Martin Compart


CRAZY ROCKER – DIE INDO-BANDS ÜBERFALLEN DEUTSCHLAND by Martin Compart
11. September 2018, 8:16 am
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Sie kamen aus dem Westen und brachten Unheil und Grauen über alle anständigen Bürger, die in amerikanischen Garnisonsstädten ein gottgefälliges Leben versuchten.

Dort füllten sie so manchen leeren Tag mit Lärm.

Spießer, die sich in die entsprechenden Bars vorwagten, bekamen einen Vorgeschmack der Apokalypse.

Jugendliche Rabauken konnten sich an ihrem Krawall nicht sattfressen. Während Elvis sich zum Städtele hinaus sang, retteten die Indo-Bands den Rock.Manche Musiker griffen sich ihre Gitarren wie Psychopathen ihre geschärften Rasiermesser.

In den Jahren zwischen Bill Hailey und den Rolling Stones sorgten die Indo-Bands aus Holland dafür, dass der Rock´n Roll nicht zur harmlosen Samstagabendunterhaltung verkam. Von 1959 bis etwa 1964 zogen sie eine häufig blutige, immer aber krawallige Spur durch die Rock- und GI-Klubs in deutschen Garnisonsstädten.

Wie Hanau.

Dort hatte man die glänzende Idee, gegenüber einem Klub für schwarze GIs, indem vorzugsweise Blues gespielt wurde, einen Suff & Tanz-Treff für Rednecks zu positionieren. Damit war der Samstagabendspaß für die ganze Familie programmiert:

„Ich spielte mit den Cherokees im Roma in Kaiserslautern, als der Ami die Gäste anpöbelte und randalierte. Flaschen und Stühle flogen durch die Luft, bis vor unseren Augen plötzlich ein Puertoriacaner sein Messer zog und dem weißen GI in den Leib stach. Blut spritzte. Der Ami fiel zu Boden und die Därme quollen aus dem Bauch. Mein Gott. Und wir mussten da bleiben und weiterspielen, nachdem man die Leiche weggeschafft hatte“, erinnert sich Ronny Neyndorff. Im Showgeschäft kann man auf Einzelschicksale keine Rücksicht nehmen.

Die erste Generation der indonesischen Einwanderer bestand hauptsächlich aus Privilegierten, die mit den holländischen Kolonialherren verbandelt waren. Nach dem Sieg Sukarnos hauten sie schleunigst in das Mutterland der Ausbeuter ab, wo sie so willkommen waren wie Mujahedin am Wörthersee. Mit Straßenschlachten gegen einheimische Jugendlichen begannen dann die Integrationsbemühungen. „Aus diesem Umfeld aus Frust und Gewalt entstand schließlich das, was man später Indo-Rock nannte.

Statt Prügeleien war jetzt handfeste Lärmbelästigung angesagt. „Nach dem ERfolg der Tielman Brothers 1958 auf der Weltausstellung in Brüssel formierten sich unzählige Bands, um als Profimusiker in Deutschland ihr Glück zu versuchen. Auf dem Höhepunkt der Invasion 1963/64 gaben sich bestimmt an die 100 Indonesier-Kapellen in den Rock´n´Roll-Bars und Ami-Clubs im monatlichen Wechsel die Klinke in die Hand.

Wie fleißig sie waren, belegt ein Zitat von Harry Koster von den Black Dynamites: „Nach drei Jahren ständigen Spielens in Deutschland hatten wir zum ersten Mal einen halben freien Abend, als John F. Kennedy am 22.November 1963 ermordet wurde.“

Helmut Wenske hat das in Hanau alles hautnahe mitgekriegt und ist bis heute mit den Protagonisten der Szene befreundet. In seinem grandios dokumentierten Bildband, vollgestopft mit sittlich ethisch desorientierenden Dokumenten, Bildern und Anekdoten wird das Lebensgefühl in dieser Subkultur wieder lebendig. Er betrachtet die fünf wohl wichtigsten Bands genauer und erzählt ihre skandalösen Geschichten.

Wenske hatte schon 1984 zusammen mit Götz Alsmann und Woody Brunings mit EASTERN AGE eine erste Würdigung der niederländischen Krawall-Truppen vorgelegt.
Immer noch lesenswert. Aber dank seinem eigenen Archiv und das des holländischen Indo-Paläontologen Leon Donnars, kann das Bändchen mit diesem Prachtschinken natürlich nicht mithalten.

