Martin Compart


DER SPION, DER AUS DER WÄRME WOLLTE 3/ by Martin Compart

Am 3.April 1969 verließ Adam Diment London zusammen mit der schönen Kubanerin Camille, die er auf einer Party kennengelernt und THE BANG BANG GIRLS gewidmet hatte.

In den nächsten zwei Jahren lebte er mit ihr in einer Villa in Rom, trieb sich aber auch in Asien, auf Ibiza und in anderen Ländern herum. Geld spielte keine Rolle: Die McAlpine-Quelle sprudelte auch durch Lizenzen und Übersetzungen. Insgesamt soll Diment mit seinen McAlpine-Romanen etwa 100.000 Pfund verdient haben. Aber das sind nur Spekulationen, die auf Schätzungen basierten.

Jedenfalls genoss Diment das Leben in vollen Zügen und dazu gehörten natürlich Drogen. Und ganz dem Zeitgeist entsprechend, zog es ihn in indische Ashrams.

Er hatte sich wohl auch ein paar Feinde und viele Neider gemacht: Zwei anonyme Briefe an die Bank of England beschuldigten ihn der Geldwäsche und des Drogenhandels. Diment wurde nicht belangt, da es bis auf die anonymen Briefe keine Verdachtsmomente gab.

Diment kehrte schließlich in seine Londoner Wohnung in der Tregunter Road 28 in Fulham zurück. Im Gepäck das Manuskript des vierten McAlpine-Romans, das er in Rom verfasst hatte.

1971 erschien THINK INC, Diments letzter McAlpine.

Think Inc. came out in 1971, although seems to be set three years earlier, and is a bleaker novel with bloodier violence than the earlier McAlpine adventures. The hero is kicked out of British intelligence after a defecting spy gets killed, and has to go on the run. In Italy he’s blackmailed into joining a criminal gang and helps them with everything from kidnapping an film starlet to hijacking a Boeing 707. The tone is gloomy.

What’s London like now?’ someone asks.
‘Coming down off its high. The scene is shifting but nobody is sure where to.’

Characters are  better drawn than Diment’s previous caricatures, with a young prostitute effectively and sympathetically sketched in. The book has a grim ending, with McAlpine barely escaping an ambush that wipes out the rest of the gang and probably kills the woman he’s come to love. Add in McAlpine’s moments of introspection in which he realises how sick he is with the violence and casual sex, and it doesn’t seem too surprising this was the last book Diment wrote.“ (Othen)

John Michael O´Sullivan: „The novel starts in the aftermath of an international operation gone badly awry. After a tense showdown with Quine, McAlpine is cut loose and, avoiding an assassination attempt, he bids a dry-eyed farewell to Swinging London and goes on the run. Wandering through Europe, he joins an international crime gang and falls unsentimentally in love, or something like it. It’s a story without hope, each chapter hammering another nail in the coffin of Diment’s “switched-on spy”. It ends on a bleak, tantalising cliffhanger, with McAlpine alone, under attack, out of lives and luck.“ (https://www.esquire.com/uk/culture/news/a9161/the-case-of-the-missing-spy-novelist/ )

„There was a certain bitterness and a certain melancholy in the three previous books despite their garish clothing and wild situations. By Think, Inc., that dark streak has become more prominent. It’s more cynical. It’s more violent.“

Es gab diesmal keinen Presse-Hype und der Erfolg des Buches hielt sich in Grenzen. Das war vielleicht mit ein Grund dafür, das weder Diment noch sein Verlag darauf bestanden, den Sechs-Romane-Vertrag zu erfüllen. Diment hatte genug von seinen Thrillern. Was wirklich bedauerlich ist, denn mit THINK INC verdeutlichte er, wie sensibel er für Zeitstimmungen war und wie faszinierend er diese in Literatur umsetzen konnte.

Neben all diesen Verdiensten ist „Adam Diment“ in erster Linie ein Meisterwerk der Medienkomplizenschaft.

Die Swinging Sixties waren vorbei. Die Zeiten wurden rauer, wie Filme wie GET CARTER und VILLAIN verdeutlichten.

Der Aston Martin wurde verkauft und Diment ging in die Schweiz. Er fuhr einen alten Fiat und arbeitete einige Zeit als Lektor für einen Verlag, der psychologische Bücher heraus gab.

