Martin Compart


THRILLER, DIE MAN GELESEN HABEN SOLLTE: BLUTHUNDE von Don DeLillo by Martin Compart

Don DeLillo ist einer der großen Verschwörungstheoretiker. Aber ihm nimmt es das Feuilleton nicht übel, denn DeLillo hat mehr Literaturpreise gewonnen als die meisten Mainstream-Zeitungen noch Abonnenten haben.

06/00/1991. American Author Don Delillo

DeLilo wird von den Medienkellnern der Literaturseiten gerne mit dem Begriff „postmodern“ belegt. Bei SIEBEN SEKUNDEN begründet das Der Spiegel mit der Beobachtung, dass in dem Roman fiktive Figuren auf historische stoßen. Oha, dann ist wohl Charles Dickens (A TALE OF TWO CITIES) ebenfalls ein „postmoderner“ Autor. „Postmodern“ ist lediglich ein völlig hirnverbrannter Begriff aus den vollgekotzten Schubladen des Marketings, der impliziert, dass es irgendwann mal eine ästhetische Wetterscheide gegeben habe, nach deren Grenzüberschreitung anders als zuvor geschrieben werde.

Tatsächlich gibt es aber seit den 1980er Jahren (in denen manche dieser verzweifelt um Schubladenoriginalität bemühten Hirnakrobaten, überwältigt von ihrer eigenen Wortgewalt, diese „Postmoderne“ verorten) stilistisch nichts epochal Neues. Auch nicht unter der trüben Sonne Klagenfurts.
Kerouac, Burroughs, Vian, Mailer, Robbe-Grillet, Manchette, Pynchon und ein paar weitere füllten bereits in den 1950er- bis 1970ern die literarischen Werkzeugkästen, aus denen man sich bis heute bedient.

runningdog_first_ed[1]Um die Kultur nicht in den öden Festungen subventionierter Kritiker zu isolieren, sollte man sie, wie es ihre Existenz ausdrücklich verlangt, eher an der Realität anmessen. Dann könnte man zumindest seit 2001 von einer Kultur, bzw. Literatur, der „Postdemokratie“ sprechen, was sie ja häufig thematisiert.

Seit der Bankrottrüstung der Sowjetunion und spätestens seit 9/11 rechtfertigen die Lebensgrundlagenzerstörer (Neo-Con ist ein ebenso falscher Begriff wie „postmodern“, denn er beleidigt all das, wofür ein aufrechter Konservativer steht) ihre globalen Verbrechen gegen die Menschlichkeit und Umwelt mit der Marktwirtschaftsphrase. Dank Banker, Konzernlenker und ihren eingekauften politischen Heloten hat die Vernichtung unseres Planeten eine nie gekannte Virtuosität erreicht.

Ich habe schon häufig darauf hingewiesen, dass sogenannte E-Literaten immer häufiger Ausflüge in sogenannte U-Genres machen (wahrscheinlich um ihrem Biedermeier zu entkommen), besonders gerne in die Noir-Literatur.

Hemingway, Mailer, McCarthy, Pynchon taten dies bereits vor Jahrzehnten aus edleren Gründen.

Don DeLillo tat dies ganz unmissverständlich 1978 mit RUNNING DOG. Pop-Kultur war immer bedeutsam für seine Bücher und Weltsicht, aber in diesem Roman nutzte er ganz bewusst die  Strukturen des Thrillers. Oder wie es Joachim Kalka 1999 in der FAZ in einer der brillantesten Besprechungen von BLUTHUNDE ausdrückte: kreist die Handlung „in einem Dekor von verschwenderischer Noir-Ausstattung“ um „ein leeres Zentrum: Es gibt etwas, das alle haben wollen, von dem man aber nicht genau weiß, was es ist, wer es hat, ob es existiert“.

Dies ist DeLillos Jagd nach dem MALTESER FALKEN, der bei ihm ein Pornofilm aus den letzten Tagen im Führerbunker ist und dessen Schale am Ende des Romans ähnlich aufgekratzt wird wie bei Hammett. Und wie bei Hammett ist es auch für DeLilo lediglich ein McGuffin – einer der aberwitzigsten der Noir-Literatur (der Begriff „McGuffin stammte von Alfred Hitchcock und benannte das zugleich sinnlose oder sinnvolle Motiv, das „die Handlung zum laufen bringt oder am laufen hält“). Dem Zeitgeist entsprechend, gibt es in BLUTHUNDE keine integre Figur wie Sam Spade. Mordende wie Ermordete sind schuldhaft in die Intrigen des Systems verwickelt.

Im Echo von Kennedy-Attentat, Vietnam, Watergate, Sixties-Revolte und Church-Ausschuss hat DeLillo BLUTHUNDE mit ebenso unterhaltsamem wie symbolisiertem Personal bestückt: einen Geheimagenten, zwei Journalistinnen des ehemals radikalen Magazins „Bluthunde“, einen Senator (der in einem dem Church-Ausschuss nachempfundenen Komitees mitmischt), den Boss des militärisch-industriellen Komplexes, einen Mafia-Don, einen alternden Erotika-Händler und andere illustre Gestalten. bluthunde-9783442446025_xxl[1]

Der Agent Selvy arbeitet, von Steuergeldern bezahlt, für Senator Lloyd Percy als eine Art Referent. Seine wirkliche Aufgabe ist es, belastendes Material gegen den Senator zu sammeln, dass Geheimdienste und der militärisch-industrielle Komplex gegen ihn verwenden kann. „Er fühlte sich vom Dreck seines Berufs nicht beschmutzt.“ Selvy ist der Strohmann für eine vor der Öffentlichkeit verborgenen Neigung des Senators: seine millionenschwere Erotika-Sammlung, der auch der Nazi-Porno einverleibt werden soll. „Es gefällt dem Herrn, dass nur wenige von uns über das nötige Kleingeld verfügen, um solchen Neigungen nachzugehen.“

Zynisch betrachtet DeLillo die perverse Nazi-Faszination durch den Zwischenhändler Lightborne: „Film spielte eine ganz wesentliche Rolle in der Nazi-Ära. Mythos, Traum. Erinnerung… faszinierend: Die ganze Nazi-Ära. Die Leute können nicht genug davon kriegen. Wenn´s um Nazis geht, kommt automatisch Erotik ins Spiel. Die Gewalt, die Rituale, das Leder, die Schaftstiefel. Die ganze Begeisterung für Uniformen und das ganze Brimborium. Hitler hat seine Nichte ausgepeitscht, haben Sie das gewußt? Verhilft derlei Material den Leuten dazu, ihren Orgasmus aufzuwerten?“

Der Roman steht ganz in der Tradition der amerikanischen Conspiracy-Romane und Paranoia-Filme der 1970er. Geschockt von den Reformen der 196oer Jahre, die aus dem Ruder gelaufen waren, begann die Reaktion vehement aufzurüsten und setzte zu Beginn der 1980er gar mit Reagen den ersten Soldaten-Präsidenten ins Weiße Haus. DeLilos schwarzer Polit-Thriller verdeutlicht diese Zeit, die soviel mit unserer Gegenwart zu tun hat.

