Martin Compart


BOB MORANE WIRD 65 /2 by Martin Compart
25. August 2018, 12:46 pm
Filed under: Bob Morane, henri vernes, OSS 117, Porträt, Pulp | Schlagwörter: , , ,

Bevor ich mich weiterhin der hochinteressanten Entwicklungsgeschichte des Produkts BOB MORANE zuwende, möchte ich einige ideologische und intertextuelle Zusammenhänge klären. BOBMORANE ist trotz seiner vielen Häutungen ein Produkt, dass extrem die Zeit wiederspiegelt und behauptet, die man wohl als Nachkriegszeit bezeichnen kann. Trotz aller Genre- Crossover-Techniken, die die Figur und das hinter ihr stehende Konzept marktkonform aktualisierten, blieb BM immer in seinem „Geburtsjahrzehnt“ stecken – was vielleicht auch ihren anhaltenden Charme erklärt.


KOLONIALISMUS

In der klassischen Phase der Serie im Marabout-Verlag wurden bereits alle Topoi verwendet, die in den späteren Werken ausgebaut und exzessiver verwendet wurden.
Ausgangspunkt der Serie war der koloniale Abenteuerroman, der noch bis in die 1960er Jahre ein beliebtes Genre war. In ihm wird meist hoch ideologisch der Gegensatz zwischen Zivilisation und Wildheit thematisiert und die imperialen Motive der Kolonialmächte gerechtfertigt.

BOB MORANE schlägt eine zeitgenössische Brücke zum exotischen Reiseroman, da es in den 1950er Jahren nicht mehr darum geht Kolonien zu erobern, sondern diese bestenfalls zu verteidigen. Die beginnende Entkolonialisierung zeichnet sich in manchen Romanen latent ab und wird als schmerzvoll empfunden. Henri Vernes selber sagte einmal, dass Afrika in seinen späteren Büchern kaum noch präsent sei, weil es das Afrika, das er liebte, nicht mehr existiere und das heutige ihn nicht interessiere.

BM folgt der klassischen Quest, in dem er ausrückt, um die Wildheit aufzusuchen, aber immer wieder zu einem abgesicherten, abenteuerlosen Ort zurückkehrt. In seinem Fall ist es die Wohnung am Quai des Orfèvres, vollgestopft mit Reiseandenken, in der er sich vor allem der Lektüre hingibt. Die vielen fremden Orte, die BM im Laufe seiner Abenteuer besuchte, gaben den in den 1950er- bis 1960er Jahren extrem ortsgebundenen Jugendlichen auch ein erstes Raumgefühl für den Planeten, das durchaus ihr egozentrisches Weltbild ankratzen konnte.

Diese Reisen BMs von einem Bedeutungsraum zu einem anderen nimmt oft die Form einer symbolischen Eroberung an, die häufig durch einen zu suchenden Schatz oder durch die Entdeckung einer unbekannten Kultur (Lost Valley-Motiv) koloniale Neigungen nährt. Dieser Triumph des Helden wird begleitet von einem Paternalismus, der charakteristisch ist für die Endphase der Kolonialzeit, als es darum ging, den Kolonialismus als humane Hilfe und Unterstützung für die unterworfenen Völker zu legitimieren.

BM reiht sich da in die Tradition des kolonialen Abenteuerromans ein, indem die exotischen Länder für ihn Gefahren- und Machtversprechen sind.

Schleichend entfernte sich in den 1950ern der exotische Abenteuerroman von der immer widersprüchlicher werdenden Realität. Noch ist die koloniale Imagination die Basis der Serie, da der exotische Raum geprägt ist von kolonialer Geschichte oder noch existierenden Kolonien: Djibuti in LA CITÉ DE SABLES, 1956, Zentralafrika in LA GRIFFE DE FEU, 1954, Neuguinea in LA VALLÉE INFERNALE, 1953, Aden in PANIQUE DANS LE CIEL, 1954 u.v.m.

Aber die geopolitische Realität, die das Versprechen der Serie ist, wird mehr und mehr erschüttert. Seit dem Ende des 2.Weltkrieges verdeutlichen die nationalistischen Bewegungen in Algerien, Indochina und Madagaskar die Fragilität der französischen Positionen in den Kolonien. Als Henri Vernes die ersten Romane der Serie verfasste, befand sich Frankreich mitten im Indochinakrieg, und Belgien wurde sich der Notwendigkeit bewusst, der Dekolonisierungsbewegung zu folgen. 1955, zwei Jahre nach Serienstart, veröffentlicht Antoine Van Bilsen den berüchtigten „Dreißigjahresplan Plan für die politische Emanzipation Belgisch Afrikas“.

Auch der intertextuelle Dschungel kann der Transformation der geopolitischen Realität nicht ewig widerstehen. Die Unabhängigkeit Vietnams im Jahr 1954, die von Tunesien und Marokko im Jahr 1956, die von Schwarzafrika, beginnend im selben Jahr, was zur Unabhängigkeit Guineas im Jahr 1958 führte, führt zu einer neuen Exotik, weit entfernt von dem imaginären Erbe der Zwischenkriegszeit. Dies zeichnet sich 1957 in LES DÉMONS DES CATARACTES ab, in dem die „Krokodilmänner“ gegen die Siedler der Kataraktdämonen kämpfen. Der Unabhängigkeitskampf der Kolonialvölker symbolisiert sich auch im L´EMPEREUR DE MACAO, 1958, wenn die Piratenbande des Kaisers von Macao westliche Schiffe angreift und die kolonialen Autoritäten erschüttert.

