Martin Compart


ZUM JUBILÄUM DER SCHWARZEN SERIE – IM SCHATTEN DER EULE 5 by Martin Compart

Der schwerste Gang: Hoch zu Niemann in den 10 Stock und kündigen.
Viktor war cool und wir sprachen schnell darüber, die Nachfolge zu regeln. Das statt meiner nun zwei Leute angestellt werden sollten, machte mich natürlich sauer. Schließlich hatte ich nie zwei Gehälter bezahlt bekommen. Egal.

Einen Tag später erzählte mir Fauser, der sich mit Niemann getroffen hatte und kurz vor seinem Rücksturz nach München stand, Niemann hätte ihm gesagt, unter anderen Umständen hätte er um mich gekämpft und mich nicht einfach gehen lassen. Das tat gut, hieß aber auch, dass Niemann für sich keine Zukunft bei Ullstein sah. Genauso wenig wie Herr Fauser, der seine Hände bereits zu Hoffmann & Campe ausstreckte (mit Niemanns Vermittlung?).

jörg fauser autor PROMOFOTO vom alexander verlag

jörg fauser autor PROMOFOTO vom alexander verlag

Also die Nachfolge.

Meine erste Wahl für die Krimis (und vielleicht auch für die Abenteuer-Reihe) war Frieder Middelhauve, der schon länger für mich arbeitete. Ein ausgewiesener Kenner der Thriller-Szene und der erste deutsche Krimi-Kritiker, der seine Rezensionskolumne syndikatisierte (also an mehrere Zeitungen verkaufte). Er edierte für mich die Anthony Price-Ausgabe (Frieder war mit Price auch persönlich befreundet) und übersetzte mit seiner Frau Dörte für Ullstein und Goldmann. Viele Gespräche hatten mir längst klar gemacht, dass Frieder genau der richtige Lektor für den Job war.
Für die Populäre Kultur wollte ich Georg Schmidt vom TIP-Magazin. Er hatte sich mit Film- Musik- und Literaturrezensionen als fundierte Kenner der populären Kultur ausgewiesen und mehrere Begegnungen hatten mich überzeugt, dass der gelernte Journalist auch ein Spürhund für Themen war.

Es kam – natürlich! – anders.

ahr0chm6ly9pbwfnzxmuym9va2xvb2tlci5kzs9iawxkzxivmda2shdul0fybm9szcttyw0tugvja2lucgfoluvpbi1pdxrsyxctaw4tsg9sbhl3b29klu1pdc1bymjpbgr1bmdlbi5qcgc1Der neue Vertriebschef von Fleissners Gnaden zauberte einen weiteren Kandidaten hervor, der sich ihm gegenüber wohl durch devotes Verhalten empfohlen hatte: Hansjoachim Neumann, sich selbst überschätzender Filmkritiker des damals zweitgrößten Berlinszeneblattes ZITTY. Er betrachtete das Film-Lexikon (!) von Ephraim Katz als theoretisches Standardwerk. Kein sonderlich sympathischer Zeitgenosse, der sich gerne in Hierarchien einfügte (meine Devise war: Schlechte Laune lässt man nur an Vorgesetzten aus; allerdings hatte ich auch selten schlechte Laune. Dafür machte der Job zuviel Freude). Der Einfluss von Fleissners Satrap (und Niemanns Umorientierung) war aber bereits so stark, dass Neumann durchgesetzt wurde. Und Georg sollte nun die Krimis machen. Frieder war draußen. Und Neumann (der nach meinem endgültigen Weggang sofort zwei eigene Bücher in der Populären Kultur projektierte) sollte für Populäre Kultur und die Abenteuer-Reihe verantwortlich zeichnen.

Ein Sturm brach los.

Die Ratte betrat das sinkende Schiff. Einige meiner Autoren, Rolf Giesen, Ulrich von Berg, Frank Arnold etc.) weigerten sich kategorisch, mit Neumann zu arbeiten, den sie – gut begründet – für inkompetent und persönlich unangenehm empfanden. Ich versuchte die Wogen zu glätten und Georg Schmidt half dabei, indem er die Betreuung einiger Titel der Populären Kultur (z.Bsp. das Sam Peckinpah-Buch von Uli von Berg und Frank Arnold) übernahm. Giesen machte sich komplett vom Hof und suchte sich andere Verlage (zum Beispiel für das noch für Ullstein projektierte FERNSEHEN, WIE ES JEDER HASST bei Goldmann).

