot mir der Inspektor an, mich mit internen Quellen in Kontakt zu bringen, die mir bei meinen Recherchen helfen könnten. Infolgedessen finden die forensischen Untersuchungen der Serie im Labor der Mounties statt, ich bin mit berittenen Patrouillen geflogen, mit dem Boot und Auto unterwegs gewesen, ich habe am Red Serge Ball teilgenommen, Reden bei Regimentsessen gehalten und zwei echte Psychopathenjäger in die Special X-Einheit eingebaut.“

MS: „HEADHUNTER wurde von mir und meinen beiden Anwaltspartnern konzipiert. Um uns von der Kanzlei abzugrenzen und einen einheitlichen Namen auf dem Cover zu verwenden, benötigten wir ein Pseudonym. Meine Frau Lee schlug den Namen vor. Michael klingt biblisch, gefühlvoll und gefällt den meisten Frauen. Slade hingegen ist knallhart.

Michael Slade ist das Alter Ego all derjenigen, die an der Serie arbeiten; meine Partner, meine Frau oder meine Tochter. Wir alle sind Jekylls, und er ist unser Hyde. Aber es muss eine einzige Stimme geben, die die Geschichte erzählt, und ich bin derjenige am Computer.“

Es gibt eine Neuauflage namens „Headhunter Reimagined“ aus dem Jahr 2016.

Im Grunde ist es dasselbe Buch, nur neu geschrieben – nicht zensiert, sondern anders erzählt –, mit umgestellten, gekürzten oder mit neuem Material angereicherten Kapiteln.

Die neue Fassung von HEADHUNTER entspricht der Art und Weise, wie ich die Geschichte ursprünglich geschrieben hätte, wenn ich damals gewusst hätte, was ich heute weiß. Als E-Books aufkamen, wurde die Papierausgabe eingescannt und als Word-Datei gespeichert. Das gab mir die Möglichkeit, die Geschichte so neu zu gestalten, wie sie damals geschrieben worden wäre, wenn ich gewusst hätte, was ich heute weiß“, sagt Slade.

MS: „Rob Merilees (Produzent von CAPOTE, MOTIVE und anderen Erfolgsfilmen) hat HEADHUNTER vor Jahrzehnten gelesen und ist ein langjähriger Fan des Buches. Jeder Autor wünscht sich einen solchen visuellen Produzenten. Wir haben schon länger über eine Verfilmung von HEADHUNTER nachgedacht, und das ist einer der Gründe, warum ich mich hingesetzt und das Originalbuch komplett neu interpretiert habe – mit einer laufenden Filmkamera im Kopf.

Rob las die Nacherzählung, und damit war die Sache erledigt. Die Entwicklung von HEADHUNTER als Fernsehserie – und hoffentlich folgen in den nächsten Jahren noch weitere Special-X-Thriller – ist bereits in vollem Gange.“

Nach aktuellen Erkenntnissen, leider nicht.

FORTSETZUNG FOLGT



DIE HYBRIDE „MOUNTIE NOIR“ VON MICHAEL SLADE 1/ by Martin Compart

Von Michael Slades Special X-Serie wurden zwar weltweit über drei Millionen Exemplare verkauft und in acht Sprachen übersetzt; aber sie gilt weiterhin als Geheimtipp. Bei uns wurden mindestens zwei Versuche unternommen, sie im deutschsprachigen Markt zu etablieren, aber ohne Erfolg. Zuletzt vom Festa Verlag, der aber nach drei Titeln aufgab, obwohl die Serie hervorragend ins Programm passte. Dieser einzigartige Hybrid aus Crime Fiction, Horror, Mythenerforschung und Geschichtsschreibung war und ist wohl zu ungewöhnlich für ein deutsch lesendes Publikum. Und die deutschen Fans des Autors greifen seit langem zu den englischen Ausgaben. Merkwürdigerweise sucht man in den großen angelsächsischen Lexika zur Kriminalliteratur seinen Namen vergeblich.

Eine Schande. Denn Slade ist einer der innovativsten Genre-Autoren der letzten Jahrzehnte. Und einer der aufregendsten! Trotz einiger Optionskäufe für Filme (z.B. für „Headhunter“) wurden nie ein großer, internationaler Kinofilm oder eine TV-Serie realisiert.

Slade schuf ein Subgenre, dass man „Mountie Noir“ nennt, und die Bücher entwickelten Kultstatus. Die Romane behandeln die Fälle der fiktiven Spezialeinheit Special External Section (Special X) der Royal Canadian Mounted Police.

Es sind Hybride aus Police Procedural, Psychothriller und Horror, oft mit historischen und mythologischen Elementen. Die Serie ist bekannt für explizite Gewaltszenen, die an Splatterhorror erinnern, aber mit psychologischer Tiefe unterlegt sind.

