Martin Compart


MEIN BESTER ROMAN 2019: HOW BEAUTIFUL THEY WERE von BOSTON TERAN by Martin Compart

Obwohl es das Copyright von 2018 im Impressum zeigt, ist das Buch weitgehend erst seit November 2019 zugänglich und für mich deshalb das mit Abstand beste Buch des Jahres 2019.

A novel about the American theatre of the 1850s.

The New York theatre of that era was the Hollywood of its day, with all its trademark insanities. It was everything that was America. Its beauty and excitement, its rise and fall of personalities, its joys and desperations, selfish corruptions and violence. Even its hatred and racism.

Enter Colonel Tearwood’s American Theatre Company. Helmed by actor Nathanial Luck and playwright Robert Harrison, it revolutionizes the theatre of the times by bringing daily life to the stage: Love affairs, social corruption, political intrigue, violence and death grip the audience as backstage the players‘ fortunes rise and fall and rise again in an all too human play. There’s dashing Nathaniel Luck, hunted for the Pickwick Paper murders; beautiful Genevieve Wells, a con artist and swindler; Rosina Swain, aspiring actress in search of a father; and Robert Harrison, scion of a wealthy family, who was burned and disfigured in the infamous Wall Street fire, and turns the ruins of his body into art. How beautiful they were…

„This taut chronicle of despair and hope poses a powerful lens over a transformative period of our past. Unrelenting and haunting, yet at times poetic, How Beautiful They Were is deeply inventive and an irresistible read.“ – Eliot Pattison, Edgar Award winning author of the Inspector Shan Series and the Bone Rattler series

Dies ist der letzte Roman von Boston Terans DEFIANT AMERICAN-Trilogie, zu der THE CLOUD IN THE FIRE und A CHILD WENT FORTH gehören. Alle spielen im 19.Jahrhundert und sind ungewöhnliche Mischungen aus historischem Roman, Gesellschaftsroman und Thriller. Alle zeigen die USA im Gestalt annehmen, auf welchen Verbrechen sie begründet sind und welche Ereignisse dazu beitrugen, dass sie zu dem wurden, was sie heute sind.

Boston Teran überrascht immer wieder durch ungewöhnliche Sujets und natürlich seine literarische Qualität.

Ich hätte nie geglaubt, dass ich mich einmal für Theatergeschichte interessieren würde (schon gar nicht für die des amerikanischen vor dem Bürgerkrieg im New York der 1840er Jahre).

Die Theaterwelt ist der zentrale Ort, von dem die unterschiedlichsten Hoffnungen ausgehen und der die heftigsten Verwerfungen kreuzt. „Theatre is ideas, and ideas change the flow of power, and the flow of power affects who has the money, and everyone has a dog in that fight… To live where art and life are impossible to separate.”

Der Roman ist strukturiert wie ein Theaterstück in vier Akten.
Er ist aus zwei Perspektiven erzählt: der gegenwärtigen von Nathaniel Luck und der Rückblenden von Jeremiah Fields. Ähnlich wie in E.L.Doctorows RAGTIME wird ein der Geist eines Geschichtsabschnitts der USA durch die persönlichen Verstrickungen der Charaktere definiert. Dabei führt dieses gewaltige Epos durch alle relevanten Schichten, durch Rassen und ökonomische Strukturen.

Aufklärung als historischer Thriller – inzwischen eines von Boston Terans Markenzeichen. Genau wie die Lüge des „American Dream“, wenn man ihn mit der Realität konfrontiert. Auf der Metaebene schwingt immer mit, wie es um die „Moral“ der Vereinigten Staaten seit jeher bestellt ist.

Für Künstler wie Boston Teran kann man den Amerikanern einiges verzeihen (wenn auch nicht ihren Politikern von Reagan bis Dump und ihrer White-Trash-Wählerschaft).

Der Leser spürt den kranken Geist des Rassismus, der das Blut vor Zorn in Wallungen bringt, wird aber mitgerissen vom Suspense und der brillanten Action. Die Auswirkungen von Gewalt und Sklaverei auf die Charaktere dürften keinen Leser unberührt lassen.

