Martin Compart


Der wilde Detektiv von Jonathan Lethem, vorgestellt von Jochen König by Martin Compart

Es ist mir eine große Freude, hier einen Beitrag von Jochen König zu präsentieren. Seine Rezensionen, Porträts und Artikel gehören seit langem zu den originellsten und interessantesten in der deutschen Sekundärliteratur. Hier also seine Gedanken zu Jonathan Lethem, einem der ungewöhnlichsten amerikanischen Schriftstellern der Gegenwart.
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Der wilde Detektiv von Jonathan Lethem

Jonathan Lethem, der Philip K. Dick-Vertraute und Editor, ist in den USA wesentlich präsenter als hierzulande. Obwohl etliche seiner Werke in deutscher Übersetzung vorliegen, so auch der mit dem „Gold Dagger“ und „National Book Crircs Award“ausgezeichnete Roman „Motherless Brooklyn“, bewegt er sich in Deutschland ein wenig abseits der öffentlichen Wahrnehmung.

Daran wird auch die Veröffentlichung seines aktuellen Romans „Der wilde Detektiv“ bei Klett-Cotta kaum etwas ändern. Zu sperrig und zu sehr liebäugelnd mit der populärmythogischen Meta-Ebene, die sich zwischen dem alptraumhaften Sirren der Alpträume David Lynchs, Leonard Cohens Studien in Zen-Mediation, Sex in lausigen Motelzimmern, dem Spiel mit den Motiven des Hardboiled und einem Abgesang auf das von Donald Trump vergewaltigte Amerika erstreckt.

„What’s The Frequency, Kenneth?
“ steht als Frage im Raum, nicht nur hier gestellt, sondern auch vom filmischen Geschwisterchen „Under The Silver Lake“ (von David Robert Mitchell), der sich auf ähnlichen Pfaden wie der wilde Detektiv bewegt. Nur somnambuler. Also passend für R.E.M.

Es kann aber passieren, dass der Status „Kriminalroman“ von stoischen Anhängern mauer Krimikost zwischen Andreas Franz und Chris Carter unverständig aberkannt wird, obwohl der Roman geradezu klassisch startet:

Ein Mädchen ist verschwunden, der wilde Detektiv namens Charles Heist wird beauftragt, sie zu suchen. Immer die nassforsche Erzählerin Phoebe Siegler im Schlepptau. Siegler, ein Spross der New Yorker Medienwelt, hat dieser den Rücken zugekehrt, nachdem ihre Vorgesetzten und Kollegen sich dem „Trumpeltier“ anbiedernd andienten. Mieses Karma. Kein Ort, um dort länger zu verweilen. So kommt es gar nicht ungelegen, dass Arabella, die achtzehnjährige Tochter einer Freundin Sieglers, vermisst wird.
Verschollen, während sie auf der Suche nach Leonard Cohens Vermächtnis war.
Phoebe entwickelt sich von einer großstädtischen Medienexpertin zur postmodernen Nancy Drew, die an der Seite von Charles Heist – manchmal auch voraus – die junge Arbella sucht. Die sich, kein großartiger Spoiler, als ihr juveniles Alter Ego entpuppen wird. Es dauert kaum bis zur Hälfte des Romans, dann hat sich die Vermisstengeschichte erledigt, doch „der wilde Detektiv“ wird weiterhin gefordert. Er muss zu einem letzten Kampf in der Wüste antreten, gegen einen Herausforderer namens „Solitary Love“.

Auf den Spuren der zerbröselnden Hippiekultur begegnen Phoebe und Charles zwei Gruppierungen, den weiblich geprägten „Kaninchen“ – die entgegen ihres Namens sehr wehrhaft sind – und den in erstarrten Ritualen verwilderten, männlichen „Bären“, als deren Anführer Solitary Love reüssieren möchte.
Da seien Charles Heist und seine tatkräftige Hüterin Phoebe Siegler vor.
Während Leonard Cohen zurückgezogen Zen-Meditation ausübte, wurde er von seiner Managerin und Vertrauten um den Großteil seines Vermögens gebracht, weshalb er bis zu seinem Tod Live-Auftritte absolvieren musste. Wieder einmal gilt: Es kann der Frömmste nicht in Frieden leben, wenn’s dem bösen Nachbarn (in Cohens Fall der Nachbarin) nicht gefällt. Ausbeutung, Gier, Machtmissbrauch und Maßlosigkeit zerstören nicht nur private Existenzen, sondern Gesellschaftssysteme und die Umwelt.

Das setzt Jonathan Lethem nicht plakativ in Szene, sondern lässt es im Hintergrund rumoren. Außer es setzt Sticheleien gegen Donald Trump. Dann wird es grantig.

„Der wilde Detektiv“ bezieht seine Kapitel-Unterteilung bewusst aus der Topographie. Der Roman schildert eine Reise durch heruntergekommene Trailer-Parks und Motels, die abgasverseuchte Lagerhallen-Einöde des Inland Empire nahe Los Angeles (mit Grüßen an David Lynch), über einen Schwemmkegel, der von Wassermassen ausgehöhlt wird, hinein in eine Wüste, die Relikte einer ehemaligen Aufbruchstimmung beherbergt, an deren finsterem Ende die Manson-Family haust. Doch noch geht es ums Überleben, nicht töten.