167150459141Ich war mit den Nerven fertig und wollte nur noch ins Bergische Land. Vorher drohte ich noch Konsequenzen an, falls man meine Sekretärin, Frau Schäfer (ohne die ich nicht halb so erfolgreich hätte arbeiten können), schlecht behandeln würde. Dasselbe galt für meine Star-Übersetzer. De r kleine (neu)Mann sollte sich allgemein dadurch auszeichnen; dass er jetzt einflussreicher kleiner Mann sei (das sollte sich wiederholen unter anderen Vorzeichen; Schleimer kreuzten häufig meinen Weg um kleinbürgerliche Karrierewünsche voran zu treiben).

Neumann trampelte auf dünnem Eis als wäre der Boden aus Kruppstahl. Sein Bedürfnis nach Selbstdarstellung und Anerkennung, ließ ihn schnell zur Witzfigur werden und brachte ihm Spötteleien ein: „FLASHMAN U.D.CHINESISCHE DRACHE – Ein Buch von Hansjoachim Neumann, geschrieben von MacDonald Fraser“, hätte das angemessene  Impressum lauten sollen. Später sollte ich be einem Berlinbesuch Neumann bei Luther & Wegner um die Tische jagen, während er filmreif nach „Hilfe“ quiekte. Und Georg musste „dem Kollegen“ tatsächlich im Verlag eine rein hauen. Als Neumanns dünnes Werk DAS BÖSE IM KINO erschien, erhielt der epochale Filmkritiker  einen neuen Spitznamen: Der Böse im Kino. So wurde ihm die kurze Zeit, in der er ein kleines bisschen Macht ausüben konnte, etwas vergällt.

Bloß raus aus diesem zunehmenden Irrenhaus.

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30 JAHRE SCHWARZE SERIE: IM SCHATTEN DER EULE 4/ by Martin Compart
9. Dezember 2016, 12:16 pm
Filed under: Porträt, Schwarze Serie | Schlagwörter: , , , , ,

Niemann hatte es geschafft, dass sich jeder bei Ullstein mit dem Verlag identifizierte, totalen Einsatz einbrachte und nicht wusste, was Überstunden überhaupt bedeuteten (andererseits konnte man – wenn es die Arbeitslage erlaubte – einen Arbeitstag auf dem sonnigen Wannsee versegeln). Oberste Priorität war, dass jedes Buch pünktlich in den Erstverkaufstag kam. Wie, war sekundär. Und da alle an einem Strang zogen, spielten Hierarchien keine Rolle. Sagte man Dieter Speck und seiner Herstellugscrew rechtzeitig Bescheid, dass man in Terminprobleme geriet (also in dem Moment, wo man es selbst erkannte), gab es eine neue Deadline, von der man wusste, dass danach wirklich nichts mehr möglich wäre – selbst wenn die Herstellung Nachtarbeit machen müsste. An stumpfen Hierarchien scheiterte nichts bei Ullstein. Auch wenn man kurzfristig an einer Kalkulation scheiterte; die ließ sich „nachbessern“.

All das begann sich aufzulösen.

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Später wurde die Indizierung aufgehoben. Schön für Haffmann.

 

Dann ging unser härtester Kämpe in Ruhestand: Vertriebschef Meyer, raue Schale, rauer Kern. Mit ihm hatte ich so einiges auszukämpfen und so manchen Whisky getrunken. Meyer war schon verdammt gut. Als mir die Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Schriften DUFFY von Dan Kavanagh (Julian Barnes) vom Markt wegindizierte – kann man sich so was heute noch vorstellen? – verschob Meyer die Restauflage über Nacht nach Österreich und in die Schweiz!

Natürlich dachten wir, sein Nachfolger würde sein Kettenhund Schäpe, den er jahrelang auf Buchhändler abgerichtet hatte, und auf den der Satz des Dortmunder Borussen Jürgen Wegmann zutraf: „Ich bin giftiger als die giftigste Kobra.“ Wir hatten so unsere Probleme miteinander, aber uns immer respektiert wie zwei schlechtgelaunte Cops, die die Straßen frei ballern mussten.

