Martin Compart


DER SPION, DER AUS DER WÄRME WOLLTE 3/ by Martin Compart

Am 3.April 1969 verließ Adam Diment London zusammen mit der schönen Kubanerin Camille, die er auf einer Party kennengelernt und THE BANG BANG GIRLS gewidmet hatte.

In den nächsten zwei Jahren lebte er mit ihr in einer Villa in Rom, trieb sich aber auch in Asien, auf Ibiza und in anderen Ländern herum. Geld spielte keine Rolle: Die McAlpine-Quelle sprudelte auch durch Lizenzen und Übersetzungen. Insgesamt soll Diment mit seinen McAlpine-Romanen etwa 100.000 Pfund verdient haben. Aber das sind nur Spekulationen, die auf Schätzungen basierten.

Jedenfalls genoss Diment das Leben in vollen Zügen und dazu gehörten natürlich Drogen. Und ganz dem Zeitgeist entsprechend, zog es ihn in indische Ashrams.

Er hatte sich wohl auch ein paar Feinde und viele Neider gemacht: Zwei anonyme Briefe an die Bank of England beschuldigten ihn der Geldwäsche und des Drogenhandels. Diment wurde nicht belangt, da es bis auf die anonymen Briefe keine Verdachtsmomente gab.

Diment kehrte schließlich in seine Londoner Wohnung in der Tregunter Road 28 in Fulham zurück. Im Gepäck das Manuskript des vierten McAlpine-Romans, das er in Rom verfasst hatte.

1971 erschien THINK INC, Diments letzter McAlpine.

Think Inc. came out in 1971, although seems to be set three years earlier, and is a bleaker novel with bloodier violence than the earlier McAlpine adventures. The hero is kicked out of British intelligence after a defecting spy gets killed, and has to go on the run. In Italy he’s blackmailed into joining a criminal gang and helps them with everything from kidnapping an film starlet to hijacking a Boeing 707. The tone is gloomy.

What’s London like now?’ someone asks.
‘Coming down off its high. The scene is shifting but nobody is sure where to.’

Characters are  better drawn than Diment’s previous caricatures, with a young prostitute effectively and sympathetically sketched in. The book has a grim ending, with McAlpine barely escaping an ambush that wipes out the rest of the gang and probably kills the woman he’s come to love. Add in McAlpine’s moments of introspection in which he realises how sick he is with the violence and casual sex, and it doesn’t seem too surprising this was the last book Diment wrote.“ (Othen)

John Michael O´Sullivan: „The novel starts in the aftermath of an international operation gone badly awry. After a tense showdown with Quine, McAlpine is cut loose and, avoiding an assassination attempt, he bids a dry-eyed farewell to Swinging London and goes on the run. Wandering through Europe, he joins an international crime gang and falls unsentimentally in love, or something like it. It’s a story without hope, each chapter hammering another nail in the coffin of Diment’s “switched-on spy”. It ends on a bleak, tantalising cliffhanger, with McAlpine alone, under attack, out of lives and luck.“ (https://www.esquire.com/uk/culture/news/a9161/the-case-of-the-missing-spy-novelist/ )

„There was a certain bitterness and a certain melancholy in the three previous books despite their garish clothing and wild situations. By Think, Inc., that dark streak has become more prominent. It’s more cynical. It’s more violent.“

Es gab diesmal keinen Presse-Hype und der Erfolg des Buches hielt sich in Grenzen. Das war vielleicht mit ein Grund dafür, das weder Diment noch sein Verlag darauf bestanden, den Sechs-Romane-Vertrag zu erfüllen. Diment hatte genug von seinen Thrillern. Was wirklich bedauerlich ist, denn mit THINK INC verdeutlichte er, wie sensibel er für Zeitstimmungen war und wie faszinierend er diese in Literatur umsetzen konnte.

Neben all diesen Verdiensten ist „Adam Diment“ in erster Linie ein Meisterwerk der Medienkomplizenschaft.

Die Swinging Sixties waren vorbei. Die Zeiten wurden rauer, wie Filme wie GET CARTER und VILLAIN verdeutlichten.

Der Aston Martin wurde verkauft und Diment ging in die Schweiz. Er fuhr einen alten Fiat und arbeitete einige Zeit als Lektor für einen Verlag, der psychologische Bücher heraus gab.

Das Geld aus den McAlpines finanzierte weitere Reisen und Drogen. Angeblich schrieb er auch Bücher, die kein Verlag veröffentlichen wollte. Das erscheint mir recht unwahrscheinlich. Auch wenn ein Verlag Diments neue Bücher nicht gemocht hätte, würde man doch zumindest einen Versuch mit ihnen gemacht haben. Schließlich hätten sie auf die weltweite Reputation hoffen können.
Wahrscheinlicher ist wohl die Annahme, dass Diment immer tiefer vom Drogensumpf aufgesaugt wurde. Vielleicht ist er – wie so viele – in den 1970ern von Cannabis auf härteres umgestiegen…

Irgendwann musste er das Geld durchgebracht haben, Ein Zeitzeuge behauptete, Ende der 70er hätte Diment als Minicab-Fahrer in London gearbeitet.
American backpacker Clay Caughman met Diment in a remote Nepalese hotel, where they co-existed for a time. “We were just really, really quick friends. Adam’s room was next door to mine, and he had a little portable Remington Underwood. He typed every morning, and then this ganja guy would come by and sell us weed every afternoon. We talked a lot, mainly about writing. And he was still living off the proceeds of The Great Spy Race, I remember that!” But when Suzie Mandrake saw him in London at the end of the Seventies, those funds appeared to have dried up. “We’d already lost touch. I was studying painting by then; he pulled up beside me at a bus stop as I was going from one class to another, and said he was working as a minicab driver.” (Othen)

1975, als Diment in Zürich lebte, veröffentlichte der OBSERVER den Artikel „Whatever happened to Adam Diment?“, der kurz für neues Interesse sorgte. Aber Diment scheute die Öffentlichkeit, gab keine Interviews und ließ nicht zu, dass die McAlpine-Thriller neu aufgelegt werden.