Die ideologische Verteidigungsstrategie kolonialer Interessen, für die letztlich auch BM steht, besteht darin, dies zu entpolitisieren und zu Zusammenstößen mit exotischen Kriminellen zu reduzieren.
Durch den Sieg Maos und die Gründung der Volksrepublik China (der wohl entscheidendste Faktor für die Freiheitsbewegungen in der 3.Welt) war in der Unterhaltungsindustrie der böse asiatische Superschurke à la FU-MANCHU aktualisiert.

Henri Vernes. sah sich früh mit dem Prozess der Dekolonisierung konfrontiert, der letztlich die Konventionen verurteilte, auf denen Henri Vernes Konzept beruht
Bei dem hohen Ausstoß von sechs Titeln im Jahr konnte der koloniale- oder post-koloniale Abenteuerroman als Themenpool für BM nicht genügen.
Henri Vernes gelang es innerhalb seiner Serie andere Genres, wie Western, Spionage, Science Fiction, Fantasy zu BM-spezifische Geschichten zu transformieren um diese nach dem Grundmodell des seriellen Abenteuerromans neu anzuordnen.

Die meisten dieser Motive waren schon in den 1950er Jahren präsent: Die erste Zeitreise in LES CHASSEURS DE DINOSAURES, 1957, die gelbe Gefahr in Form des Superverbrechers, der Raum und Zeit überwinden kann, Monsieur Ming, der gelbe Schatten, taucht erstmals 1959 in LA COURONNE DE GOLCONDE auf. Schon früh wird BM mit geheimdienstlichen Aufgaben betreut (sogar der Chef der CIA gehört zu seinen Bekannten) und Geheimagenten wie George Lester in PANIQUE DANS LE CIEL tauchen bereits 1954 auf (weitere Male in LA CITÉ DES SABLES, 1956, und in LA FLEUR DU SOMMEIL, 1957).

Man muss berücksichtigen, dass 1953 auch das Geburtsjahr von James Bond war (der aber erst 1957 überregionale Popularität erlangte) und dass der heldenhafte Spion, dank der OSS 117-Serie (seit 1949) von Jean Bruce und seiner Epigonen (https://martincompart.wordpress.com/category/oss-117/ ), zum Kanon der Unterhaltungsindustrie gehörte. Besonders in Frankreich, wo die Filme über den FBI-Agenten LEMMY CAUTION (nach Peter Cheyney) mit Eddie Constantine ungeheuer populär waren. Vernes nutzt die Themen des Spionageromans sehr früh: In LES FAISEURS DE DÉSERT, 1955, droht ein krimineller Verrückter, den Planeten in Wüsten zu verwandeln. Ein echter 007-Plot!
Zum geopolitischen Universum von BM kommt verstärkt der Kalte Krieg hinzu, der von ihm gerne als Krieg gegen ehemalige Kolonien und deren kriminelle Vertreter dargestellt wird. Insbesondere die Notwendigkeit, Energie und natürliche Ressourcen zu kontrollieren, findet bei BM Beachtung, denn damit versuchen beiden Blöcke ihr Gebiet zu erweitern.
Das verändert in einigen Romanen schon früh die Darstellung der Welt grundlegend. Der Westen und die exotischen Länder sind jetzt durch ein ganzes System internationaler Spannungen miteinander verbunden.

Diese Form der Erzählungen geht oft von Versuch der Zerstörung des Westens durch die exotische Welt Asiens aus. Bei BM spielen Russen eine weitaus geringere Rolle als die Asiaten (worin sich wieder das Trauma der Entkolonialisierung ausdrückt).

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CHARLES DEWISME WIRD 100! – UND BOB MORANE 65 /1 by Martin Compart
23. August 2018, 5:57 pm
Filed under: Bob Morane, Comics, Heftroman, henri vernes, Porträt, Pulp, TV-Serien | Schlagwörter: , , , , ,

Er schrieb um die 250 Romane, mehrere Comic-Szenarien und verkaufte bisher weltweit an die 50 Millionen Bücher: Charles Dewisme, alias Henri Vernes, ist nach Georges Simenon (Gesamtauflage über 500 Millionen) der erfolgreichste Schriftsteller Belgiens. Erfolg und Bekanntheit verdankt er vor allem seinem Serienhelden BOB MORANE, der außerhalb des englischsprachigen (und des deutschsprachigen) Raumes ungeheuer populär ist). Seit 1953 wurden seine Abenteuer in über 200 Romanen, 85 Comic-Alben, einer Real-TV-Serie und in einer Zeichentrickserie verbreitet. Trotz mehrerer Anläufe und Versuche schaffte er es bisher nur ein einziges Mal auf die große Leinwand (die einzige Kopie des Films ist bei der Premiere verbrannt).

Henri Vernes schuf mit BOB MORANE das dichteste, komplexeste und schamloseste Werk an Intertextualität in der gesamten Pop-Literatur.

Während BOB MORANE seinen 65.Geburtstag feiert (und von neuen Autoren weitergeführt wird), erlebt Charles-Henri-Jean Dewisme am 16. Oktober seinen 100.Geburtstag und blickt auf ein erfülltes und erfolgreiches Leben.
„Ich hatte viel Glück und ein gutes Leben. Aber wenn ich Amerikaner wäre, wäre ich heute auch Multimilliardär.“

Der 1999 als Offizier der belgischen Ehrenlegion ausgezeichnete Autor, ist ein Pionier des Crossover Thrillers. Seine langlebige Figur, deren Erfolg längst nicht mehr so groß ist wie in den ersten vierzig Jahren, durchlebte die Metamorphose vom Jugendbuchhelden zum Synonym für Abenteuerliteratur und ist heute museal:

Seit 1986 gibt es einen eigenen BOB MORANE-FAN CLUB, 1991 fand eine ihm gewidmete Ausstellung im Kulturhaus der Stadt Tournai statt; sie ist inzwischen auch Hort des Henri Vernes-Archivs. Und in der Brüsseler Rum- Bar La Canne à Sucre steht seit 2008 eine lebensgroße Bronzestatue des Weltenbummlers.