„Die Viscera Springs Ranch war eine zähe Kommune, wen auch nicht gerade mit Intelligenz oder Dusel gesegnet. Ihrer Gruppe wurde das ganze Menü serviert – Ideologie, Filzläuse, Hunger – aber sie hielt durch.

Wofür eigentlich?

Um Ideale in Flammen aufgehen zu sehen, um einen letzten Kampf verzweifelter Machos zu erleben, die Sehnsucht nach einer „totalen Leere“ im Kopf, die die Basis für einen Neuanfang verspricht?

Gut gemeint, wird aber hinfällig, wenn man im Karma-Rad steckenbleibt. Jonathan Lethem spielt mit Esoterik und Heilsversprechen, lässt beides aber mit Makabrem kollidieren. So gehört das Anwesen auf der Spitze des Berges, an dessen Fuß Leonard Cohen meditierte, koreanischen Geschäftsleuten (Investoren?), auf deren Areal Mordopfer entsorgt werden. Der klimatisierte Alptraum fordert seinen Tribut.

Phoebe Siegler ist so eine Art Alice im Trumpland, verwirrt wie zielstrebig wühlt sie sich durch ihren eigenen Kaninchenbau und findet verloschene Illusionen, gekappte Träume und Hoffnungen. Eine Welt ist untergegangen, eine andere im Umbruch. Am Ende geht die Reise weiter: „Ich hatte einen weiten Weg vor mir.“ Eine Vermisste wurde gefunden, ein Kampf auf Leben und Tod gewonnen, die Suche nach Erkenntnis und Zusammenhängen bis in den Meta-Bereich vorangetrieben, begleitet und kommentiert von popkulturellen Verweisen.

Der wilde Detektiv hat mit Mühe und unter Schmerzen überlebt, ohne Phoebe „Alice Nancy Drew“ Siegler und die Unterstützung der weiblichen Kaninchen wäre er untergegangen. Ein ferner Donner erzählt vom langen Abschied und James Crumleys letztem echten Kuss. Die blonde Motorradfahrerin auf der chromgelben Harley, der Phoebe mehrfach begegnet, könnte Mallory sein oder Claire DeWitt auf dem Weg nach New Orleans.
Jonathans Lethems wilder Detektiv ist in guter Gesellschaft unterwegs.

Sprachlich ist das von ganz eigener Poesie, die ziemlich offensichtlich und mit großer Freude damit kokettiert, sich selbst zu karikieren. Die deutsche Übersetzung ist leider keine der geschmeidigen Art. In Kauf nehmen, was problemlos möglich ist, oder das Original lesen. Wer sich darauf einlässt, wird mit Lektüre belohnt, die weit über sich selbst hinausweist und nachwirkt.

There’s nobody missing
There is no reward
Little by little We’re cutting the cord
We’re spending the treasure, oh no, no
That love cannot afford
I know you can feel it
The sweetness restored

Natürlich gehören die letzten Worte Leonard Cohen.

Bibliographische Angaben:

Jonathan Lethem
Der wilde Detektiv (Orig.: The Feral Detective)

Klett Cotta

Aus dem Amerikanischen von Ulrich Blumenbach
VÖ: 31.01.2019

335 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag



EIN BLADE RUNNER ERZÄHLT: JONATHAN LETHEMS ESSAYS by Martin Compart
29. April 2013, 1:51 pm
Filed under: Bücher, Comics, Film, Jonathan Lethem, MUSIK, Politik & Geschichte, Science Fiction | Schlagwörter: , , ,

Der 1964 geborene Jonathan Lethem ist als Kind einer Hippie-Familie ein genauer Analytiker seiner Generation und darüber hinaus unter den US-Autoren der vielleicht beste Beobachter des neuen Jahrtausends. Sein erster Roman erschien 1994: DER KURZE SCHLAF war eine höchst amüsante Kombination aus Chandlerscher PI-Novel und SF. Lethem engagierte sich in der Occupy Wall Street-Bewegung und ist, wie sein Jugendidol Norman Mailer, ein politischer Autor ohne Scheu davor, eine kritische Meinung zu vertreten. Bei uns hat er ein festes Heim im Tropen Verlag gefunden, wo er jetzt neben dort gut behandelten Genre-Autoren wie Roger Smith und Joe Lansdale steht.

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Lethem legt mit BEKENNTNISSE EINES TIEFSTAPLERS – MEMOIREN IN FRAGMENTEN (THE ECSTASY OF INFLUENCE) eine sowohl stilistisch wie analytisch brillante Esssay-Sammlung vor, wie man sie bei uns von keinem Belletristen erwarten kann. Es sind Essays zur Populärkultur. Ein Begriff, der Lethem nicht wirklich zusagt:
In einem kurzen Essay wendet er sich gegen diesen Terminus, da er mehr mit dem Ausdruck Alltagskultur anfangen kann, der „rege eher zum Nachdenken an, er lege Fragen und Differenzierungen nahe, statt Unterschiede zu überkleistern“. Leider ist die deutsche Ausgabe gekürzt. Ähnlich schlimmes muss man auch über die deutsche Veröffentlichung der Essays von Nick Tosches sagen.

