Martin Compart


THRILLER, DIE MAN GELESEN HABEN MUSS: AGENTS OF DARKNESS von Campbell Armstrong by Martin Compart

Wie tief wird Charlie Galloway, der Schotte, der sich in die USA verirrt hat, noch sinken? Seinen Job bei der Polizei von Los Angeles hat er verloren, seine Frau ist abgehauen, und der Alkohol trübt Charlie zusehends den Blick für die Realität. Ausgerechnet jetzt trifft ihn ein völlig unfassbarer Schlag: Die gutmütige alte Filipina, die in seinem Haus – soweit überhaupt möglich – für Ordnung sorgt, wird ermordet!

Sauferei hin oder her – Charlie muss wissen, was hinter dem scheinbar sinnlosen Mord steckt. Auch ohne Polizeimarke will er das Verbrechen aufklären und kommt einer internationalen Verschwörung auf die Spur, die ins Jahr 1985 zurück reicht: Damals wurden auf den Philippinen Anti-Marcos-Kämpfer niedergemetzelt – mit Billigung höchster Kreise.
Jetzt ist Armando Teng, ein Rächer mit Stil, in die USA eingeflogen worden, um die offenen Rechnungen zu begleichen. Und Charlie wird in einen Kampf mit vielen Fronten verwickelt. Und nur einen Ausgang hat, den man als genial bezeichnen muss.

Wie eine Orchidee unter Unkraut sticht Armstrongs AGENTS OF DARKNESS unter den Verschwörungsthrillern heraus. Das Sujet (1991 nicht so geläufig wie heute) mag teilweise vertraut erscheinen, die Umsetzung und das literarische Niveau ist es nicht.

Jeder Schauplatz wirkt authentisch. Armstrong kannte sie und hatte ein beeindruckendes Gespür dafür, ihre Atmosphäre aufzunehmen. Erschreckende Parallelen zwischen Manila und Los Angeles werden deutlich: Ähnliche soziale Kontraste und eine „Stadt der Engel“, die auf ihrem Weg in die dritte Welt Anfang der 1990er schon ein gutes Stück vorangekommen war (dank des erschreckenden Niedergangs Manilas sind bis heute noch Unterschiede zwischen diesen Metropolen erkennbar). Für den Roman verbrachte Campbell Armstrong zwei Monate in Manila. Anschließen besuchte er den Norden Luzons. „Was man auf Recherche macht, ist rumlaufen. Da kommt man automatisch auch an üble Orte. Besonders leicht in einer Stadt wie Manila. Die ganze Anfangsszene ist echt. In manchen Straßen bieten sich neunjährige Kinder für einen Dollar an. Das machte mir mächtig zu schaffen. Ich gab ihnen Dollars. Das war ein Fehler. Natürlich wurde ich schnell von allen möglichen Leuten umringt. Traurig, verdammt traurig.“

Um gegen die „Agenten der Finsternis“, CIA, Polizei und andere, vorzugehen, wählt Galloway den falschen Weg: „Richtig wäre es gewesen, sich in einer Suchtklinik trocken legen zu lassen. Aber dann hätte ich keinen Roman, nur fünf Tage in einem Krankenhaus. Als ich begann über Charlie zu schreiben, fühlte ich mich ihm sehr nahe. Irgendwann hat er übernommen und es wurde obsessiv. Das ist das richtige Schreiben: Wenn die Obsession so groß ist, dass du Tage und Nächte über einer einzigen Seite verbringst. Wenn das nicht da ist, stimmt was nicht mit dem Buch. Man muss wirklich krank sein, um diese Leidenschaft zu leben.“

AGENTS OF DARKNESS beschäftigte ihn länger als frühere Romane: insgesamt 18 Monate. Noch reflektierter als die Romane zuvor. „Der Schreibprozess machte Spaß. Ich schrieb drei unterschiedliche Fassungen, sogar eine mit einem glücklicheren Ende. Aber die überzeugte mich nicht, war zu unrealistisch. Wäre es ein reines Genre-Buch, hätte es ein Happy end.“

Im Gegensatz zu den vielen „aufgeklärten Konservativen“, die sich im Genre tummeln, ist Armstrong kein naiver Propagandist:„Der Schah, über Nacht zum Unberührbaren geworden,… hauptsächlich deshalb, weil er das schlimmste aller Verbrechen begangen hatte, dessen sich ein Verbündeter der USA schuldig machen kann: Er hatte seine Nützlichkeit überlebt.“ Der Roman ist auch eine Geschichte der Beherrschung der Philippinen durch die USA. „All die Morde, die Folterungen, die ich mir von Amnesty habe bestätigen lassen, das Köpfen und Verschwinden von Menschen, all das nur um Imelda Marcos in ihren Schuhen zu lassen, diese komplett Verrückte.“ Bei Armstrong hat der US-„Taliban“ nie Korrektur Lesen“ dürfen.