1982 hatte die Band INDOCHINE in Frankreich einen Riesenhit mit einem Song über BOB MORANE: L´AVENTURIER (über 10 Millionen Klicks auf YouTube). Mit MISS PARAMOUNT und anderen Songs würdigte die Band immer wieder den Moranschen Kosmos.

Charles-Henri-Jean Dewisme wurde am 16. Oktober 1918 in Ath geboren.
Bald ließen sich die Eltern scheiden, und Charles wurde von seinen Großeltern in einem Haus in Tournai in der Rue Duwez im Viertel Saint-Piat aufgezogen. Heute ist eine Gedenktafel an der Vorderseite des Hauses zu sehen.

Bereits als Kind entwickelte er einen ausgeprägten Geschmack für Abenteuerromane, wie zum Beispiel Harry Dickson von seinem zukünftigen Freund Jean Ray.

Mit 16 verließ er die Schule und arbeitete in der Fleischerei seines Vaters, was ihm aber so missfiel, dass er zurück zur Schule ging. Seiner eigenen Legende nach, verliebte er sich 1937 in die Chinesin „Madame Lou“. Mit einem gefälschten Pass begleitete er sie nach Kanton ins Rotlichtmilieu. Nach zwei Monaten soll er nach Belgien zurückgekehrt sein. „1940 heiratete ich Gilberte, die Tochter eines Antwerpener Diamantenschleifers. Antwerpen war damals eine aufregende Stadt mit dem alten Hafen. Trotzdem hielt ich es nur ein Jahr aus.“
Die Ehe mit Gilberte wurde 1941 geschieden.

Nach der Kapitulation Belgiens, trat er im Mai 1940 in ein Spionagenetzwerk ein, das von den Briten geführt wurde. Während dieser Zeit las und schrieb er viel: Einen ersten Roman, ein Thriller, der keinen Verleger findet: Er hatte das Manuskript an die Krimi-Reihe geschickt, die von dem namenhaften Autor Stanilas-André Steeman herausgegeben wurde. Steeman war bis in die 1960er Jahre ein Starautor, dessen Bücher auch verfilmt wurden. Angeblich akzeptierte er Dewismes Manuskript nicht, weil es gerollt und nicht flach – wie bis heute üblich – bei ihm einging.

Im Jahr 1943 traf er den Großmeister der belgischen Populärliteratur, Jean Ray, den Autor des phantastischen Klassikers MALPERTIUS und der Harry Dickson-Geschichten, die Dewisme in seiner Kindheit verschlungen hatte. Die Freundschaft hielt bis zum Tode Jean Rays 1964. Ray-Spezialisten werden seinen Einfluss auf das Werk von Henri Vernes erkennen.

Ende 1944 erschien dann sein erster Roman, LA PORTE OUVERTE. Damals schrieb Henri Vernes noch unter seinem richtigen Namen: Charles-Henri Dewisme. Dieser phantastische Roman (der Einfluss von Jean Ray) war nicht besonders erfolgreich und verkaufte lediglich 700 Exemplare.

1946 ging er nach Paris um als Journalist zu arbeiten. Er schrieb für zwei belgische Zeitungen und für die amerikanische Nachrichtenagentur Overseas News.
Er verfasste auch Geschichten und Romane in unterschiedlichen Genres unter den Pseudonymen Cal.W. Bogard, Pat Richmond, Lew Shannon, Jacques Colombo, Robert Davids, Duchess Holiday, C. Reynes, Jacques Seyr u.a. 1949 folgte unter seinem Geburtsnamen ein dritter Roman, der düstere Kriminalroman LA BELLE NUIT POUR UN HOMME MORT.

„Das war eine schöne Zeit und Paris ist einfach prächtig. Ich schloss viele Freundschaften. Aber ich begann Belgien und giung Anfang der 1950 zurück und ließ mich in Brüssel nieder. Warum Brüssel? Weil es wichtig war, in der Hauptstadt zu sein, wo die wichtigen und einflussreichen Leute sind. Hier gibt es immer was zu tun.“

Einer der wichtigen Leute, die er dort traf, war Bernard Heuvelmans, der Vater der Kryptozoologie, mit dem er sich anfreundete.

In dieser Zeit begann seine Arbeit für Jugendblätter und Comic-Magazine, die neben Bildgeschichten auch pseudowissenschaftliche Artikel und Stories veröffentlichten. So schrieb er zwischen 1949 and 1953 für Heroïc Albums, Tintin und Mickey Magazine unter Pseudonym.

Ein damals hart umkämpfter Markt der Verlage war das Buchsegment für Kinder und Jugendliche. Traditionelle Verlage, die häufig konfessionelle Bindungen hatten und in der Zwischenkriegszeit den Markt beherrschten, und Newcomer (oft aus Druckereien hervorgegangen), umwarben mit relativ kostengünstigen Produkten die Nachkriegsgeneration.

Der Verlag Veviers hatte 1953 seine Taschenbuchreihe „Marabout Junior“ mit geographischen und historischen Sachbüchern etabliert. Der Chefredakteur Jean-Jacques Schellens hatte die Idee, die Reihe mit einer Abenteuer-Serie zu bereichern, die in das Geographie lastige Gesamtkonzept passen sollte. Außerdem war der koloniale Abenteuerroman noch immer das dominierende Genre in der männlichen Jugendliteratur.