Irgendwann in den 1980ern ließ er sich als Landwirt in Kent nieder, heiratete und bekam zwei Söhne.

Er legt nach wie vor keinen Wert auf Öffentlichkeit und es hat lange gedauert, ihn dazu zu bewegen, dass seine Roman neu aufgelegt werden. Zu seinen Bedingungen gehört, dass er weder für Marketing-Strategien, noch für Interviews zur Verfügung steht.

2009 sorgte ein Artikel in dem wunderbaren Blog ANOTHER NICKEL IN THE MACHINE für neues Interesse Diment: http://www.nickelinthemachine.com/2009/08/the-disappearance-of-the-author-adam-diment/ .

Zeitgenössische Thriller-Autoren wie Tom Cain, Peter James, Jeremy Duns oder Adrian Magson „outeten“ sich als Diment-Bewunderer.

Duns: „Despite the marketing on the sex, drugs and rock’n’roll, the books are rather down to earth. I think they’re very under-rated. The marketing at the time sold them as a cool alternative to boring, middle-aged James Bond, and Diment was presented almost as a stand-in for his character. I think that meant people took them less seriously and they were largely forgotten as a result, consigned to a drawer marked ‘novelty act’… His writing is as compelling when describing the mundane – the grey murk of midwinter London, the monotony of office life – as it is when McAlpine decamps to a tropical island or a Swedish orgy. I think the ‚Austin Powers‘ stuff now distracts from just how good a lot of his writing was: he had taut plots and some great sardonic prose.

Tom Cain: „His stories are thoroughly Bond-esque… Agent 007 would have been clueless in the world of the Beatles and the Stones, miniskirts, Flower Power and demonstrations against the Vietnam War. Adam Diment, however, was utterly in his element and his four books are to Bond what Sgt. Pepper was to The Sound of Music: a signal of something clearly rooted in the past that is, at the same time, utterly new.

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DER SPION, DER AUS DER WÄRME WOLLTE 2/ by Martin Compart

Im Frühjahr 1968 erschien mit THE GREAT SPY RACE der zweite McAlpine-Roman, und der Hype ging weiter.
Peter Hebdon vom Verlag Michael Joseph hatte inzwischen die Taschenbuchrechte für eine gigantische Summe an Pan Books verkauft.

Diment war zur Medienfigur geworden: Als das LIFE-Magazin einen Artikel über das Swinging London veröffentlichte, wurde Diment besonders herausgestrichen als Prototyp dieser neuen Spezies.

Im Film POPDOWN, in der die hippe Londoner Szene durch die Augen von Aliens dargestellt wird, trat Diment vor die Kinokamera.

Diment war nicht länger nur ein Medienphänomen, er war Pop geworden.

Als Autor war er genauso populär – wenn nicht sogar populärer -, wie seine fiktionale Kreation. Eigentlich wurde er gleichgesetzt mit McAlpine, weshalb sein Konterfei nicht nur in der Werbung verwendet wurde, sondern in verschiedenen Ländern auch auf den Buchumschlägen. Der Schriftsteller Adam Diment war genauso zu einer Kunstfigur geworden wie der Geheimagent McAlpine.

Nur eine Frage der Zeit, dass sich Hollywood für McAlpine interessierte. Die Spionagewelle war dank James Bond auf ihrem cineastischen Höhepunkt.

1968 kaufte United Artists die Filmrechte. Stanley S. Canter (der später u.v.a. auch GREYSTOKE produzierte) und Desmond Elliott gingen eine Koalition ein, um den Film zu produzieren.

Über die Hauptrolle war man sich schnell einig: David Hemmings war dank BLOW UP das Kinogesicht der Swinging Sixties. Und zu diesem Zeitpunkt galt er als heißester Schauspieler Großbritanniens.

McAlpine sollte nach Bond und Harry Palmer (so hieß Len Deightons namenloser Spion in den drei Filmen mit Michael Caine) die nächste große Spy-Serie werden. Diment und Hemmings trafen sich und alles schien gut und problemlos anzulaufen. Auf dem Klappentext des dritten McAlpine, der im November 1968 erschien, verkündete man den Film als „work in progress“ – und so taten es auch die Medien.

Aber bis heute wurde nichts daraus.

Und Schuld daran war wohl der dato größte Kinomarkt der Welt, die USA. Dort galt – trotz BONNIE & CLYDE und der beginnenden Schwangerschaft mit dem New Hollywood – noch immer der Hayes-Code.

United Artist bekam kalte Füße.

