Martin Compart


KLASSIKER DES POLIT-THRILLERS – SPYTHRILLER: JOHN BUCHAN 2/ by Martin Compart


1916 diente Buchan als Stabsoffizier im französischen Hauptquartier der englischen Armee. Während des Krieges lernte er den späteren Feldmarshall Edmund Ironside, Lord of Archangel, kennen, der im Krieg mit nachrichtendienstlichen Aufgaben in Rußland betreut war.Ironside war angeblich das Vorbild für Richard Hannay (seine Figur Sandy Arbuthnot, Kenner und Freund der arabischen Welt, basiert zweifellos auf dem begeisterten Buchan-Leser T.E.Lawrence und dessen arabische Abenteuer).

Nachdem Lloyd George Premierminister geworden war, holte man Buchan als Direktor ins Informationsministerium unter Lord Beavenbrook. Kurze Zeit später wurde er Chef des Nachrichtendienstes. Ereignisse dieser Zeit hat Buchan geheim gehalten und kein Biograph weiß nähere Einzelheiten über Buchans Treiben als Geheimdienstler.

Nach dem Krieg verlief seine Karriere weiterhin erfolgreich. Es würde den Rahmen sprengen, wollte man alle gesellschaftlichen Stellungen und Auszeichnungen und seine vielfältigen literarischen Aktivitäten hier gebührend würdigen. 1924 bis 1930 war er Präsident der schottischen historischen Gesellschaft. Von 1927 bis 1935 war er konservativer Abgeordneter des Parlaments; 1933 wurde er für zwei Jahre Hochkommissar für die schottische Kirche. 1935 wurde er als Baron Tweedsmuir in den Adelsstand erhoben und bis zu seinem Tod am 11.Februar (einige Quellen nennen den 6.) 1940 war er Generalgouverneur von Kanada. In dieser Funktion unterschrieb er am 9. September 1939 die kanadische Kriegserklärung an Deutschland.

Obwohl er ein überzeugter Tory war, setzte er sich für progressive Ideen ein: Er unterstützte die Suffragetten, stimmte für die Anerkennung der Sowjetunion und setzte sich nach dem Krieg für eine Amnestie der Kriegsdienstverweigerer ein.

1915 erschien mit THE 39 STEPS der Roman, der bis heute die entscheidenden Impulse für die romantische Richtung (im Gegensatz zur realistischen, von Maugham und Ambler ausgehend) des Spionageromans setzte: Der Gentleman-Agent, der im Dienste seines Landes gegen eine feindliche Umgebung das bedrohliche Ungeheuer besiegt.

Im ersten Roman ist Buchans Held Richard Hannay noch ein Zivilist, der zufällig in einen Komplott verwickelt wird. Wir wissen, dass Buchan großen Eindruck auf Hitchcock machte, der die 39 STUFEN 1935 verfilmte und immer davon träumte, eines Tages GREENMANTLE zu adaptieren. Angesichts der geradezu schwachsinnigen Umsetzung der 39 STUFEN, , muss man wohl dankbar dafür sein, dass es nie dazu kam.

Buchan war der erste Spionageromanautor, der überzeugende Serienfiguren erfand und mit Richard Hannay und seinen immer wieder kehrenden Freunden einen eigenen Kosmos von Agenten schuf.

Der Anfang der 39 STEPS erinnert an den Anfang eines anderen großen Abenteuerbuches eines ebenfalls großen schottischen Abenteuerromanciers, in dessen Tradition sich Buchan immer gesehen hat: an Robert Louis Stevenson „Schatzinsel“. Beide Bücher beginnen damit, dass ein Sterbender die Szene betritt um dem Protagonisten eine geheimnisvolle Nachricht mitzuteilen, deren Entschlüsselung für den Handlungsverlauf von immenser Bedeutung ist. Die spätere Hetzjagd durch die Highlands wiederum verdankt Stevensons Roman „Entführt“ einiges.

Viele halten den zweiten Hannay-Roman GREENMANTLE, in dem sich Buchans Held als Spion durchs deutsche Reich und die Türkei schlägt um zu verhindern, daß die Deutschen durch das Anfachen eines Jihad den Kriegsschauplatz vergrößern, für einen noch besseren Roman.

So gut und spannend dieser Roman auch ist, er hat nicht die Geschlossenheit der 39 STEPS. Erstaunlich ist jedenfalls, das Buchan als Ich-Erzähler Hannay die Deutschen nicht einfach verteufelt und dem Kaiser sogar so etwas wie Sympathie entgegen bringt. Trotz der Anerkennung „deutscher Tüchtigkeit“ bleiben die Teutonen natürlich die Feinde die ein Lebensprinzip verkörpern, das einem Angelsachsen wenig lebenswert erscheint. Im Gegensatz zu seinen Vorgängern, wie LeQueux, oder den trivialen Nachfolgern à la Sapper und Horler, bemüht er sich aber um ein differenzierteres Bild.

