Martin Compart


30 JAHRE SCHWARZE SERIE: IM SCHATTEN DER EULE 4/ by Martin Compart
9. Dezember 2016, 12:16 pm
Filed under: Porträt, Schwarze Serie | Schlagwörter: , , , , ,

Niemann hatte es geschafft, dass sich jeder bei Ullstein mit dem Verlag identifizierte, totalen Einsatz einbrachte und nicht wusste, was Überstunden überhaupt bedeuteten (andererseits konnte man – wenn es die Arbeitslage erlaubte – einen Arbeitstag auf dem sonnigen Wannsee versegeln). Oberste Priorität war, dass jedes Buch pünktlich in den Erstverkaufstag kam. Wie, war sekundär. Und da alle an einem Strang zogen, spielten Hierarchien keine Rolle. Sagte man Dieter Speck und seiner Herstellugscrew rechtzeitig Bescheid, dass man in Terminprobleme geriet (also in dem Moment, wo man es selbst erkannte), gab es eine neue Deadline, von der man wusste, dass danach wirklich nichts mehr möglich wäre – selbst wenn die Herstellung Nachtarbeit machen müsste. An stumpfen Hierarchien scheiterte nichts bei Ullstein. Auch wenn man kurzfristig an einer Kalkulation scheiterte; die ließ sich „nachbessern“.

All das begann sich aufzulösen.

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Später wurde die Indizierung aufgehoben. Schön für Haffmann.

 

Dann ging unser härtester Kämpe in Ruhestand: Vertriebschef Meyer, raue Schale, rauer Kern. Mit ihm hatte ich so einiges auszukämpfen und so manchen Whisky getrunken. Meyer war schon verdammt gut. Als mir die Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Schriften DUFFY von Dan Kavanagh (Julian Barnes) vom Markt wegindizierte – kann man sich so was heute noch vorstellen? – verschob Meyer die Restauflage über Nacht nach Österreich und in die Schweiz!

Natürlich dachten wir, sein Nachfolger würde sein Kettenhund Schäpe, den er jahrelang auf Buchhändler abgerichtet hatte, und auf den der Satz des Dortmunder Borussen Jürgen Wegmann zutraf: „Ich bin giftiger als die giftigste Kobra.“ Wir hatten so unsere Probleme miteinander, aber uns immer respektiert wie zwei schlechtgelaunte Cops, die die Straßen frei ballern mussten.

Er wurde es nicht.

 

Herbert Fleissner

Herbert Fleissner

Stattdessen drückte uns München (Fleissner) einen Berliner Buchhandlungsbesitzer als Vertriebschef rein.

Alles klar?

Schäpe kündigte.

Ich kündigte nochmals innerlich, flog nach Bergisch-Gladbach und unterschrieb einen Vertrag, der mir inhaltlich carte blanche gab und somit die SCHWARZE SERIE ermöglichen würde. Bastei-Lübbe, damals von einem tiefen Minderwertigkeitskomplex durchdrungen (wegen der Heftromane und Aufnahmeverweigerung einiger arroganter Sortimenter, die damals noch nichts von Thalia ahnen konnten) freute sich sehr. Rolf Schmitz hatte etwas Magengrollen, dass ich vielleicht aus einem Unternehmen käme, wo man mir für das Programm soviel Geld überlassen hatte, dass ich es schon wegschmeißen musste.

Der war gut!

Während die Vertragstinte trocknete, erklärte ich ihm meine Kalkulationsprinzipien.

Sie waren natürlich 100prozentig Niemann. Der hatte nie einen Vertrag für ein von mir eingekauftes Buch unterschrieben, dem nicht das ausgefüllte Kalkulationsformular beilag. Wie oft hatte ich ihm dafür ein Schicksal schlimmer als der Tod gewünscht. Wie viele Mühe hatte es mich gekostet, dieses beschissene Kalkulieren zu lernen. Ich weiß nicht mehr, wie oft ich im ersten Ullstein-Monat zu den Damen Wannenmacher oder Jacobsen gerannt bin, um es mir immer wieder erklären zu lassen. Ich sehe noch ihre mitleidigen Blicke, die besagten: „Er ist ja lernbegierig – aber vielleicht wäre das Verteilen der Hauspost doch eher etwas für ihn.“

Ich kann heute noch blind(er?) kalkulieren.