Es gibt Haufenweise Informationen, die man erst wissen will, wenn man sie kriegt.

Zum Beispiel dass der Jazzer und Bierkönig Paul Kuhn bei der Produktion einer der besten Indo-Platten, JAVALINS FOR TWENS, seine Klavierspielerfinger drin hatte.

Welche Rolle Goena-Goena (Spirituelles) spielte…

Wie sich Andy Tielman nach Borneo zurück zog und mit dem Blasrohr jagte…

Wie die Javalins auf einer Israel-Tour ihren Saxophonisten verloren…

Zeitgeist ohne ende

 

Seit einigen Jahren gibt es ein kleines Indo-Rock Revival. Gekillt hat ihren Boom Mitte der 1960er die british invasion. Obwohl die Indos technisch erstmal den meisten angelsächsischen Bands überlegen waren, hatten sie einen großen Nachteil: Sie schrieben kaum eigene Songs und verließen sich aufs covern von Standards. Und Klassikeram laufenden Band zu schreiben wie Beatles, Stones, Hollies usw., hatten sie erst recht nicht drauf. Aber an Show lieferten sie ähnlich der amerikanischen Soul-Szene den Briten einiges, an dem sich diese orientieren konnten.

Die Jungs waren ihrer Zeit weit voraus. Sie wussten es nur nicht. Sie haben nicht gemerkt, dass sie manchmal auf der Gitarre Sachen hervorbrachten, die für geschulte Musiker nicht zu fassen waren. Alles geschah sehr natürlich, fast organisch, so richtig aus dem Herzen. Sie spielten Rock´n´Roll auf eine authentische Art und Weise. Die Jungs waren unheimlich lässig und verschwanden vielleicht gerade wegen dieser Lässigkeit auch innerhalb von ein paar Jahren von der Bühne.“
Jan Akkerman

Als Wiedergutmachung für die Indos, schickten uns dann die Holländer Heintje, der bekanntlich kein Kind war, sondern ein fünfzigjähriger Zwerg.

Helmut Wenske/Chris Hyde:
Black Eyes
Indonesier-Bands in Germany. Storys & Bilder

ca. 298 Seiten,
Hirnkost KG, 2018; Hardcover,
21 x 21 cm
ISBN: 978-3-945398-66-1 print
28,00 €

https://www.amazon.de/s/ref=nb_sb_noss_1?__mk_de_DE=%C3%85M%C3%85%C5%BD%C3%95%C3%91&url=search-alias%3Dstripbooks&field-keywords=helmut+wenske


Wenske /Hyde verschweigen auch nicht die Schrecken des Ende mit Schrecken.

 

Andy Tielman mutierte heel prachtig zum Barry Gibb des Tanztees. Zu spät, um noch was am Karma zu retten:

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BLUES FÜR MANNY HERRMANN by Martin Compart
28. März 2016, 1:33 pm
Filed under: Manny Herrmann, MUSIK, Porträt, WENSKE | Schlagwörter: , , ,

Wenn eine lebende Legende über eine tote Legende ein Buch macht, dann sollte man sich ein wenig die gemeinsamen Wurzeln ansehen. Wenn es sich dazu noch um zwei Bohemiens aus der Unterstadt handelt, die bis ins hohe Alter nicht aufhören Radau zu machen, dann liegen die entscheidenden Wurzeln bestimmt in der Unterstadt.

RedRooster-Cover[1]

Die Unterstadt von Manny Herrmann und Helmut Wenske heißt Hanau.

Hanau gehört nicht zu den Städten, in denen die Milliardäre die Millionäre vertrieben haben.

