Martin Compart


THRILLER, DIE MAN NICHT GELESEN HABEN MUSS: GROBER UNFUG MIT BLONDINEN: Carter Browns genialer Trash by Martin Compart
1. März 2016, 9:53 am
Filed under: CARTER BROWN, Crime Fiction, Krimis, Porträt, Pulp | Schlagwörter: , , ,

Von allen Schundautoren – von denen es in der Kriminalliteratur wie in jeder literarischen Form reichlich gibt – ist er wohl der schundigste: Der König des Trash! Aber wie man von der Filmkunst weiß, gibt es schlechte schlechte Filme und gute schlechte Filme. Dasselbe gilt für die Literatur. Und unter den guten schlechten Autoren ist Carter Brown einer der besten.

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Als pubertierender Jüngling habe ich ihn geliebt und mit Erregung (er war einer der besten „Stellenautoren“ der vorpornographischen 1960er Jahre; aber damals brauchte es auch nicht viel) verschlungen. In Zeiten von Internet-Porn ist es kaum noch vorstellbar, dass diese Cover und harmlosen „Stellen“ bei pubertierenden Jungs die Akne wie Erektionen aus den heißen Schädeln sprießen ließen.

Außerdem mochte ich seine völlig bescheuerten Plots und seinen Machostil, der eine Mischung aus Großmäuligkeit und Alfred E.Neumann ist. Carter Brown lieferte die Parodie auf sich immer gleich mit. Er war so ernst zu nehmen, wie das Rauchverbot für die große Pause. Später, mit zunehmenden politischen Bewusstsein, bekämpfte ich natürlich als aufgeklärter Progressiver sein sexistisches Frauenbild. Es war leicht gegen die Machoposen ideologisch anzugehen und ihn humorlos als das zu enttarnen, was auf den Klappentexten der Ullstein-Krimis und Mitternachtsbücher gedruckt war.

och später hatte ich dann wieder ein freundlicheres Verhältnis zu dem Großmaul, denn letztlich war er der Krimi-Autor für die erste MAD-Generation. Der Don Martin der Paperback Originals. Vieles von seiner Faszination ist von der Zeit ausgelaugt und zur Nostalgie geworden. Einige der skurrilsten Szenen und größten Dialoge funkeln noch immer wie Waldmeisterlimonade an einem sonnigen Tag im Freibad.

6484243371_93a6957ec9[1]Der Mann hat 262 Romane (mit den australischen Novelettes sind es gar 282) geschrieben. 223 Krimis als Carter Brown, 38 Gothics als Caroline Farr (ab 1966), einen Roman unter seinem Namen, The Cold Dark Hours (1958) und eine Autobiographie unter seinem richtigen Namen Alan Yates: Ready when you are, C.B.! : the autobiography of Alan Yates alias Carter Brown (Macmillan, 1983). Als Paul Valdez schrieb er sogar Science Fiction.  Als sein ambitioniertester SF-Roman gilt Coriolanus, the Chariot! (1978).

In Deutschland sind 174 Romane erschienen (wahrscheinlich wurden Neuauflagen mitgezählt).

In 28 Jahren veröffentlichte durchschnittlich 9,3 Romane im Jahr. Dieser Durchschnittswert vermittelt nur einen unzureichenden Eindruck seiner Produktivität: In den 1960er Jahren, auf dem Höhepunkt seiner Schaffenskraft, schrieb er oft zwanzig oder mehr seiner kurzen, schnellen Bücher. Darunter seine besten. Die Romane sind dünn und man kann sie in ein bis zwei Stunden auf einem Sitz locker runterreißen (und ebenso schnell vergessen). Über die Gesamtauflage seiner Bücher gibt es unterschiedliche Aussagen, die zwischen 70- und 120 Millionen weltweit verkaufter Exemplare liegen.