Das Geld aus den McAlpines finanzierte weitere Reisen und Drogen. Angeblich schrieb er auch Bücher, die kein Verlag veröffentlichen wollte. Das erscheint mir recht unwahrscheinlich. Auch wenn ein Verlag Diments neue Bücher nicht gemocht hätte, würde man doch zumindest einen Versuch mit ihnen gemacht haben. Schließlich hätten sie auf die weltweite Reputation hoffen können.
Wahrscheinlicher ist wohl die Annahme, dass Diment immer tiefer vom Drogensumpf aufgesaugt wurde. Vielleicht ist er – wie so viele – in den 1970ern von Cannabis auf härteres umgestiegen…

Irgendwann musste er das Geld durchgebracht haben, Ein Zeitzeuge behauptete, Ende der 70er hätte Diment als Minicab-Fahrer in London gearbeitet.
American backpacker Clay Caughman met Diment in a remote Nepalese hotel, where they co-existed for a time. “We were just really, really quick friends. Adam’s room was next door to mine, and he had a little portable Remington Underwood. He typed every morning, and then this ganja guy would come by and sell us weed every afternoon. We talked a lot, mainly about writing. And he was still living off the proceeds of The Great Spy Race, I remember that!” But when Suzie Mandrake saw him in London at the end of the Seventies, those funds appeared to have dried up. “We’d already lost touch. I was studying painting by then; he pulled up beside me at a bus stop as I was going from one class to another, and said he was working as a minicab driver.” (Othen)

1975, als Diment in Zürich lebte, veröffentlichte der OBSERVER den Artikel „Whatever happened to Adam Diment?“, der kurz für neues Interesse sorgte. Aber Diment scheute die Öffentlichkeit, gab keine Interviews und ließ nicht zu, dass die McAlpine-Thriller neu aufgelegt werden.

Irgendwann in den 1980ern ließ er sich als Landwirt in Kent nieder, heiratete und bekam zwei Söhne.

Er legt nach wie vor keinen Wert auf Öffentlichkeit und es hat lange gedauert, ihn dazu zu bewegen, dass seine Roman neu aufgelegt werden. Zu seinen Bedingungen gehört, dass er weder für Marketing-Strategien, noch für Interviews zur Verfügung steht.

2009 sorgte ein Artikel in dem wunderbaren Blog ANOTHER NICKEL IN THE MACHINE für neues Interesse Diment: http://www.nickelinthemachine.com/2009/08/the-disappearance-of-the-author-adam-diment/ .

Zeitgenössische Thriller-Autoren wie Tom Cain, Peter James, Jeremy Duns oder Adrian Magson „outeten“ sich als Diment-Bewunderer.

Duns: „Despite the marketing on the sex, drugs and rock’n’roll, the books are rather down to earth. I think they’re very under-rated. The marketing at the time sold them as a cool alternative to boring, middle-aged James Bond, and Diment was presented almost as a stand-in for his character. I think that meant people took them less seriously and they were largely forgotten as a result, consigned to a drawer marked ‘novelty act’… His writing is as compelling when describing the mundane – the grey murk of midwinter London, the monotony of office life – as it is when McAlpine decamps to a tropical island or a Swedish orgy. I think the ‚Austin Powers‘ stuff now distracts from just how good a lot of his writing was: he had taut plots and some great sardonic prose.

Tom Cain: „His stories are thoroughly Bond-esque… Agent 007 would have been clueless in the world of the Beatles and the Stones, miniskirts, Flower Power and demonstrations against the Vietnam War. Adam Diment, however, was utterly in his element and his four books are to Bond what Sgt. Pepper was to The Sound of Music: a signal of something clearly rooted in the past that is, at the same time, utterly new.



DER SPION, DER AUS DER WÄRME WOLLTE 2/ by Martin Compart

Im Frühjahr 1968 erschien mit THE GREAT SPY RACE der zweite McAlpine-Roman, und der Hype ging weiter.
Peter Hebdon vom Verlag Michael Joseph hatte inzwischen die Taschenbuchrechte für eine gigantische Summe an Pan Books verkauft.

Diment war zur Medienfigur geworden: Als das LIFE-Magazin einen Artikel über das Swinging London veröffentlichte, wurde Diment besonders herausgestrichen als Prototyp dieser neuen Spezies.