Aus einem Dialog zwischen Selvy und der Bluthund-Journalistin Robbins:

„BLUTHUND war einstmals ein Organ der Unzufriedenen.“
„Ja, wir waren ziemlich radikal.“
„Heute völlig etabliert.“
„Völlig würde ich nicht gerade sagen.“
„Teil der ständig expandierenden Mitte.“

Kein Thriller für Leser, die zur Genügsamkeit bei geistiger Nahrung neigen.

 



WAS DIE NSA VON DEN NAZIS GELERNT HAT by Martin Compart
7. August 2014, 7:44 am
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Es gab eine Zeit, da lohnte es sich tatsächlich, den „Spiegel“ zu lesen. Sie waren sich nicht mal zu fein, den vielgeschmähten Historiker Irving zu besprechen. Denn – egal wie man zu Irving steht – er war ein ziemlich gutes Trüffelschwein (seine geisteskranke Rechtskehre erfolgte erst nach Demütigungen durch das ebenso arrogante wie unfähige Historiker-Establishment). Hier einige Auszüge aus dem „Spiegel“ Nr.31/1979, die sich fast lesen wie ein Bericht über die NSA:

„…Dabei war das Forschungsamt einmal die einflußreichste jener anonymen Mächte gewesen, die Millionen Deutsche im Griff hielten. Mit seinen 6000 Angestellten, Abhörposten in 15 deutschen Großstädten und Beauftragten in allen Hauptpostämtern, mit seinen Kodespezialisten, Entschlüsselungsmaschinen und Auffangstationen bespitzelte das FA die Nation wirkungsvoller als jede andere Behörde.

1000 fremde Telephonleitungen waren durchschnittlich vom Forschungsamt angezapft, allein in Berlin lasen FA-Zensoren täglich 34 000 Telegramme und Fernschreiben aus dem Inland und etwa 9000 aus dem Ausland. Unerreicht war die Leistungsfähigkeit der FA-Dechiffrierer: Im Zweiten Weltkrieg entschlüsselten sie pro Monat 3000 Telegramme fremder Diplomaten.
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Das FA hörte die Telephongespräche zwischen den Berliner Missionen Englands, Frankreichs, Italiens, Japans, Belgiens, Bulgariens, Jugoslawiens und Lettlands und deren Außenministerien ab. Da das europäische Kabelsystem in Berlin und Wien durchlief, las das Amt die meisten Telegramme der japanischen Botschaften in Westeuropa, der türkischen Botschaft in Moskau und der bulgarischen Gesandtschaften in London und Paris mit.

Das Forschungsamt bespitzelte freilich nicht nur ausländische Diplomaten, es beschattete auch Volksgenossen und Parteifunktionäre. Den Gauleiter Streicher überwachte es ebenso wie die Goebbels-Geliebte Lida Baarova und den Hitler-Adjutanten Wiedemann, aber auch Widerstandskämpfer wie die Angehörigen des Kreises um den Abwehrchef Canaris.

Die Abhörberichte des FA, auf braunem Papier unter einem Hoheitsadler getippt und daher von Eingeweihten die „braunen Vögel“ genannt, verbreiteten nicht selten Panik und Beklemmung. Manchem NS-Gegner wurden sie zum Verhängnis: mit den braunen Vögeln begannen oft Verfolgungsaktionen,
die in Konzentrationslagern und unter dem Galgen endeten…“

http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-40349077.html



REINHARD HEYDRICH-BIOGRAPHIE by Martin Compart
7. Januar 2014, 8:46 am
Filed under: Alexander Martin Pfleger, Nazi, Politik & Geschichte, Rezensionen | Schlagwörter: , ,

„Tristan, der Held, in jubelnder Kraft“

Robert Gerwarths Biographie über den kunstsinnigen Henker von Prag

von Alexander Martin Pfleger

Durch seinen frühen Tod in mythische Dimensionen entrückt, genießt Reinhard Heydrich bis heute in rechten Kreisen den Ruf eines „Jung-Siegfried des Dritten Reichs“, der, wiewohl nicht einmal zur eigentlichen NS-Führungsriege zählend, wäre ihm durch die Vorsehung ein zwar nicht tausendjähriges, aber immerhin ein paar Jahre längeres Dasein zugewiesen worden, die Endlösung der Judenfrage lückenlos durchgeführt und womöglich gar den Zweiten Weltkrieg zugunsten Hitlerdeutschlands entschieden hätte.
heydrich-flew-a-messerschmitt-bf-109[1]Der vielleicht fanatischste Verfechter der Reinheit des Blutes, dessen Fanatismus man lange Zeit in der Furcht vor der Enthüllung seiner mutmaßlich jüdischen Abstammung begründet sah und der – Ironie der Geschichte! – an einer Blutvergiftung starb, beschäftigte in den 70 Jahren, die seit seinem Dahinscheiden verflossen, die Phantasie von Schriftstellern und Filmemachern – von Heinrich Mann über Fritz Lang und Douglas Sirk bis hin zu Philip K. Dick, Maj Sjöwall und Per Wahlöö und in jüngster Zeit Laurent Binet.

Eine wissenschaftlich fundierte Biographie über ihn lag indes bislang noch nicht vor, und bis in jüngster Zeit wußten sich zahlreiche gleichermaßen von Freund und Feind mitgestrickte Legenden, als vermeintliche Fakten selbst in seriösest sich gebender Fachliteratur zu behaupten. Robert Gerwarths Heydrichbiographie hebt daher geradezu zwangsläufig mit einer Art „Genealogie der Klischees“ an: Schritt für Schritt werden die gängigen Heydrichmythen als solche enttarnt und in ihrer Entstehungsgeschichte nachvollziehbar gestaltet.
Stilisierte „man“ – nicht zuletzt seine einstigen Untergebenen im Reichssicherheitshauptamt, die sich auf diese Weise erfolgreich moralisch zu entlasten vermochten – ihn unmittelbar nach 1945, in konsequenter Umkehr des von der NS-Propaganda intendierten Bildes vom unbeirrbaren Kämpfer und Übermenschen zur vielleicht „dämonischsten Figur“ des NS-Regimes und blonden Todesgott, der durch seine bloße Ausstrahlung alle in seinen Bann geschlagen und jeden Widerstand im Keim aufgrund seiner außergewöhnlichen Begabung, die Schwächen seiner Mitmenschen zu erkennen und den eigenen Machtinteressen nutzbar zu machen, erstickt habe, so folgte dieser personalisierten Deutung ab den 1960er Jahren ein mehr funktionalistischer Ansatz, der Heydrich als emotionslosen und kühl berechnenden Manager des industriellen Massenmords wertete.