Zu den Carter Brown-Fans zählte auch Marlene Dietrich. Als man nach ihrem Tod ihr Pariser Apartment ausräumte, fand man eine ganze Sammlung seiner Bücher.mREZMYw_A9ww9frf6XJRh3w[1]

Seinen bekanntesten Serienhelden sind Lieutnant Al Wheeler und Sergeant Polnick, der dümmste Polizist der Kriminalliteratur, aus Pine City; Danny Boyd, der immer geile Privatdetektiv mit dem klassischen Profil („Weihnachten verkleide ich mich gerne als Nikolaus um in Fahrstühlen den Damen mit einer Nadel Laufmaschen in die Nylons zu pieken.“), der Hollywoodschnüffler Rick Holman, die dumme aber aufregende Privatdetektivin Mavis Seidlitz (der erste Roman mit ihr erschien bereits 1955), der „randy“ Anwalt Randy Roberts, der Millionär Donovan (eine späte Figur, in pornographisch plakativeren Romanen, ohne den Charme der frühen Jahrzehnte), der Abenteurer Andy Kane und meine absoluten Favoriten: der Drehbuchautor Larry Baker mit seinem Partner Boris Slivka. Ich-Erzähler Baker ist ein feiger Weiberheld, und der Produzent Slivka ein elender Säufer: „Sein gehetzter Blick ließ mich unwillkürlich an einen Bernhardiner denken, der sich zwölf Meilen weit durch den Schneesturm gekämpft und gerade entdeckt hat, dass sein Rumfäßchen ausgelaufen ist.“

Literaturhistorisch ist Brown ein direkter Nachfolger der Spicy Pulps, bei denen der Held seine Ermittlungen vorzugsweise in den Schlaf- und Ankleidezimmern durchführt und den Frauen dauernd der Rock hochrutscht „so dass man über dem Strumpfrand eine Handbreit nacktes Fleisch sehen konnte“. Autoren wie Robert Leslie Bellem mit seinen Geschichten um den Hollywood-Detektiv Dan Turner hatten in den 1940er Jahren ungeheuren Erfolg.


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Carter Brown war das wichtigste Pseudonym von Alan Geoffrey Yates (er veröffentlichte ebenfalls als Peter Carter Brown und Dennis Sinclair). Er wurde am 1.August 1923 in England geboren. Nach der Schulzeit in Essex trat er in die Royal Navy ein und nahm am Pazifikkrieg teil. Er beendete seinen Dienst 1947 im Range eines Unterleutnants. Wie so viele, die Asien oder die Südsee in ihren Bann zogen,  blieb auch Brown nach dem Krieg dort hängen. Zuerst in Hongkong, dann ging er nach Australien. Dort heiratete er Denise Sinclair Mackellar, mit der er eine Tochter und drei Söhne hatte. Er hatte sie 1945 während eines Urlaubs in Sidney kennen gelernt. Für kurze Zeit lebten sie in England, wo er als Tonmann bei der BAF arbeitete. Die Arbeit befriedigte ihn nicht und er schrieb nebenher Artikel und Radioskripte, die abgelehnt wurden. 1948 ging das Paar nach Australien und Brown arbeitete  von Sidney aus als Handlungsreisender eines Weinhandels; von 1949 bis 1951 war er Mitglied der Public Relations-Abteilung der australischen Fluggesellschaft Quantas. Abends notierte er Western für Invincible Press für ein Pfund pro 1000 Worte! Dann ermöglichte ihm Horwitz die Mitarbeit. Unter den Pseudonymen Paul Valdez und Tod Conway schrieb er in so ziemlich jedem Genre: Von SF über Krimis bis Horror.

a_sommery_feel[1]  1951 erschien seine erste Novelle unter dem Pseudonym „Peter Carter Brown“: The Lady is Murder. 1953 veröffentlichte er seinen ersten Roman: Murder is my Mistress, angeregt – wie er in einem amerikanischen Fernsehinterview sagte – durch den Erfolg von Mickey Spillane. Seine ersten fünfzig Bücher erschienen ausschließlich in Australien – zuerst bei Transport, dann ab 1954 bei Horwitz Publications in Sidney. Horwitz zahlte im wöchentlich dreißig Pfund als Vorschuss auf die Tantiemen. Brown unterzeichnete einen Vertrag, der ihn verpflichtete, dreißig (!) Jahre lang monatlich zwei Novellen und einen Roman abzuliefern. Er schrieb locker 40 000 Worte am Tag und wenn er mal 48 Stunden durcharbeitete, schluckte er Dexedrin. Trotzdem bekam er Ende der 1950er Jahre Probleme, die Termine zu halten. Horwitz halbierte daraufhin die monatlichen Forderungen 1961. Es wird gemunkelt, dass in dieser Zeit einer seiner Signet-Lektoren, C.J.McKenzie, ein halbes Dutzend Carter Brown-Romane schrieb. Robert Silverberg soll ebenfalls zwei „Carter Brown-Romane“ geschrieben haben, die aber von Signet nicht akzeptiert wurden.

