Martin Compart


TRUE DETECTIVE 2 „Niemand wird von seinem eigenen Geld reich.“ by Martin Compart
9. Januar 2017, 4:45 pm
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Ich schaue mir gerade zum vierten Mal TD2 an. Es wird mit jedem Mal besser!

Ich habe nie erschreckendere Bilder gesehen oder Dialoge gehört. Wahrlich ein End – oder Höhepunkt der Noir-Ästhetik  – und deshalb natürlich von den üblichen Dummschwätzern nicht begriffen. TW2 schließt Horizonte und ist nur für Nervenstarke überhaupt erträglich. Auszusteigen ist Selbstschutz. Das Werk nieder zu machen, erbärmlicher Schutz für oder vor sich selbst.

Es ängstigt zutiefst, da es unseren zivilisatorischen Zustand spiegelt, der wohl ein zivilisatorischer Endpunkt ist vor dem Rückfall in die Barbarei.

Und was für grandiose Lines und Dialoge!

„Tu mir das nicht an. Er ist das einzige Glück in meinem scheiß Leben.“

„Findest du nicht, er hat etwas besseres verdient?“

„Ich habe den schweren Verdacht, wir bekommen die Welt, die wir verdienen.“

„Die Gründe für mich… Die Gründe dafür, weiter zu machen. Die Gründe dafür gibt es vielleicht bald nicht mehr.“

 



Der NOIR-HÖHEPUNKT DES JAHRES by Martin Compart
26. Dezember 2016, 12:51 pm
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TRUE DETECTIVE 1 war ein TV-Höhepunkt der letzten Jahre – trotz gewisser Schwächen in der Handlungsführung und die manchmal gequälten Bezüge zu Thomas Ligotti und Robert W. Chambers (Obwohl diese in einem Noir-Kontext frisch und originell erschienen) und dem unbefriedigenden Finale. Dann legte der ungekrönte König des Noir-Dialogs, Nic Pizzolatto, eine Schaufel drauf, um aus einer Systembestandsaufnahme ein in dieser Qualität nie gesehenes Noir-Melodram als griechische Tragödie zu entwickeln, die nebenbei unaufdringlich Zitate aus der Noir-Kultur einfließen lässt (zum Beispiel ist die weibliche Protagonistin nach der Noir-Ikone Bezzerides, The Long Haul, Thieves’ Market, benannt oder das Showdown in/aus HIGH SIERRA. Pizzolatto bestritt, irgendwelche Zitate bewusst eingebaut zu haben). Die Show verdankt viel den klassischen kalifornischen Noir-Romanen. Am deutlichsten wird das, wenn man TD2 mit James Ellroy vergleicht, dessen Cops wiederum stark von Joseph Wambaugh beeinflusst sind. Ellroy mit Hirn.

Apropos Zitate: Ohne den ATLANTIC hätte ich nicht bemerkt, dass Pizzolatto die Figur des Dr.Pitlor mit der 80s-Ikone Rick Springfield besetzt hat! Wahrscheinlich die größte Leistung des ATLANTICS in der Reflektion über des sie überfordernden Kunstwerkes.

In ihren ästhetischen Bemerkungen voller erschreckender Belanglosigkeiten, haben die meisten deutschen „Kritiker“ auch bei TRUE DETECTIVE 2 einmal mehr nicht verstanden, was vor ihren angefaulten Hirnzellen die strapazierten Sehnerven belästigte. Das verbliebene Erkenntnispotential wird gebraucht, um allwöchentlich eine Lobpreisung auf die Stuben-Krimis des TATORT heraus zu krakeelen. Da wurde beklagt, dass „man den Überblick verliere“ oder die Handlung so komplex sei, das Pizzolatto „Den eigentlichen Fall“ aus den Augen verlieren würde. Ja, erstaunlich, wie komplex das Leben sein kann und – wohl noch erstaunlicher – wie ein Korruptionsmord alle politischen Ebenen berühren kann. Manche kamen gar zu der kühnen Erkenntnis, Genre-Regeln als Klischees zu bezeichnen. Das ließe sich wohl auch dem Schachspiel oder der Tragödie vorwerfen. In Genre-Fiction geht es weniger um das „was“. sondern um das „wie“ und „warum“.

Wahrscheinlich war TRUE DETECTIVE 2 dem gepflegten Noir-Fan einfach zu hoffnungslos. Da brannte kein Lichtlein am Ende des Tunnels (nicht mal die Grubenlampe des Vietcong).