Zu Slades Anhängern (oder „Sladisten“) zählten namhafte Genre-Autoren wie der verstorbene Robert Bloch („ Psycho “), die britische Krimiautorin Anne Perry („Slade verleiht dem Schockhorror eine erschreckend neue Dimension“) und Diana Gabaldon (Autorin der „Outlander “-Serie). Und auch Alice Cooper: „Michael Slade zu lesen ist wie ein Fortgeschrittenenkurs in Psychohorror. HEADHUNTER hat mich umgehauen. GHOUL hat mich erschüttert. Dieses Buch ist furchterregend. Ich konnte es nicht aus der Hand legen.“

Steve Newton, Alice Cooper und Jay Clarke (v.l.n.r.)

„Teuflisch! Genug Lebenssaft für einen ganzen Verbund von Blutbanken.“ schrieb „The Irish Press“ über einen seiner Romane.

Die oft grotesken, kreativen Morde und wiederkehrende Charaktere wie Robert DeClercq sorgten für hohe Wiedererkennung und Loyalität unter den Fans. Und das obwohl in einem Slade-Roman jederzeit jeder sterben kann – einschließlich etablierter Seriencharaktere (von denen viele in „Red Snow“ ihr Ende finden).

Michael Slade wurde 1947 in Lethbridge, Alberta als Jay Clarke geboren. Als ehemaliger Strafverteidiger, der in über hundert Verfahren auftrat, war er spezialisiert auf psychisch auffällige Angeklagte. Bevor er Jura studierte, belegte er Geschichte als Fakultät. Clarkes Schreiben bewegt sich zwischen diesen beiden Polen und seiner weltweiten Reiselust. Die begann im Sommer 1967 mit Slades erster großer Europareise. Er reiste mit Rucksack und per Anhalter für ein paar Dollar am Tag. Der Höhepunkt war eine Reise hinter den Eisernen Vorhang nach Moskau während des Kalten Krieges. Slades Zeit in Paris war weniger erfreulich. Sein bevorzugtes Reiseziel, das berüchtigte „Le Théâtre du Grand-Guignol“ (1894–1962), hatte fünf Jahre zuvor geschlossen. Er musste sich mit einer Bootstour durch die Kanalisation und die knochengefüllten Katakomben begnügen.

Die Reiseleidenschaft war für sein literarisches Schaffen von großer Bedeutung:

Oft entschied er sich auf Grund eines Schauplatzes für ein Romankonzept, einen Ort, den er bereisen mochte, um zu recherchieren. Viele Plots verbinden ja moderne Verbrechen mit historischen Ereignissen (z.B. Jack the Ripper, Hexenverfolgung, Kriegsverbrechen). Dies verleiht der Serie eine düstere, epische Tiefe.

Clarke führt seine schriftstellerische Leidenschaft auf seine Faszination für EC Comics Mitte der 1950er-Jahre zurück. „Von da an war ich fasziniert von der Psyche von Verbrechern“, sagt er.  „Zuerst zeichnete ich Comics, dann schrieb ich mit dreizehn Jahren ein Buch, `13 Gräber´. Ich tippte es in Signaturen und heftete sie wie Druckbögen zusammen. Seit meinem zehnten Lebensjahr war ich Stammgast bei Duthie Books, wo ich mir vor allem billige Taschenbuch-Krimis (besonders Ed McBain) besorgte. Also zeigte ich Bill Duthie meine Arbeit und gab sie ihm zum Lesen. Stellt euch vor, wie überwältigt ich war, als er sie mir eine Woche später zurückgab, gebunden im Hardcover, mit dem Titel und meinem Namen in Goldprägung auf dem Buchrücken. ‚Jetzt bist du in einer limitierten Auflage von nur einem Exemplar veröffentlicht‘, sagte er. ‚Eines Tages möchte ich deine Bücher in meinem Laden verkaufen.‘“

„Doch Slades dunkles Herz schlägt … schon seit er im Alter von sechs Jahren, mitten in einer fiebrigen Grippe, in einer Drogerie in Winnipeg auf ein Männermagazin stieß. Das reißerische Titelbild zeigte abgetrennte Köpfe südamerikanischer Indianer, aufgespießt auf Stangen in Einbäumen, und der junge Jay war wie gebannt.“ (Norton)

Er wurde aber auch aus Not zum Schriftsteller.

„Als die Rezession 1981 einsetzte, hatte ich 100.000 Dollar für den Bau eines neuen Büros ausgegeben, und ich hatte eine Hypothek und ein dreijähriges Kind“, sagte Clarke.

Als die Hypothekenzinsen in die Höhe schnellten, setzte ich mich hin, um einen Roman zu schreiben, und dachte: ‚Was wäre, wenn ich einen psychotischen Killer nehmen würde, wie die, die ich vor Gericht vertrete.“

Nach einem Jahrzehnt als Verteidiger in Mordprozessen, viele davon mit Psychopathen auf der Anklagebank, schrieb Slade seinen ersten Roman. „Headhunter“ erschien 1984 und war umgehend erfolgreich. Die Einbindung realer Rechtsmedizin, Kriminalpsychologie und Polizeiarbeit gab den Horror-Elementen eine glaubwürdige Basis.