Die Serie sollte in kurzen Abständen erscheinen und die Leserbindung erhöhen. Als Autor versuchte er Bernard Heuvelman zu gewinnen, Der „Vater der Kryptozoologie“ lehnte ab, da er zu beschäftigt war, die Existenz von mythologischen- oder Fabeltieren zu erforschen.

Heuvelman schlug ihm seinen Freund Dewisme vor: „Er ist ein guter Journalist, der leicht schreibt, er liebt Abenteuer und er ist viel gereist.“

Schellens setzte sich mit Dewisme in Verbindung und ließ in als Test in kurzer Zeit ein populäres Sachbuch schreiben: CONQUÉRANTS DE L´EVEREST. Obwohl der Autor keine Ahnung vom Bergsteigen hatte, lieferte er ein akzeptables Ergebnis ab (Schellens hatte wohl ebenfalls keine Ahnung). Dewisme hatte den Test bestanden: Er konnte innerhalb eines engen Zeitrahmens ein akzeptables Produkt liefern. Ein Produkt, ganz ähnlich dem früheren Feuilletonroman bis hin zu FANTOMAS, den Hero-Pulps à la DOC SAVAGE oder dem Heftroman.

Schellens und Dewisme überlegten. BOB MORANE wurde als romantische Variation dieser dokumentarischen Formen konzipiert.

Dewisme, der sich von nun an Henri Vernes nennen sollte, feilte ein genaues Profil aus.

Er kannte die amerikanischen Dime Novels und Pulps und er kannte W.E. Johns langlebige Jugendserie über den Kampfpiloten BIGGLES, der rund um den Erdball seine Abenteuer erlebte. Und er kannte Abenteuer-Filme und Comics. Außerdem hatte er in seiner Kindheit die Abenteuer-Klassiker von Jules Vernes über Rider Haggard bis Edgar Rice Burroughs aufgesogen.

Und er war jung genug, diese Genre spezifischen interkulturellen Dependenzen zu aktualisieren und den antiquierten europäischen Ansatz zu amerikanisieren.

Die Figur des BOB MORANE hat einige Gemeinsamkeiten mit seinem geistigen Vater: Dunkles kurzes Haar, graue Augen in einem kantigen Gesicht, athletischer Körper.

Aber er ist Franzose, ein Waise, der von seiner alten Tante Brittany aufgezogen wurde.

Im 2.Weltkrieg war er Spitfire-Pilot in der RAF und mit 42 Abschüssen ein Held der Schlacht um England und Frankreichs höchstdekorierter Kampfflieger.

Er hat eine Ingenieursausbildung, arbeitet aber gelegentlich als Fotograf und Reporter für das Magazin „Reflets“ (so nennt sich auch das Fanzine des Fan-Klubs).

Er spricht fast so viele Sprachen wie Karl May und beherrscht Kampfsportarten, darunter Judo, Karate, Kickboxen und Juijitsu. Seine angeborene Neugier und sein extremer Sinn für Gerechtigkeit treiben ihn um den Globus (und darüber hinaus).

„Frankreich ist größer, bietet mehr Möglichkeiten. Und zu dieser Zeit gab es noch Kolonien, um das Setting zu erweitern. Ich komme aus Tournai, sehr nah an der Grenze und sie ist sowohl eine französische wie eine belgische Stadt. Zu meiner frühen Lektüre gehörten natürlich französische Autoren: Louis-Henri Boussenard, Jean de la Hire… Es ist also für mich ganz natürlich, dass ich Bob Morane zu einem Franzosen gemacht habe.“

Und woher der Name?

„Wenn ein Massai seinen ersten Löwen tötet, wird er zu Morane. Für den Vornamen wählte ich Bob, weil es nach dem Zweiten Weltkrieg die Mode war, die Vornamen zu amerikanisieren.“

Vernes erhielt einen Vertrag über sechs Bücher pro Jahr und ging ans Werk, um den ersten von 142 Titeln für Marabout zu schreiben.

„Ich habe das Glück, überall schreiben zu können solange ich atme. Das stammt sicherlich aus meiner langjährigen journalistischen Praxis. Ich kann, wenn es sein muss, dreißig Seiten in einer Nacht schreiben. Das habe ich schon mehrfach.“

Am 16. Dezember 1953 erschien BOB MORANE Nr. 1: LA VALLÉE INFERNAL, das erste Abenteuer schilderte Moranes erste Heldentaten in Neuguinea.

Fünf BOB MORANEs erschienen 1954, sechs im Jahr 1955, sieben im Jahr 1956, sieben im Jahr 1957 – und so sollte es bei Marabout bis 1977 weitergehen.

Während der Premiere war Vernes auf Reisen.

„Ich hatte keine Wahl! Während ich auf dem Schiff nach Kolumbien unterwegs zum Amazonas war, erhielt ich bei den Westindischen Inseln ein Telegramm von meinem Herausgeber, der mich aufforderte, den zweiten Roman zu schicken. Ich habe ihn beendet, als ich in Martinique ankam. Der dritte wurde in Haiti und Kolumbien gestartet und ich habe ihn auf dem Rückweg beendet. Als ich ankomme, bemerkte ich, dass Bob Morane in aller Munde ist. Von diesem Moment an schrieb ich alle zwei Monate ein Buch.“

Zum Glück beruhte das Konzept auf relativ kurzen Romanen mit etwa 150 Druckseiten.

