Martin Compart


ERINNERUNGEN AN JÖRG FAUSER by Martin Compart

Dieser Blog ist bekanntlich ein Ort, in dem die Vernunft ihre einsamen Monologe hält.
Also auch der richtige Ort, um in Erinnerungen an Jörg Fauser zu schwelgen, der 2019 seinen 75.Geburtstag hätte feiern sollen und auch einen neuen Rekord aufstellt: Er ist wahrscheinlich der einzige Schriftsteller, der es innerhalb von dreißig Jahren auf fünf Gesamt- oder Werkausgaben gebracht hat!

DER LANGE WEG ZUM SCHLANGENMAUL 1/

Ungefähr ein Jahr arbeitete Jörg an einem Polit-Thriller mit dem Arbeitstitel KINDER DER MORGENRÖTE (er ließ das Projekt dann zu Gunsten von ROHSTOFF fallen). Es ging um Terrorismus.
Wir waren damals (1983) verschärft auf Jim Thompson-Trip, von dem innerhalb der Ullstein-Krimis eine kleine Werkausgabe lief, die mein Vorgänger als Herausgeber, Bernd Jost, initiiert hatte.
Thompson war jedenfalls zu der Zeit eines unserer führenden Gesprächsthemen, und Jörg überraschte mich eines Abends mit der Mitteilung, er würde ihn für KINDER DER MORGENRÖTE nutzen. Er würde GETAWAY als Code-Buch für seine Protagonisten einsetzen. Einen Thompson-Roman als Code für Terroristen! Das fanden wir richtig gut und witzig.

Für den sogenannten „Sozio-Krimi“ fanden wir wenige gute Worte. Die meisten Romane waren einfach zu schlecht geschrieben, und brave Gesinnung ist für Literatur nicht ausreichend. Sicherlich gab es das eine und andere herausragende Werk von Friedhelm Werremeier oder Michael Molsner, das Gnade vor unserer arroganten Poetik fand. Aber der die deutschsprachige Kriminalliteratur dominierende Sozio-Krimi war abschreckend.

Nicht gerade ein Feindbild, aber ein redundantes Konzept, erfüllt von eher drittklassigen Autoren. Eine aufs Ganze gesehen recht trübe Literatur.

ULF:

Der einzige deutsche Thriller-Autor, den wir uneingeschränkt bewunderten, war Ulf Miehe. Er hatte die deutsche Kriminalliteratur in den 70ern wahrlich erneuert und aus seiner provinziellen Haltung herausgeschossen.

Dieses „provinzielle“, dass wir auch im Feuilleton ausmachten, erfüllte uns mit Ekel (tröstlich, dass sich Jörg den potenzierten Zustand beider Genres in der Gegenwart nicht mehr reinziehen muss… Andererseits fehlen natürlich die Zynismen und Analysen zu aktuellen Idioten. Ich kann mir leicht vorstellen, was Jörg an Häme über den heutigen deutschen Krimi ausschütten würde, der in der Masse weit hinter dem Sozio-Krimi zurückgefallen ist).

Jörg kannte Ulf noch aus seinen Münchener Jahren. Und als Ullstein mal wieder mit irgendeiner Berliner Kulturinstitution eine Veranstaltung zur Kriminalliteratur plante, war Ulf die erste Wahl für ein Podium. Und er kam auch, trotz enger Drehpläne. Denn da lief schon die Entwicklung für DER FAHNDER bei der Münchener Bavaria, in die Ulf involviert war.

Ich war beeindruckt, ihn persönlich kennen zu lernen. Seine Thriller hatte ich sofort in ihren Veröffentlichungsjahren gelesen und seitdem mit mir rumgeschleppt. Jetzt kam ich – ganz Fan – an eine Widmung. Später schenkte mir Ulf die US-Ausgabe von ICH HAB NOCH EINEN TOTEN IN BERLIN (in zehn Sprachen übersetzt und weltweit fast eine Million verkauft), die er persönlich Bob Dylan überreichte, dem das Buch gewidmet ist. Ulf war der größte Dylan-Fan, den ich je kennengelernt habe. Er hatte Unmengen von Videos und Bootlegs aus der ganzen Welt – in Zeiten vor Internet. Möglich war das, da er Mitglied in einem Planet umspannenden Dylan-Netzwerk war.

