Martin Compart


DER SPION, DER AUS DER WÄRME WOLLTE: ADAM DIMENT by Martin Compart

‘You Don’t Listen to Adam Diment.‘You Read Him.’

Wer 1967 durch London lief, konnte diesen Spruch prominent an den zweistöckigen Bussen präsentiert sehen. Über dem Spruch sah man das Bild eines blonden jungen Mannes, der Kontinentaleuropäer vielleicht an Michel Polnareff erinnerte.

Was wohl niemand so recht wahrnahm: Dies war ein Teil der ersten großen Marketing-Strategie um einen neuen Autor mit seinem Erstling zum Bestseller zu machen. Und es ist bis heute eine der cleversten PR-Aktionen der Branche. Etwas, das es zuvor nicht gegeben hat, und etwas, das nie mit dieser präzisen Punktlandung wiederholt wurde. Dazu später mehr.

1967 war ein entscheidendes Jahr für die Pop-Kultur: Die Haare wurden extrem lang, in den USA erhoben die Hippies ihre dämlichen Häupter um einen zugedröhnten Summer of Love zu intonieren, die Stones wurden wegen Verstoßes gegen das Betäubungsmittelgesetzes vom Establishment vor Gericht gezerrt, Langspielplatten verkauften erstmals mehr Einheiten als Singles, Dylan war elektrisch geworden, die Doors veröffentlichten ihr erstes Album und Kritik und Verachtung für den Kapitalismus wurde stärker und stärker.

Die Kriminalliteratur hatte jungen Lesern nichts generationsspezifisches zu bieten.

Natürlich lasen auch die Baby-Boomers Chandler, Hammett und Epigonen, aber Agenten-Thriller, in denen faschistoide Einzelkämpfer den Imperialismus verteidigten, waren keine Option.

James Bond war seit dem GOLDFINGER-Film eine antiquierte Ikone der Angestellten-Kultur, die man sich bekifft amüsiert reinziehen konnte. Für literarisch interessierte kiffende Langhaarige, die Beat (der ab 67 Rock hieß) hörte, war nichts überzeugendes am Start.

Bis Philip McAlpine kam.

Erster Auftritt in dem Roman THE DOLLY DOLLY SPY, geschrieben von einem 23jährigen Adam Diment.

Und wer war dieser Adam Diment?

Frederick Adam Diment wurde 1943 in Weymouth geboren.

Seine Eltern waren erfolgreiche Farmer in Crowhurst, East Sussex. Er stammte aus „gutem Haus“ in wirtschaftlich besten Verhältnissen. So wundert es nicht, dass ihn seine Eltern auf das ehrwürdige viktorianische Internat Lancing schickten, das u.a. Evelyn Waugh, Tom Sharpe, Christopher Hampton und David Hare als Schüler verzeichnet hatte. Zu Adams Schulfreunden zählte Tom Rice, der später als Texter für Andrew Lloyd Webber Weltruhm erlangen sollte.

…beim kiffen.


Rice war es, mit dem Diment nach London ging und eine Wohnung teilte. Rice verdiente sein Geld als Referendar in einer Anwaltskanzlei und träumte von einer Karriere als Pop-Musiker. Diment arbeitete in der Werbeagentur Connell, May & Stevenson, wo er auch seine „Muse“ kennenlernte: Suzy Mandrake, die gelegentlich als Model arbeitete.

Vor allem gingen die Drei vollkommen in der Welt des Swinging London auf, besuchten Clubs, hingen mit Musikern und anderen Künstlern ab, hörten Musik und kifften ordentlich was weg.

Daneben schrieb Adam wie ein Besessener.

In wenigen Jahren entstanden 14 Romane, die alle abgelehnt wurden. Keines dieser Manuskripte wurde meines Wissens je veröffentlicht – jedenfalls nicht unter Adams Namen. Was verwunderlich ist, denn spätestens nach seinem Welterfolg hätten sich die Verlage wie Harpyien auf sie stürzen müssen.

Dann zog Adam nach Fulham in ein Flat in der Tregunter Road 28.

Das Haus gehörte dem Schriftsteller James Leasor. Thriller-Fans dürfte der Name auch heute noch ein Begriff sein. 1964 hatte er mit seinem ersten Jason Love-Agententhriller PASSPORT TO OBLIVION einen Bestseller (der im Jahr darauf mit David Niven als Jason Love verfilmt wurde). Leasor wurde damals als weiterer Fleming-Nachfolger gehandelt und die Love-Serie gehört zu den besten Bond-Epigonen.

Leasor riet dem erfolglosen jungen Autor, es doch mal mit einem Thriller in der Tradition von John Buchan und Ian Fleming zu versuchen. Diment war kein großer Fan von Crime Fiction oder Thrillern. Aber er sah durchaus eine Chance in dem Genre, nachdem er intensiv Ian Fleming und Len Deighton gelesen hatte. In nur 17 Tagen schrieb er einen Spionageroman mit ironisierenden Momenten und dem schönen Titel THE RUNES OF DEATH um einen zeitgenössischen Geheimagenten mit einer glamourösen Freundin (die Suzy Mandrake – was für ein irrer Name! – nachempfunden war). Ein italienisches Magazin behauptete 1968, nachdem er in einem Jahr zwei weitere McAlpine-Thriller veröffentlicht hatte: „Mit der Hilfe von Haschisch schreibt Diment 750 Worte in der Stunde.“

Diment gab das Manuskript seinem Freund Rice. Der war so angetan, dass er es an den renommierten Literaturagenten Desmond Elliott weiterreichte mit der Anmerkung: „It is a a very contemporary spy thriller.“

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Adam mit Elliott und Suzy Mandrake.

Elliott erkannte sofort die Potenz von Autor und Roman.
Er verkaufte das Buch umgehend an den Verlag Michael Joseph und schlug für Diment einen Rekordvorschuss und einen Sechs-Bücher-Vertrag heraus. Es war der höchste Vorschuss, den je ein britischer Verlag gewährt hatte.

Diments Romanmanuskript war so perfekt, dass weder der Agent noch der Lektor bei Michael Joseph etwas änderten. Nur eines sollte verändert werden. Elliott, der wohl schon eine genaue Strategie im Hinterkopf hatte, änderte den Titel in THE DOLLY DOLLY SPY.

Als High-Konzept lässt sich der Roman so zusammenfassen: Ein Sixties-Bengel fängt einen alten Nazi-Kriegsverbrecher.

„Philip McAlpine, Industrieabwehrspion, jung mit einer ausgeprägten Vorliebe für modische Kleidung und hübsche Frauen, wird zu einem Rädchen in der Maschinerie des Geheimdienstes – als Opfer einer Erpressung durch Robert Quine, gnomenhafter Chef einer Ministerialabteilung, der überall dort, wo die britische Flagge weht, Unruhe zu stiften.

Philip McAlpine wird in eine Fluglinie eingeschleust, die alles befördert – Heroin, Goldbarren und Geheimagenten.
Die Flugkapitäne sind Spezialisten für hochspezialisierte Einsätze. Bevorzugte Schule: Hitlers Luftwaffe und Waffenschmuggel. Man verfrachtet McAlpine aus dem glühend heißen Texas an die Gestade des Ägäischen Meeres. Zwischen den Flügen über die albanische Grenze oder nach Süd-Rhodesien hat er Zeit, sich mit seiner Freundin zu amüsieren.

Da wird der Friede je gestört. Quine erteilt seinen letzten Auftrag. Diesmal hat er es auf eine gerissene Bande ehemaliger SS-Leute abgesehen.

Aber ist Quine zu trauen?

McAlpine fürchtet, der britische Geheimdienst könnte ihm seine Arbeit mit einer Kugel honorieren.
So häufen sich die Intrigen und Gegenintrigen fast ebenso schnell wie die Leichen.“

Stilistisch hatte Diment – weitergehender als Len Deighton – vieles von der Hard-boiled-Novel übernommen: etwa die antiautoritäre Haltung des Protagonisten und das Wisecracking des Ich-Erzählers (“The Tribe war eine Pop-Truppe, die christliche Frisuren mit LSD kombinierte.“, „Die Herren vom Geheimdienst bekommen heutzutage so viel Geld, dass sie sich´s sogar leisten können, ihre Folterkammern durch Innenarchitekten gestalten zu lassen.“).