„Ich hatte bei Marabout völlige Freiheit. Im Verlag lasen sie nie, was ich geschrieben habe: Oft kam das Manuskript so spät, dass sie es am nächsten Tag drucken mussten. Ich hatte nie Vorgaben, abgesehen von einigen Treffen mit dem Herausgeber, bei denen es darum ging, was wir als nächstes mit Bob anstellen wollten. Wenig Regen, viel Sonnenschein. Obwohl sie mich bei meinen Abrechnungen belogen haben – hunderttausend Exemplare statt zweihunderttausend. Aber als ich gut davon leben konnte, war es vorbei.“

FORTSETZUNG FOLGT



JEAN-CHRISTOPHE GRANGÉ: ARCHÄOLOGE DES BÖSEN 4/ by Martin Compart
6. August 2018, 10:44 am
Filed under: Crime Fiction, Jean-Christophe Grangé, Noir, Porträt | Schlagwörter: , ,


Zu seinen vielen Reisereportagen entstanden Journalist Tausende von Notizen. „Mein persönliches Archiv.“ Darin befinden sich nicht nur Anmerkungen für realisierte Reportagen, auch Ideen und Materialien, die nicht verwendet wurden. „Ich habe das Glück, Ideen zu haben, die von selbst keimen, und die Hintergründe stammen aus meinem Berufsleben als Reporter. Zehn Jahre war ich das.

Die ersten großen Reportagen erscheinen 1990:

Calcutta, Capitale de l’enfer. Kalkutta, Hauptstadt der Hölle. Portrait einer Stadt und Nomades, les passagers de la terre. Nomaden: Ein Jahr mit den letzten Nomadenvölkern der Welt.
In der Mongolei, nahe der Grenze zu Sibirien, verbrachte Jean-Christophe Grangé Zeit mit einem kleinen Stamm, dem auch Schamanen angehörten. Der entscheidende Impuls für seinen Roman DER STEINERNE KREIS.

Für seine nächste Reportage Péril en la forêt, über die Abholzung des Regenwaldes, wurde er mit dem Prix Reuter 1991 ausgezeichnet.

Es folgten La migration des cigognes suivie par satellite über die Wanderung der Störche, die ihn bekanntlich zu seinem ersten Roman DER FLUG DER STÖRCHE anregte.
Und er bekam einen weiteren Preis: Für La ballade du cormoran . Die Ballade des Kormorans, erhielt er Prix World Press. Darin beschreibt er die Pai-Fischer in Yunnan, die ihre Kormorane zum Fischfang ausbilden. Es folgte eine Reportage über das Leben am Mississippi und über die Schmetterlingsjagd und ihren Handel in Thailand: Einiges aus Les ailes de la forêt . Die Flügel des Waldes, floss dann in DAS SCHWARZE BLUT ein.

1993 schrieb er über den Gebrauch von Kindern durch die Mafia. in Sizilien; Le bunker des souris über das größte Labor für Tierversuche in Deutschland; Le piège de cristal , Die Kristallfalle, über eine Grönlandexpedition, die 170 Meter unter das Eis führte (die Gletscherszenen in PURPURNE FLÜSSE verdanken dieser Erfahrung einiges); Les géants de la bravoure . Die Riesen der Tapferkeit über kleinwüchsige Toreros in Spanien und Le voyage fantastique über den menschlichen Körper als 3D-Simulation.

Mit Pierre Perrin

Angeregt durch die Reportage über die Storchenwanderung für „Paris Match“ begann er 1991 seinen ersten Roman zu schreiben.

Misslungener TV-Zweiteiler

„Wir hatten die Vögel mit Satellitensignalgebern ausgestattet, wir waren ihnen überall hin gefolgt, von Europa über Israel bis nach Afrika und ich sagte mir auf dem Rückweg, wenn ich einen Thriller mit Störchen schreiben könnte, wäre das wirklich originell. Die Reise war eine gute Struktur für einen Quest orientierten Thriller. Ich nutzte meine Reisen, um einen Roman zu füttern. “

Zwei Jahre lang schrieb Grangé frühmorgens vor der Arbeit an dem Roman. Und kurz nachdem er sein Manuskript an die Verlage schickte, schlug der renommierte Verlag Albin Michel zu.

Das war 1993 und Grangé war 32 Jahre alt.

Das Buch wurde ein Jahr später veröffentlicht und verkaufte „lediglich“ 8000 Exemplare. Grangé war noch nicht der französische Bestsellerautor, der „die Amerikaner blass machte“, hatte aber einen Achtungserfolg und das Interesse der Filmbranche geweckt.

Vorerst blieb er Reisejournalist für besondere Themen. 1994 arbeitete er über die ersten weiblichen Priesterinnen Englands (Les suffragettes de Dieu. Die Suffragetten Gottes), Michael Schumacher (Michaël Schumacher, 24 heures d’un champion. Michael Schumacher, 24 Stunden eines Champions), unveröffentlichten Bilder des japanischen Yokkhoh-Satelliten über Sonneneruptionen (Pleins feux sur le soleil. Spotlight auf die Sonne), alternative Medizin (Les médecines du mystère. Die Medizin der Geheimnisse), Milliardärs Inseln (Les seigneurs des îles. Die Herren der Inseln) und paranormale Phänomene (SOS paranormal).

1995 schrieb er über einen verborgenen Nazischatz in einem polnischen Kloster, der Originalnotenblätter von Bach und Mozart beinhaltete (Le trésor caché de Prusse . Der verborgene Schatz Preußens), zum hundertsten Jahrestag der Röntgenstrahlen (Le monde selon X), ein Porträt des Filmemachers Norodom Sihanouk (Le roi cinéaste), die Rekonstruktion Angkors am Computer (La renaissance d’Angkor), die Wildpferde auf Sable Island (Les chevaux de sable), Gehirnforschung (Voyage au centre du cerveau), die Möglichkeiten von in den menschlichen Körper integrierte elektronische Systeme (Cap sur l’Homme bionique) und Pyramiden (Pharaons noirs, retour vers le passé . Schwarze Pharaonen, zurück in die Vergangenheit).