Ich bin froh und dankbar, dass sich daraus eine Freundschaft entwickelt hat. Ulf war Mitte der 80er vor allem als Regisseur unterwegs. Mit dem FAHNDER wurde ja dann auch frischer Wind ins Regionalprogramm geweht.

Dann drehte er auch noch seinen Kinofilm DER UNSICHTBARE.

Da hatte er die betörende Idee, Jörg und mich als Kleindarsteller (Euphemismus für Statisten) bei einer Pokerrunde einzusetzen. Jörg und ich waren begeistert angesichts der bevorstehenden Oscar-Nominierungen. Leider scheiterte es an der Terminkoordination und wohl auch am Budget. Sehr, sehr schade. Wir wären die ersten Statisten gewesen, die aus Berlin zu Dreharbeiten in München eingeflogen wurden. Das hätte die Branche revolutioniert! Vielleicht mit ein Grund, weshalb Ulfs Produzent nicht mitgespielt hat.

Ulfs Energie und Arbeitsleistung war um so beeindruckender, da er schwer krank war. In den letzten Jahren vor seinem Tod planten wir eine Zusammenarbeit bei Bastei-Lübbe. Dort war inzwischen Ulfs früherer Piper-Lektor Walter Fritsche (der mit ihm das Drehbuch zu JOHN GLÜCKSTADT geschrieben hatte) Verlagsleiter des Hardcover-Programms geworden. Dadurch gab es ganz andere Möglichkeiten, als ich sie mit meinem Budget der SCHWARZEN SERIE hatte. Geplant waren drei kurze Fortsetzungsbände in der SCHWARZEN SERIE, die dann als Hardcover zusammengefasst worden wären. Ein geradezu innovatives Konzept.

Als Freund, Mensch und Künstler stand und steht Ulf Miehe für seltene Integrität.

Umso mehr ärgerte es mich, als ein Friederich Ani behauptete, Fausers SCHNEEMANN habe den „modernen“ deutschen Kriminalroman begründet.

Welchen denn?
Den Regionalkrimi?
Den Gummizellenthriller à la Fitzeck?
Den Fußballkrimi?
Den Frauen-in-Gefahr-Krimi?
Schrebergartengourmet-Krimis, die in den Werten des Kleinbürgertums versteinern?

Falls er meinte, SCHNEEMANN wäre der erste deutsche Kriminalroman gewesen, der den damals dominanten-Sozio-Krimi oder die Old School à la Hans Gruhl hinter sich ließ und neue Themen und (angelsächsisch orientierte) Herangehensweisen erschlossen habe, irrt der Kenntnislose. Das erledigte Ulf Miehe bereits mit ICH HAB NOCH EINEN TOTEN IN BERLIN, 1973, und PUMA, 1976.

Ulf und Jörg waren, wie gesagt, befreundet (Ulf war ebenfalls Mitglied der Gruppe Oberbaumbrücke) und Jörg hat sich auch gerne auf Ulf bezogen, wenn es um die Weiterentwicklung deutscher Kriminalliteratur über den Sozio-Krimi hinaus anging.

Jörg hat sich BEWUSST auf die Vorleistungen von Ulf Miehe bezogen, dies auch immer betont.

Für Taube lässt sich nicht musizieren.

Ani über Fauser (oder Jim Thompson) ist ähnlich gehaltvoll, als würde Dieter Bohlen über Bob Dylan referieren.

LOCCUM

Nach dem ersten Treffen im August 1982 (dazu an anderer Stelle mehr), legte die Krimi-Tagung in Loccum die Grundlagen für unsere Freundschaft (Jörg schrieb einen bösen Bericht darüber als LEICHENSCHMAUS IN LOCCUM für TransAtlantik in Nr.3/1983).

Man kennt jemanden erst, wenn man weiß, was er will. Deshalb haben sich Jörg und ich unter den verschärften Bedingungen von Loccum schnell erkannt. Die Schnittmenge von dem, was wir beide wollten, war extrem hoch.