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Das erste Land, in dem seine Bücher übersetzt wurden, war Finnland. Nachdem Horwitz 1958 ein Paperbackdeal mit New American Library (signet Books) gelungen war, erschienen seine Bücher auch in den USA, wo sie sofort Erfolg hatten, obwohl Brown die Staaten nur aus Romanen und Filmen kannte. Einer seiner Lektoren bei Signet war E.L.Doctorow. Laut Bill Pronzini teilen sich Carter Brown und Erle Stanley Gardner den zweiten Platz hinter Mickey Spillane als die in den USA meistverkauften Krimiautoren (zumindest bis in die 1980er Jahre). Nicht geringen Anteil daran hatten die vielen großartigen Cover von Robert McGinnis und Barye Phillips. Die Romane wurden in 29 Sprachen übersetzt und in den 1990ern sogar ins Russische. 2007 registrierte man über 3000 Ausgaben in 29 Sprachen. Ausgangspunkt für den weltweiten Erfolg war der Deal mit Signet, der für Aufmerksamkeit sorgte. Bereits wenige Jahre später wurden seine Bücher in 14 Sprachen übersetzt – darunter deutsch, französisch und japanisch (dort wurde er in der edelsten Crime Edition in aufwendig gestalteten Büchern veröffentlicht).

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Yates war ein Familienmensch – das Gegenteil seiner Helden. Zehn Jahre lebte er in England, dann in Hongkong und schließlich in St.Ives, Sidney.

Yates starb am 8.Mai 1985; sein letzter Roman war 1981 erschiene. Aber da war seine große Zeit längst vorbei. Auf dem Höhepunkt seines Erfolges in den 60ern, brachte Signet seine Bücher sogar als eigene Reihe heraus.

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Die Kritik hat ihn nie gemocht. Zu trashig, zu pulpy. Besonders in den 1970er Jahren wurde er wegen seines Frauenbilds zur Zielscheibe. Sein Problem war es, dass er ernst genommen wurde. Wie Henry Kane begann er seine Romane pornographisch aufzurüsten um gegen den schwindenden Erfolg anzuschreiben. Dabei blieb sein bescheuerter Pin-Up-Charme auf der Strecke. stripper-frontL[1]Spätestens ab 1975, als Signet auch die gemalten Cover durch Foto-Cover ersetzte, verlor Brown endgültig seinen Reiz: sein naiver Playboy-Sexismus wurde immer häufiger zu langweiliger Pornographie mit sadistischen Tönen, der Humor platter und aufgesetzt. Seine Zeit war vorbei und alle Versuche, sich den freizügigeren 70ern anzupassen, nur peinlich.

Seine deutschen Veröffentlichungen wurden zu Beginn der 1980er Jahre gestoppt, als die Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Schriften den Heyne-Band Donovan und das süsse Leben indizierte. curtainsforachorineFRfilm1963CBMS[1]Neben dem Desch-Verlag und Ullstein war es der Heyne Verlag, der als dritter und letzter Verlag Carter Brown in Deutschland veröffentlichte.

Zwischen 1956 und 1958 hatte er eine eigene Radio-Serie The Carter Brown Mystery Theatre.

1982 führte die Sydney Theatre Company eine Musicalversion seines Romans The Stripper von 1961 auf! Adaptiert und inszeniert wurde es von Richard O´Brien, dem Schöpfer der Rocky Horror Picture Show.

Die einzige mir bekannte Verfilmung ist eine französische Komödie: Blague dans le coin (1063) von Maurice Labro  mit Fernandel nach Curtains for a Chorine  (1955).  1958 wurde auch von Horwitz ein Carter Brown-Comic-Magazin veröffentlicht. Insgesamt gab es wohl drei oder vier Comic Books mit den Romanhelden.