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Der besondere Rang und das Neuartige von Gerwarths Biographie liegt jedoch nicht in der letztlich banalen Feststellung begründet, dass Heydrich weder Dämon, noch reiner Bürokrat im landläufigen Sinne, sondern, in des Wortes schlimmster Bedeutung, ein Mensch in seinem Widerspruch gewesen war – vielmehr kristallisiert sich hier als entscheidender Aspekt das Faktum heraus, dass diese Lebensgeschichte letztlich jede Art von Zwangsläufigkeit zu entbehren scheint.
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Wie wird ein Mensch zum Massenmörder? Daß sich diese Frage nicht beantworten läßt und daß man ihr bestenfalls auf dem Wege der Falsifikation näherzurücken vermag, demonstriert Gerwarth auf eindrucksvolle Weise am Beispiel Heydrichs. Ein „kranker Außenseiter“ und „Psychopath“ war er ebensowenig wie die meisten anderen ranghohen Nationalsozialisten, sondern kam wie diese aus der „Mitte der Gesellschaft“. Daß der Sohn eines Opernsängers und Komponisten schon früh durch die nationalistische und nicht bloß latent antisemitisch getönte Gesinnung eines „bildungsbeflissenen Kleinbürgertums“ geprägt war, prädestinierte ihn ebensowenig für seine spätere Rolle als zentraler Agent der Vernichtung wie sein zeitweiliges Engagement in paramilitärischen Verbänden zu Beginn der 1920er Jahre.
Auch daß sich sein Vater vehement und erfolgreich dagegen zur Wehr setzte, im öffentlichen Bewußtsein aufgrund des Namens „Süß“ seines Stiefvaters fälschlich als Jude zu gelten, kann den späteren Fanatismus nur bedingt erklären. Gewiß war auch Heydrich selbst eifrig während der 1930er Jahre nachzuweisen bemüht, daß er nichtjüdischer Abstammung sei, doch stellte auch dieses Bestreben, bei aller Brisanz, die diese Angelegenheit für sich beanspruchen durfte, letztlich nur einen Nebenstrang dar – allerdings einen Nebenstrang, aus dem sich posthum die Legende vom „dunklen Geheimnis“ des gefürchteten SD-Chefs konstruieren ließ, nämlich das seiner jüdischen Abstammung, das ihn, in wahnwitziger Übersteigerung des jüdischen Selbsthasses, im Laufe der Jahre radikalisiert und fanatisiert habe. Auch davon kann laut Gerwarth jedoch keine Rede sein, und es mutet überdies wie eine weitere Ironie der Geschichte an, daß ausgerechnet der jüdische Historiker Shlomo Aronson 1967 posthum den „Ariernachweis“ Heydrichs erbrachte – was jedoch Autoren wie Karl Dietrich Bracher und Joachim C. Fest nicht daran gehindert habe, in ihren Werken auch weiterhin vom Mythos des „Juden Heydrich“ verheißungsvoll zu raunen.

Zum Nationalsozialismus bekehrt haben dürfte Heydrich mit Sicherheit erst seine Verlobte und spätere Ehefrau Lina von Osten, die, glühende Nationalsozialistin, zunächst mit Befremden feststellen mußte, daß ihr Zukünftiger weder „Mein Kampf“ gelesen hatte, noch dessen Verfasser sowie Joseph Goebbels mit besonderem Respekt begegnete, sondern beide mit spöttischen Bemerkungen bedachte. Womöglich war die Aussicht auf beruflichen Erfolg und gesellschaftlichen Aufstieg innerhalb der nationalsozialistischen Bewegung nach dem unehrenhaften Scheitern seiner Marinelaufbahn, die letzte realistische Chance, die sich Heydrich zu bieten schien, seinem Leben zu einer soliden Grundlage zu verhelfen. So gelang es ihm, allein durch die Lektüre von Spionageromanen qualifiziert, als Himmlers rechte Hand einen Sicherheitsapparat von tödlicher Effizienz zu etablieren.
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Daß Heydrich im Berliner Nachtleben regelmäßige Abstürze kultiviert habe, bei denen er bis zur Besinnungslosigkeit betrunken randalierte und zur allgemeinen Erheiterung anderer Kneipenbesucher, die ihn nicht erkannten, diesen mit dem KZ drohte, gehört laut Gerwarth ebenso ins Reich der Legende wie das Gerücht vom selbst von seinen Vorgesetzten gefürchteten, übereifrigen Beamten, der sogar über den Führer eine Akte mit möglicherweise belastendem Material angelegt habe – wohl aber vernichtete Heydrich nicht alle Dokumente, von denen man ihm dies befahl, sondern legte sich in der Tat geheime Reserven an, auf die sich, wie im Falle der Affäre „Fritsch-Blomberg“, wirkungssicher zurückgreifen ließ.
Auch fürchtete Himmler, wie vielfach kolportiert wurde, Heydrich keineswegs – Gerwarth attestiert beiden durchaus so etwas wie freundschaftliche Nähe. Gleichwohl sei Himmler vor allem erleichtert darüber gewesen, daß Heydrich ins Protektorat „Böhmen – Mähren“ abkommandiert werden sollte, da sich so seiner rechten Hand persönliche Nähe zu und mutmaßlicher Einfluß auf Adolf Hitler verringerte und wieder zu seinen eigenen Gunsten verschöbe.

In Prag bot Heydrich, der den fingierten Überfall auf den Sender Gleiwitz organisiert und die Wannsee-Konferenz geleitet hatte, ein Muster für spätere Klischeevorstellungen vom gebildeten Nazi, der einerseits Violine und Klavier spielte, bei Mozart und Wagner Tränen vergoß und privat historische Studien über Wallenstein betrieb, den er als Wahrer des Reichsgedankens würdigte, der aber andererseits durch all´ dies nicht daran gehindert wurde, zahllose Unschuldige ermorden zu lassen und sein bildungspolitisches Engagement bezüglich der tschechischen Bevölkerung darauf zu fokussieren, daß diese künftig lediglich über ausreichende Intelligenz verfügen mochte, den Befehlen eines Deutschen Gehorsam zu leisten.
Heydrichs Aufbauarbeit wurde durch die potentiellen Empfänger derartiger Wohltaten mit einem Attentat quittiert, das dieser weitgehend unverletzt überstand, doch einige Kunststofffasern seines Rücksitzes gelangten in seine Wunde und lösten eine Blutvergiftung aus, die knapp eine Woche später zu seinem Tod führte. Die Racheaktionen des Regimes, das nun über einen weiteren Märtyrer verfügte, ließ nicht lange auf sich warten und traf sowohl Tschechen, als auch Juden, die sich als eigentliche Drahtzieher des Anschlags dem deutschen Volke besser verkaufen ließen. Heydrich hatte ein gut bestelltes Haus hinterlassen – sein Tod hinterließ in der Vernichtungsmaschinerie des Dritten Reiches keine Lücke, die Endlösung konnte reibungslos weiterbetrieben werden, und da das Heldentum des rein juristisch gesehen als „braver Soldat“ gefallenen Reinhard Tristan Eugen Heydrich durch keine Verurteilung als Kriegsverbrecher geschmälert wurde, konnte seine hinterbliebene Lina erfolgreich die Zubilligung der Rente einer Generalswitwe für sich einklagen.

Gerwarth beschreibt sein Verfahren als „kalte Empathie“: Als Historiker sei er zur mit kritischer Distanz erfolgen müssender Rekonstruktion des Lebens seines Gegenstandes verpflichtet und dürfe nicht in die Rolle eines Anklägers verfallen, wenngleich die ohnehin für sich sprechenden Taten Heydrichs dies gewiß nicht leicht sich bewerkstelligen ließen. Durch die Verschränkung von „privater Lebensgeschichte“, „politischer Biographie“ und „Strukturgeschichte“ ist ihm ein gleicherweise faktengesättigtes wie auch fessendes Zeitgemälde geglückt, das, ohne je reißerisch zu wirken, auf anschauliche und eindringliche Weise „Handlungsmotivationen, Strukturen und Kontexte“ sinnfällig werden läßt.

Robert Gerwarth: Reinhard Heydrich. Biographie.
Übersetzt aus dem Englischen von Udo Rennert.
Siedler Verlag, München 2011.
479 Seiten, 29,99 EUR.
ISBN-13: 9783886808946

http://www.youtube.com/watch?v=h0HQnHmnNNM



KONZERNE WOLLEN UNS DAS WASSER STEHLEN UM ES DANN AN UNS ZU VERKAUFEN! by Martin Compart

Unsere Realität gleicht nicht nur immer mehr den Scince Fiction-Dystopien, sie übertrifft sie auch gelegentlich.
Von mir unbemerkt landete die EU einen neuen Coup:Sie will das Wasser „privatisieren“. Sowas fällt nicht mal den Taliban ein.
Zuerst wurde ich durch die Januar-Sendung von NEUES AUS DER ANSTALT darauf aufmerksam, dann schrieb mir eine Freundin:

„Hallo, Martin!
Ein Nachschlag zum Telefonat: googel mal ein bißchen unter
„Wasserprivatisierung“ in Bolivien, Kolumbien etc., d.h. auf der ganzen Welt.
Ungeheuerlich! Wußtest Du, daß in Deutschland bereits 40% der Wassers privatisiert
worden ist – nach dem liberalen Kriegsgeschrei „Weniger Staat!“? Und alle
finden’s gut vgl. Gauck und sein O mane padme hum „Freiheit, Freiheit“: sprich
freie Fahrt den Konzernen. Die Stadt Berlin versucht bereits, sich wieder zu
befreien und das inzwischen vergammelte Wassernetz zurückzukriegen….
Erschreckend ist, wie sich das entwickelt hat, ohne daß wir gebrüllt haben!
In Lateinamerika hat es ja inzwischen mächtig gebumst und dadurch den Rest
der Welt etwas wachgerüttelt.
Hoffentlich schaffst Du es trotzdem, heute nacht einzuschlafen!“

Was kommt als nächstes?
Wird die EU den Sauerstoff privatisieren?
Wie lange lassen wir uns das noch bieten?
Das Schöne an diesen dreckigen Profit-Schergen ist, dass sie sich den Ast absägen, auf dem sie sitzen.
Das Unangenehme daran ist, sie reissen uns alle mit in den Abgrund.
Mit unseren Politikern ist nur Staat für Privilegierte zu machen, kein Gemeinwesen.

Hier ein Vorschlag, wie wir Wasser für Banker, Politiker, Wirtschaftsbosse und ihre Steigbügelhalter verwenden sollten:

Und hier kann man versuchen, durch seine Unterschrift diesen menschenfeindlichen Mist zu verhindern:

http://www.right2water.eu/de/node/37

Nur gut, dass die Nazis so blöde sind und Exilanten und Obdachlose ermorden. Wenn sie Politiker, Mafiosi oder Wirtschaftsverbrecher töten würden, könnten sie aufs Fatalste mit einer großen Sympathiewelle der Bevölkerung rechnen. Aber sie sind eben auch nur Instrumente.

P.S.: Und da dies der Blog eines armen Worteschmiedes ist, muss ich auch etwas für mich trommeln und empfehle zur Entspannung meinen Anti-EU-Thriller:

Den schrieb ich nämlich, weil ich mich schon früher über die Machenschaften der sogen. Europäischen Union aufgeregt habe.



KENT HARRINGTON 3/ Ein Interview by Martin Compart

Obwohl Kent schwer im Stress war um die Veröffentlichung von THE RAT MACHINE rechtzeitig zum Noir-Con hinzukriegen, war er so freundlich mir einige Fragen ausführlich zu beantworte. Alles zwischen Lesungen in San Francisco und den letzten Korrekturen. Der Mann ist eben ein 100%iger Profi. Genießt das Interview. Hier der erste Teil:

THE WRITERS LIFE:

MC: How do you write?

KENT: I write in the morning, first thing. Coffee, breakfast, work until noon or so. I don’t look at the work again until the next morning.

When I’m ready to finish the book, I’ll work in the afternoon to put in things that come to me: areas I think needed more work and have put off. You collect a list in your head that you want to go back to at the very end and rework.

During the first draft, I don’t stop for small issues. The thing is to get the battle of the First Draft won. You have to take that flag!

MC: What is it that starts a new novel? A character, a situation, a plot?

KENT: Well, it can be a lot of things. In the case of Dark Ride, I saw a girl on the street and she had this most incredible tattoo going up the outside of her thigh. It was summer and she was wearing short shorts! She was very beautiful, dark hair. I don’t know why she was the muse, it almost sounds corny, but the novel came out of her sexuality and my own desire to explain something about myself and my country. And yet, I don’t consider Dark Ride an erotic novel, oddly it’s more than that — I hope!

In the case of this new work, The Rat Machine, I was reading a footnote in William Shirer’s The Rise And Fall of the Third Reich. It was an appalling bit of history discussed in the footnote: several SS officers, on trial at Dachau for war crimes(for murdering 80 American GIs at the Battle of the Bulge in cold blood rather than take them prisoners as the Rules of War mandated)had been released because AN AMERICAN, Senator Joe McCarthy, had asked for leniency for these particular SS officers. Why, I wondered? This is why: ex-Nazi intelligence officers, like Reinhard Gehlen, were employed by the West immediately after the War.

These ex-Nazi officers were involved in the illegal drug trade, first the penicillin Black Market in Berlin immediately after the war and, later, with the help of Western intelligence, the heroin business. So reading one footnote created a very long novel!

MC: And how do you develop?

KENT: I don’t develop in the normal way. I don’t outline; I don’t make lists. I’ve said this before: I watch the characters do what they are going to do. In other words: I get up in the morning, I turn on the computer and watch the screen like you would a movie. The story belongs to the characters who have come to me to tell it. I practice the No-Method of writing novels. And that is the truth.

MC: How is the process? A fast first version? Or do you polish from the beginning?

KENT: I never, ever, polish in the beginning! It’s a trap. And, again, getting back to how I work: I don’t want to interrupt the characters and their story. I don’t care if I’ve misspelled something, or the sentence isn’t perfect. Who cares about that! What is important is the HEAT OF THE SCENE. The HEAT OF THE MOMENT. That is all I care about in the first draft. If correct punctuation and spelling were all that it took to be a novelist, every English teacher would be Ernest Hemingway. Also, you have to be a little crazy to do this work. I mean it. I’m not trying to romanticize the life of an artist; I wish in fact it were not so. It’s just a fact. You can not be well balanced and be a great artist. There is something about the act of creating that is, in fact, not only extremely egotistical on the face of it, but also delusional; it’s a kind of emotional purging. You, the artist must give of yourself. If you aren’t willing to give of yourself, there is no art; look at Van Gogh! It’s not pretty, the creative process—not really. It’s about like dumping out your kitchen garbage on a clean floor and using the pieces of what’s there [your personal psyche] to make a something worth while!

MC: Are you ritualizing for writing? (Same hours, cop of coffee, at least a page a day?)

KENT: Yes. I want the same routine everyday. A lot of people starting out think that they can party and get high and live a boho life style. It’s just the opposite. Ironically, being a novelist is a bourgeois pursuit in the sense that you have to get up every morning and work; and be sober; and not be high, or have too much drama around you. Better yet, no drama. What you need in this order are food, good sex, paper, exercise, a working computer, and a quiet location that has a good vibe. I think that’s what Hemingway meant by “a clean well lighted place” in fact. I think he meant it had to vibe right. It does for me anyway.