„With so many principal characters and interlinking plotlines, viewers will have to take notes as they watch and hope they add up to something more significant than they did last season.“

THE ATLANTIC

„Schmerz ist unerschöpflich, nur die Menschen sind irgendwann erschöpft.“

„Ich habe nicht um diese Welt gebeten. Ich habe mich ihr nur gestellt. Ich bin auf der falschen Seite des Klassenkampfes geboren“, sagt der Gangsterboss Vince Vaughn, der als einziger der „vier Musketiere“ ein materielles Interesse an der Lösung des Falles hat. Er will das System nicht herausfordern oder gar stürzen, er will Teil von ihm werden, wie die großen Verbrecherfamilien des 19. Jahrhunderts, die ihr ergaunertes Vermögen im Laufe zweier Generationen in Respektabilität umgewandelt haben. „Dafür muss man Land kaufen.“ Leider ist auch in den USA die Zeit für Aufsteiger vorbei. Deshalb betrogen die Jungs vom Establishment Vaughn um seine mühsam erplünderten Millionen, mit denen er sich in ein Grundstücksgeschäft einkaufen wollte (man vergiftet gutes Land, um es dann billig zu kaufen, da eine staatlich subventionierte Eisenbahntrasse darüber führen wird). Es ist bezeichnend, dass der Gangster als Einziger der Protagonisten über politisches Bewusstsein verfügt und das System durchschaut. Die anderen sind lediglich enttäuschte Trump-Wähler.

Die drei weiteren Player haben noch pubertäre Vorstellungen von Gerechtigkeit in ihren kaputten Hirnen: die auf Autarkie fixierte Polizistin, deren Vater eine Art Hippie-Guru war (der nicht mal den Unterschied zwischen Athene und Aphrodite kennt), der schwule Motorrad-Cop, der seine Verbrechen als folternder Special Force im Seelengepäck mit sich herum schleppt, und der etwas tumbe und korrupte Bulle aus Vinci, den nur die Liebe zu seinem Sohn vor der vollständigen Selbstzerstörung bewahrt und dessen Kopf voller Erinnerungen ist, von denen er nichts mehr wissen will. Anfangs ist nicht klar, ob er vom korrupten Establishment noch absorbiert wird, oder bereits reduziert. Naivlinge, die einfach nicht begreifen wollen, dass sehr wohl sein kann, was nicht sein darf. Alle am Rande der inneren Emigration. Keiner von ihnen (außer Vince Vaughn) kennt das Kleingedruckte auf der Rückseite des Gesellschaftsvertrages.

Die fiktive Stadt Vinci (sie basiert auf dem realen Vernon), ein eigenständiger Vorort von Los Angeles, ist als Korruptions- und Gangstersumpf ein gelungenes Update von Hammetts Poisonville oder Chandlers Bay City. Eine schwer überbietbare zivilisatorische Müllhalde, deren Bürgermeister ein Haus in Bel Air hat. Er ist eine schöne Metapher für die Superreichen, die ganze Länder verpesten, während sie sich in Neuseeland und ähnlichen Idyllen Wohnanlagen mit Flugzeuglandeplätzen bauen, um sich rechtzeitig absetzen zu können, wenn „die Mistgabeln kommen um sie abzustechen“. Die folgerichtige Entwicklung der USA, seit in der Prärie der Stacheldraht eingeführt wurde.

Wie der katholische Glaube das Mittelalter beherrscht hat, basiert der westliche Kanon seit 1990 auf Korruption. Wie es bereits in der ersten Folge ausgedrückt wird: „everyone gets touched“. Die Evolutionsforscher haben nachgewiesen, das Moral die Anpassung an komplexes Sozialleben bedeutet. TW2, wie das Noir-Genre generell, zeigt die Zerstörung unserer Gesellschaftsstrukturen durch amoralische Eliten und ist somit Bach wie vor die Gattung, die unsere Realität am genauesten widerspiegelt.

Ab der 6.Folge ändert sich der Rhythmus der Serie. Das Spiel der ungleichen Vier ist bereits so gut wie verloren und nun geht es darum, wie man persönlich noch aus der Nummer rauskommt. Die Dialoge werden spärlicher, die Verzweiflung wächst. Kaputte klammern sich kurz an Kaputte, um dem unausweichlichen Schicksal ein paar Momente des Vergessens abzuringen. In einer Noir-Ästhetik in Szene gesetzt, gegen die klassische Filme der Schwarzen Serie wie ein Pirelli-Kalender wirken. Die Totalen auf Südkalifornien zeigen ein ausgelaugtes „Düsterland“, durch das sich der Highway wie eine giftige Schlange windet.