Die Reportagen zeigen Themengebiete, die Grangé in seinen Romanen verarbeitete und bis heute faszinieren, etwa Hirnforschung, Umwelt, Spiritualität, Nazismus, Lateinamerika, isolierte Gemeinschaften, Natur und Gewalt – und Afrika. „Ich habe unglaubliche Länder kennengelernt, aber Afrika fasziniert mich immer mehr.

Einige der erfolgreichsten Autoren der letzten Jahrzehnte, wie Michael Crichton und Dan Brown, haben ihre Ware mit zusätzlichem Gebrauchswert ausgestattet. Diese besteht im komprimierten Spezialwissen zu Themen spekulativer Wissenschaftstheorien. Grangé nutzt diese Formel erfolgreich, indem häufig auf das Material zurückgreift, das er als Journalist einst recherchiert hat und dieses vertieft.

Außerdem vermitteln seine Romane den erkennbaren und unterschwelligen Wahnsinn, der unserer Epoche immer stärker prägt. Diese mehr oder weniger irrationalen Aspekte, die schon die Ränder unserer Zivilisation zerkauen, durchdringen seine Romane wie bei keinem anderen mir bekannten Autor. Damit steigert er die Atmosphäre der Angst und der Verstörtheit beim Leser. Auch nach der letzten Seite entlässt er ihn mit dem Gefühl, in einer immer unheimlicheren Welt zu leben. Das gelingt den wenigsten Weird Fiction-Autoren.

Wie schon erwähnt, ist Grangé einer der erfolgreichsten Schriftsteller der Gegenwart.
Der materielle Erfolg lässt sich schön bei Ehescheidungen festmachen. Bei der Scheidung von seiner zweiten Frau verpasste ihm ein offenbar nicht wohlgesonnener Richter ein atemberaubendes Urteil: Ein Teil des Vermögens als einmalige Zahlung ging an die Ex, so wie monatliche Unterhaltszahlungen von 10.000€. Zu diesem Zeitpunkt zahlte ihm der Verlag Albin Michel, der auch für Grangés Steuern aufkommt, 30.000 € im Monat. Diese Scheidungserfahrung inspirierte wohl seinen schlechtesten Roman, DIE WAHRHEIT DES BLUTES (der in der Mitte auseinanderfällt und nach der Serienkillerhandlung eine völlig neue Geschichte beginnt, die Grangé nur nutzte, um sich über japanischer Kultur auszulassen).

Sein Vermögen ist schwer zu schätzen. Bereits für die Filmrechte von DAS IMPERIUM DER WÖLFE bezahlte Chris Nahon eine Million Euro. Aber – wie schon erfahren – war und ist Geld nicht sein Antrieb. Das beweist sein literarischer Ausstoß, der ihn als einen besessenen Schriftsteller beweist.

Marc Thiébault, ein Freund seit der Kindheit: „Wir lebten in zwei benachbarten Städten und haben nie den Kontakt verloren. Seitdem ist der Erfolg gekommen, aber der Mann hat sich nicht viel verändert, mehr oder weniger die gleiche Kleidung, gleiches Auto, keine Prahlerei. Sein Geld nutzt er, um seine Freunde ins Restaurant oder in einen Urlaub einzuladen.“ Er ist eben ein netter Bursche!

In meinem ersten Buch machte mich jedes geschriebene Wort krank vor Selbstzweifel. Es war noch schlimmer brim zweiten. Ich begann mich erst beim vierten zu entspannen. Dann entdeckte mich das Kino, und ich wurde reich.

Die O-Töne in diesem Text stammen hauptsächlich aus Portraits und Interviews in französischen Zeitschriften.

Eine deutsche Bibliographie findet sich in der KRIMI-COUCH unter:
https://www.krimi-couch.de/krimis/jean-christophe-grange.html

Grangés Homepage: https://www.facebook.com/JeanChristopheGrange.Officiel

Filmographie: https://www.imdb.com/name/nm0335096/



JEAN-CHRISTOPHE GRANGÉ: ARCHÄOLOGE DES BÖSEN 3/ by Martin Compart


Seine Romane sind sehr filmisch angelegt. Als würde er unbewusst oder bewusst auf eine cineastische Umsetzung hinarbeiten. Und tatsächlich ist er mit der Filmindustrie seit langem eng verbunden. Der beste bisherige Film, für den er mitverantwortlich ist, ist m.E. SWITCH, nach einem Originaldrehbuch, von Pierre Schoendoerfers Sohn Frédéric.

„Das Genre selbst ist sehr filmisch. Es gibt eine Intrige, die eine segmentierte und geordnete Erzählung bedingt, ähnlich der Entwicklung in einem Film. Die Kapitel sind kurz und erinnern an Szenen in einem Film. Ich benutze die Technik der subjektiven Kamera: alles wird durch diese Perspektive gefiltert. Ein Problem ist auffällig: Das Filmische meiner Bücher, was ja auch zum Rechteerwerb führt, wird in den Verfilmungen selten umgesetzt.“

Starke Frauen findet man fast immer in seinen Romanen. Nur das Noir-Klischee der femme fatale sucht man vergeblich.
Ich versuche bei Frauen dieselben Prinzipien anzuwenden wie bei den starken Männern, aber natürlich aus weiblicher Sicht. Aus diesem Grund sind Frauen in meinen Romanen so stark, fast männlich. In SCHWARZRS REQUIEM zeigt Gaelle, die jüngere Schwester, die schreckliche Dimension ihrer Stärke, Kraft, die in diesem Fall als männliche Kraft verstanden wird. Ich möchte keine Geschichten von Männern erzählen, die von einer Femme Fatale in einer Falle gefangen sind, denn dies sind Dinge, die bereits im wirklichen Leben passieren.
Im Allgemeinen mag ich Sexszenen nicht sehr, es verlangsamt die Maschine, es nimmt den Leser aus dem Buch
.“

Spirituelle und religiöse Themen sind häufig Bestandteile seiner Romane. Also ein Spektrum, das ihn sehr interessiert.