Hanau ist eher so eine kaputte Stadt, die nicht wahr haben will, dass der Hedonismus des Rock´n Roll vom Sumpf des Kapitalismus verschluckt wurde. Nein, Hanauer Freaks wollen einfach nicht akzeptieren, dass die Rebellion des Rock von Casting-Shows plattgetreten wurde. Das Loch ist wie eine alte boshafte Hure, die Zähne sind ihr ausgefallen, aber noch voller Gift im Maul. Die Vergangenheit hat die Gegenwart nicht bestimmt, sondern verflucht. Die Typen, die ich hier kenne, stehen für eine schwer definierbare Integrität und Moralität. Oder, wie es Dylan ausdrücken würde: „If you live outside the law, you must be honest.“

Hanau ist vielleicht die letzte Garnisonsstadt. Dafür braucht sie nicht mal GIs. Hier ist jeder Tag gleich lang, aber nicht gleich breit. In der Luft hängt noch immer etwas von der verwesten Revolte. Aber die vom Rock´n Roll versprochene Zukunft ist hier nicht nur nicht eingetreten, Zukunft scheint überhaupt nicht länger möglich. Kein Hippie-Archiv des friedfertigen psychedelischen Naturalismus, eher das letzte Fort der Jugendrevolte, wo die Veteranen das Konzept des in-Würde-altern ablehnen. Damit ist Hanau vielleicht ehrlicher als andere deutsche Städte, die der Neoliberalismus  kaputt gemacht hat – angefangen mit Berlin. Mit ein bisschen Geld kann man hier weiterhin ein paar verkommene Tage runterschrubben, die einen sensiblen Menschen für eine ganze Weile aus der Bahn werfen. Hier laufen zu viele Typen rum, die das Kleingedruckte im Gesellschaftsvertrag ignorieren.

Für Rabauken wie Manny Herrmann und Helmut Wenske war die Stadt ein Themenpark des Testosterons. Ihr Verstand und ihre Gefühle kommen von dort. Wie ihr Temperament, das sich nur dort wohl fühlt, wo es Radau gibt. In Kombination waren beide so charmant wie ein Rudel Wildschweine, immer dazu bereit, zu neuen Tiefpunkten abstoßender Kommunikation aufzubrechen. Ihre Picknicks waren als derbe Form der Unterhaltung berüchtigt.

Manny starb 2011 mit 57 Jahren. Wenske lebt und hat einen Blues über ihn geschrieben.

Und Wenske wäre nicht Wenske, wenn er nicht absolut schonungslos in diesem Buch mit Manny umgehen würde. Er würdigt das genialische, zeigt aber genauso das Arschloch. Eben der Jagger von Hanau. Kein Fraternisieren mit der Feuilleton-Ästhetik des Spießertums. Das Buch erzählt auch die Geschichte einer rauen Männerfreundschaft. Und von Mannys Tragik als Musiker und romantischer Rocker, für den der alte Satz gilt: „Wie jeder echter Romantiker zerstört er das, was er am meisten liebt, um es anschließend um so mehr zu bedauern.“ Er war ein begnadeter Musiker, der sich selbst im Wege stand. Mann! Manche Klischees sterben nie. Ich habe ihn nur ein paar Mal auf der Bühne gesehen. Das war vielleicht der Ort, wo er seine Widersprüche am besten zusammen bekam und sie sogar in Kreativität verwandelte. Dann war sein Charisma voll da. Aber dann ahnte man auch, dass er eine große Karriere selber verspielte. Offenbar funktionierte Mannys musikalische Größe nur im Tausch gegen jede Menge Kollateralschäden. Die Musik war die Schwelle, die ihn vom Unglück trennte. Leider nutzte er sie zu wenig; ihm genügte zu oft das Wissen, dass er sie nutzen konnte.

wenske[1]

Das Buch ist eine gnadenlose Erinnerung an den toten Gockel von Hanau, gespickt mit schönen und schonungslosen Fotos. Dazwischen auch Zeitungsabdrucke, die Mannys hypertrophierte Arroganz ausdrücken. Wenskes Text ist anrührend, aber nie sentimental. Er ist eben einer unserer besten Underground-Poeten, dessen Sätze wie Handgranaten explodieren und kleinbürgerliche Empfindungsschablonen wegsprengen.