Einen kiffenden Geheimagenten auf die Leinwand zu bringen, wäre wohl ein bißchen zu viel gewesen. Zwar stand auch in den USA die kiffende Subkultur in voller Blüte, aber der Widerstand gegen Drogen und Jugendkultur formierte sich rasant. Nicht nur in der Politik, auch die schweigende Mehrheit hatte bereits ihr hässliches Haupt erhoben und brüllte immer lauter.

Canter und Elliott war natürlich sofort klar, dass sie McAlpine in der Kinofassung nicht die Joints wegnehmen konnten. Ohne Shit wäre er gewesen wie Bond ohne Doppelnull. Denn all das, was ihn so erfolgreich am Buchmarkt machte, dass er tief in der jugendlichen Subkultur verwurzelt war, wäre verloren. Mit den Joints hätte er seine gesamte Glaubwürdigkeit verloren. So könnte keine Filmadaption funktionieren.t

Mit dem zweiten Roman schloss Diment nahtlos an den Erfolg des Vorjahres an.

The Great Spy Race picks up very soon after the first book, with McAlpine still an unwilling employee of Quine’s bizarre intelligence outfit but nearing the end — he hopes — of his contract. When he’s sent on what seems rather a routine assignment, he soon finds himself set up to become Quine’s representative in a competition for spies being mounted by an eccentric billionaire. The prize is a piece of intelligence so juicy that the top spy agencies of the world all send participants. Up against such big guns, McAlpine considers himself absurdly outclassed and outgunned, but since it’s his life on the line, he taps into all his skills and cunning to come out on top, or at least make a od show it things.2( https://teleport-city.com/2015/08/24/high-spy-adam-diment/ )

Auch GREAT SPY RACE sprüht vor sexistischem Blödsinn (der ihn beim heutigen political correctness-Faschismus in Schwierigkeiten bringen würde), großartigen Ideen und bösartigen Gesellschaftskommentaren. Und Quine trägt „einen LSD-Halluzinationenschlips“.

Diment bleibt natürlich der Sixties-Ideologie treu, die sich klar von der ekelhaften Mittelschichtsideologie absetzte, die da lautet: Hart arbeiten und ein verblödetes Leben führen.

Außerdem erfährt man zwei Jahre vor Frederick Forsyths DAY OF THE JACKAL, wie man sich unkompliziert einen legalen britischen Reisepass mit falschen Daten und Namen besorgt.

Christopher Othen beurteilt den Roman weniger positiv als ich:On the surface it looked like more of the same, but a sourness had crept into the writing. McAlpine comes across more as a bitter noir detective, cynically observing a corrupt world, than a fun-loving hippy playboy. He doesn’t even like rock music.
The books are full of complaints: about the weather, London, the crumbling empire, older people, younger people, and everything else. The psychedelic touches increasingly seem tacked onto a darker and grimmer narrative. It’s not all misery: the sex scenes are fun and the Diment prose is always capable of a light touch, even if the books seemed written at speed and never revised. But it was clear the author had become disillusioned with his newfound fame.”
(https://christopherothen.wordpress.com/2018/04/18/who-was-adam-diment/ )

Diment genoss den Ruhm nicht mehr in vollen Zügen.
Wie die Beatles und andere Musiker im selben Jahr, zog es ihn nach Asien. Er entfloh der westlichen Verderbtheit und suchte spirituelle Erleuchtung in Indien und Nepal (genaue Informationen sind nicht aufzuspüren), vorzugsweise durch bestes Haschisch.
Dazwischen funktionierte er in Elliotts PR-Maschine und ging u.a. auf die nächste US-Tour.

Diment war bekanntlich ein schneller Schreiber. Also fand er auch noch Zeit, um innerhalb einiger Tage einen dritten McAlpine-Thriller zu verfassen.
Und so erschien im November 1968 THE BANG BANG BIRDS; die deutsche Ausgabe trägt den schönen Titel DIE KNALLVÖGEL!

Für sein neuestes Abenteuer hat der flotte Phil McAlpine gleich zwei Auftraggeber: seine vorgesetzte Dienststelle und einen amerikanischen General, die beide brennend daran interessiert sind, einem auf höchster Ebene tätigen weltweiten Erpresserring das Handwerk zu legen.
Ein Ein-Mann-Job von wahrlich gigantischem Format und mit recht geringen Überlebenschancen. Aber wieder einmal zieht man dem munteren Phil wegen einiger dunklen Punkte in seiner Vergangenheit die Daumenschrauben so kräftig an, daß ihm gar nichts anderes übrig bleibt, als sich ins Getümmel zu stürzen.
Zuerst läßt sich die Sache ganz vergnüglich an: Seine wohltrainierten Fähigkeiten auf dem weiten Gebiet der Liebeskunst verschaffen ihm mühelos Zugang zum Erpresserring, der sich für seine Zwecke eine ganz besondere EiVoliere-Club, in dem Prominenz aus Politik und Wirtschaft attraktive `Vögel´ für mannigfache Dienste – vornehmlich unterhalb der Gürtellinie – zur Verfügung stehen. Doch in der Höhle des Löwen, in der Stockholmer Voliere-Zentrale, wird es dann ernst, daß zeitweise sogar unserem jungen Helden alle frivolen Gelüste gründlichst vergehen.