Wenn am Ende einem Pressemenschen die Beweise für die Korruption und andere Verbrechen übergeben werden, weiß der aufgeklärte Zuschauer, dass dies nichts nützt. Die US-Presse hat sich seit ihrer Hofberichterstattung während des Rumsfeld-Regimes zur Bedeutungslosigkeit herunter gewirtschaftet. Und falls sie diesen (Einzel-)Fall aufgreifen würde, wäre er nur eine weitere „Verschwörungstheorie“.

Das Genre zeigt sich selten desaströser; Pizzolatto entkleidet es, wie schon Manchette und Derek Raymond ihm den falschen Pathos wegrissen. Durch ihr hoffähiges Streben nach Gerechtigkeit haben sie sich vollständig isoliert, haben sich zu viele Feinde gemacht: „Wenn man sie alle umbringen würde, müsste man in der Hölle anbauen“ (Cormac McCarthy). Als echte Noir-Charaktere bestehen sie auf die Unterschiede und nicht auf Gemeinsamkeiten. Aus positiver Resignation im Sinne von Marcuse wird in den letzten Folgen überdrüssige Resignation. Der hilflose Zorn der Protagonisten überträgt sich auf die Zuschauer. Oder wie es die oft großartige Nina Rehfeld treffend ausgedrückt hat: „Pizzolattos Wut auf die Welt tut „True Detective“ gut.“ Wie seine Helden, kämpft auch Pizzolatto gegen das (TV-) System – nicht von Ungefähr ist David Milch eines seiner Vorbilder. Nach dem Kritiker-bashing (die Quoten waren ordentlich), ist sein „Wonder-Boy-Status“ natürlich angekratzt. Da versucht man wohl mit ästhetischen Pseudo-Argumenten den schärfsten Kapitalismuskritiker im TV weg zu mobben.

Wie in TD1, gibt es auch in TD2 eine große Action-Szene, eine Scießerei vor einer explodierenden Drogenküche, die dem Anfang von WILD BUNCH in nichts nachsteht.

Für den Soundtrack ist wieder T Bone Burnett zuständig. Als Titelmusik wählte er einen großartigen (neueren) Song von Leonard Cohen aus: Nevermind. Der fieberige Rhythmus dieser düsteren Noir-Ballade wird musikalisch perfekt umgesetzt und schafft eine weitere Dimension. Ich hatte nie viel übrig für Ein-Mann/Frau-und-seine-Gitarre-Musik (selbst Dylan beginnt für mich erst mit dem 5.Album), aber Lera Lynn mit ihren Noir-Songs in der düsteren Kaschemme, die Vince Vaughn und Collin Farrell als Treffpunkt für nihilistische Dialoge dient, hat mich umgehauen!

TD2 ist schlichtweg das Noir-TV-Meisterwerk, das auf allen Ebenen den aktuellen Stand der amerikanischen Abteilung der Gattung in Vollendung vorführt. Die Serie wälzt sich nicht in absurden Szenen, die Absurdität des Systems ist ihre Basis. Sie ist ein Trauma menschlicher Dummheit, eine unglaubliche Demonstration zivilisatorischen Versagens, in der die Tage vergehen wie verwesende Leichen. Die Serie zeigt, wohin ein System abdriftet, in dem Menschen Millionen Dollar im Jahr verdienen, nur weil sie telefonisch erreichbar sind und in den richtigen Adressbüchern stehen, immer auf der Suche nach noch finsteren Tiefpunkten menschlichen Verhaltens. Wo diese Figuren schlüpfen, könnte auch Charles Darwin nicht erklären.

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NEWS: TRUE DETECTIVE 2 by Martin Compart
12. Dezember 2016, 5:28 pm
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Rechtzeitig zu den besinnlichen Tagen, wird die DVD-Box von TRUE DETECTIVE 2 geramscht. Ein guter Moment, um einen Blick auf dieses gigantisches Noir-Meisterwerk z7u werfen (ich weiß: die meisten Kritiker waren anderer Meinung. Aber für sie gilt bekanntlich: Immer im Irrtum, nie im Zweifel). Näheres jetzt im CRIME TV-Blog. https://crimetvweb.wordpress.com/2016/12/12/der-bisherige-noir-hoehrpunkt-der-tv-geschichte-true-detective-2/

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