Schon als ich aufwuchs, war ich immer ein Glaubender. Ich lebte bei meiner Großmutter, einer praktizierenden Katholikin. Sie erzählte mir von Himmel und Paradies … Ich habe nicht alle ihre Gewissheiten geteilt oder behalten, aber in mir brennt eine kleine spirituelle Flamme. Ich hatte meine Zeit als atheistischer Marxist. Irgendwann ermüdete mich dieses ewige Gott ist tot`´-Gefasel. Verdammt, was wissen wir?.Damals beschränkten sich die spirituellen Fragen der Studenten auf rein intellektuelle Spekulationen.

Christus ist revolutionär. Er schwimmt gegen den Strom, bittet uns, unsere Feinde zu lieben, betrachtet unsere Schwächen als eine Tür zur Liebe. Ihm zu folgen heißt, einem Pfad der Güte zu folgen, um einen Schlüssel zum Verständnis des Kampfes zwischen Gut und Böse zu finden. Meine schwarzen Geschichten sind Metaphern des unaufhörlichen Kampfes des Engels gegen den Drachen, Eros gegen Thanatos. In meinen Romanen siegt der Engel immer. Ich liebe Christus, weil er uns vor dem Bösen bewahrt. Das Gefühl, zum Guten berufen zu sein, ist bereits der „Beweis“ für die Existenz Gottes.“

Das ist für mich als Leser und Fan von Grangé nicht leicht zu verarbeiten. Oberflächlich betrachtet ist es schwer zu verstehen, dass jemand der die realsten Grausamkeiten im aktuellen Noir-Roman „fantasiert“ ein derart überzeugter Christ ist. Andererseits ist wie bei Dante vielleicht dieser Glaube die Notwendigkeit dafür, um unbeschadet in derartige Schreckenstiefen zu tauchen und daraus einigermaßen gesund wiederaufzutauchen.

Auch sein Lebenscredo hat etwas Religiöses:

„Meine Zeit auf Erden ist kurz und oft frage ich mich, was meine kosmische Mission ist. Meine Freude besteht nicht darin, mich mit Konsum zu verstopfen oder Lob zu bekommen – selbst wenn Erfolg das Leben leichter macht – sondern im Leser eine intensive, aus Worten geborene, ästhetische Emotion zu wecken.“

Der zukünftige König des weltweit angesiedelten Noir-Thrillers war in seiner Jugend kaum gereist, sein Universum beschränkte sich auf das 6. Arrondissement von Paris. Um seinen Lebensunterhalt zu verdienen, macht er Karriere bei einer Werbeagentur, was ihn ankotzte. „Als Jugendlicher dachte ich, dachte ich, dass Schriftsteller die Welt anführten. Ich wollte studieren! Am Ende meines Masterstudiums über Flaubert war ich verheiratet und habe Anti-Dehnungsstreifen-Produkte in Werbebroschüren gelobt. Diese Zukunft hat mich beunruhigt. “

Angewidert von der merkantilen Atmosphäre der Werbung und den unverdaulichen Summen, die den Führungskräften bezahlt wurden, nach einem Job in einem Pressebüro, entschloss er sich, eine eigene Presseagentur zu gründen und die Dienste großer Reporter in Anspruch zu nehmen

Dann traf er den Fotografen Pierre Perrin, der ihm eine Chance gab und ihn zu Nomadenstämmen mitnahm. „In einem Jahr folgten wir Eskimos, Pygmäen, Tuareg, Zigeunern und Mongolen! Als ich nach Hause kam, war ich nicht mehr derselbe. „

Perrin erinnert sich: „Als ich ihn kennenlernte, war Jean-Christophe ein echter Bücherwurm, er war noch nie in den Bergen, noch nicht am Meer, noch in den Wäldern! Er entdeckte alles während unserer Reportagen. Wie ein Schwamm saugte er alles in sich auf, es war großartig.“

„Es war der Schock meines Lebens: Als ich 29 war, sprang mir das wahre Leben direkt ins Gesicht! Zuerst an der birmanischen Grenze, dann am Nordpol, dann in der Tuareg-Wüste. Eines Tages, in einer völlig verlorenen Ecke der Mongolei, in einer grasbewachsenen Ebene, so weit wie das Auge reichte, entfernte ich mich vom Hirtenstamm, deren Leben wir teilten. Plötzlich verwirrte mich die Unermesslichkeit der Steppe. Unmöglich zu glauben, dass diese Schönheit das Ergebnis des Zufalls ist. Das unendlich Große und das unendlich Kleine haben in mir den Glauben an das Göttliche gestärkt, eher intellektuell als physisch.“

FORTSETZUNG FOLGT



JEAN-CHRISTOPHE GRANGÉ: ARCHÄOLOGE DES BÖSEN /2 by Martin Compart


Dass die französische Noir-Kultur hoch entwickelt ist, darf man wohl eine Binsenweisheit nennen.
Es gibt wohl kein anderes Land, in der die Kriminalliteratur allgemein und die Noir-Kultur eine größere Anerkennung genießt und über eine vergleichbare Infrastruktur verfügt.
Trotzdem findet man dort gelegentlich Arroganz und Tunnelblick. Es gibt dort Noir-Puristen, die aus fadenscheinigen Gründen den weltweit erfolgreichsten Noir-Autoren Grangé nicht als „schwarzen Schriftsteller“ anerkennen. Der Vorwurf, er sei nicht soziologisch oder politisch genug ist ja leicht als schwachsinnig zu entlarven. Welche ungelüfteten Vorstellungswelten!