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Die Romane nehmen sich genauso wenig ernst, wie ihre Helden oder die Plots. Jeder besteht aus einer immer wieder geschüttelten Mischung aus Sex, Action und Humor. Immer dasselbe – aber anders.

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Browns Protagonisten sind vor allem geile Lustmolche. Und sie kommen voll auf ihre Kosten: Mindestens drei (Blondine, Brünette, Rothaarige) Frauen kreuzen pro Roman ihren Weg. Fast immer ist auch eine bösartige Sadistin (lesbisch oder frigide) darunter, die dem Helden arg zusetzt. Zum Glück für ihn lauern aber auch immer eine geile, tumbe Blondine oder eine temperamentvolle Rothaarige auf den Seiten.

Vorgestellt werden sie natürlich immer mit ihren Maßen: „Sie hat die Art Figur, die die Modezeitschriften fast an den Rand des Ruins brachte, als sie versuchten, sie als unmodern hinzustellen.“

Brown war ein echtes Produkt der Playboy-Kultur der 50er Jahre. Aber im Grunde besteht der gesamte Brownsche Kosmos aus Mistkerlen, Idioten und gemeinen oder tumben Frauen.. Auch die Helden, die fast immer  Ich-Erzähler sind, wecken beim Leser keine ungebremste Sympathie. Wenn sie sabbernd hinter einem kreischenden, fast nackten (nur noch mit „pulverblauen Höschen“ bekleidet)  Mädchen herjagen, bleibt beim Leser, angesichts der Brownschen Trottel, ein klares Überlegenheitsgefühl zurück. Sex ist nichts anderes, als ein Handelswert.

Das Motiv der Bösewichter ist meistens Geldgier. Geld und Sex sind die Götter in Browns kapitalistischer Welt. Die Gier nach beiden sind die stärksten Antriebskräfte. Eine oberflächliche Kapitalismuskritik, die dem ganzen Hard-boiled-Genre innewohnt, liefert auch Brown ab. In seinen Romanen ist jeder korrumpierbar. Seine Helden haben sich damit abgefunden, dass das System nicht besiegt werden kann – soweit sie zu diesen intellektuellen „Erkenntnissen“ überhaupt in der Lage sind. Sie haben sich eingerichtet und machen ihren Job um dabei soviel Spaß wie möglich zu haben.CBSuddenly5[1] Kapitalistischer Hedonismus, der selbstverständlich als Ware seinen Preis hat. Browns kurze Romane sind als Wegwerfprodukte konzipiert. Man liest sie wie man Zigaretten raucht: Ist die Packung beendet, zerknüllt man sie und kauft eine neue derselben Marke, ohne Erinnerung  an die vorherige.

Sein kapitalistisches Amerika ist nicht in regionalen oder kulturellen Besonderheiten  verankert; es ist ein allgemeinverständliches Disneyland des Kapitalismus. Darauf beruht zum Teil sein gigantischer Erfolg in fast allen westlich orientierten Ländern im Kalten Krieg. Indische oder japanische Konsumenten begreifen jedes Wort genauso wie finnische oder französische.

Browns Erfolgskurve ist ganz ähnlich wie die der Playboy-Kultur.

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Alle Kritik ändert nichts an der Tatsache, dass Brown ungeheuer komisch sein konnte. Ein paar Kostproben gefällig?

„Der Kellner tanzte um mich herum, wie ein kurzsichtiger Vampir auf der Suche nach der Halsschlagader.“

„Das Haus sah aus, als würde es dem jährlichen Termitenkongress als Tagungsort dienen.“

„Dieser Hammond! Erzähl ihm, die Welt ist eine Scheibe, und er wird nie wieder nach Mexiko runterfahren, aus Angst, er könne über den Rand fallen.“

„Ihre Oberweite vibrierte nervös unter dem durchsichtigen Stoff, und ich vermute, das folgende, leichte Zischgeräusch rührte daher, dass meinen Augen die Sicherungen durchbrannten.“

„Do you go to the movies often, Lieutenant?“ she asked politely. „Once,“ I said, „to get in out of the rain. A thing called Birth of a Nation. I figured it was about sex, but I got gypped.“

Große Klasse waren auch die deutschen Titel (mit Lektorin Jutta Wannenmacher war damals sowieso bei Ullstein eine Magierin der Klappentexte und Titel am Werk). Sie waren meist besser als die Originaltitel. Ein paar Beispiele gefällig?