Neben extremer Spannung und literarischem Genuss, zeichnen den Roman auch viele komische Momente aus. Etwa Campbells Seitenhieb auf den Techno-Thriller, zu dessen Fans hier der US-Präsident gehört: „Einer der wenigen Leser dieser Art von Literatur, die bei der Lektüre von Anfang bis Ende nicht die Lippen bewegen“, denn ansonsten liest er nur „technological reports“.

Manchmal höre ich gar Jörg Fauser, einen ähnlich ambitionierter Trinker wie Armstrong bis 1993:

„Man wusste eben nie, wo der Fusel einen hinführte… bei genügend Alkohol hätte Galloway sich für etwa zwanzig Minuten in sie verliebt. Seine im Rausch sich aufschwingende Romantik war chronisch.“
„All seine rauschhaften Gedanken waren bisher wie ängstliche Mäuse im grellen Tageslicht davongehuscht.“

Ja, es ist auch ein großartiges Buch über das Saufen und hätte Luis Bunuel viel Spaß gemacht. „Alkohol vermindert die Langeweile, wischte die zunehmende Desillusionierung weg, stempelte das Visum ins Land der Lebendigkeit.“

Um es mit dem dicken Jungen zu sagen: „Lesen Sie Campbell Armstrong. Vertrauen Sie mir. Ich weiß, was ich tue.“

Es ist mir unbegreiflich, dass – auch international – Armstrong nicht bekannter ist. Googelt man ihn, ist das Ergebnis erbärmlich. Obwohl er Bestseller hatte, ist er bis heute ein absoluter Geheimtipp

Demnächst mehr über ihn, the real McCoy, in diesem Theater.

Die deutsche Ausgabe erschien unter dem Titel EX bei Bastei-Lübbe, 1993.

P.S.: Wer deutsche Ausgaben bevorzugt, sollte sich jetzt eindecken. Nicht nur, weil sie für wenige Cents, mehr oder weniger gebraucht, zu kaufen sind, sondern weil sie damals von Bastei in Frankreich gedruckt wurden und über eine Papierqualität verfügen, die kein Klopapierhersteller als akzeptabel bezeichnen würde. Lies, bevor es verwelkt.


Und noch einen, um klar zu machen, was dieser Autor für einen Lauf hatte. Direkt nach oben besprochenem, veröffentlichte Campbell Armstrong:

KONZERT DER GEISTER

“In his sixth novel, a narrative that sounds notes both chilling and nostalgic, Armstrong ( Agents of Darkness ) evokes a paranoia that may strike familiar chords in survivors of the ’60s counterculture. Ex-hippie Harry Tennant is busted in upstate New York for growing pot. While awaiting trial, he’s approached by a young writer, Alison Seagrove, who is researching a piece about a photo of Harry and four others that became an icon of the hippie movement. But Harry doesn’t remember either the picture or the others in it; were his memories erased by the drugs he was taking? Worried and puzzled, he decamps with Alison on a cross-country attempt to recover his memory. On their journey Harry talks about his father, a lawyer whose defense of an Army colonel charged with atrocities in Vietnam shamed Harry into estrangement. Gradually Harry finds his past growing more and more accessible and steadily more horrifying; meanwhile he and Alison suspect that they are being followed–and one night their suspicions are confirmed as a man is shot while trying to lob a grenade into their motel room. Armstrong steadily increases the suspense as he slowly reveals a far-reaching political conspiracy that is also a profound personal betrayal.”
PUBLISHERS WEEKLY

Thriller, die den Geist der 1960er heraufbeschwören, gibt es inzwischen einige (zu den bekanntesten und gelungensten gehört George R.R.Martins ARMAGEDDON ROCK). Das wundert nicht: Die wilden Sechziger bieten genauso viele geeignete Sujets wie die Jahrzehnte zuvor – von den Polit-Morden über CIA-und Mafia-Machenschaften bis Charles Manson. Es ist ein weites Feld.

Einer der besten ist A CONCERT OF GHOSTS von Campbell Armstrong, einem meiner Lieblingsautoren, der in vielen Subgenres Meisterwerke schuf und nie die Anerkennung fand, die ihm zusteht. Das wird sich wohl auch in absehbarer Zeit nicht ändern. Aber ich schweife ab, denn ich will ja hier den zehn regelmäßigen Lesern meines Blogs ein Buch empfehlen, das sie vielleicht noch nicht kennen.

Die „Chicago Tribune“ schrieb 1992 zur US-Veröffentlichung des Romans: „It is easily the most intriguing work I`ve encountered this year, a lyrical, powerful tale of political conspiracy and its consequences on one individual.”

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