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Im Mittelteil dieser Essay-Sammlung haut Jonathan Letham mächtig aufs System ein und knöpft sich die impotenten Krämer vor, die Angst davor haben, durch moderne Technologien ihre parasitäre Position im Zwischenhandel zu verlieren:

„Die Welt ist ein Haus, das mit popkulturellen Produkten und Emblemen zugemüllt ist…Diese Dinge gehören mir genauso wenig wie Gehsteige und Wälder, doch ich lebe mit und in ihnen, und wenn ich eine Chance haben soll, als Künstler oder Bürger zu bestehen, muss es mir erlaubt sein, sie zu benennen…
Die Vorstellung, dass kulturelle Erzeugnisse Eigentum sind – geistiges Eigentum – soll rechtfertigen, dass Pfadfinderinnen für die Lieder, die sie am Lagerfeuer singen, Lizenzgebühren bezahlen… Thomas Jeffersons Vision (vom Urheberrecht) wurde über die Jahrhunderte von jenen unterwandert, die Kultur als einen Markt betrachten, aus dem alles, was irgendeinen Wert hat, notwendig auch einen Eigentümer haben muss…“ Lethem beschreibt die ekeligen Warnfilme der Musik- und Filmindustrie, die illegales downloaden kriminalisieren und mit dem Diebstahl von Autos oder Handtaschen gleichsetzen und kommt zum Schluss: „(Gestohlene) Autos und Handtaschen stehen ihren Besitzern nicht mehr zur Verfügung, die Aneignung von geistigem Eigentum dagegen lässt das Original unberührt.“ „Doch die Industrie des kulturellen Kapitals, die nicht vom schöpferischen Akt profitiert, sondern von seiner Verbreitung, betrachtet den Verkauf der Kultur als ein Spiel, bei dem sie nicht verlieren kann… Die raubgierige Erweiterung von Monopolrechten lief dem öffentlichen Interesse immer zuwider, ob nun Andrew Carnegie den Preis von Stahl kontrollierte oder Walt Disney die Geschicke der Maus.“ Fast schon naiv klingt die ideologische Begründung, derer sich die Parasiten wohl gerne bedienen: „In der in Theorie der freien Marktwirtschaft gilt jeder Eingriff, der die Umwandlung in Eigentum behindert, als paternalistisch, da er die Freiheit des Bürgers in seiner Neubestimmung als potentieller Unternehmer beschneidet.“

Wie wenig (oder besser: gar nicht) dieses nur verkürzt als Kapitalismus zu bezeichnende System der Allgemeinheit dient, macht er unmissverständlich klar:„Wir müssen deshalb mit äußerster Wachsamkeit die Übergriffe derjenigen verhindern, die unser gemeinschaftliches Erbe für ihre persönliche Bereicherung ausbeuten. Solche Übergriffe auf unsere natürlichen und kulturellen Ressourcen haben mit Unternehmergeist und Eigeninitiative nichts zu tun. Vielmehr sind sie Versuche, dem Volk etwas fortzunehmen, um es einigen wenigen zu übereignen.“

Superhelden begleiten ihn seit der Kindheit. Er hatte selbst den 70er Marvel-Helden OMEGA revitalisiert. Witzig und nachdenklich lässt er sich über die Kostümträger und diverse Verfilmungen aus. Etwa über SPIDERMAN: „Ebenso hat Parker etwas von einem masturbierenden Teenager, wenn er hinter verschlossenen Türen seine neue Fähigkeit ausprobiert, klebrige Spinnweben-Masse zu verschleudern.“

Er schreibt über Dylan (dieser Text ist schon jetzt ein Klassiker), Marlon Brando, Sex im Film, Norman Mailer und – sehr ausführlich – über Science Fiction, insbesondere Philip K.Dick und J.G.Ballard und viele andere kulturelle Topoi. Memoiren sind diese Essays nur insofern, dass sie die innere Entwicklung des Autors verfolgen. Das ist Analyse und Kritik der Popkultur, Lethem möge mir verzeihen, auf einem Niveau, von dem das deutsche Print-Feuilleton nur träumen kann. Für diese Spießbürger hat er auch ein paar warme Worte: „Die Vorstellung, dass die um ihren Status besorgten Wächter der hohen Literatur eine anerkannte Unterklasse (etwa die SF) benötigen, die sie verachten können, schien mir nie zu exotisch als Diagnose.“

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Sein jüngster Roman, CHRONIC CITY, ist bei Tropen ebenfalls lieferbar und wird durch die vorherige Lektüre der Essays beim Leser fast wie eine praktische Demonstration seiner theoretischen Überlegungen. Es ist eine Art Bildungsroman für das 21.Jahrhundert und bestätigt Letham als einen der originellsten und intelligentesten Autoren der zeitgenössischen Weltliteratur.