Keine Bücher für den Noir-Kundendienst, aber hochintelligente und stilistisch brillante Zeitaufnahmen für Connaisseure. Diese fünf Jahre der Renaissance im 20. Jahrhundert dauerten nur so lange, weil die üblichen Herrschaftsverbrecher nicht die brutale Naivität der Lautsprecher dieser Generation auf der Karte hatten.

Nach der Veröffentlichung sagte Diment in einem Interview: „I’m getting a little tired of the character now.“, Und später dann, er könne sich nicht vorstellen, mit 27 Jahren noch McAlpine-Romane zu schreiben. Ähnliches hatte kurz zuvor Mick Jagger über Satisfaction singen gesagt.

Ein Konflikt zwischen Diment und der Industrie begann zu schwelen: SIE wollten IHN haben, und Adam Diment wollte sein.

…und die kulturelle Erosion der Sechziger hatte bereits begonnen:.

Die Sowjetunion hatte durch das Plattmachen eines beginnend kommunistischen Landes, Tschechoslowakei, den real existierenden Sozialismus im Bewusstsein zerstört.
Das Kapital begann alles einzukaufen, was an Reformen den Profit steigern würde, zerbombte Vietnam und destabilisierte afrikanische Staaten mit kannibalistischen Satrapen. Die Ratten bestiegen das sinkende Schiff.

FORTSETZUNG FOLGT



DER UNBEKANNTE KLASSIKER: CAMPBELL ARMSTRONG by Martin Compart

Es ist immer wieder erstaunlich, welche Qualitätslücken in der Wahrnehmung der Noir-Kultur bis heute (trotz Internet) festzustellen sind.

Nichts neues, eigentlich.

Ohne das französische Engagement in den 1960 und 1970ern wären Autoren wie David Goodis, Jim Thompson oder Don Tracy nie in den „Kanon“ des Genres „aufgerückt“.

Oder welches Unverständnis Manchette Mitte der 80er in der deutschen Szene auslöste, als er in den Ullstein-Krimis erschien (ähnliche Reaktionen gab es auch bei Lisa Cody oder Sue Grafton, die damals die ersten weiblichen Protagonisten im deutschen Krimi-Markt vorstellten, aber durch feministische Ideologen schnell Unterstützung fanden).
Die Überraschung in der Rezeption bestätigte damals wie heute die kulturelle Verspätung Deutschlands.

Die Tiefen des Genres werden traditionell in Frankreich besser ausgeleuchtet als etwa in den USA oder Deutschland (wo es sich am Markt kaum noch behaupten kann).

Halten wir das Lamentieren kurz und erfreuen wir uns lieber an Entdeckungen oder Neuentdeckungen, die uns beglückende Lektüre für bescheidene Antiquariatspreise garantieren.

Campbell Armstrong wurde als Thomas Campbell Black am 25. Februar 1944 in Govan, Glasgow, geboren.

Er wuchs im Arbeitermilieu auf und entdeckte früh die Literatur. Zu seinen frühesten literarischen Einflüssen gehörte Robert Louis Stevenson, aber er entdeckte auch schnell Sartre, Camus, Dos Passos und Kerouac. Als sechsjähriger hörte er im Radio eine Lesung von Dylan Thomas („ And Death Shall Have No Dominion“). Das beeindruckte ihn so tief, dass er beschloss, Schriftsteller zu werden. Er war teilweise ein guter Schüler, besonders die Literatur hatte es ihm angetan und ein engagierter Lehrer förderte sein Talent. Bis zu seinem Tod erinnerte sich Armstrong gerne an diesen Lehrer, dem er viel verdanke. Bereits mit sechs Jahren hatte er handschriftlich eine Schulzeitung herausgegeben. „Ich hatte sogar Korrespondenten.“

Als Teenager entdeckte er Folk-Musik und Jazz; mit der zeitgenössischen Pop-Musik der Vor-Beatles-Ära konnte er nicht viel anfangen.

Sein erster Job war einziger männlicher Verkäufer in Cuthbertson’s Musicshop in der Sauchiehall Street. Hier lernte er Eileen Altman kennen, seine erste Frau und Mütter seiner drei Söhne.

1962 verließ er seine Heimatstadt. Er studierte an der University of Sussex und machte dort seinen Abschluss in Philosophie. Ein Freund erinnerte sich bei Armstrongs Beerdigung:

“When I first met him, at Sussex University in 1964, I saw a hard-drinking, scruffy-looking 20 year-old Glaswegian, already married, a “mature student” He’d knocked around a bit since leaving school, played folk guitar and was reading Philosophy Campbell could and would turn out 60 pages in a night, usually after a day of heavy drinking: pint after pint of Guinness and something – cider.”

Eileen and Campbell heirateten und zogen nach London, wo Campbell als Lektor zu arbeiten begann, erst für Weidenfeld & Nicholson, dann für Granada. Wie fast zeitgleich mit Ted Lewis und Derek Raymond tummelte er sich in der Sohoszene. Nächtelanges saufen, diskutieren, Bücher machen.

Aus dem Spaß am Saufen wurde der Ernst des Trinkens.

Anfang der 1970er war Campbell von seinem Job zu Tode gelangweilt und er emigrierte mit seiner Frau und zwei Söhnen in die USA – ohne dies vorher mit seiner Familie abgesprochen zu haben. Wie so oft in dieser Zeit, traf er einfach seine Entscheidung und die Familie hatte zu parieren.