Eines der wichtigsten Kriterien Niemannscher Kalkulations- und Kaufmannskunst war: Wenn ein Titel zu teuer ist, finde einen gleichwertigen, aber kostengünstiger. Wenn Du das nicht kannst, hast Du keine Ahnung vom Genre und taugst nicht als Herausgeber.

Rolf Schmitz holte beruhigt einen Whisky raus. Dann gingen wir zu Gustav Lübbe und stellte mich als Neueinkauf vor. Dabei portraitierte er einen Mann, den ich nicht in Gustavs Büro entdecken konnte.

Da ich bei Ullstein keine verbrannte Erde hinterlassen wollte, würde ich mich aktiv in die Nachfolgesuche einschalten. Das war ich Niemann schuldig (vielleicht würde ihm ja doch noch ein Coup gelingen), schließlich hatte er mich aus der Gosse gezogen und zum Kalifen meiner Lieblingsreihe gemacht.

Aber bereits da sollte sich schon die Inkompetenz der Fleissner-Schergen bemerkbar machen.

 

(FORTSETZUNG FOLGT)

 

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30 JAHRE SCHWARZE SERIE (Bastei-Lübbe)1/ by Martin Compart
9. November 2016, 1:41 pm
Filed under: Bücher, Krimis, Noir, Porträt, Schwarze Serie | Schlagwörter: , , , ,

Fast hätte ich dieses Jubiläum vergessen, das einem einmal mehr Alter und Sterblichkeit verdeutlicht: Vor 30 Jahren kamen bei Bastei-Lübbe die ersten Bände der SCHWARZEN SERIE auf den Markt. Ich versuche mal, an Hand der Tagebücher und Terminkalender aufzuzeigen, wie es dazu kam.

PROLOG. Teil Eins: IM SCHATTRN DER EULE

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1985 war ein gutes Jahr für Ullstein – und eines der schlechtesten. Der Verlag war weiterhin auf Erfolgskurs. Viktor Niemann hatte in fünf Jahren aus Ullstein einen big player gemacht. Man konnte ihm dabei Machiavellismus vorwerfen (wie es mir gegenüber ein Agent bewundernd tat), aber das war es nicht. Er hatte den Verlag zu einer eingeschworenen Gemeinschaft geschmiedet, die nicht an tumber Hierarchie versteinerte. Und er hörte sich jede noch so idiotische Idee (davon hatte ich reichlich auf Lager) an und diskutierte sie durch, statt sie vom Tisch zu wischen.

Er gab jedem das Gefühl, dass er ihm vertraute und hinter einem stand.

img_3261Trotzdem zeigte sich ab 1984 eine negative Seite an Viktor Niemann: Er stellte keinen Wodka, Gin oder Whisky mehr in dem öffentlich zugänglichen Kühlschrank im 10,Stock und ließ auch sein Büro nicht unabgeschlossen. Damit war es vorbei mit kühnen Kommando-Unternehmen aus dem Bauch des Verlages, wenn einem nach Dienstschluss bei einem Besäufnis in der Herstellung der Sprit ausging. Der Verleger verletzte seine Fürsorgepflicht. Erste Zeichen der nahenden Katastrophe?

Wir ahnten es damals nicht, machten uns aber Sorgen um den moralischen Verfall des Verlages.

9783548365312-us-3001Meine neuen Reihen, ULLSTEIN ABENTEUER und POPULÄRE KULTUR, hatten sich fest im Markt etabliert. Die KRIMI-Reihe hatte durchgesetzt, dass nun Kriminalromane in Reihen auch mal 9,80 DM kosten durften (da man auf Kürzungen verzichtete. Der erste so teure Band war UMWEG ZUR HÖLLE von Ross Thomas. Um das Besondere herauszustreichen, hatte ich Jörg Fauser zum Mitherausgeber gemacht und Jörg trug ein großartiges Nachwort zu Ross bei, das die FAZ vorab druckte). Dr.Maitre verließ uns um in die USA zu gehen und Andreas Catsch wurde neuer Cheflektor (da Mönninghof uns ebenfalls verließ). Die grandiose Jutta Wannenmacher war mit der Reihe ULLSTEIN MARITIM ungekrönte Reihen-Königin (mit Auflagen, da konnte ich selbst bei den Krimis nur von träumen). Frau Dr.Jacobson managte die ALLGEMEINE Reihe so clever, das sie „meinen“ Len Deighton zur Taschenbuchverwertung bekam (was mir überhaupt nicht gefiel). Ich sah darin schon das Aushöhlen der Genre-Reihen. Und schließlich hatte ich Deighton (Berlin-Trilogie) wieder zu Ullstein geholt, damit ich eine Hardcover-Auswertung für die Krimi-Reihe bekam. Nagut, wenn ich ihn schon nicht kriegen sollte, dann ging Deighton wenigsten an die hoch geschätzte Kollegin, die sich fit hielt, indem sie jeden Tag zu Fuß in den 8.Stock, wo das Lektorat saß, hinauf lief. Und das in atemberaubender Geschwindigkeit, ohne außer Atem zu geraten.