Im Film POPDOWN, in der die hippe Londoner Szene durch die Augen von Aliens dargestellt wird, trat Diment vor die Kinokamera.

Diment war nicht länger nur ein Medienphänomen, er war Pop geworden.

Als Autor war er genauso populär – wenn nicht sogar populärer -, wie seine fiktionale Kreation. Eigentlich wurde er gleichgesetzt mit McAlpine, weshalb sein Konterfei nicht nur in der Werbung verwendet wurde, sondern in verschiedenen Ländern auch auf den Buchumschlägen. Der Schriftsteller Adam Diment war genauso zu einer Kunstfigur geworden wie der Geheimagent McAlpine.

Nur eine Frage der Zeit, dass sich Hollywood für McAlpine interessierte. Die Spionagewelle war dank James Bond auf ihrem cineastischen Höhepunkt.

1968 kaufte United Artists die Filmrechte. Stanley S. Canter (der später u.v.a. auch GREYSTOKE produzierte) und Desmond Elliott gingen eine Koalition ein, um den Film zu produzieren.

Über die Hauptrolle war man sich schnell einig: David Hemmings war dank BLOW UP das Kinogesicht der Swinging Sixties. Und zu diesem Zeitpunkt galt er als heißester Schauspieler Großbritanniens.

McAlpine sollte nach Bond und Harry Palmer (so hieß Len Deightons namenloser Spion in den drei Filmen mit Michael Caine) die nächste große Spy-Serie werden. Diment und Hemmings trafen sich und alles schien gut und problemlos anzulaufen. Auf dem Klappentext des dritten McAlpine, der im November 1968 erschien, verkündete man den Film als „work in progress“ – und so taten es auch die Medien.

Aber bis heute wurde nichts daraus.

Und Schuld daran war wohl der dato größte Kinomarkt der Welt, die USA. Dort galt – trotz BONNIE & CLYDE und der beginnenden Schwangerschaft mit dem New Hollywood – noch immer der Hayes-Code.

United Artist bekam kalte Füße.

Einen kiffenden Geheimagenten auf die Leinwand zu bringen, wäre wohl ein bißchen zu viel gewesen. Zwar stand auch in den USA die kiffende Subkultur in voller Blüte, aber der Widerstand gegen Drogen und Jugendkultur formierte sich rasant. Nicht nur in der Politik, auch die schweigende Mehrheit hatte bereits ihr hässliches Haupt erhoben und brüllte immer lauter.

Canter und Elliott war natürlich sofort klar, dass sie McAlpine in der Kinofassung nicht die Joints wegnehmen konnten. Ohne Shit wäre er gewesen wie Bond ohne Doppelnull. Denn all das, was ihn so erfolgreich am Buchmarkt machte, dass er tief in der jugendlichen Subkultur verwurzelt war, wäre verloren. Mit den Joints hätte er seine gesamte Glaubwürdigkeit verloren. So könnte keine Filmadaption funktionieren.t

Mit dem zweiten Roman schloss Diment nahtlos an den Erfolg des Vorjahres an.

The Great Spy Race picks up very soon after the first book, with McAlpine still an unwilling employee of Quine’s bizarre intelligence outfit but nearing the end — he hopes — of his contract. When he’s sent on what seems rather a routine assignment, he soon finds himself set up to become Quine’s representative in a competition for spies being mounted by an eccentric billionaire. The prize is a piece of intelligence so juicy that the top spy agencies of the world all send participants. Up against such big guns, McAlpine considers himself absurdly outclassed and outgunned, but since it’s his life on the line, he taps into all his skills and cunning to come out on top, or at least make a od show it things.2( https://teleport-city.com/2015/08/24/high-spy-adam-diment/ )

Auch GREAT SPY RACE sprüht vor sexistischem Blödsinn (der ihn beim heutigen political correctness-Faschismus in Schwierigkeiten bringen würde), großartigen Ideen und bösartigen Gesellschaftskommentaren. Und Quine trägt „einen LSD-Halluzinationenschlips“.

Diment bleibt natürlich der Sixties-Ideologie treu, die sich klar von der ekelhaften Mittelschichtsideologie absetzte, die da lautet: Hart arbeiten und ein verblödetes Leben führen.

Außerdem erfährt man zwei Jahre vor Frederick Forsyths DAY OF THE JACKAL, wie man sich unkompliziert einen legalen britischen Reisepass mit falschen Daten und Namen besorgt.