Ich habe gelegentlich in seinen letzten Jahren mit Manny telefoniert. Bei aller Kumpelhaftigkeit konnte er natürlich seine Provokationen nicht weglassen. Er hatte zuviel Spaß daran, Leute die Palme hochzujagen. Ich blaffte ihn an, wieso er BIGGER BANG noch nicht gehört hatte – immerhin war die neue Stones bereits sechs Stunden im Verkauf. Er meinte, die letzten Stones-Platten seien Mist. Ich sagte ihm, dass ein mäßig begabter Provinzmusiker das nicht beurteilen könne. Unsere charmante Plauderei endete damit, dass ich ihn wütend wegdrückte. Er hatte seine Arschlochqualität wieder perfekt inszeniert. Das war auch ´ne Art Stage-Show. Ein paar Tage später rief er mich an: „Ich habe mir diese beschissene Scheibe von den Rolling Stones besorgt. Ich will das Geld dafür von Dir zurück haben.“ Er hatte es echt gut drauf, auch mich auf 180 zu bringen.

Es gibt eine Live-Version von WILD HORSES (von 2003), die sogar Werner Fuchs im Suff Tränen in die Augen treibt; „Und Du weißt, wie ich zu den Stones stehe.“

Ob Manny das Buch gefällt?

Im Leben und im Tod nicht. Ich sehe ihn in der Rockn´ Roll-Hölle, wie er Morrison und Brian Jones lärmend erklärt, was für ein Arschloch der Wenske ist und überhaupt diese ganze bepisste Musik-Szene…

PS::Was sagt Wenske abschließend ? „Die Kohle geht an die Ute. Ich will an Manny nichts verdienen.“

Adieu l´ami.

 

 

Wenske/Hyde;

RED ROOSTER – Leben und Tod des Hanauer Rockmusikers Manny Herrmann und die Story von The Tumbling Dice.

Quadratformat, 120 Seiten.

Verlag Robert Richter, € 19,80

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http://www.amazon.de/s/ref=dp_byline_sr_book_1?ie=UTF8&text=Helmut+Wenske&search-alias=books-de&field-author=Helmut+Wenske&sort=relevancerank

 

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WÜRDIGUNG DES RED ROOSTER by Martin Compart
10. März 2016, 1:50 pm
Filed under: MUSIK, NEWS | Schlagwörter: , , , ,

Lesung am Freitag, den 18. März 2016, 20 Uhr
Remisengalerie

Buchpräsentation über Leben und Tod des Hanauer Rockmusikers Manny Herrmann

RedRooster-Cover[1]

Einlass: 19 Uhr
Eintritt: 10 €, Vorverkauf 8 €
Vorverkauf: Bücher bei Dausien, Salzstraße und Buchladen am Freiheitsplatz

Anlässlich des 5. Todestages des Hanauer Rockmusikers Manny Herrmann präsentiert der Hanauer Kulturverein die Neuerscheinung des Buches von Helmut Wenske Red Rooster, Leben und Tod des Hanauer Rockmusikers und die Story von The Tumbling Dice aus dem Hanauer Robert-Richter-Verlag.

Der charismatische Hanauer Ausnahmemusiker Manny Herrmann hat mit seiner Gruppe The Tumbling Dice Musikgeschichte geschrieben. In einem Ranking der wichtigsten deutschen Bands der 70er Jahre des Musikmagazins Good Times belegten sie unter den Top 10 den 5. Platz vor Orange Peel und Jeronimo. Für den Hanauer Maler und Autor des Scenesellers Rock’n Roll Tripper, der Autobiographie Scheiss Drauf!, des Bildbandes Rock’n Roll Junkie – Psychedelic Maler – Undergroundautor und des Story-Readers Sackratten Blues Helmut Wenske war Manny Herrmann einfach der beste Rock-Musiker, den diese Stadt hervorgebracht hat

Für die musikalische Unterhaltung sorgen die Sänger Thorsten Büsser von Capitano, Fibs von der Stones-Coverband Glitter Twins und Tim Cammerzell von Cliffsight sowie Nina Vabic & Nicole Epiphani, die bereits zu Mannys Zeiten als Background- und Solosängerinnen bei The Tumbling Dice aufgetreten sind. Begleitet werden sie von den Musikern der letzten Band von Manny Herrmann, Werner Fromm, Dieter Stanzel und Helmut Stichel sowie von Thomas Gomille und Martin Kurz.

Nach dem Musikprogramm werden Promotion- und Dokumentarfilme über Manny’s Musikprojekte gezeigt.

 P.S.: Näheres zu diesem Buch, Manny und Wenske demnächst in diesem Blog.