Reale Ereignisse und Personen spielen in seinen Romanen eine wichtige Rolle, denn sie sind Auslöser für seine Plots, die damals als zu Recht als realistisch empfunden wurden: In den 39 STUFEN geht es darum, dass die Deutschen versuchen, die britischen Marinepläne zu stehlen.

GREENMANTLE gipfelt in der Darstellung einer realen Schlacht, der Kampf um Erzerum und erinnert auch an Gordons Verteidigungsschlacht um Khartoum.

PRESTER JOHN basiert auf Bambatas Revolte in Natal und MR.STANDFAST reflektiert die britische Friedensbewegung und die Arbeiterkämpfe während des Krieges.

 

Wie aktuell und zeitbezogen Buchan gearbeitet hat, lässt sich an GREENMANTLE besonders gut ablesen:
„Die Eroberung Erzerums war eine der brillantesten Leistungen des gesamten Krieges“, meinte John Buchan. Die Berichte von diesem Ereignis, die London (im Februar 1916) erreichten, waren so aufregend, dass Buchan, als er den Fall von Erzerum zum Höhepunkt seines Romans GRÜNMANTEL machte, kaum etwas dazu erfinden musste… Buchan verfügte damals über sehr gute Beziehungen sowohl zum britischen Kabinett als auch zum Kriegsministerium… Wilson erinnert auch daran, dass Buchan zur Zeit des Falls von Erzerum gerade eine wichtige russische Delegation in Großbritannien zu betreuen hatte… Als bittere Fußnote zum russischen Sieg lässt sich anfügen, dass Zar Nikolaus und seine Familie kurz vor ihrer Ermordung durch die Bolschewiken GRÜNMANTEL in der Gefangenschaft gelesen hatten und – einem herausgeschmuggelten Brief zufolge – „ungemein aufgemuntert und getröstet“ von Buchans erregendem Bericht über den Sieg des Großfürsten gewesen waren… Einem Freund gegenüber äußerte T.E.Lawrence, GRÜNMANTEL enthalte „mehr als nur ein Körnchen Wahrheit“ (Peter Hopkirk: ÖSTLICH VON KONSTANTINOPEL, Europa Verlag, 1996).
Buchan hat bereits ähnlich gearbeitet wie spätere Polit-Thriller-Autoren, die ihre Themen genau recherchieren und über „besondere“ Quellen verfügen.

Auch was die Zeitnähe von Thema und Roman angeht ist GREENMANTLE ein beeindruckendes erstes Beispiel: Die Schlacht um Erzerum war am 16.Februar 1916 beendet; im Januar hatte Buchan für einer Vorschuss in Höhe von 750 Pfund einen Vertrag für GEENMANTLE unterschrieben. Er schrieb den Roman zwischen Februar und Juni; anschließend wurde er im Magazin „Land and Water“ als Serie vorabgedruckt, bevor im Oktober 1916 der Roman als Buch erschien. Es war sogar noch erfolgreicher als THE 39 STEPS und lange Zeit Buchans bestverkauftes Buch.

Robert Powell verkörperte Hannay auch in einer kurzlebigen TV-Serie.

Den ersten expliziert antisowjetischen Thriller der Spionageliteratur schrieb John Buchan mit seinem ersten Dickson Mc’Cunn-Roman, HUNTINGTOWER, 1922, in dem der Held eine ruritanische Prinzessin vor Bolschewisten rettet.

Ganz unverhohlen  drückte sich Buchans Liebe zur Monarchie im dritten und letzten Mc’Cunn-Roman, THE HOUSE OF THE FOUR WINDS, 1935, aus:  In dem ruritanischen Land Evallonia kämpfen die Helden gegen Kommunisten um einen Prinzen wieder auf den Thron seiner Vorfahren zu setzen.

In seinem leider weniger bekannten Roman THE COURTS OF MORNING, 1929, der in dem auf Chile basierenden fiktiven Land Olifa spielt, setzt er sich ernsthaft mit den faschistischen und korrupten südamerikanischen Diktaturen auseinander.

Im Thriller A PRINCE OF CAPTIVITY (1933) untersucht er die europäische Politik und den aufsteigenden Faschismus; bemerkenswert auch, dass dieser Roman im Jahr von Hitlers Machtübernahme erschien.

Unübertroffen ist Buchan in seiner romantischen Darstellung – wenn man will: Verklärung – von allem, was britisch ist. Kaum ein anderer Autor kann Schönheit und Traditionen der Insel so schwärmerisch und mitreissend beschreiben. Dabei zeichnet ihn über seine klar umrissenen Feindvorstellungen auch eine typisch britische Toleranz aus, die man bei vielen seiner Zeitgenossen vergeblich sucht.

SPOOKS großartiger Adam Carter, alias Rupert Penny-Jones, in der bisher letzten Verfilmung: