Martin Compart


30 JAHRE SCHWARZE SERIE (Bastei-Lübbe) 3/ by Martin Compart
14. November 2016, 9:23 am
Filed under: Bücher, Heftroman, Krimis, Porträt, Schwarze Serie | Schlagwörter: , , ,

PROLOG: IM SCHATTEN DER EULE 3

 

Aber Bastei-Lübbe hatte ein Riesenproblem: Sie kamen nur schwer in die Regale der Sortimentsbuchhandlungen. Zwar hatte man mit einem engagierten Hardcover-Programm erste Erfolge, aber das Image als „Heftchenverlag“ befeuerte nach wie vor die Arroganz der Kulturnachtwächter, die die heiligen Hallen ihrer Buchverkaufsstellen rein von Schmutz und Schund hielten. Noch in den 1970er Jahren gab es Städte, in denen man Bücher des Heyne-Verlages nur in Bahnhofsbuchhandlungen in Drehständern präsentiert bekam. Und Heyne machte nicht mal „Groschenhefte“.

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Lübbe war schon damals ein „Mischkonzern“ in der Printbranche: Neben Büchern verdiente man vor allem Geld mit Produkten, die der traditionelle Buchhandel verachtete: Zeitschriften wie „Das goldene Blatt“, Comics wie „Gespenstergeschichten“ oder Romanhefte wie „Jerry Cotton“, „John Sinclair“ und „Der Bergdoktor“, von denen es auch monatliche Taschenbuchausgaben gab. Zwar hatte man in den letzten Jahren an Boden gewonnen, aber das Image-Problem war eine verdammt harte Nuss. Grosse Teile der Branche hatten Berührungsprobleme mit Bastei. Daran arbeiteten Michael Görden und sein Chef Rolf Schmitz nun intensiv. Wirtschaftlich ging es dem Verlag bestens! Man leistete sich sogar ein eigenes, gigantisches Druckhaus und eine noch gigantischere Auslieferung.

Görden, Giesen und ich trafen uns. Görden hatte seine Hausaufgaben gemacht: Er schwärmte von Bergisch Gladbach und Umgebung als eine Region – da konnte San Francisco nach Hause gehen! Und dann erst der Verlag! Welche Möglichkeiten es doch da für einen engagierten Mitarbeiter gab! Man konnte den Eindruck gewinnen, als wäre Bastei das Shangri-La in einem unentdeckten Tal im Bergischen Land.

Die Vorstellung, Ullstein zu verlassen, machte mir mächtig zu schaffen. So etwas würde man nie wiederfinden. Der Laden hatte Magie, alles war möglich, die Weltherrschaft planbar – nur der Vertrieb die Grenze. Aber die Fusion würde meiner Begeisterung den Stecker ziehen. Alleine die Vorfreude war kaum auszuhalten.

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Görden lud mich nach Bergisch-Gladbach ein um mir den Laden anzusehen und vor allem, um Rolf Schmitz zu treffen. Mit Berlin war ich nie warm geworden (dafür hatte mich München zu sehr geprägt). Ein geographischer Wechsel hätte keinen Schrecken. Ich besuchte also das Lost Valley zwei- oder dreimal. Mit Rolf Schmitz würde ich zurecht kommen. Wir waren bei den strategischen Überlegungen nah beieinander. Aber Ullstein war das hier nicht. Nur: Nach jeder Fahrt ins Bergische, erlebte ich die Stimmung bei Ullstein düsterer. Niemann tat alles, um die Laune zu heben, aber genauso gut hätte er uns erzählen können, dass die Sahelzone künftiges Wachstumsgebiet für Schlemmerlokal wäre.

(Fortsetzung folgt)

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30 JAHRE SCHWARZE SERIE (Bastei-Lübbe) 2/ by Martin Compart

PROLOG: IM SCHATTEN DER EULE 2

Gerüchte hatte es bereits vorher gegeben. Aber jetzt wurden sie von der Geschäftsleitung bestätigt. Das Grauen ging um. Fleißner galt als Rechter und – was vielleicht noch schlimmer war – als kaltherziger Verleger, der mit Büchern lediglich Geld machte um dieses in Immobilien zu stecken. Inhalte interessierten ihn einen Dreck, solange sie Geld brachten oder Geschichten von der Ostfront erzählten. Mit seiner Prokuristin war ich schon mal aneinander geraten:

Ronald Hahn hatte den ersten Jack London-Reader für die ABENTEUER-Reihe gemacht. Irgendein Fleißner-Verlag hatte Jack London im Programm und saß auf den entsprechenden Übersetzungsrechten, die m9ich einen Dreck interessierten, den Ronald verwendete für den Reader nur bisher nicht übersetztes Material oder übersetzte neu.9783548102832-de1

Nun rief mich jene Prokuristin erbost an um mir zu verkünden, dass die Fleißner-Gruppe über alle deutschen Rechte an Jack London verfüge. Ich bekam einen Lachanfall und fragte sie, ob die Fleißner-Gruppe auch die deutschen Rechte an Tacitus oder Charles Dickens hielte. Denn Jack London war 1916 verstorben und somit seit 1966 public domain. Einige Pulp-Geschichten sogar noch früher. Das versprechen, von ihrem Verlagsanwalt zu hören, falls wir das Buch, wie vorangekündigt, heraus brächten, blieb unerfüllt.

Auf keinen Fall passte Fleißner zu Ullstein. Da konnten Gesandte des „Haupthauses“ (Springer) so viele Veranstaltungen machen und Beschwichtigungsreden („Es ändert sich für Sie nichts. Es ist nur eine Fusion um die Marktmacht zu vergrößern.“) halten, wie sie wollten.

Jedem der seine Sinne beisammen hatte, war klar, dass sich Niemann nur bis zu einem Punkt mit diesen Vorreitern des postmodernen Branchenverständnis aus München arrangieren konnte. Wie der STERN später über Niemanns Abgang schrieb: Mit dieser Fusion hatte man ihm „auf der Zielgerade in die Kniekehlen geschossen“.

Es war mir ziemlich egal, ob sie mich und meine Reihen in Ruhe ließen (was sicherlich auch nicht dauerhaft gewesen wäre). Die Struktur dieser Gemeinschaft würde zerstört werden. Die mühsam von Niemann entwickelte Feinmechanik, in der jedes Rädchen geschmeidig ins andere griff, würde die neue Biertischphilosophie nicht überleben, die da lautete: „Die schnelle Markt am Hauptbahnhof“. So empfand ich das jedenfalls. Und ich kann mich nicht erinnern, das es jemand anders sah.

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Fauser plante den Absprung. Wenn Niemann gehen würde (was dieser tapfer bestritt), würde er auch gehen. Trotz Hanna Siehr, die die beste Lektorin war, die er je hatte (wenn beide die endgültige Fassung eines Romans im Konferenzraum bearbeiteten, qualmte das ganze Stockwerk und Jörg tauchte gelegentlich in meinem Büro auf und schäumte vor Wut über Hanna. „Tja, Jörg, so ist das nun mal, wenn man mit der BESTEN arbeitet. Das halten nur die BESTEN aus“, spendete ich gerne Trost.).

Dann tauchte Michael Görden von Bastei-Lübbe auf meinem Radar auf.goerden_22_11_2013_bearb_web1

Ich weiß nicht mehr, warum. Es könnte um eine Übersetzung gegangen sein, oder Rolf Giesen sollte ein Projekt für Görden entwickeln,,, Keinen Schimmer mehr. Görden war mir jedenfalls nicht unbekannt. Jeder in der Branche hatte mitbekommen, dass sich bei Bastei-Lübbe etwas tat. Sie hatten für das Hardcover den ehemaligen Piper-Lektor Fritsche geholt. Der Mann, der Forsyth und Ulf Miehe (neben anderen Autoren, die mich weniger interessierten). Und Görden dreht zusammen mit dem zuständigen Verlagsleiter Rolf Schmitz den sogenannten „Heftromanbereich“ auf links, indem sie parallel zum Lübbe-Taschenbuchbereich ein eigenes Taschenbuchsegment aufbauten. Darunter befanden sich Thriller von Arthur Lyons und der erste Nate Heller-Roman von Max Allan Collins (den sie mir vor der Nase weg geschnappt hatten).science-fiction-times-nr-133-aus-1974-magazin1 Görden hatte sich mit Michael Kubiak und Freddy Köpsel (wie Rolf Giesen, Ronald Hahn und ich, ehemaliger Mitarbeiter der SCIENCE FICTION TIMES; aus dieser Kaderschmiede sind auch Koryphäen wie Hans-Joachim Alpers, Uwe Anton,Werner Fuchs – FANPRO und heute Agent von George R.R.Martin – und Bernd W.Holzrichter hervor gegangen). die richtigen Leute geholt, um Bastei in der Science Fiction und Phantastik richtig groß zu machen; zur Nummer Zwei hinter Heyne, dem damals unanfechtbaren Marktführer.

Außerdem hatten sie gerade die erste Paperback-Reihe in Deutschland gestartet.

Unter den ersten Autoren befand sich ein Autor namens Stephen King.

 

Keine Frage: Bastei-Lübbe war heiß. Warum sollte man also nicht mal mit Görden einen trinken gehen, wenn er in Berlin war?

 

 

 

FORTSETZUNG FOLGT

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