McAlpines „M“ , Erpresser oder Auftraggeber ist der weichlich daher schwätzende sadistische Chef von CI6, Rupert Quine: „…der Mann wäre eine Zierde der Inquisition gewesen.“

Zwischen ihm und McAlpine manifestiert sich der Generationenkonflikt der 1960er: Antiautoritär verachtet der Jüngere den Älteren, der ihn per Erpressung ins Establishment zwingen will.

Kiffen mit Suzy.

.McAlpine liebt das Luxusleben mit Girls, Dylan, seinen MG-Sportwagen und Haschisch.

Haschischrauchen war ein kleines Laster, das ich mir als Student zugelegt hatte, als Säure noch kein Synonym für LSD war, sondern etwas, das betrogene Liebhaber der Treulosen ins Gesicht schütten… Haschisch ist an und für sich kein Narkotikum. Ob es dazu führt, dass man mit der Zeit andere Drogen bevorzugt, an denen man hängenbleibt, weiß ich nicht. Ich nehme an, das ist ungefähr ebenso wahrscheinlich wie die Chance, nach dem ersten Glas Cypernsherry mit einer Flasche Methylalkohol unter der Waterloo Bridge zu enden.

Die Neigung zum Shit wird ihm zum Verängnis, denn dadurch wird er erpressbar und zur Agententätigkeit gezwungen, ganz wie damals die Rauschgiftdezernate ihre Spitzel angeworben haben: „Da es in Großbritannien strafbar ist, Haschisch zu verzehren, zu besitzen oder zu verkaufen, hatte mich dieser Spionagesattrap ebenso fest in der Hand, als wäre ich ein Hochverräter.“

As a guy who spent a semester of college in Holland, I can assure you that dope and physical violence are an impossible combination — and it’s something Diment too knows, as his hero Philip McAlpine only relaxes with a bit of hash here and there.” Ein Leser, der ihn erst kürzlich entdeckt hat.

Diment traf den Zeitnerv. McAlpine sprach ein junges Publikum an, ohne ältere Thriller-Leser zu vergraulen, da die Regeln des Genres nur modifizierte, Personal und Attitüde dem Zeitgeist anpasste.

So irrsinnig es klingen mag, aber dieser erste Roman ist im Vergleich zu den folgenden eher realistisch. Die Flugszenen zeigen, dass Diment auch Gavin Lyall genau gelesen hatte.

Dann began Elliott mit einer PR-Strategie, die die konservative Buchbranche verblüffte.

Zuerst machte er aus Diment McAlpine, indem er ihn in ausgeflippte Klamotten steckte. Diment bekam auch einen nagelneuen Aston Martin, den er vorzugsweise in Chelsea parkte. Es gab Fotoshootings bei denen Diment mit schönen Frauen agierte. Eines der ausgeflipptesten ist das mit der Sängerin Victoria Brooke und einem Doppeldecker (trotz regelmäßigen Haschischkonsums gelang es ihm nicht, aus eigener Kraft zu fliegen).

Die Zeitungen spielten begierig mit um aus Diment die „heißeste Nummer seit den Beatles zu machen“. Plakate mit seinem Konterfeit warben für THE DOLLY DOLLY SPY in U-Bahnen und an Bussen. Elliott übernahm das Marketing der Musikindustrie und machte aus dem Autor einen Pop-Star mit seinem neuen Album. Tourneen durch die USA und andere Länder folgten.

Elliott verkauft sein Produkt in 17 Länder, in denen es in 13 Sprachen übersetzt wurde. Bei uns wurde es von Droemer-Knaur verlegt – und floppte (der vierte Band wurde nicht mehr ins Deutsche übersetzt).
Innerhalb eines Jahres verkaufte der Roman eine Million Exemplare weltweit.

FORTSETZUNG FOLGT

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