Er wurde es nicht.

 

Herbert Fleissner

Herbert Fleissner

Stattdessen drückte uns München (Fleissner) einen Berliner Buchhandlungsbesitzer als Vertriebschef rein.

Alles klar?

Schäpe kündigte.

Ich kündigte nochmals innerlich, flog nach Bergisch-Gladbach und unterschrieb einen Vertrag, der mir inhaltlich carte blanche gab und somit die SCHWARZE SERIE ermöglichen würde. Bastei-Lübbe, damals von einem tiefen Minderwertigkeitskomplex durchdrungen (wegen der Heftromane und Aufnahmeverweigerung einiger arroganter Sortimenter, die damals noch nichts von Thalia ahnen konnten) freute sich sehr. Rolf Schmitz hatte etwas Magengrollen, dass ich vielleicht aus einem Unternehmen käme, wo man mir für das Programm soviel Geld überlassen hatte, dass ich es schon wegschmeißen musste.

Der war gut!

Während die Vertragstinte trocknete, erklärte ich ihm meine Kalkulationsprinzipien.

Sie waren natürlich 100prozentig Niemann. Der hatte nie einen Vertrag für ein von mir eingekauftes Buch unterschrieben, dem nicht das ausgefüllte Kalkulationsformular beilag. Wie oft hatte ich ihm dafür ein Schicksal schlimmer als der Tod gewünscht. Wie viele Mühe hatte es mich gekostet, dieses beschissene Kalkulieren zu lernen. Ich weiß nicht mehr, wie oft ich im ersten Ullstein-Monat zu den Damen Wannenmacher oder Jacobsen gerannt bin, um es mir immer wieder erklären zu lassen. Ich sehe noch ihre mitleidigen Blicke, die besagten: „Er ist ja lernbegierig – aber vielleicht wäre das Verteilen der Hauspost doch eher etwas für ihn.“

Ich kann heute noch blind(er?) kalkulieren.

Eines der wichtigsten Kriterien Niemannscher Kalkulations- und Kaufmannskunst war: Wenn ein Titel zu teuer ist, finde einen gleichwertigen, aber kostengünstiger. Wenn Du das nicht kannst, hast Du keine Ahnung vom Genre und taugst nicht als Herausgeber.

Rolf Schmitz holte beruhigt einen Whisky raus. Dann gingen wir zu Gustav Lübbe und stellte mich als Neueinkauf vor. Dabei portraitierte er einen Mann, den ich nicht in Gustavs Büro entdecken konnte.

Da ich bei Ullstein keine verbrannte Erde hinterlassen wollte, würde ich mich aktiv in die Nachfolgesuche einschalten. Das war ich Niemann schuldig (vielleicht würde ihm ja doch noch ein Coup gelingen), schließlich hatte er mich aus der Gosse gezogen und zum Kalifen meiner Lieblingsreihe gemacht.

Aber bereits da sollte sich schon die Inkompetenz der Fleissner-Schergen bemerkbar machen.

 

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30 JAHRE SCHWARZE SERIE (Bastei-Lübbe) 2/ by Martin Compart

PROLOG: IM SCHATTEN DER EULE 2

Gerüchte hatte es bereits vorher gegeben. Aber jetzt wurden sie von der Geschäftsleitung bestätigt. Das Grauen ging um. Fleißner galt als Rechter und – was vielleicht noch schlimmer war – als kaltherziger Verleger, der mit Büchern lediglich Geld machte um dieses in Immobilien zu stecken. Inhalte interessierten ihn einen Dreck, solange sie Geld brachten oder Geschichten von der Ostfront erzählten. Mit seiner Prokuristin war ich schon mal aneinander geraten:

Ronald Hahn hatte den ersten Jack London-Reader für die ABENTEUER-Reihe gemacht. Irgendein Fleißner-Verlag hatte Jack London im Programm und saß auf den entsprechenden Übersetzungsrechten, die m9ich einen Dreck interessierten, den Ronald verwendete für den Reader nur bisher nicht übersetztes Material oder übersetzte neu.9783548102832-de1

Nun rief mich jene Prokuristin erbost an um mir zu verkünden, dass die Fleißner-Gruppe über alle deutschen Rechte an Jack London verfüge. Ich bekam einen Lachanfall und fragte sie, ob die Fleißner-Gruppe auch die deutschen Rechte an Tacitus oder Charles Dickens hielte. Denn Jack London war 1916 verstorben und somit seit 1966 public domain. Einige Pulp-Geschichten sogar noch früher. Das versprechen, von ihrem Verlagsanwalt zu hören, falls wir das Buch, wie vorangekündigt, heraus brächten, blieb unerfüllt.

Auf keinen Fall passte Fleißner zu Ullstein. Da konnten Gesandte des „Haupthauses“ (Springer) so viele Veranstaltungen machen und Beschwichtigungsreden („Es ändert sich für Sie nichts. Es ist nur eine Fusion um die Marktmacht zu vergrößern.“) halten, wie sie wollten.

Jedem der seine Sinne beisammen hatte, war klar, dass sich Niemann nur bis zu einem Punkt mit diesen Vorreitern des postmodernen Branchenverständnis aus München arrangieren konnte. Wie der STERN später über Niemanns Abgang schrieb: Mit dieser Fusion hatte man ihm „auf der Zielgerade in die Kniekehlen geschossen“.

Es war mir ziemlich egal, ob sie mich und meine Reihen in Ruhe ließen (was sicherlich auch nicht dauerhaft gewesen wäre). Die Struktur dieser Gemeinschaft würde zerstört werden. Die mühsam von Niemann entwickelte Feinmechanik, in der jedes Rädchen geschmeidig ins andere griff, würde die neue Biertischphilosophie nicht überleben, die da lautete: „Die schnelle Markt am Hauptbahnhof“. So empfand ich das jedenfalls. Und ich kann mich nicht erinnern, das es jemand anders sah.

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Fauser plante den Absprung. Wenn Niemann gehen würde (was dieser tapfer bestritt), würde er auch gehen. Trotz Hanna Siehr, die die beste Lektorin war, die er je hatte (wenn beide die endgültige Fassung eines Romans im Konferenzraum bearbeiteten, qualmte das ganze Stockwerk und Jörg tauchte gelegentlich in meinem Büro auf und schäumte vor Wut über Hanna. „Tja, Jörg, so ist das nun mal, wenn man mit der BESTEN arbeitet. Das halten nur die BESTEN aus“, spendete ich gerne Trost.).

Dann tauchte Michael Görden von Bastei-Lübbe auf meinem Radar auf.goerden_22_11_2013_bearb_web1

Ich weiß nicht mehr, warum. Es könnte um eine Übersetzung gegangen sein, oder Rolf Giesen sollte ein Projekt für Görden entwickeln,,, Keinen Schimmer mehr. Görden war mir jedenfalls nicht unbekannt. Jeder in der Branche hatte mitbekommen, dass sich bei Bastei-Lübbe etwas tat. Sie hatten für das Hardcover den ehemaligen Piper-Lektor Fritsche geholt. Der Mann, der Forsyth und Ulf Miehe (neben anderen Autoren, die mich weniger interessierten). Und Görden dreht zusammen mit dem zuständigen Verlagsleiter Rolf Schmitz den sogenannten „Heftromanbereich“ auf links, indem sie parallel zum Lübbe-Taschenbuchbereich ein eigenes Taschenbuchsegment aufbauten. Darunter befanden sich Thriller von Arthur Lyons und der erste Nate Heller-Roman von Max Allan Collins (den sie mir vor der Nase weg geschnappt hatten).science-fiction-times-nr-133-aus-1974-magazin1 Görden hatte sich mit Michael Kubiak und Freddy Köpsel (wie Rolf Giesen, Ronald Hahn und ich, ehemaliger Mitarbeiter der SCIENCE FICTION TIMES; aus dieser Kaderschmiede sind auch Koryphäen wie Hans-Joachim Alpers, Uwe Anton,Werner Fuchs – FANPRO und heute Agent von George R.R.Martin – und Bernd W.Holzrichter hervor gegangen). die richtigen Leute geholt, um Bastei in der Science Fiction und Phantastik richtig groß zu machen; zur Nummer Zwei hinter Heyne, dem damals unanfechtbaren Marktführer.

Außerdem hatten sie gerade die erste Paperback-Reihe in Deutschland gestartet.

Unter den ersten Autoren befand sich ein Autor namens Stephen King.

 

Keine Frage: Bastei-Lübbe war heiß. Warum sollte man also nicht mal mit Görden einen trinken gehen, wenn er in Berlin war?

 

 

 

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30 JAHRE SCHWARZE SERIE (Bastei-Lübbe)1/ by Martin Compart
9. November 2016, 1:41 pm
Filed under: Bücher, Jörg Fauser, Krimis, Noir, Porträt, Schwarze Serie | Schlagwörter: , , , ,

Fast hätte ich dieses Jubiläum vergessen, das einem einmal mehr Alter und Sterblichkeit verdeutlicht: Vor 30 Jahren kamen bei Bastei-Lübbe die ersten Bände der SCHWARZEN SERIE auf den Markt. Ich versuche mal, an Hand der Tagebücher und Terminkalender aufzuzeigen, wie es dazu kam.

PROLOG. Teil Eins: IM SCHATTRN DER EULE

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1985 war ein gutes Jahr für Ullstein – und eines der schlechtesten. Der Verlag war weiterhin auf Erfolgskurs. Viktor Niemann hatte in fünf Jahren aus Ullstein einen big player gemacht. Man konnte ihm dabei Machiavellismus vorwerfen (wie es mir gegenüber ein Agent bewundernd tat), aber das war es nicht. Er hatte den Verlag zu einer eingeschworenen Gemeinschaft geschmiedet, die nicht an tumber Hierarchie versteinerte. Und er hörte sich jede noch so idiotische Idee (davon hatte ich reichlich auf Lager) an und diskutierte sie durch, statt sie vom Tisch zu wischen.

Er gab jedem das Gefühl, dass er ihm vertraute und hinter einem stand.

img_3261Trotzdem zeigte sich ab 1984 eine negative Seite an Viktor Niemann: Er stellte keinen Wodka, Gin oder Whisky mehr in dem öffentlich zugänglichen Kühlschrank im 10,Stock und ließ auch sein Büro nicht unabgeschlossen. Damit war es vorbei mit kühnen Kommando-Unternehmen aus dem Bauch des Verlages, wenn einem nach Dienstschluss bei einem Besäufnis in der Herstellung der Sprit ausging. Der Verleger verletzte seine Fürsorgepflicht. Erste Zeichen der nahenden Katastrophe?

Wir ahnten es damals nicht, machten uns aber Sorgen um den moralischen Verfall des Verlages.

9783548365312-us-3001Meine neuen Reihen, ULLSTEIN ABENTEUER und POPULÄRE KULTUR, hatten sich fest im Markt etabliert. Die KRIMI-Reihe hatte durchgesetzt, dass nun Kriminalromane in Reihen auch mal 9,80 DM kosten durften (da man auf Kürzungen verzichtete. Der erste so teure Band war UMWEG ZUR HÖLLE von Ross Thomas. Um das Besondere herauszustreichen, hatte ich Jörg Fauser zum Mitherausgeber gemacht und Jörg trug ein großartiges Nachwort zu Ross bei, das die FAZ vorab druckte). Dr.Maitre verließ uns um in die USA zu gehen und Andreas Catsch wurde neuer Cheflektor (da Mönninghof uns ebenfalls verließ). Die grandiose Jutta Wannenmacher war mit der Reihe ULLSTEIN MARITIM ungekrönte Reihen-Königin (mit Auflagen, da konnte ich selbst bei den Krimis nur von träumen). Frau Dr.Jacobson managte die ALLGEMEINE Reihe so clever, das sie „meinen“ Len Deighton zur Taschenbuchverwertung bekam (was mir überhaupt nicht gefiel). Ich sah darin schon das Aushöhlen der Genre-Reihen. Und schließlich hatte ich Deighton (Berlin-Trilogie) wieder zu Ullstein geholt, damit ich eine Hardcover-Auswertung für die Krimi-Reihe bekam. Nagut, wenn ich ihn schon nicht kriegen sollte, dann ging Deighton wenigsten an die hoch geschätzte Kollegin, die sich fit hielt, indem sie jeden Tag zu Fuß in den 8.Stock, wo das Lektorat saß, hinauf lief. Und das in atemberaubender Geschwindigkeit, ohne außer Atem zu geraten.

Ich bevorzugte verkatert den Fahrstuhl. Ging nicht ganz so schnell, aber ich kam ebenfalls nicht atemlos an.

 

Alle waren gut drauf.

 

a41Die Nächte mit Jörg waren lang, unsere Gespräche kurzweilig. Manchmal waren sie zu lang. Dann erlebte man den Morgen beim Weißbier-Frühstück im „Schwarzen Café“ oder ging gleich ins „Kaffee Kaputt“ zu richtigen Sachen über:

„Nach der Nacht brauche ich jetzt was erfrischendes, was fruchtiges.“

„Vitamine.“

„Ja, was gesundes mit Vitaminen.“

„Tequilla Sunrise.“

„Sehr gut. Fruchtig und reich an Vitaminen.“

„Im Grunde eine Art Obstgetränk,“

„Das gibt Energie. Diese Sauferei frisst einem die Vitamine weg.“

„Also?“

„Bestell.“

„Keeper! Zwei Tequilla Sunrise.“

„Kommt sofort.“

„…?“

„…?“

„Und zwei Tequilla dabei.“

„Doppelte.“

„Schon wegen der Zitrone.“

„Und dem Salz. Man verliert in solchen Nächten viel Salz.“

 

Jörg hatte DAS SCHLANGENMAUL geschrieben und die Bavaria kaufte umgehend die Filmrechte. Jörg schrieb weiterhin für Achim Reichel und sammelte Tantiemen.

Jörg war ganz schlecht auf das Finanzamt zu sprechen, Und auf die Künstlersozialkasse, die ihn (plus Nachzahlung) in die Mitgliedschaft zwingen wollte. Er sah sich schließlich als freier Unternehmer im „Unternehmerverband Wort“. Wie er im Autor-Scooter sagte:“Ich bin Geschäftsmann. Ich vertreibe Produkte, die ich herstelle. Writing is my business.“

 

Min. 14:20

Die Stimmung war gut in Berlin.

Rolf Giesen und ich planten für die POPULÄRE KULTUR einen weiteren Aufreger (wie zuvor sein kleiner Bestseller KINO, WIE ES KEINER MAG) mit dem schönen Titel DIE NATION DREHT DURCH. Außerdem enwickelten wir den Slogan „Europa prima“

Ullstein-Hochhaus in der Lindenstrasse

Ullstein-Hochhaus in der Lindenstrasse

Mit Hanna Siehr (Herausgeberin der Reihe FRAU IN DER LITERATUR) auf dem Wannsee zu segeln, war ein wöchentliches Highlight und ich hatte auch endlich einen Assistenten an die Seite gestellt bekennen: Simonides (Simmi) kümmerte sich höchst engagiert um die ABENTEUER-Reihe. Der Ex-Propylän-Lektor fuhr voll auf C.S.Forrester ab und AFRICAN QUEEN und BROWN ON RESOLUTION hätte ich ihm aus den Händen sägen müssen um selber darin rumzufuschen. Die Vertreter waren gut drauf und wir dachten uns beim vorabendlichen Besäufnis der Programmkonferenz irgendwelchen Blödsinn aus („Herr Compart, wo bleibt Frank Gruber in der Krimi-Reihe?“) um die Konferenz etwas munterer zu gestalten. Ronald M.Hahn hatte trotz geringer Mittel die SF-Reihe etabliert und immer wieder Titel ausgegraben, die auch Heyne als Marktführer gemacht haben könnte. Im Gegensatz zu mir und den Krimis, hatte er eine völlig runter gewirtschaftete Reihe übernommen und trotz Altlasten innerhalb von vier Jahren daraus ein eigenständiges Markenzeichen gemacht.

Alles war gut.

Dann bekam ich Post von Dr.Maitre aus den USA. Der Brief knallte mich umgehend auf den Arsch:

„Ihr werdet verkauft an Fleißner. Sie selbst müssen sich keine Sorgen machen.“

NICHTS war mehr gut.

(Fortsetzung folgt)

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