Von 1971 bis 1974 lehrte er an der State University of New York Kreatives Schreiben, obwohl er nicht wirklich davon überzeugt war:
„I didn’t believe in teaching writing. You’ve either got it or you haven’t. You’ve got to have plot, you’ve got to have character.“


In den Jahren 1975 bis 1978 unterrichtete er dann an der Arizona State University, beschloss 1979 jedoch seine Hochschulkarriere zu beenden und sich ganz der Literatur zu widmen. Damals lebten sie – inzwischen war ein dritter Sohn geboren – in Sedona, Arizona, zogen dann nach Phoenix. Die Ehe ging den Bach runter. Campbell schrieb ganztags und Eileen wurde Geschäftsfrau. Wenn er nicht schrieb, soff er und trieb sich herum. Dann lernte er Rebecca Armstrong kennen, die Tochter eines Jockeys. Die Beziehung wurde ernst. Eileen wusste, dass ihre Ehe am Ende war und traf sich mit Rebecca. Nach dem Treffen sagte sie zu Campbell: „Ich habe dich gehen lassen.“ Campbell und Rebecca blieben bis zu ihrem Tod tief verbunden (wovon sein herzzerreißendes autobiographisches Buch I HOPE YOU HAVE A GOOD LIFE zeugt). Eileen und Rebecca wurden sogar beste Freundinnen.

Campbell verließ Phoenix, heiratete Rebecca und lebte mit dem jüngsten Sohn und Rebeccas Tochter Leda zusammen. Eileen blieb in Phoenix. Rebecca unterstützte ihn, indem sie ihm half, seine Sauferei zu kontrollieren und sich mehr auf die Arbeit zu konzentrieren.

Sein erster Roman war 1968 erschienen: die schwarze Komödie ASSASSINS AND VICTIMS wurde von Patricia Highsmith enthusiastisch besprochen. „Inspiriert wurde ich durch einen Hund, dessen Gebelle mich nächtelang wach hielt. Ich wollte ihn umbringen. Das gab mir die Idee zu einem Killer, der behauptet, auf Hundemord spezialisiert zu sein, aber ein Lügner ist. Ich wollte ein möglichst schauerliches Ende, und das bekam ich auch hin. Mein zweiter Roman war ein Experiment: Einen Kriminalroman ohne echte Lösung.“ Dafür gewann er 1969 mit THE PUNCTUAL RAPE den Scottish Arts Council Award für Kriminalliteratur.
„Ich beschäftigte mich intensiv mit den Konzentrationslagern und wie manche darin überlebten. Daraus wurde DEATH´S HEAD.“ Damals erschienen seine Bücher unter „Campbell Black“. Später kamen noch Pseudonyme hinzu.

In den 1970ern schrieb er als Campbell Black auch einige Horror-Romane, die bis heute in der Weird Fiction-Szene Kult-Status genießen (so behauptete die Village Voice keck, Black sei ein besserer Horror-Autor als King oder Straub). Für Brian de Palma machte er eine Novelisation aus DRESSED TO KILL: „Brian wollte wohl unbedingt seinen Namen auf einem Buch haben.“

Schnelles Geld versprach auch die Novelisation von RAIDERS OF THE LOST ARK für George Lucas, die sich weltweit millionenfach über Jahrzehnte verkaufte. Trotz regelmäßiger Bitten um Tantiemenabrechnungen, rührte sich Lucas und sein selbstgefälliger Haufen nicht. So kam es 2004 zu einem Prozess, für den als Streitwert 4 Mio. Dollar angesetzt wurden.
http://www.hugesettlements.com/Personal-Injury/1294.html

Als „Thomas Altman“ schrieb er zwischen 1980 und 1984 fünf Psychothriller, oder wie er sie nannte “novels of psychological terror”. „Die langweilten mich schnell. Kaum nachvollziehbar, dass ich sie schrieb. Es ging immer nur darum, wie man am besten Frauen in den Vorstädten terrorisiert.“ Anschließend schrieb er u.a. zwei okkulte Thriller.

Er ließ sich nie auf ein Subgenre festlegen. Die Meisten dieser kurzen Romane waren Auftragsarbeiten für den berüchtigten Verlag Corgi Books. „Ich ziehe es vor, diese Bücher zu ignorieren.“ Zu Unrecht, meinen einige Hardcore-Fans.

Erst mit den Frank Pagan-Thrillern, mit denen er zu „Campbell Armstrong“ wurde, kam der große Erfolg. Er änderte seinen Namen, um aus einen Optionsvertrag heraus zu kommen. Der erste war JIG, 1987. „Es war mein erfolgreichster Roman mit 23 Auflagen in England. Das trieb meine Vorschüsse für einige Zeit ziemlich hinauf. Meiner Meinung nach ist AGENTS OF DARKNESS mein bestes Buch. Auch weil der Protagonist ein Alkoholiker ist, der sich selbst erlösen muss.“

Pagan, der Gegenterror-Agent hängt einem „primitiven Sozialismus“ an und ist der Held von fünf dicken Thrillern, die Ludlum alt aussehen lassen. Seit dem Klassiker MAMBO (1990), in dem Castros Kuba erobert werden soll, nahm er die beeindruckenden Action- und Gewaltszenen zurück. „Es langweilt mich mehr und mehr. Ich muss mich dazu zwingen. Der Body count in MAMBO war sehr hoch. Ein Kritiker behauptete, etwa 1400 Menschen. Ich lasse jetzt lieber die Gewalt im off. Ich will nicht länger mit derartigem assoziiert werden. Eher gehe ich in Therapie.“