Die evangelische Akademie in Loccum lud immer mal gerne die Krimiszene zu Tagungen in ostblockartige Farblosigkeit ein, deren inhaltliche Öde durch abendliche Trinkgelage kompensiert wurde. Hier trafen sich überwiegend Autoren der bescheidenen Kategorie zu lärmender Ausgelassenheit und stupiden Katerforen. Da rannten sie dann ein paar Tage wild onanierend durch die Gegend. Jeder davon ehrlich überzeugt, dass ihm der Kardinalshut gebührt.

Gestalten, die nicht begriffen hatten, was wir längst als Grundlage der Kriminalliteratur identifizierten: Ein kriminelles System sanktioniert kriminelle Verhaltensmuster im großen Stil positiv.

In weiser Voraussicht hatte man uns in einem unbewohnten Seitenflügel ausquartiert, zwei karge Klausen zugewiesen, die unserem Außenseiterstatus entsprachen.

Als frischgebackener Ullstein-Herausgeber hatte ich bei den meisten anwesenden Deutschschreibern gleich mal meine Popularität auf null gebracht, indem ich kategorisch verkündete, dass ich keine deutsche Regionalliga in der Gelben Reihe machen würde, solange mir angelsächsische Weltklasse zur Verfügung stünde.
Zu Jörgs großer Freude war ich damit sofort unten durch. Er hatte Ullstein den richtigen Mann empfohlen.

Die Kluft zwischen zwei Systemen war schon in Loccum erkenn- und unüberwindbar:
Fauser mit literarischen Höchstansprüchen an die Kriminalliteratur und der damit verbundenen Orientierung an angelsächsische Autoren auf der einen Seite, ein Schreiber-Interessenverband, der sich hauptsächlich mit sich und Symptomen des politischen Systems auseinandersetzen wollte und um mehr Anerkennung buhlte, auf der anderen.
Was da rumschlich und Dummheiten zur Kriminalliteratur verkündete, waren die Gründerväter einer Organisation namens „Syndikat“, die angebliche Krimiautoren vertrat. Das „Syndikat“ sollte dann auch zu einem Interessenverband werden, den einige geschickt zu ihrem persönlichen Weiterkommen instrumentalisierten.
Der Verein schadete ähnlich stark wie die Gruppe 47. Jörg verachtete diese sozialliberalen Kleinbürger. Und sie wiederum ließen keine Gelegenheit aus, Jörg ans Bein zu pinkeln. Folgerichtig haben sie ihm vor ein paar Jahren posthum einen Preis verliehen und damit das letzte Stadium der Geschmacklosigkeit erreicht. Wenn der Kadaver lang genug gefahrlos gesiecht ist, kommen die Aasfresser. In der deutschen Kleinliteraturszene beanspruchen sie weniger das Fleisch, von dem sie lernen könnten, als den vermuteten Geist, der ihren übersteigt.
Trotzdem gab es keine Rotationsphänomene auf dem Münchener Friedhof. Zu unwürdig, um im Jenseits wahrgenommen zu werden.

In seinem Essay:
»Ich blickte mich um. Lauter Tote, die sich tote Themen und toten Fraß in ihre leichenstarren Münder stopften. Loccumer Leichenschmaus. Ich wollte nicht tot sein. Ich flüchtete in die Kneipe.«

Der Star der Veranstaltung war – zumindest für Jörg und mich – der legendäre Rowohlt-Thriller-Herausgeber Richard K.Flesch. Er hatte seine Reihe zur innovativsten der 1970er Jahre gemacht. Jörg und ich waren Fans von ihm, schon wegen seiner zynischen Autorensicht. Angesprochen auf einen anwesenden schlimmen Autor, dessen Bücher und Drehbücher bis vor kurzem kaum erträgliches abgeliefert haben (nein, nicht Felix Huby), meinte Fleschi: „Ich kann ihn nicht rausschmeißen. Er schenkt mir jedes Jahr zu Weihnachten ein Kistchen sehr guten Whisky.“

Ich hatte außerdem wunderbare Erinnerungen an ihn, da er als einer der ersten, die von mir in München mitbegründete Arbeitsgemeinschaft Kriminalliteratur unterstützte. Er sorgte sogar dafür, dass uns Rowohlt eine Schreibmaschine spendete, als unsere verreckt war. In gewisser Hinsicht war das die Gründung des deutschen Krimi-Fandoms, dass er stützte.