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Ackerbau und Unzucht,

Amok der Amazonen,

Falltür: Bitte klopfen,

Grober Unfug mit Blondinen,

Ein gutes Jahr für Zwerge,

Haschen mit Hexen,

Hölle mit Vollpension,

Hulamädchen auf Abwegen,

Täglich frische Leichen,

Vampire trinken ex,4341097631_c329f9324d[1]

Strandparty für Mörder,

Schwere Last mit leichten Mädchen,

Sexpertin in Mord,

Mord ist kein Metier für Mädchen,

Immer eine Frau auf Eis,

Drei Unzen Agonie.

Browns gesamte Komik erschließt sich aber erst völlig im Zusammenhang mit den aberwitzigen Plots. Und den häufig irrwitzigen Schauplätzen (etwa die mittelalterliche Burg auf einer Pazifikinsel in Falltür-Bitte klopfen), Diese unglaublich dämlichen Handlungsentwürfe runden seinen Stil angemessen ab. Carter Brown ist der hässliche Chauvinist, der alle Chauvi-Klischees drauf hat.  Das macht ihn fast zu einen subversiven Autor! Denn die ewigen, übersteigerten Wiederholungen führen diese Denkmuster ad absurdum. Außerdem entgleiten die Szenen häufig zu literarischen Slapstick. Dann haben seine Helden mit den Keystone-Cops mehr gemein als mit Mike Hammer. Wobei man bei Brown nie derartige Härte und Brutalität findet wie bei Spillane.

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Wie gesagt: Meine persönliche Lieblingsserie ist die leider kurzlebige um Baker & Slivka. in ihnen treibt Brown alles auf die Spitze und entwickelt fast soetwas wie eine surrealistische Qualität. Wer sich über einen Roman ärgert, der auf einer altenglischen Burg auf einer Südseeinsel ärgert, ist selber schuld.

In Deutschland ist Carter Brown schon lange nicht mehr lieferbar. In einem modernen Krimi-Programm hätte er auch keinen Platz mehr (obwohl der heutzutage veröffentlichte charmelose Schwachsinn schon recht erstaunlich ist). Aber antiquarisch ist er mehr denn je erreichbar, dank dem Internet. Und das wahre Feeling stellt sich sowieso nur bei den alten Ullstein-, Mitternachts- und Signet-Ausgaben ein.

 

Swinging Sixties pulp fiction at their sleaziest.

 

 

 

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THRILLER, DIE MAN GELESEN HABEN MUSS: CHARLES WILLIAMS – VON DEN BACKWOODS ZUR HOCHSEE by Martin Compart

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Es fängt mal wieder ganz harmlos an: Der herunter gekommene Ex-Footballer Lee Scarborough muss sein Auto verkaufen und gerät dabei an die attraktive Madelone Butler. Und die schlägt ihm ein windiges Geschäft vor: Er soll in ein Haus einbrechen und die versteckte Beute aus einem Raub holen. Und damit geht die Party natürlich erst richtig los.
A TOUCH OF DEATH (100 MEILEN ANGST bei Heyne, 1968) gehört zu den düstersten Romanen von Charles Williams. Vielleicht der Roman mit der schlimmsten femme fatale aller Zeiten. Williams Frauenfiguren haben weniger mit den üblichen femmes fatales der Pulp- und Paperback Originals gemein, als dass sie die „Heldinnen“ in Neo-Noir-Filmen, wie LAST SEDUCTION (1994) von John Dahl oder Lawrence Kasdans BODY HEAT (1981), vorweg nehmen. Sie sind emanzipiert und absolut skrupellos. Und Williams dämonisiert nicht, sondern versucht zu verstehen. Die Frauen sind in seinen Büchern die komplexeren Wesen, die seine begrenzten Ich-Erzähler weder begreifen, noch durchschauen.