Robert Bloch war der erste Autor, der auf das Buch aufmerksam wurde – „Ein echter Schocker. Zweifellos der grausamste, den ich je gelesen habe!“ – und so begann ein Briefwechsel zwischen den beiden Schriftstellern. Slades erster Satz dankte Bloch für das Lob. Blochs Antwort: „Welches Lob? Ich meinte jedes einzelne Wort.“

Robert Bloch (1917–1994) übte einen bedeutenden Einfluss auf Slade aus. Der ehemalige Präsident der Mystery Writers of America und Thriller-Ikone verband häufig Kriminalroman und Horror-Elemente. 2001 nahm Clarke als Ehrengast an der World Horror Convention in Seattle teil – eine Ehre, die zuvor bereits Genregrößen wie Richard Matheson, Clive Barker und Peter Straub innegehabt hatten.

Der schnelle Erfolg ermutigte Clarke zu einer weiteren Karriere als Berufsschriftsteller. Aber täglich im selben Zimmer zu sitzen und zu schreiben, fühlten sich für ihn wie Gefängnis an, sagte er, deshalb habe er seine Reiselust in seine Bücher einfließen lassen.

Und so entstanden in den nächsten Jahrzehnten weitere, höchst ungewöhnliche, Romane, die aber alle Clarkes unverwechselbare Handschrift tragen.

Die Serie ist ein einzigartiges Phänomen im Thriller-Genre – intelligent recherchiert, schonungslos in der Darstellung und mit einem unverwechselbaren, düsteren Kanada-Bild. Die Bücher bleiben lange im Gedächtnis, nicht immer angenehm.

Slade springt zwischen Täter-, Opfer- und Ermittlerperspektiven, was Spannung und psychologische Komplexität steigert.

Viele Charaktere (Täter und Ermittler) tauchen in mehreren Büchern auf. Handlungsstränge werden über mehrere Romane verwoben. Die RCMP und andere Behörden werden oft als bürokratisch oder korrupt dargestellt, während die Special X-Einheit als elitär und grenzüberschreitend agiert. Trotz gelegentlicher Kritik an der RCMP hatte Slade immer ein gutes Verhältnis zu ihr und wurde bei seinen Recherchen tatkräftig unterstützt und regelmäßig zu Festivitäten eingeladen.

Clarke plant seine Romane vom Ende zum Anfang, nicht umgekehrt.

Und im Gegensatz zu dem meisten Autoren, die mit dem Schreiben beginnen, ohne zu wissen, wohin die Geschichte sie führen wird, erstellt Clarke zunächst eine detaillierte, 100-seitige Gliederung für sein 400-seitiges Buch. Diese enthält Kapitelüberschriften und die wichtigsten Handlungspunkte für jedes Kapitel. Auch wenn die detaillierte Gliederung einschränkend klingen mag, ist sie in Wirklichkeit befreiend, sagte er.

Ich kann jedes Kapitel schreiben, wie ich will, in beliebiger Reihenfolge, solange es das erfüllt, was im Entwurf vorgesehen ist.“

Sobald Clarke ein Buch fertiggestellt hat, was er bereits 14 Mal getan hat, wendet er sein eigenes Verfahren an, um zu beurteilen, ob es mit seinen anderen Werken mithalten kann.

Er nimmt eine lange Papierrolle – so lang, dass sie drei Wände seines Büros bedeckt und zieht eine horizontale Linie darüber. Dann teilt er mit vertikalen Linien die zahlreichen Kapitel (er hat festgestellt, dass kurze, fünfseitige Kapitel die Leser dazu bringen, „bis spät in die Nacht zu lesen“).

Anschließend ordnet er jedem Kapitel eine sogenannte „Spannungsbewertung“ von null bis fünf zu und trägt diese auf dem Papier ein.

Dann verbindet er diese mit einer Linie von einem Punkt zum nächsten, sodass es einem Börsenbericht ähnelt, sagte er. Dann tritt er zurück und betrachtet es.

„Wenn ich dann drei dieser Segmente im Spannungsdiagramm habe, die nicht auf eine Vier steigen“, verriet Clarke, „dann bedeutet das, dass ich auf das zurückgreifen muss, was Raymond Chandler sagte: Wenn es langsam vorangeht, hole einen Mann mit einer Waffe.“ (https://www.thewhig.com/2018/05/24/author-uses-novel-approach)

Bei aller Betonung der Spannung stellt Slade Fragen nach der Natur des Bösen, historischer Schuld und den Abgründen der menschlichen Psyche. Es geht ihm immer auch – oder sogar vor allem? – um Wissensvermittlung und Aufklärung. Da ist vielleicht der frühe Einfluss seines marxistischen Buchhändlers erkennbar.

Die meisten seiner neueren Romane schrieb er zusammen mit seiner Tochter Rebecca Clarke, die Literatur und Geschichte studierte. Dazu später mehr.

P.S.:

Da KI – wie üblich – versagt, bin ich auf „normale“ Recherche angewiesen. Besonders nützlich war/ist:

Portrait vom 16. Oktober 2003 von Steve Newton (und weiteres von ihm)

Natürlich:

https://www.specialx.net/specialxdotnet/morgue2.html (hier kann man sich regelrecht verlieren)

https://earofnewt.com/2025/10/20/canadas-tricephalic-literary-force-michael-slade-unleashes-all-out-horror-with-ghoul/

FORTSETZUNG FOLGT




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