Politisch waren seine Romane immer und blieben es auch nach der Pagan-Serie. „Ich denke, alle Politiker sind Idioten. Die Leute, die über unseren Planeten herrschen, managen es auf die übelste Weise-. Alles voller geheimer Deals in Hinterzimmern, die darauf abzielen, ihre Gegner zu vernichten. Man dringt nie zu Kern vor und erfährt nie die Wahrheit. Genau das interessiert mich. Da gibt es wahrlich genügend Stoffe.“ Pagan veränderte sich langsam in dem Quintett. Im letzten Roman hat er eine Liebesaffäre mit einer Terroristin. Danach quittiert er den Dienst, weil er sich schämt und nicht mehr für Special Branch arbeiten will. „Das war es. Ich kam mit Pagan nicht mehr weiter. JIG, der erste Pagan, war wahrscheinlich auch deshalb so erfolgreich, weil hinter der ganzen Action eine patriotische Lüge stand: Lasst uns Nordirland zurück holen. Etwas, das nie passieren wird.“

AGENTS OF DARKNESS beschäftigte ihn länger als frühere Romane: insgesamt 18 Monate. Noch reflektiver als die Romane zuvor. „Der Schreibprozess machte Spaß. Ich schrieb drei unterschiedliche Fassungen, sogar eine mit einem glücklicheren Ende. Aber die überzeugte mich nicht, war zu unrealistisch. Wäre es ein reines Genre-Buch, hätte es ein Happy end.“

Der Schluss eines Buches war ihm sehr wichtig: „Ich mag eigentlich keine Happyends. Im Leben gibt es Happyends nicht gerade häufig. Ich mag offene Enden für meine Bücher. Ich mag Mehr- oder Doppeldeutigkeit am Schluss eines Romans.“

Anschließend kam der nicht minder beeindruckende CONCERT OF GHOSTS. Wer als Autor lernen will, wie man literarisch subjektive psychische Prozesse so objektiviert um den Leser zu manipulieren, der sollte GHOSTS studieren (wer sich am perfekten Thriller versucht, dem gibt AGENTS hilfreiche Studienmöglichkeiten). „Beide Romane beschäftigen sich mit amerikanischer Politik und der Natur der US-Demokratie.“ Dann schrieb er einige kurze Noir-Thriller, SILENCER, BLACKOUT und DEADLINE, „ziemlich düstere Sachen auf ihre Weise.“

Was Cleverness und instinktives Stilempfinden angeht, war er vielleicht so etwas wie der Luke Haines des Brit-Crime der nineties.

Wenn ich einen richtig schlechten Satz geschrieben habe, kann mich das wochenlang umtreiben. Heute schreiben Autoren dauernd schlechte Sätze, Sätze die von jedem Beliebigen formuliert sein könnten. Gute Sätze atmen, lassen dich den Charakter riechen, fühlen.“

Egal, wo ein Roman von ihm spielt, ob Miami, Moskau, Edinburgh oder Manila, jedes Detail ist genau recherchiert. Auch Armstrong gehört zu den Autoren, die einen Handlungsort bereisen und in sich aufsaugen.

Ende der 1980er hatte er von den Amerikanern genug. Ausgerechnet ihm ging der Waffen-Fetischismus mächtig gegen den Strich und der „American Way of Life“ hatte keine Faszination mehr. „Amerika ist gruselig. Du gehst dorthin und nach einiger Zeit bist du amerikanisiert. Plötzlich gehst du zu einem Baseballspiel – und dann weißt du: Sie haben dich!“

Nach dieser Erkenntnis brach er die Brücken ab und ging mit seiner Familie nach England zurück und arbeitete zuerst als Journalist, dann als Lektor, bevor er sich anschließend ganz auf das Schreiben konzentrierte.

1991 kaufte er ein heruntergekommenes Anwesen mit einem 30-Zimmer-Haus in Offaly in Irland. „Der Kaufpreis war unglaublich günstig, aber die Reparaturkosten enorm.“ Günstig war das riesige Haus wohl auch deshalb, weil einige Opfer von Oliver Cromwell spukten.
Natürlich hatte er auch das über den Kopf seiner Frau beschlossen und besiegelt. Bald darauf siedelten sie ganz nach Irland und was Campbell an Steuern sparte, jagte er mit Guinness durch die Kehle – bis er den Absprung schaffte.

Alkohol war und ist wichtiger Bestandteil nicht nur der schottischen Kultur.

Für Campbell Armstrong wurde während seiner ersten Londoner Verlagstätigkeit zum wachsenden Problem. Später kam Koks als Katerrezeptur hinzu: „I had stopped drinking before I came to Ireland but as soon as I came I started drinking again it was the Guinness.“ Aber dann war Schluss: “Im März 1993 trank ich in einem Dubliner Pub mein letztes Guinness. Ich hatte das Gefühl, ein weiterer Drink würde endgültig die in mir schlummernden Dämonen wecken und mich endgültig in den Abgrund führen, aus dem es kein weiteres Entkommen mehr gibt – nur den Tod. 1975 nahm ich zweimal LSD und wurde fast verrückt, das ist nichts für mich. Mit der Zeit stellte ich fest, dass mich alle Drogen paranoid machen, am schlimmsten Kokain.“

Der Alkoholismus forderte seinen Preis: 1996 wurde bei ihm Diabetes diagnostiziert.