YnMta3QtMDA0MDMtYmswMDQ=Williams männlichen Helden, abgesehen von den Hochsee-Romanen, sind meistens die typischen Noir-Figuren: von Gier beherrschte, zur Gewalt neigende Gescheiterte aus der Arbeiterklasse oder der unteren Mittelschicht. Ihrer einstigen Hoffnungen beraubt, sind sie dazu bereit, eine Menge Risiken einzugehen um einmal an das große Geld und eine Sexgöttin zu kommen. Sie sind keine primitiven Machos, aber selten dazu in der Lage die Manipulationen durch die Frauen zu durchschauen. Eines der durchgehenden Subtexte in Williams Romanen ist, dass der Held, oder Anti-Held, feststellen muss, dass er nicht die geringste Ahnung von Frauen hat, da er sie nur an seiner Denkungsweise misst. Die „Ironie des Schicksals“ könnte man Williams Plot-Technik bezeichnen. Seine Ich-Erzähler beschreiben unsentimental jede überraschende Wendung, die ihnen (und den Lesern) zustößt. Sein literarisches Können zeigt sich auch darin, mit wie wenigen Sätzen er seinen Personen und dren beziehungen zueinander Tiefe verleiht. Für jeden Fime-Macher sind seine Vorlagen ein Traum; und zum Glück sind einige großartige Filme nach seinen Romanen entstanden (Truffauds Verfilmung von THE LONG SATURDAY NIGHT gehört m.E. nicht dazu; dieser 1962 erschienene Roman war übrigens sein letztes Buch für Gold Medal). Von den 23 Romanen wurden 14 Filmoptionen verkauft und bisher 10 für das Kino verfilmt.

Williams, Scorpion Reef, UK SCORPION REEF war sein erstes Hardcover und sein erster Hochsee-Thriller. Ein Kritiker nannte diese Romane „nautic noir“. Williams selbst war ein fanatischer Segler und Angler. Der aktuelle Meister des Hochsee-Thrillers, der Brite Sam Llewellyn, verdankt ihm mindestens soviel wie Dick Francis.

HELL HATH NO FURY (THE HOT SPOT) von 1953 war das erste Paperback Original, das von der New York Times besprochen wurde. Das wäre nicht weiter erwähnenswert, wenn es sich bei dem NYT-Rezensenten nicht um Anthony Boucher handeln würde, der einflussreichste Kritiker der amerikanischen Kriminalliteratur und von da an bekennender Williams-Fan.

Am nächsten an ein en konventionellen Privatdetektiv- oder Detektivroman kommt Williams in GO HOME, STRANGER (1954). Der Protagonist versucht die Unschuld seiner zu Unrecht des Mordes an ihrem Mann angeklagte Schwester zu beweisen, indem er den wahren Killer sucht. Aber es sind genügend typisch Williamsche Backwood-Elemente vorhanden um den Roman ebenfalls zu einem herausragendes Paperback original zu machen.

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Seine Backwood-Thriller, die einiges Erskine Caldwell verdanken, umfassen nicht nur Noir-Thriller, sondern auch die aberwitzige Comedy UNCLE SAGAMORE AND HIS GIRLS, die Manchette für die komischste Geschichte über Hinterwäldler hielt.

Am bekanntesten ist Charles Williams heute noch für seine Hochsee-Thriller (dank der erfolgreichen Verfilmungen von AGROUND und DEATH CALM). Daneben schrieb er erfolgreich in anderen Subgenres, etwa Southern-Bachwoods wie seine Girl-Trilogie oder gemeine Kleinstadt-Thriller und On the Run-Thriller.