MC: Did your writing habits change over the years? And how?

KENT: No. I’ve done this for the last 20 plus years always the same way. I may have been in a different country, as I was when I wrote Red Jungle, but I still woke up in the morning and drank coffee and hit it until noon. (I will say that in Guatemala I did work late at night in my office. I had a guard who would stand outside my office door. (There is a lot of violence and you need guards there. The guard and I got to be good friends.) I would look up and see him, shotgun slung over his shoulder, and think to myself: wow, yeah, this is the real deal someone could come in here and rob and kill me while I’m writing a fucking novel. How strange would that be. But I enjoyed working late into the night there—don’t know why. That office had had a hand grenade tossed in the door a few years before!!

MC: Is it a personal impression by me that your protagonists are not easy to like? I don’t think they are crooks. But a person like Russell ore Reeves seems at least ambivalent. But I think, they are all restless people. Something you share?

KENT: Yes. I am ambivalent because of my childhood. It was very hard and I had no close family. I did all my growing up away at military school without all that warm and fuzzy family stuff. So I’m a little different. There is part of me that is like Russell in Red Jungle, or as I had a character say in Dia De Los Muertos: “I’m not running for mayor so I don’t have to please anyone.” But I’ve learned to love and that humanized me: I love some people very much, and I love to write novels. I am restless, artists are restless in the face of life/chaos, which is our human experience. So, yes, I’m intellectually restless, that’s very true about me, and I suppose my characters. They want to find that one thing to make it all make sense. Something that can allow them to rest. But we only rest, I guess, when we’re dead.

MC: What kind of music are you listening too? Sometimes your writing seems to swing like a soundtrack (by the words, of course)?

KENT: When I started out as a novelist, I want to be a great wordsmith. And I suppose I still do. I believe in the music of the novel. I truly do. If I were going to teach the novel, I would stand up when all the students had sat down and say, “OK, this is what you need to know about writing novels: then I would turn on a great piece of music, say, Down So Low, by Tracy Nelson. I just met her, so she’s on my mind; but her song is a masterpiece. What I mean by this is that the novel is an emotional experience, not an intellectual one. Music is that way too, or at least good music is.

Kent mit der großartigen Tracy Nelson

UND NATÜRLICH NOCH EIN BUCH-TIP: THE GOOD PHYSICIAN

Collin Reeves is an expatriate American living in Mexico City. He dabbles in painting, drinks more than he should, and appears to be wasting a brilliant career in epidemiology as a doctor to international tourists and poor Mexicans.

The reality is more complicated. Reeves is an operative with the CIA, recruited in the heady days after September 11 to help fight terrorism abroad. What he hoped would be a useful life of clandestine adventure, however, turned out to be humiliating drudgery; his tour in the Middle East consisted of inspecting a friendly sheik’s concubines for venereal disease. Now in Mexico, which almost no one considers a terrorism hotspot, he longs for the courage to give up the spy business and commit himself to painting.

Veteran CIA operative Alex Law suspects that Mexico City may indeed be a staging area for terrorists. He and his longtime colleague, Butch Nickels, question an Indonesian who tells them that an al-Qaeda operative may be active in Mexico City. Meanwhile, Alex’s wife, Helen, has just discovered that she may have an advanced case of breast cancer. The doctor sent to consult with her is none other than Collin Reeves.

A beautiful young woman, Dolores, falls ill at a cheap tourist hotel across the street from Collin Reeves’ apartment. Madani, the hotel’s manager, begs Collin for help. Collin treats the young woman, who claims to be an American citizen, and to have lost her travel documents. He can’t help but be smitten, and does not challenge the obvious holes in her story.

Dolores, of course, is not who she claims to be. Only months earlier, she had been a young wife and mother named Fatima, married to a doctor in Baghdad. An American rocket killed her son and wrecked her life forever. Now, distraught with grief, she’s put herself in the hands of people who want to use her as vengeance against the United States.

Alex, Collin and Dolores are on paths bound to collide, with terrible consequences. The Good Physician is the story of that collision. A political thriller and a love story, it examines the nature of loyalty and patriotism, in the tradition of Graham Greene and Charles McCarry.



HITLER PERVERS- DER FALL GELI RAUBAL 2/ by Martin Compart
13. April 2011, 1:38 pm
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DIE SELBSTMORDTHEORIE UND QUELLENLAGE

Eine andere Dysfunktionstheorie glaubt der Aussage eines Jugendfreundes, dass Hitlers Geschlechtsteil zumindest zum Teil von einer Ziege abgebissen worden war, als der junge Adolf zum Gaudi seiner Kumpane dem Tier ins Maul urinieren wollte.

Der sowjetische Arzt Dr.Faust Schkarawski veröffentlichte im Auftrag der Regierung (und des KGB) 1968 seine forensischen Bericht über die Autopsie der Leiche Hitlers, die man nach der Einnahme Berlins verbrannt aufgefunden hatte.
Darin wurde behauptet, Hitler habe nur einen Hoden gehabt und man trat das los, was Alan Bullock das „one-ball-business“ nannte. Psychohistoriker stürzten sich auf diese Behauptung, nahmen sie als Tatsache und entwickelten daraus die abstrusesten Erkenntnisse über das „Rätsel Hitler“.

Meist wenig überzeugend versuchen die Psychohistoriker aus dieser Dysfunktionstheorie die Verbrechen Hitlers zu erklären. Gegen die Behauptung der Sowjets, sie mit Sicherheit propagandistische Zwecke zu erfüllen hatte (Herabsetzung Hitlers als Mann), sprach sich Dr.Gertrud Kurth aus. Sie arbeitete 1943 für Walter C.Langer bei der Erstellung des Hitler-Profils für den amerikanischen Geheimdienst OSS. Sie hatte seinerzeit zusammen mit Langer auch Dr.Bloch befragt, dem Hausarzt von Hitlers Eltern, der auch den jungen Adolf mehrfach untersucht hatte. Dr.Bloch gab zu Protokoll, daß er beim jungen Adolf Hitler keinerlei genitale Defekte festgestellt hatte und seine Geschlechtsmerkmale „völlig normal“ gewesen seien. Hitlers Kriegsverletzung im 1.Weltkrieg lässt ebenfalls keine Schluss auf genitale Auswirkungen zu.

Hitlers Verbrechen aus sexuellen Perversionen oder genitalen Defekten zu erklären, wird von Ron Rosenbaum treffend erklärt: „Fast alle jene, die eine sexuelle Erklärung für Hitlers Psyche postulieren, enden schließlich bei der Behauptung, dass Hitler ohne seine nicht natürliche Sexualität nicht nur sexuell normal, sondern (so lautet die Implikation) auch moralisch normal gewesen, jedenfalls nicht zum Massenmord getrieben worden wäre.

Es ist das schwache Echo von Wilhelm Reichs Überzeugung, dass die Ursprünge des Bösen in dem Unvermögen zu suchen sind, zu einer gesunden normalen orgastischen Entspannung zu kommen. Es ist das schwache Echo des romantischen Glaubens, dass die Befreiung von sexuellen Repressionen uns vom finsteren Mittelalter, den dunklen Trieben in uns, befreien würde.“ Hier verkürzt Rosenbaum die Theorien Reichs, der auch gesellschaftshistorische Prozesse miteinbezogen hat. Was durchschimmert ist die Angst vor der Beschäftigung mit Hitlers Sexualität als Erklärungsmodell für seine Schreckenstaten. Die Angst, Hitler als abartige, uns „Normale“ nichts angehende, perverse Bestie hinzustellen um damit die Diskussion über seine Person zu beenden. Dieses Erklärungsmodell ist genauso wenig akzeptabel wie die Modelle, die Hitlers Sexualität völlig außen vor lassen mit der Begründung, dass die Quellenlage zweifelhaft ist.
Die Quellenlage ist in weiten Bereichen der Forschung über das 3.Reich zweifelhaft.



HITLER PERVERS-DER FALL GELI RAUBAL 1/ by Martin Compart
30. März 2011, 3:23 pm
Filed under: Geli Raubal, Nazi, Politik & Geschichte | Schlagwörter: , ,

DIE SELBSTMORDTHEORIE UND QUELLENLAGE

Obwohl die schlechte Quellenlage verschiedene Schlüsse und Theorien zulässt, haben sich die prägenden Historiker alle auf eine geeinigt: Hitlers Nichte Geli Raubal habe sich selbst das Leben genommen.
Trotz der unbefriedigenden Aktenlage der polizeilichen Untersuchung, hält die so genannte seriöse Journaille und die angesprochenen Historiker so genannter Standardwerke an dieser Haltung fest – komme was da wolle. Auch wenn die Aussagen ansonsten akzeptierter Quellen (z.Bsp. Putzi Hanfstaengel) andere Schlüsse zulassen. Bestimmte Quellen gelten ihnen eben nur da als seriös, wo die Aussagen mit den eigenen Vorstellungen übereinstimmen. Ist das nicht der Fall, dann ist die Quelle eben genau da im Irrtum – obwohl die eine Aussage genauso wenig überprüfbar ist wie die andere. Woran liegt es nur, dass ernsthafte Historiker wie Joachim C.Fest, Ian Kershaw, John Toland, Allan Bullock und andere diese eine Möglichkeit gegenüber anderen, gleichwertigen Möglichkeiten so vehement verteidigen?
Ich weiß es nicht. Objektive Abwägung kann es kaum sein. Warum ist man so bedacht, dass man den größten Massenmörder des 2o.Jahrhunderts vom Verdacht des Mordes an seiner Nichte frei spricht? Vielleicht deshalb, weil man dann die sexuelle Komponente im Leben Hitlers stärker berücksichtigen müsste. Und über die ist bekanntlich die „Aktenlage“ ähnlich unsicher und ähnlich umstritten. Oft mit der unterschwelligen Aussage begleitet: Er war der schlimmste Verbrecher, aber homosexuell oder gar pervers war er nicht. Als wolle man ihm noch einen Trampelpfad zur Menschlichkeit (ähnlich wie seine vorgebliche Tierliebe) offen halten um das eigene Menschenbild und die eigenen anthropologischen Vorstellungen aufrecht zu erhalten.

Es ist schon merkwürdig wie diese Historiker die offizielle Version der Nazis fortschreiben. Um Hitlers Alibi zu stützen, Geli Raubal habe noch gelebt als er nach Nürnberg aufbrach, verlassen sie sich ausschließlich auf die Aussagen von überzeugten Nazis, die diese Selbstmordtheorie behaupteten. Allen voran dient als Quelle die Autobiographie des Hitler-Fotografen Heinrich Hoffmann von 1955. Dieser Trunkenbold war bereits 1920 als Mitglied mit der Nummer 247 in die Partei eingetreten und seitdem ein enger Vertrauter Hitlers. Keiner dieser Historiker geht auch auf den Widerspruch in seiner Autobiographie ein. Unwidersprochen übernommen wird seine Beschreibung vom 17.September 1931 mit der persönlichen Verabschiedung von ihm, Hitler und Geli Raubal. Einbezogen werden die zwei Aussagen der Hausangestellten, dass Geli an diesem Tag noch lebend um 15.00 Uhr gesehen wurde. Auf die späteren Widersprüche gehen die Historiker nicht ein: Hoffmann schreibt über seine und Hitlers Rückkehr am Mittag des nächsten Tages, Geli sei bereits mindestens 24 Stunden tot gewesen beim Untersuchen der Leiche durch die Polizei um 11.00 Uhr vormittags. Weiterhin behauptet er, Gelis Mutter Angela sei bei seiner und Hitlers Ankunft anwesend gewesen. In Wirklichkeit war sie noch im Haus Wachenfeld. Während derartige Widersprüche zuhauf von den Historikern übergangen werden, wird jede noch so dürftige Aussage, die die Selbstmordtheorie stützt, als unanzweifelbare Quelle behauptet. Sie reagieren geradezu aggressiv, wenn diese von den Nazis selbst offiziell gemachte Selbstmordtheorie angezweifelt wird. Ganz ähnliche Reaktionen rufen Arbeiten hervor, die sich mit Hitlers Sexualität beschäftigen. Es scheint. als dürfe Hitler zwar der größte Verbrecher des 20.Jahrhunderts oder gar der gesamten Menschheitsgeschichte sein, aber auf keinen Fall einen persönlichen Mord begangen haben oder gar pervers gewesen zu sein. Ein Massenmörder: ja – aber persönlich sauber.

Winston Churchill, der zuerst begeistert von Hitler und den Nazis war und später verbat, dass in den Nürnberger Prozessen die okkulten Hintergründe des 3.Reichs aufgeklärt wurden, nannte Hitler „a monster of wickedness“. Das könnte sich auch auf die sexuellen Vorlieben des Führers bezogen haben.

Die Annahme, Geli Raubal habe Selbstmord begangen, steht im direkten Zusammenhang mit einer Dysfunktionstheorie, also eine Argumentationslinie, die das Böse in Hitler als nicht bewusst sondern in Folge einer Funktionsstörung zu erklären versucht. Zu diesen Dysfunktionstherorien gehört auch die Vermutung, Hitler habe Syphilis gehabt. Der Versuch Hitlers Psyche als Folge der Krankheit zu erklären, die so genannte Bazillus-Theorie, impliziert, dass das Böse nicht aus Hitlers Natur oder Bewusstsein kam, sondern Konsequenz einer Krankheit sei, die quasi von Außen eingedrungen ist. Es erscheint geradezu aberwitzig, dass ausgerechnet der führende Nazi-Jäger Simon Wiesenthal diesem Erklärungsmodell anhing. Wie Rosenbaum schreibt, war diese Theorie vor dem Krieg häufig Gegenstand von Spekulationen, geriet dann aber in Vergessenheit bis Wiesenthal sie in den achtziger Jahren wieder vorbrachte. Seitdem jagt er einem Phantom nach: nämlich einer jüdischen Hure, bei der sich Hitler in seinen Wiener Jahren angesteckt haben soll. Natürlich nicht einfach nur eine Hure, sondern eine jüdische Prostituierte. „Ihr Jüdischsein wird also für Wiesenthal zur Erklärung für den Ursprung von Hitlers Antisemitismus… Und die mental derangierenden Auswirkungen des Tertiärstadiums der Krankheit wird für ihn zur Quelle der geistesgestörten Virulenz von Hitlers Judenhass.“ (Rosenbaum, S.56) Wiesenthal behauptete, er habe diese Geschichte erstmals von einem aus Österreich ausgewanderten Arzt gehört, der behauptete, einen anderen Arzt gekannt zu haben, dessen Vater Hitler wegen der Syphilis behandelt habe. Wahrlich, eine grandiose Beweislage! Für die Existenz einer jüdischen Hure gibt es nicht einmal eine Aussage dritter oder vierter. Zwar mußte Wiesenthal bei seiner Aufspürung von Nazi-Kriegsverbrechern den winzigsten und manchmal unwahrscheinlichsten Spuren nachgehen, aber bestimmt nie derartig vagen. Die Jagd nach der jüdischen Hure, die laut Rosenbaum, der Wiesenthal persönlich befragte, hat wohl etwas an Besessenheit grenzendes. Warum dieser erfolgreiche und in seiner Sache so verdienstvolle Mann diesem Phantom erlegen ist, soll hier nicht auszuleuchten versucht zu werden. Jedenfalls sieht Wiesenthal in Hitlers Krankheit die wahre Ursache für Gelis Tod. Er meint, Hitler habe sie mit Syphilis angesteckt und das Mädchen habe sich deshalb umgebracht.