Richie hatte fast ununterbrochen zwischen den Podiumsdiskussionen Interviewtermine. Jörg und ich hingen da nur so ein wenig herum. Zwischen zwei Terminen kam Fleschi dann gerne zu uns, hielt seinen Kaffeebecher hin und sprach: „Habt ihr noch einen Schluck Whisky? Ich fasel seit Stunden immer denselben Mist in irgendwelche Mikrofone.“ Zu dem Zeitpunkt stand Fleschis Renteneintritt bereits fest, und Bernd Jost war schon in Reinbeck, um zu übernehmen.

Statt unsachgemäße Podiumsdiskussionen zu besuchen, überließen wir die Fachleute weitgehend ihrem Elend. Jörg, Peter Schmidt (damals einziger deutscher Autor der Ullstein Krimis, noch von Jost eingekauft und folgerichtig dann zu Rowohlt gewechselt) – und ich erkundeten lieber die geringe örtliche Gastronomie.

Schmitti und Jörg bekundeten in der Dorfkneipe mit der Kühnheit und Autorität der Wissenden lauthals ihre John-le-Carré-Bewunderung. Jörg: »Hier fielen drei, vier fremde Herren nicht sehr auf, die den neuen deutschen Kriminalroman bis auf Haut und Knochen abnagten und mit Pils herunterstürzten, wobei sie fast rhythmisch rituelle Urlaute ausstießen: Greene! Oder: Himes! Oder: le Carré!«

Das war wohl der Tag der Zeugung der GRUPPE OBERBAUMBRÜCKE, die etwa neun Monate später zur Welt kam.

Beim Auspacken hatte ich mitbekommen, dass Jörg vorausschauend zwei Flaschen Whisky im Gepäck hatte. Das brachte uns über den ersten Tag (wir teilten ja auch brüderlich mit Flesch und dem einen oder anderen). In der Nacht darauf ging uns der Stoff aus, und alle Kneipen waren bereits dicht. Mutlos nuckelte ich an dem evangelischen Dosenbier, als Jörg zum Plündern aufbrach. Er kam mit einer vollen Flasche Whisky zurück.

Wie hatte er das wieder hingekriegt?

Er schrieb nicht nur wie kein zweiter deutscher Autor, er löste auch Logistikprobleme mit links. Später haben Schmidt und ich es aus ihm rausgelockt. Jörg war durch ein offenes Fenster in die Dorfkneipe eingestiegen, hatte Licht gemacht und dann lautstark Bedienung eingefordert. Der verblüffte Wirt war im Schlafanzug aus dem ersten Stock heruntergetapert und hatte ihm anstandslos eine Pulle verkauft. Wenn Jörg Durst hatte, gab es keine Mauern.

In Loccum hatten wir auch unseren ersten Streit. Wir gerieten uns wegen Patricia Highsmith in die Wolle. Für Jörg war das nur Psychokram. Für mich die Göttin des dunkelsten Psycho-Thrillers. „In meiner Gegenwart pisst man niemanden aus meinem Pantheon an – selbst nicht, wenn er dazu gehört.“

Aus Jörgs Sicht klang das so: „Ja, ich erinnere mich noch an die Szene weit nach Mitternacht, als ich mit einem Lektor, der ansonsten ganz gescheite Maßstäbe hatte, aneinandergeriet, es wäre fast zu Tätlichkeiten gekommen, ich: Die Highsmith! Psychokram!Kunsthandwerk! Er: Phantastisch! Stil! Härte zehn! Ich: Bornierter Blödsinn! Er: Schreib erst mal was Besseres! Da stand uns dann beiden die Lust zum Totschlag in den Augen, der Killerinstinkt. Freilich hatten wir auch schon einigen Whisky intus, denn das muß ich Ihnen gestehen, Herr Prof.Dr. Ermert: So ganz nüchtern läßt sich das Evangelische leider nicht ertragen.“

FORTSETZUNG FOLGT

Ein Miehe-Nachruf:
https://www.artechock.de/film/text/artikel/1999/07_15_c.htm