Fast alle seine Romane wurden für den Film optioniert; adaptiert wurde bisher keiner. Ziemlich unverständlich. Ein weiterer unnötiger Beweis, für die Dämlichkeit dieser Branche. Aber angesichts der unzähligen miesen Literaturverfilmungen vielleicht auch pures Glück.

Trotz ihrer Düsternis sind Armstrongs Romane Bücher, die einen aus dem Zustand tiefster Betrübnis befreien – dank ihres gelegentlichen Humors, tiefen Humanismus und, wer das erkennen und schätzen kann, ihres bestechenden Stils.

Sein letzter großer Wurf war das Glasgow-Quartett (das selbstverständlich nicht ins Deutsche übersetzt wurde). Wer sich ein bisschen auskennt, weiß, dass in Glasgow die wirklich harten Jungs unterwegs sind. Dagegen ist Edinburgh was für Pussys.

Der erste Roman, THE BAD FIRE, über den Heimkehrer Eddie Mallon spiegelt wohl Armstrongs Besuche nach jahrzehntelanger Abwesenheit in seine Heimatstadt wider. Armstrong sollte auf Anregung seines Verlages seine Jugenderinnerungen an Glasgow schreiben. Zum Glück für alle Noir-Fans entschied er sich dafür, diese mit einer tiefgehenden Beschreibung des heutigen Glagow als Roman zu verschmelzen.

Diese Stadt, die sich in sich selbst zurück gezogen hat, ließ ihn nicht mehr los und drei weitere Glasgow-Romane um den jüdischen Detective Lou Perlman, der ein würdiger Nachfolger von William McIlvanneys Laidlaw ist, folgten. Natürlich gibt es Unterschiede. Und es wäre völlig ungerecht den höchst individuellen Autor Armstrong mit McIlvanney, den Armstrong bewunderte, zu vergleichen. Ich kenne keinen Autor, der wie Armstrong seine Charaktere gleichzeitig mit so einer brutalen Objektivität und Empathie zeichnen kann. Darin spiegelt sich der Kampf gegen seine inneren Dämonen. Aber genau damit gibt er ihnen diese Dimensionen, die im Thriller noch seltener sind als im Noir-Roman (beide Genres bedient er meisterhaft, da er sich nie ihrer Grenzen bewusst werden wollte und sowas lieber Klugscheißern wie mir überlässt).

Lesenswert zur Heimkehr nach Glasgow: https://web.archive.org/web/20060518091529/http://www.campbellarmstrong.com:80/native.php

Campbell Armstrong verstarb am 1. März 2013 , vier Tage nach seinem 69. Geburtstag an den Folgen einer Krebserkrankung. Zurück bleiben seine zweite Frau Rebecca und die Kinder Iain, Stephen and Keiron und Leda. Außerdem 27 Romane, die in 11 verschiedenen Sprachen übersetzt wurden; darunter Deutsch, Französisch, Italienisch, Spanisch, Schwedisch, Griechisch, Polnisch, Japanisch und Hebräisch, drei Stücke und ein autobiographisches Werk.

Seine Bücher bleiben und werden immer wieder von neuen Lesern entdeckt werden.

Das wäre ein guter Soundtrack für Armstrong:

Manchmal aber auch eher das:



ZU UNRECHT VERGESSENE SONGS: STRYCHNINE von THE SONICS by Martin Compart
18. April 2016, 4:00 pm
Filed under: MUSIK, Zu Unrecht vergessene Songs | Schlagwörter: , ,



NEUES AUS DEN SIXTIES: BOB DYLAN HOLT DEN ROCK AUS DER MILCHBAR by Martin Compart
6. Mai 2015, 1:26 pm
Filed under: BOB DYLAN, MUSIK, Rezensionen | Schlagwörter: , , , , , ,

Irgendwie kriegt es Klaus Bittermann momentan nicht hin, mal einen Monat ein Buch zu machen, das mich nicht interessiert. Die Edition Tiamat hat mal wieder einen echten Lauf bei mir.

http://www.amazon.de/Highway-61-Revisited-Dylans-Album/dp/389320198X/ref=sr_1_32?s=books&ie=UTF8&qid=1430916583&sr=1-32&keywords=bob+dylan

Diesen Monat also ein Buch über meinen alten Guru Bob Dylan. Besser gesagt: über ein Album von Dylan. Bücher über wichtige Alben der Pop-Musik (setzt einen anderen Begriff ein), sind in den letzten Jahren ein eigenes Genre geworden. Die schlechteren erzählen nur die Produktionsgeschichte, die besseren zeigen auch die inhaltliche Wirkungsgeschichte. Und Bücher über Dylan sind schon länger (Ulrich von Berg erzählte mir vor längerer Zeit, dass er sich das 100.Buch über Dylan zugelegt hatte)ein eigenes Genre.

Für die Spätgeborenen: Dylan war oder ist (er soll tatsächlich noch leben und Frank Sinatra covern) der Typ, der die Beatles mit Haschisch bekannt gemacht und die Rockmusik von ihrer Infantilität befreit hat.