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NEUE HÖRBÜCHER: JOHN KATZENBACH: DER TÄTER by Martin Compart
26. März 2011, 11:48 am
Filed under: Hörbücher, Krimis, Nazi, Rezensionen | Schlagwörter: , ,

Ich war seit seinem Debut, DAS MÖRDERISCHE PARADIES (1982) ein Fan von John Katzenbach (auch Philip Borsos Film mit Kurt Russell gefiel mir). Mein Liebling unter den frühen Romanen war der durchgeknallte Serienkillerroman THE TRAVELLER (neu als DER FOTOGRAF aufgelegt). Aber dann verlor ich ihn aus den Augen. Ein Grund dafür war natürlich der Umfang der Romane. Es gibt verdammt wenige Thriller, die einen Seitenumfang von 300 bis 500 Seiten rechtfertigen und in ihrer Redundanz den besten Plot zum Langweiler machen. Aber da die Verlage glauben, dünne Bücher schaffen´s nicht auf die Bestsellerliste, muss wohl der gutwilligste Autor seine Romane mit überflüssigen Szenen füllen. Auch da erfüllen die gekürzten Hörbücher eine positive Funktion, wenn sie bei den Vorlagen überflüssiges Fett absaugen. Jedenfalls empfand ich Katzenbach immer als einen der originelleren Türstopper-Autoren, der ein Geschick für ungewöhnliche Sujets (DAS TRIBUNAL) hat.
Jetzt habe ich ihn mit dem Hörbuch DER TÄTER wieder entdeckt. Es ist sicher nicht der große Knaller, aber eine ordentlich gebaute Geschichte über einen ehemaligen Nazi, der 1995 in Miami Überlebende des Holocaust umbringt. Argon hat bereits eine ganze Reihe von Katzenbach-Hörbüchern heraus gebracht, immer mit feinen Vorträgen von Simon Jäger, der einen mit seiner Interpretationskunst in die Stories reinsaugt. Leider gibt es in dieser Produktion einige akustische Schwankungen, die man in der Produktion nicht angeglichen hat. Nichts wirklich störendes, aber man muss gelegentlich die Lautstärke ein wenig korrigieren.
Katzenbach ist ein Profi und Argon liefert 426 Minuten gute Unterhaltung für das Ohr.

John Katzenbach: Der Täter (The Shadow Man, 1995). Gelesen von Simon Jäger, Argon Verlag, Berlin, 2010; ISBN 978-3-8398-1012-5.
http://www.argon-premium.de/shop/product_info.php?info=p913_Katzenbach–John–Der-T–ter.html&XTCsid=hgwnwnqb



DER BLUTIGE WEISSE BARON by Martin Compart
2. Dezember 2010, 3:54 pm
Filed under: China, Nazi, Politik & Geschichte, Rezensionen, RUSSISCHER BÜRGERKRIEG, Ungern-Sternberg | Schlagwörter: ,

Es ist tatsächlich auf Deutsch erschienen: Das bisher beste Buch über Baron Ungern-Sternberg, eine der mysteriösesten Gestalten des 20.Jahrhunderts. Hervorragend übersetzt von Nora Natocza und Gerhard Falkner und exzellent lektoriert von Christian Döring (der einst aus DuMont einen ernsthaften Literaturverlag gemacht hatte und endlich den unerträglichen Michael Naumann als Herausgeber bei Eichborn ablöst)) liegt es jetzt in einer schönen Ausgabe der ANDEREN BIBLIOTHEK vor:

James Palmer
DER BLUTIGE WEISSE BARON
Eichborn 2010, 384 Seiten; 32, 00 Euro.

Baron Ungern-Sternberg, der blutige Baron oder auch der wahnsinnige Baron! Der weiße Khan und Eroberer der Mongolei. Ein Mann, der vor 90 Jahren
12 000 Kilometer östlich von Deutschland gehasst und getötet hat.
Wenn die Reitervölker Zentralasiens zur Eroberung aufbrachen, herrschte Angst und Entsetzen in Europa. Unter Dschinghis Khan und Tamerlan errichteten die Mongolen das größte Reich, dass die Welt je gesehen hatte. Aber einmal kam ein Weißer, ein Blutsäufer, der hinter Timur Lenk nur quantitativ zurück stand, und eroberte das Land der Söhne der großen Khane.

Bei uns ist er fast völlig in Vergessenheit geraten, bestenfalls eine Fußnote in Betrachtungen der Russischen Revolution und des Bürgerkriegs. Merkwürdig und geheimnisvoll und widersprüchlich: Tapfer und tollkühn in der Schlacht, unmenschlich grausam und despotisch überall dort, wo er unumstrittene Macht ausübte. Randalierender Trunkenbold und Asket. Dem russischen Adel ebenso zugetan wie den wilden nomadischen Reitervölkern. Baltendeutscher voller Stolz auf seine Vorfahren und überzeugter Eurasier. Der Baron war der erste, der im Zeichen der Swastika Judenpogrome durchführte. Ein Wahnsinniger, der mit einem Wahnsinnsplan die Sowjets stürzen wollte um in Russland wieder das Zarenreich zu errichten. Anhänger des russischen Imperiums und Handlanger der imperialen Interessen Japans.

Während des 3.Reiches genoss er eine gewisse Popularität. Das lag sicherlich auch an dem Bestseller von Ferdinand Ossendowski, TIERE, MENSCHEN, GÖTTER (lieferbar bei Fantasy Productions),
das als (umstrittener) Augenzeugenbericht über Ungerns Aktivitäten in der Mongolei gilt. Außerdem traf der verquaste Mystizismus den Zeitgeist und Himmlers Besessenheit von allem irrationalen. Die Nazis sahen in diesem eingefleischten Monarchisten einen Ordensritter und Vorläufer. Sein brutaler Antisemitismus, sein Antikommunismus und seine Verbundenheit mit dem japanischen Reich deckten sich mit ihren Haltungen. In dieser Zeit entstand das einzige deutsche Buch über Ungern-Sternberg: Bernt Krauthoffs Roman ICH BEFEHLE, der vor Spekulationen, Unwahrheiten und Nazismus nur so strotzt. Später wurde der blutige Baron vor allem von rechten Esoterikern wie Julius Evola wieder entdeckt. Populär war dieser schurkische Eroberer auch in Frankreich; dort wurden seit den 1970er Jahren einige Monographien veröffentlicht (Hugo Pratt ließ ihn in seinen Comich CORTO MALTESE IN SIBIRIEN mitspielen). In Russland ist er inzwischen eines der Idole von Neo-Monarchisten und Faschisten und Filme, TV-Serien und Bücher künden von seiner Ruchlosigkeit.