Außer Cormac McCarthy in ähnlichen Werken, findet man wohl nichts Vergleichbares. Dass Boston Teran bisher keinen deutschen Verlag hat, sagt viel über den Zustand der Branche aus. Als hätte sich die Musikindustrie dazu entschlossen, die Rolling Stones nicht unter Vertrag zu nehmen.

Obwohl der Roman – wie bei Teran üblich – auf genau recherchierten Fakten und Mentalitäten beruht, erscheint er dem heutigen Leser manchmal wie Fantasy. Entsprechend der Maxime des britischen Schriftstellers Leslie Poles Hartley: “The past is a different country, they do things differently there.”

Die Charaktere sind unvergesslich, die Brutalität schwer erträglich, die Erkenntnis zwingend, die Spannung vorantreibend und die Sprache wunderschön.

Kein anderer lebender Autor hat mich in diesem Jahrhundert bisher tiefer beeindruckt als Boston Teran, der wie ein Chamäleon die Farben wechseln kann, dabei aber immer dieselbe Meisterschaft behauptet. Unterschiedliche Genres, unterschiedliche Stile – immer gleichzeitig aktuell und zeitlos.

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UND HIER NOCH MEHR VON MEINEN BESTEN VON 2019:

Bester Roman: HOW BEAUTIFUL THEY WERE von Boston Teran
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Beste deutsche Erstausgabe: DEAD LIONS von Mick Herron
https://martincompart.wordpress.com/2018/09/21/mick-herron-der-abdecker-des-secret-service-1/

Bestes Debut: TOD EINES GENTLEMAN von Christopher Huang

Bester deutscher Thriller: FANAL von Michael Contre
https://martincompart.wordpress.com/2019/11/07/fanal-interview-mit-michael-contre/

Beste Sekundärliteratur: EINIGE MEINER BESTEN FREUNDE UND FEINDE von Klaus Bittermann und DAS IMPERIUM-GESCHÄFT von Berthold Seliger
https://martincompart.wordpress.com/2019/11/21/40-jahre-bittermann/
https://martincompart.wordpress.com/2019/06/19/ticketing-gangster-berthold-seligers-analyse-der-konzertindustrie/

Beste TV-Serie: MINDHUNTER
https://crimetvweb.wordpress.com/category/mindhunter/

Bestes Album: DAS BESTE von Achim Reichel
https://martincompart.wordpress.com/2019/12/06/rattle-rekrut-reichel/

Beste Wiederentdeckung: VILLAIN -sowohl Roman wie auch Film
https://martincompart.wordpress.com/category/villain/




TICKETING-GANGSTER: Berthold Seligers Analyse der Konzertindustrie by Martin Compart

Dass der Kapitalismus dazu strebt, Monopole zu bilden, ist nichts Neues und enttarnt die „Konkurrenzwirtschaft“ als bloße Ideologie. Wir haben in den Jahrzehnten nach dem Zusammenbruch des antikapitalistischen Druckmittels mit ansehen müssen, wie hemmungs- und skrupellos Unternehmen auf Kosten von Umwelt und Allgemeinheit unantastbare Imperien aufgebaut haben, die auch noch für die höchste Konfliktrate auf diesem Planeten sorgen, die es je gegeben hat.

Die Musikindustrie war in all ihren Facetten schon immer ein widerwärtiges Geschäft. Berthold Seliger öffnet einem die Augen, zu welch Stadien füllende Ekelhaftigkeit und Ausbeutung die Branche inzwischen fähig ist.

Seligers Buch schwingt wie eine Abrissbirne durch die Lügen und Betrügereien der Musikindustrie. Denn die hat sich längst vom Download-Schock erholt und ist dank neuer Technologien und am Rande des Illegalen oder mitten im Illegitimen angesiedelter Marktstrategien zu neuer, ungeahnter Stärke kleptokratiert.

Die brillant geschriebenen Analysen der Strategien der Konzertbranche lesen sich manchmal wie eine Mischung aus Gangsterroman und Techno-Thriller.

