Martin Compart


DR.HORRORS WORT ZUM BÖLLERFEST by Martin Compart
30. Dezember 2020, 3:21 pm
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Wer die Wahrheit sagt, muss ein schnelles Pferd haben
(Konfuzius)


Wir leben aktuell in eine Zeitenwende, ohne uns dessen richtig bewusst zu sein.

Diese Zeitenwende führt uns in eine globalisierte, digitalisierte, besser noch: durch supranationale Giganten wie Google, YouTube, Facebook, Twitter gesteuerte Zukunft, in der mehr oder minder langfristig unser Gehirn offen als Interface benutzt werden wird: Brain-Computer-Interface, Hirnrinden-Interface, was auch immer, klingt schlimm, tut aber nicht weh.

In Deutschland oder Europa drohen wir auf Entwicklungsländer-Niveau zurückzufallen, da wir weder große digitale Plattformen haben wie in den USA oder China und nicht einmal die ethische Diskussion zu diesem Thema an- bzw. mitführen.

Cixin Liu, ein chinesischer SF-Schriftsteller, sprach in einem Interview davon, dass diese Zukunft nur unter Schmerzen zu erreichen ist. Vor uns liegt womöglich eine höllische Dystopie mit erheblichen Verwerfungen, ökologischen, ökonomischen – und das rettende Land ist in weiter Ferne.

Die gegenwärtige Pandemie ist ein Indikator der schmerzhaften Geburtswehen der Zeitenwende, die unser Verhalten gegenüber der virtuellen Zukunft programmieren wird, die sich in einer übervölkerten Welt leider auch in einer verheerenden Explosion unsinniger Bilderwelten manifestieren wird.

Unglücklicherweise drückte ein deutscher Kultusminister – eine Unsitte, Ministerien wie Gesundheit, Forschung, Umwelt mit Laien zu besetzen! – kürzlich seine Hoffnung aus, nach Corona wieder zum Status quo ante zurückkehren zu dürfen.

Aber wohin zurück, wenn sich die Reihen lichten?

In einer zeitgenössischen Kritik zum Metropolis-Film von Fritz Lang sprach H.G. Wells 1927 kopfschüttelnd von einer deutschen Mentalität, die Hochtechnologie mit dem mittelalterlichen Denken der Walpurgisnacht verbindet, die sehr bald darauf die Judenpogrome und Hexenjagden aus der Zeit des Schwarzen Todes in den Todesfabriken des Zweiten Weltkriegs industrialisiert hat.

Während wir on the road back to the Brocken sind, stellen sich in den dystopischen Verwerfungen der Zeitenwende bereits Fragen des Post- und Transhumanismus. Die widersprüchlichen globalen Finanzmärkte, losgelöst von wirtschaftlicher und ökologischer Verantwortung, sondieren kann ohnehin nur noch künstliche Intelligenz.
Wird der Mensch in seiner Massierung benötigt oder könnte er verschwinden wie ein Gesicht im Sand, wie Slavoj Zizek in leicht gebrochenem Deutsch warnt?
Sind es die Ausläufer eines posthumanen Zeitalters?
Es geht schon auch ums körperliche Überleben, nicht erst in ferner Zukunft, sondern aktuell in nächster Zukunft.

Längst ist das Pendel nach Asien zurückgeschwungen, wo die großen Krisen schneller und dynamischer überwunden werden und wo die Zukunft weit über Legislatur-Perioden hinaus gestaltet wird. Wir dagegen werden Putzerfische der Großen sein: wenn überhaupt, dann immerhin! Werden wir uns mit dieser Rolle begnügen…

Mein aktueller Wunsch: Ich habe es bedauert, zu spät nach Asien gegangen zu sein und die chinesische Sprache nicht gelernt zu haben, außer Ni hao. Ich habe ganz China bereist: sprachlos, auch angesichts der ungeheuerlichen Dynamik.
Eine Aufgabe für deutsche Bildungseinrichtungen: eine europäische Sprache schaffen und lernen, mit Asien zu kommunizieren: eurasisches Denken, nicht nur transatlantisches und europäisches, in ethischer Verantwortung, in der Vermeidung neuer faschistischer Tendenzen. Die Sprache ist es, die China eint. Sprechen wir mit.

Die Vergangenheit ist vorbei, die Gegenwart flüchtig. Für den Physiker gibt es kein Jetzt. Aber die Weichen stellen nicht unbedingt wir. Es sind Notwendigkeiten der Zukunft, die uns in ihrem Strom treiben lassen…