Der weltgeschichtliche Hintergrund, vor dem Ungern-Sternbergs Schicksal spielt, ist die russische Revolution, die aggressive Expansion des japanischen Kaiserreichs und das allgemeine Chaos des 1.Weltkriegs. Dahinter stand noch eine tiefgehende geschichtliche Umwälzung: der Zusammenbruch alter Systeme, wie Zarenreich und Manchu-Dynastie und der den Verlauf des 20.Jahrhunderts maßgeblich bestimmende Aufstieg neuer imperialistischer Reiche wie die Sowjetunion und Japan. Für Europäer etwas außer Sicht und wenig im Bewusstsein war dabei die geostrategisch zentrale Position der Mongolei mit ihrer riesigen Fläche und gerade mal zwei Millionen Einwohner, Begehrt wurde sie von Japan und Russland gleichermaßen. Die Sowjets trugen durch die Errichtung einer Republik und ihres ersten Satellitenstaaten den Erfolg davon. Ungern, der aus Berechnung für die japanischen Interessen eintrat, war die Bedeutung der Mongolei im Konflikt beider Imperien ebenso deutlich wie seinen Gegenspielern im Kreml.

Ungern-Sternbergs Herrschaft währte nicht lange dank zeitpolitischer Konstellationen. Aber noch heute wird in Jurten, an Lagerplätzen und in den hässlichen Plattenbauten Ulan Bators sein Name genannt. Immer mehr Mongolen sprechen von ihm voller ängstlicher Achtung als von dem weißen Kriegsgott. Mit der Rückkehr des von den Sowjets unterdrückten Lamaismus wächst auch Ungerns Popularität.

Der irische Polit-Thrillerautor hat 1989 einen tollen Roman veröffentlicht, in dem auch der wahnsinnige Baron eine entscheidende Rolle spielt: THE NINTH BUDDHA. Der Aufbau Verlag hat ihn dieses Jahr bei uns veröffentlicht. Wer einen richtig guten exotischen Abenteuer-Thriller sucht, ist mit diesem Period Piece bestens bedient:

„1921: Christopher Wylam, Mitarbeiter des britischen Geheimdienstes, sucht nach seinem zehnjährigen Sohn, der gekidnappt wurde. Er verfolgt die blutige Spur von England über Indien bis in ein tibetisches Kloster. Dort trifft er auf seinen Gegenspieler, den Vertreter einer feindlichen Macht.
Ein furioser Thriller, der in die faszinierende Geschichte Tibets und der Mongolei führt.“



Dr. Horror:THILO SARRAZIN UND DAS EVA-HERMANN-GEN by Martin Compart

Durch das Mediengetöse um Sarrazin kommt man kaum noch dazu BRITT zu sehen. Oder Kerner. Bevor Dr.Horror nächste Woche vor der deutschen Kultur wieder mal nach China entflieht, hier noch seine brillante Analyse zur durchdrehenden Nation:

„Das Leben ist bunt. Oft sind es die kleinen Dinge, die viel wichtiger als die großen erscheinen“, heißt es auf Eva Hermanns Homepage.
Die Welt kämpft mit den Folgen des Klimawandels, der Übervölkerung, Wassermangel, dem ökologischen Infarkt, einer trotz Ehrenworts der Bundesregierung und der Kanzlerin Merkel und trotz zeitweise voller Auftragsbücher beim Export immer noch nicht abgeschlossenen wirtschaftlichen Talfahrt, da beschäftigt die Nation, die nach zwei verlorenen Weltkriegen das Durchdrehen im großen Stil nicht verlernt hat und jetzt es sich lieber provinziell besorgt, keines der großen Menschheitsthemen und -dramen, sondern der kleine Fall Sarrazin. Aus Berlin haben sie ihn weggelobt, den ehemaligen Karrierebeamten und Finanzsenator, abgeschoben auf den Posten eines Bundesbankvorstandes, wo er angeblich nicht mehr viel Unheil anrichten konnte. Aber dieser Sarrazin ist nicht nur unberechenbar, er ist auch eitel und selbstherrlich und glaubt, durch seinen in die Bestsellerlisten katapultierten Weckruf Deutschland erwachen lassen zu müssen.
Das Volk, das die Thesen des mit Statistiken gespickten Schmökers, der eben so langweilig ist wie Sarrazin selbst, nicht kennt, jubelt ihm gerne zu. So einer spricht den Deutschen aus dem Herzen. Der mag keine Migranten und schon gar keine islamischen Terroristen, keine Sozialschmarotzer – und den Michel Friedman soll er „Arschloch“ tituliert haben. Das hören Deutsche gern. Das wärmt das Herz im kalten Spätsommer. Trotzdem ist das alles wahrscheinlich kein Sturm im Wasserglas.

Dieser Thilo Sarrazin ist nämlich nur eine Charaktermaske, die just im rechten Augenblick all jene Thesen auftischt, die der Mehrheit schon immer auf der Zunge lagen, wäre sie nicht so schweigend. Während das Kapital global und, weil allem Anschein nach allmächtig, für den Nationalstaat und Otto Normalverbraucher sowieso nicht mehr fassbar ist, werden die einheimischen Staatsbankrotteure nervös, bekommen es mit der Angst und suchen nach Sündenböcken. Weil das aber nicht die Sache „feiner Leute“ ist, muss das Frontschwein Sarrazin ran. Keine Ahnung, wer ihm den Befehl gegeben hat: eine nächtliche Stimme … die Vorsehung … göttliche Eingebung … Jedenfalls bekommt Sarrazin, wie alle Amokläufer, dafür nicht nur viel Publicity. Er geht bei seinem Amoklauf nicht mal drauf, sondern bekommt eine prima Abfindung und ganz gewiss einen anderen ruhigen Aufsichtsrats- oder Beraterposten.
Im Falle, dass sich Deutschlands wirtschaftliche Lage in Zukunft, wie zu erwarten, verschlechtern wird, stehen Muslime, Islamisten, Asylbewerber und Hartz-IV-Empfänger als Sozialschmarotzer zum Abschuss bereit. Auf sie darf sich jetzt der Volkszorn, von Sarrazin statistisch flankiert, entladen. Schon die Nazis wussten um den Wert von Sündenböcken und haben das System in Anlehnung an die christlichen Kirchen mit Pech und Schwefel perfektioniert. Pogrome mögen in Zukunft auch in Deutschland wieder Konjunktur haben.
Wahrscheinlich war der hässliche Deutsche Sarrazin gleich so berauscht von der weltweiten Aufmerksamkeit, den seine Thesen fanden, und fühlte sich dermaßen in seiner unerträglichen Eitelkeit bestätigt, dass er sich gleich noch als Spezialist in Sachen Gentheorie betätigte, was er hinterher als fatalen Blackout und Dummheit entschuldigte. Hat er damit unfreiwillig den genetischen Defekt der deutschen Generation Doof im Selbstexperiment bestätigt?

4. 9. 2010
Rolf Giesen