Christopher Othen beurteilt den Roman weniger positiv als ich:On the surface it looked like more of the same, but a sourness had crept into the writing. McAlpine comes across more as a bitter noir detective, cynically observing a corrupt world, than a fun-loving hippy playboy. He doesn’t even like rock music.
The books are full of complaints: about the weather, London, the crumbling empire, older people, younger people, and everything else. The psychedelic touches increasingly seem tacked onto a darker and grimmer narrative. It’s not all misery: the sex scenes are fun and the Diment prose is always capable of a light touch, even if the books seemed written at speed and never revised. But it was clear the author had become disillusioned with his newfound fame.”
(https://christopherothen.wordpress.com/2018/04/18/who-was-adam-diment/ )

Diment genoss den Ruhm nicht mehr in vollen Zügen.
Wie die Beatles und andere Musiker im selben Jahr, zog es ihn nach Asien. Er entfloh der westlichen Verderbtheit und suchte spirituelle Erleuchtung in Indien und Nepal (genaue Informationen sind nicht aufzuspüren), vorzugsweise durch bestes Haschisch.
Dazwischen funktionierte er in Elliotts PR-Maschine und ging u.a. auf die nächste US-Tour.

Diment war bekanntlich ein schneller Schreiber. Also fand er auch noch Zeit, um innerhalb einiger Tage einen dritten McAlpine-Thriller zu verfassen.
Und so erschien im November 1968 THE BANG BANG BIRDS; die deutsche Ausgabe trägt den schönen Titel DIE KNALLVÖGEL!

Für sein neuestes Abenteuer hat der flotte Phil McAlpine gleich zwei Auftraggeber: seine vorgesetzte Dienststelle und einen amerikanischen General, die beide brennend daran interessiert sind, einem auf höchster Ebene tätigen weltweiten Erpresserring das Handwerk zu legen.
Ein Ein-Mann-Job von wahrlich gigantischem Format und mit recht geringen Überlebenschancen. Aber wieder einmal zieht man dem munteren Phil wegen einiger dunklen Punkte in seiner Vergangenheit die Daumenschrauben so kräftig an, daß ihm gar nichts anderes übrig bleibt, als sich ins Getümmel zu stürzen.
Zuerst läßt sich die Sache ganz vergnüglich an: Seine wohltrainierten Fähigkeiten auf dem weiten Gebiet der Liebeskunst verschaffen ihm mühelos Zugang zum Erpresserring, der sich für seine Zwecke eine ganz besondere EiVoliere-Club, in dem Prominenz aus Politik und Wirtschaft attraktive `Vögel´ für mannigfache Dienste – vornehmlich unterhalb der Gürtellinie – zur Verfügung stehen. Doch in der Höhle des Löwen, in der Stockholmer Voliere-Zentrale, wird es dann ernst, daß zeitweise sogar unserem jungen Helden alle frivolen Gelüste gründlichst vergehen.

Keine Bücher für den Noir-Kundendienst, aber hochintelligente und stilistisch brillante Zeitaufnahmen für Connaisseure. Diese fünf Jahre der Renaissance im 20. Jahrhundert dauerten nur so lange, weil die üblichen Herrschaftsverbrecher nicht die brutale Naivität der Lautsprecher dieser Generation auf der Karte hatten.

Nach der Veröffentlichung sagte Diment in einem Interview: „I’m getting a little tired of the character now.“, Und später dann, er könne sich nicht vorstellen, mit 27 Jahren noch McAlpine-Romane zu schreiben. Ähnliches hatte kurz zuvor Mick Jagger über Satisfaction singen gesagt.

Ein Konflikt zwischen Diment und der Industrie begann zu schwelen: SIE wollten IHN haben, und Adam Diment wollte sein.

…und die kulturelle Erosion der Sechziger hatte bereits begonnen:.

Die Sowjetunion hatte durch das Plattmachen eines beginnend kommunistischen Landes, Tschechoslowakei, den real existierenden Sozialismus im Bewusstsein zerstört.
Das Kapital begann alles einzukaufen, was an Reformen den Profit steigern würde, zerbombte Vietnam und destabilisierte afrikanische Staaten mit kannibalistischen Satrapen. Die Ratten bestiegen das sinkende Schiff.

FORTSETZUNG FOLGT