Ich bevorzugte verkatert den Fahrstuhl. Ging nicht ganz so schnell, aber ich kam ebenfalls nicht atemlos an.

 

Alle waren gut drauf.

 

a41Die Nächte mit Jörg waren lang, unsere Gespräche kurzweilig. Manchmal waren sie zu lang. Dann erlebte man den Morgen beim Weißbier-Frühstück im „Schwarzen Café“ oder ging gleich ins „Kaffee Kaputt“ zu richtigen Sachen über:

„Nach der Nacht brauche ich jetzt was erfrischendes, was fruchtiges.“

„Vitamine.“

„Ja, was gesundes mit Vitaminen.“

„Tequilla Sunrise.“

„Sehr gut. Fruchtig und reich an Vitaminen.“

„Im Grunde eine Art Obstgetränk,“

„Das gibt Energie. Diese Sauferei frisst einem die Vitamine weg.“

„Also?“

„Bestell.“

„Keeper! Zwei Tequilla Sunrise.“

„Kommt sofort.“

„…?“

„…?“

„Und zwei Tequilla dabei.“

„Doppelte.“

„Schon wegen der Zitrone.“

„Und dem Salz. Man verliert in solchen Nächten viel Salz.“

 

Jörg hatte DAS SCHLANGENMAUL geschrieben und die Bavaria kaufte umgehend die Filmrechte. Jörg schrieb weiterhin für Achim Reichel und sammelte Tantiemen.

Jörg war ganz schlecht auf das Finanzamt zu sprechen, Und auf die Künstlersozialkasse, die ihn (plus Nachzahlung) in die Mitgliedschaft zwingen wollte. Er sah sich schließlich als freier Unternehmer im „Unternehmerverband Wort“. Wie er im Autor-Scooter sagte:“Ich bin Geschäftsmann. Ich vertreibe Produkte, die ich herstelle. Writing is my business.“

 

Min. 14:20

Die Stimmung war gut in Berlin.

Rolf Giesen und ich planten für die POPULÄRE KULTUR einen weiteren Aufreger (wie zuvor sein kleiner Bestseller KINO, WIE ES KEINER MAG) mit dem schönen Titel DIE NATION DREHT DURCH. Außerdem enwickelten wir den Slogan „Europa prima“

Ullstein-Hochhaus in der Lindenstrasse

Ullstein-Hochhaus in der Lindenstrasse

Mit Hanna Siehr (Herausgeberin der Reihe FRAU IN DER LITERATUR) auf dem Wannsee zu segeln, war ein wöchentliches Highlight und ich hatte auch endlich einen Assistenten an die Seite gestellt bekennen: Simonides (Simmi) kümmerte sich höchst engagiert um die ABENTEUER-Reihe. Der Ex-Propylän-Lektor fuhr voll auf C.S.Forrester ab und AFRICAN QUEEN und BROWN ON RESOLUTION hätte ich ihm aus den Händen sägen müssen um selber darin rumzufuschen. Die Vertreter waren gut drauf und wir dachten uns beim vorabendlichen Besäufnis der Programmkonferenz irgendwelchen Blödsinn aus („Herr Compart, wo bleibt Frank Gruber in der Krimi-Reihe?“) um die Konferenz etwas munterer zu gestalten. Ronald M.Hahn hatte trotz geringer Mittel die SF-Reihe etabliert und immer wieder Titel ausgegraben, die auch Heyne als Marktführer gemacht haben könnte. Im Gegensatz zu mir und den Krimis, hatte er eine völlig runter gewirtschaftete Reihe übernommen und trotz Altlasten innerhalb von vier Jahren daraus ein eigenständiges Markenzeichen gemacht.

Alles war gut.

Dann bekam ich Post von Dr.Maitre aus den USA. Der Brief knallte mich umgehend auf den Arsch:

„Ihr werdet verkauft an Fleißner. Sie selbst müssen sich keine Sorgen machen.“

NICHTS war mehr gut.

(Fortsetzung folgt)

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