Nun das zweite Buch über HIGHWAY 61 REVISITED, das zweite Album von ihm aus 1965. Ganz klar ein Meilenstein in der Musikgeschichte (obwohl es mir immer noch auf den Keks geht, dass das Vorgänger-Album, BRINGING IT ALL BACK HOME, im Vergleich immer untergeht: Denn da wurde Dylan elektrisch und legte die Grundsteine für HIGHWAY).

Für Mark Polizzotti ist es Dylans wichtigstes und persönlichstes Album. Eine Auffassung, die der „Meister“ wohl teilte: „Meine Platten werden ab jetzt nicht mehr besser werden… 61 ist einfach zu gut. Da ist eine Menge Zeug drauf, das sogar ich mir anhören würde.
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Ich teile nicht jede Beobachtung des Autors, aber es ist schon verblüffend, was er aus jedem Song heraus kitzelt und welche Kontexte er für Musik und Texte herstellt.

Polizzotti geht allen kulturellen und geographischen Spuren nach um Song für Song die Einflüsse aufzuzeigen, aus denen Dylan dann etwas völlig neues gemacht hat. Nebenbei wird deutlich: Welche Kompositions- und Arrangementselemente durch die digitale Technologie und Distribution verloren gegangen sind. Denn es gab mal eine Zeit der A- und B-Seiten, die ganz vorsätzlich aufeinander abgestimmt waren, in der jeder Song bewusst an einen Platz stand und sehr genau überlegt wurde, warum ein bestimmtes Stück die A-Seite abschloss und ein anderer die B-Seite eröffnete. Polzzotti beschreibt diesen langwierigen Prozess bei HIGHWAY (bei den vielleicht auch die Beatles Einfluss hatten). Wenn wir diese Vinylplatten heute auf CD hören (abgesehen von lohnenswerten Bonus-Tracks), ist das eine ganz andere Erfahrung: Es gehen (nicht nur musikalisch) Dimension verloren, die einem Album zusätzliche Tiefe gegeben haben. Was könnte Dieter Bohlen alles vorlegen, wenn ihm das zur Verfügung stünde – man mag es sich kaum vorstellen!

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Außerdem spickt er das Buch mit schönen Anekdoten und erhellenden Momentaufnahmen aus Dylans Biographie. Etwa das Dylan 1984 sagte, er habe das berüchtigte SELF PORTRAIT nur gemacht um die Hippies los zu werden, die „sowas unmöglich mögen konnten, sich damit unmöglich identifizieren konnten…“ Berührend finde ich auch Springsteens Erinnerung, wie er das erste Mal LIKE A ROLLING STONE gehört hat: „Meine Mutter und ich hörten beim Autofahren WMCA, und dann kam dieser Snare-Schuss (am Anfang des Stücks), der klang, als hätte jemand die Tür zu deiner Seele aufgetreten.“

Wie wichtig Dylan für das kulturelle Gedächtnis einer Generation war und vielleicht noch ist, wird in dem Band nebenbei heraus gearbeitet. Angesichts der Plattheit heutiger Pop-Musik (siehe:https://martincompart.wordpress.com/2015/04/14/depression-hauntology-und-die-verlorene-zukunft/) ist es nicht nur der spätkapitalistischen Nutz-Bildung zuzuschreiben, wenn die NRW-Einserabiturientin Elisabeth und die Schuhfachverkäuferin Sheila antworten: “ Wann der 2.Weltkrieg war? Nach dem ersten. Dylan? Das war alles vor meiner Zeit.“
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Ich gehörte lange selbst zu der unerträglichen Spezies der Dylan-Versteher (der, wie alle anderen, als Einziger wirklich verstanden hat, was der Meister den Planeten – besser: mir persönlich – mitzuteilen hatte). Aber der allergrößte Dylan-Fan, dem ich je begegnet bin, war die deutsche Noir-Ikone Ulf Miehe. Lange vor Internet war er international sensationell vernetzt und bekam aus aller Welt Bootlegs, VHS- und Audio-Cassetten.51OXXCqFK3L._SY344_BO1,204,203,200_[1] Er hatte einen ganzen Raum voll damit, und ich verdanke ihm großartige Tapes (die ich natürlich aus Erhaltungsgründen inzwischen digitalisiert habe). Einmal quatschten wir über ein neues (Gangster-)Filmprojekt. Stundenlang stellten wir fest, dass die Eröffnungsmusik unbedingt der SUBTERRANEAN HOMESICK BLUES (Opener von BRINGING IT ALL BACK HOME) sein müsse. Wichtige Arbeit für einen leider nie realisierten Film war also getan. Ulf blödelte auch gerne mal rum. Einmal gab er zum besten, dass er in den USA von der englischen Übersetzung seines Romans ICH HAB NOCH EINEN TOTEN IN BERLIN nur deshalb so viele Exemplare verkauft hatte, weil er das Buch Dylan gewidmet hatte und es so viele Dylan-Komplett-Sammler gäbe.

PS: Die Track-Liste:

1.Like a Rolling Stone – 6:09
2.Tombstone Blues – 5:56
3.It Takes a Lot to Laugh, It Takes a Train to Cry – 4:05
4.From a Buick 6 – 3:15
5.Ballad of a Thin Man – 5:56

6.Queen Jane Approximately – 5:28
7.Highway 61 Revisited – 3:26
8.Just Like Tom Thumb’s Blues – 5:27
9.Desolation Row – 11:22