Kalte Schauder jagt es einem den Rücken rauf und runter, wenn der Autor resignierend nach einem regulierten Markt verlangt: „Aus der Malaise gibt es nur einen pragmatischen Ausweg: … die Rückbesinnung auf Instrumente des Ordoliberalismus, also einer sozialen Ausrichtung und regulatorischen Beschränkung des sogenannten freien Markts, mit einem funktionsfähigen Preissystem und der Verhinderung von Monopolen, Kartellen und anderen Formen der Marktbeherrschung.“

Seliger zeigt auch auf, dass in keinem westlichen Land der Verbraucherschutz vor semi-kriminellen Prozessen weniger funktioniert als in Deutschland.
Gleich zu Beginn stellt er überzeugend Bezüge zwischen Musikindustrie und Drogenhandel her – am Beispiel der TV-Serie BREAKING BAD und wofür sie steht.

Eine der perfidesten Abzock-Strategien ist die des „Verified Fans“, die sich das Management von Taylor Swift ausgedacht hat: „Swift hat eine virtuelle Schlange am virtuellen Ticketschalter kreiert, und die Fans können durch Einkäufe von Taylor Swift-Merchandise-Produkten ihren Platz in der Schlange verbessern… Das Perfide im Fall Taylor Swift: Die meisten Stadien waren wenige Wochen vor den Auftritten nicht einmal ausverkauft, da die Künstlerin und ihr Management eben das Konzept des `High Pricing´ bevorzugen. Der `freie Markt´ wird ad absurdum geführt. Aber die Künstlerin hat dank ihrer Merchandising-Produkte trotzdem prächtig verdient.“

Hinreißend ist sein Erfahrungsbericht über sein erstes Großkonzert (Rolling Stones 1981 in München; zweites von zwei Konzerten, denn beim ersten hat es nicht geregnet), in dem er damaliges gesellschaftliches Bewusstsein der Besucher beschreibt. Die anschließende Analyse der Stones-Konzerte im neuen Jahrhundert löst nur noch Brechreize aus.

„Die Bourgeoisie hat die persönliche Würde in den Tauschwert aufgelöst“, zitiert der Autor Karl Marx. Und persönliche Würde ist doch etwas, dass Musik vermitteln, ausstrahlen oder bestätigen kann.

Da nur fünf Prozent der Superacts für 85 Prozent der Einnahmen sorgen bedeutet das im Umkehrschluss, dass die Imperien nicht daran interessiert sind, in irgendeiner Form an kulturellem Aufbau mitzuwirken oder gar Geld zu investieren.
Die teuren Ticketpreise wiederum gehen zu Lasten von Club – oder Nachwuchs-Konzerten.

Ein weiteres kluges Buch, das zeigt, wie unregulierter Kapitalismus die Demokratie gefährdet, ja durch das Schaffen unmoralischer Profitstrategien sogar außer Kraft setzt: „Wenn nun aber jemand, der Karten für ein ausverkauftes Konzert… einen beträchtlich (von den Veranstaltern/Ticketverkäufern auf einer eigenen Plattform für Zweitverwertungen) überhöhten Eintrittspreis zu zahlen (bereit ist), wird die Gleichheit außer Kraft gesetzt… Denn die Gleichheit der Konzertfans ist mittlerweile aufgehoben. Vor der Bühne stehen nur noch die Wohlhabenden, die eben 799 Euro für ein Ticket ausgeben können.“

Man darf das nicht unterschätzen, denn hier werden im Überbau kapitalistisch-autoritäre Strukturen eingefräst, die besonders das Bewusstsein junger Menschen dauerhaft prägen können. Eine weitere Manifestation der Ungleichheit in einem legalen System.

Das Buch ist nicht nur spannend, es eröffnet (unbedarften Lesern wie mir) auch neue Horizonte, denn Seliger versteht es, die Entwicklungen branchenspezifisch im historischen Kontext einzubetten.

Unverzichtbar für jeden, der sich über Musik in den unterschiedlichsten Aspekten informieren will, ist der Blog des Autors:
https://www.bseliger.de/blog

Berthold Seliger:

DAS IMPERIEN-GESCHÄFT

EDITION TIAMAT, 2019

Critica Diabolis 265

Broschur

344 Seiten

20.- Euro

ISBN 978-3-89320-241-6