Stranger Er ist der große Vergessene (außer in Frankreich) der Paperback Original-Autoren der 1950er- und 1960er Jahre. Er war lediglich einmal für den EDGAR nominiert („Best Paperback Original“ für AND THE DEEP BLUE SEA).
Um ihn hat es nie einen Kult gegeben wie um Jim Thompson oder David Goodis. Warum, ist schwer zu begreifen: Seine Plots sind oft besser, seine Weltsicht genauso düster und seine Figuren umwerfend. Vielleicht liegt es daran, dass er keinen so in sich geschlossenen psychopathischen Kosmos beschreibt wie Thompson oder Goodis. Er beschildert die erkennbare Realität der amerikanischen Gesellschaft eher aus einer cooleren Perspektive, ohne deshalb ihre Verkommenheit auszusparen. Das gibt den Büchern eine zeitlose und moderne Dimension, die Goodis oder Thompson fehlen (mit äußerstem Verlaub gesagt). Seine Thriller sind oft action orientierter und haben mehr überraschende Handlungswendungen als fünf gute PO-Thriller zusammen. Im Grunde schrieb er bereits Neo-Noir als Goodis und Thompson noch Noir-Klassiker notierten. Ed Gorman, der als erster einen Essay über Williams schrieb, sagt, er sei der beste aller Gold Medal-Autoren.6992967609_5e10e1e44c_z

Charles Williams wurde am 13. August 1909 in San Angelo, Texas, geboren. Er hatte vier Brüder. San Angelo hatte damals unter 10 000 Einwohner und lebte von Rindern, Schafe und Öl. Die Kleinstadt über dem Fluss sollte später in den unterschiedlichsten Formen in vielen seiner Thriller beschworen werden. Genauso, wie die texanischen Backwoods. Wahrscheinlich begann hier in seiner Jugend seine andauernde Leidenschaft fürs Fischen und Leben in der Natur.
Er ging 1929 für zehn Jahre zur Handelsmarine, wo er sich auf Radiotechnik spezialisierte und vor allem als Funker arbeitete. So entkam er der Depression, indem er um die Welt fuhr. Seine Liebe zum Meer hielt ein Leben lang an und inspirierte ihn zu seinen exzellenten Hochsee-Thrillern. Nachdem er 1939 Lasca Foster geheiratet hatte, arbeitete er für RCA und andere Firmen bis zum Ende des 2. Weltkriegs. Dann ging er mit seiner Frau nach San Francisco, wo er bei Mackay Radio arbeitete bis 1951 sein erster Roman, HILL GIRL, erschien. Er war bereits 41 Jahre alt. Der Roman war ein Riesenerfolg und verkaufte über zwei Millionen Exemplare. Es folgte sein erster on-the-run-Thriller: BIG CITY GIRL. williams-hill Williams arbeitete von nun an als Schriftsteller und Drehbuchautor. Anfangs natürlich ausschließlich für die Paperback Originals. Ray Banks bemerkte, dass er von den PO-Klassikern derjenige war, der die wenigsten Qualitätsschwankungen in seinen Büchern aufwies. Er zog mit seiner Familie öfters um und lebte eine Zeitlang in der Schweiz, in Peru. Frankreich, wo seine Romane hoch geschätzt wurden; auch als Drehbuchautor war er dort gefragt. Für seinen NOTHIN IN HER WAY erhielt er 1956 den Grand prix de littérature policière. Die Franzosen taten einmal mehr für Williams das, was sie auch für Goodis, Thompson und einige andere Noir-Klassiker getan hatten: Sie hielten ihn lieferbar, als in seinem Heimatland seine Bücher nur noch in Secondhand-Shops aufzutreiben waren. Die Franzosen verfilmten auch einige seiner Romane: NOTHING IN HER WAY mit Belmondo und Jeanne Moreauvon Marcwel Ophüls (1963) war die zweite Williams-Verfilmung nach THE THIRD VOICE (1960) von Hubert Cornfield (nach ALL THE WAY).

John D. MacDonald sagte über ihn: „Nobody can make violence seem more real.“
Anfang der 1970er Jahre starb seine Frau an Krebs. Williams kaufte etwas Land an der Grenze zwischen Oregon und Kalifornien und lebte dort in einem Trailer. Er konnte zwar fischen, aber nichts schreiben. Also zog er 1972 nach Los Angeles, wo er an einigen Drehbüchern mitarbeitete. In den letzten 12 Jahren seines Lebens hatte er nur noch drei Romane geschrieben. Sein Erfolg verblasste in den USA bereits in den 1960ern.
1975 setzte er seinem Leben ein Ende und erschoss sich. Im selben Jahr gab es noch eine Verfilmung: The Man Who Would Not Die) nach dem Roman THE SAILCLOTH SHROUD. Er wurde am 7.April in seinem Appartement in Van Nuys tot aufgefunden.


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