Nur weil er sich wenig um die Probleme im Banlieue kümmert und zu breiteren Blickwinkeln neigt, ist er alles andere als apolitisch. Die Weltsicht von Grangé unterscheidet sich nicht von der „puristischer Autoren“, sie geht nur häufig thematisch über Provinzsoziologie hinaus.
Auch in seinem Blick auf die Welt ist es längst zu spät, um die Korruption auszurotten.
Auch seine Protagonisten können den Gang der Welt nicht wirklich kontrollieren und höchstens eine Wahl treffen, wie sie in ihr leben oder untergehen.

Aber Erfolg kann bekanntlich einsam machen. Und da sich Grangé auch selten bei „Klassentreffen“ der Krim-Szene sehen lässt, steigert das nicht unbedingt seine Beliebtheit bei Kollegen und den üblichen Szene-Bürokraten.

Ich habe noch nie einen Literaturpreis gewonnen, auch keinen der Kriminalliteraturszene. Für die Literaturszene bin ich zu noir , und für die Noir-Szene bin ich zu erfolgreich und werde naserümpfend als Thriller-Autor abgestempelt. Aber was ist der Unterschied zwischen einem Noir-Roman und einem düsteren Thriller? Wohl nur der Verlag, in dem man veröffentlicht.“

Selbst in Frankreich halten sich noch abgestandene Vorurteile gegenüber dem Genre in der Kultur-Bourgeoisie, die verängstigt auf die Noir-Literatur als Poesie der Citoyens starrt.

Es gibt noch immer das Vorurteil, dass der Thriller ein minderwertigeres Genre ist, aber das heimtückischste ist, dass es innerhalb des Thrillers eine Menge Snobismus seitens derer gibt, die soziologische Romane schreiben, oder historisch-politische anderen Autoren gegenüber. Besonders, wenn diese mehr Bücher verkaufen.“

Bekanntlich gibt es bis heute keine allgemeinverbindliche Definitionen von Kriminalliteratur oder dem Noir-Genre. Für beide gilt wohl der legendäre Satz des US-Richters Potter Stewart von 1964: „Ich kann sie („hard-core pornography“) nicht definieren, aber ich erkenne sie, wenn ich sie sehe.“

Alle Grangé-Romane sind politisch.

Besonders das neokoloniale Afrika, in das Frankreich tief und unrühmlich verwickelt ist, wird von ihm seit dem Erstling DER FLUG DER STÖRCHE immer wieder thematisiert. Der bisherige Höhepunkt dieses Anliegens sind die beiden Romane PURPURNE RACHE und SCHWARZES REQUIEM, die zugleich eine zuriefst verstörende Familien-Saga sind und die französischen Verstrickungen im Kongo an der Figur des Patriarchen und politischen Agenten Gregoire Morvan aufarbeiten. „Grégoire ist nur die Verkörperung dieser schwierigen Beziehungen zum Kongo. Die schrecklichen Verhaltensweisen, die er im Kongo präsentiert, zeigen, wie Frankreich in den 70er Jahren die Kolonien mit Verachtung und gleichzeitig mit einer Art herablassender Zuneigung ausbeutete. Es war eine Ära, in der man Geschäfte machte, bei denen man gleichzeitig diese Länder verachtete und ausplünderte. Aus diesem Grund sind die französischsprachigen afrikanischen Staaten derzeit vielleicht rückständiger als die früheren britischen Kolonien.“

Die Kriminalliteratur entdeckte Grangé während seiner langen Flugreisen als Journalist. Als Lieblingsromane nennt er: „James Ellroys BLUTSCHATTEN, Martin Cruz Smiths GORKY PARK, Sébastien Japrisots DAME MIT BRILLE UND GEWEHR und Claude Klotz KOBAR. Als ich anfing zu schreiben, gab es eine Welle des neopolar, mit viel sozialem Bewusstsein und sehr armen Intrigen; Romane, die darauf hinausliefen, dass die bösen Jungs Rechte waren. Das war mir zu wenig.“ Es muss wohl nicht extra erwähnt werden, dass Rechte auch in Grangés Literatur keine Sympathieträger sind.

Vielleicht könnte man einige Romane von Grangé als cross-over-Literatur bezeichnen – ich denke da besonders an den Esoterik-Thriller DER STEINERNE KREIS, aber manche Vergleiche sind an Dämlichkeit schwer zu überbieten. „Ich wurde mit Stephen King verglichen, den ich nie gelesen habe. Man nannte mich auch im Zusammenhang mit Grisham und anderen Angelsachsen, aber unsere Welten sind so verschieden.“
Großräumig könnte man ihn vielleicht – wenn überhaupt – ein wenig mit Michael Crichton vergleichen, was das Einarbeiten wissenschaftlicher Fakten oder Spekulationen angeht, aber was die Düsternis seiner Romane angeht, steht er deutlich in den Traditionen der französischen Literatur.

„Wenn ich ein Buch anfange, beginne ich immer mit Erinnerungen von meinen Reisen. Dann mache eine sehr genaue Zusammenfassung und fange dann erst an zu schreiben. Während ich schreibe, recherchiere ich mehr und mache kleine historische oder wissenschaftliche Einschübe, die auch für die Entwicklung der Charaktere wichtig sind. In beiden Fällen mache ich sehr realistische Beschreibungen, um die Tatsache auszugleichen, dass die Geschichten in meinen Romanen übertrieben wirken Die detaillierten und realistischen Einschübe helfen dem Leser, die Fakten des Romans als glaubwürdig und überzeugend wahrzunehmen.“

Bei all meiner Verehrung für Grangés großes Können, muss man aber auch feststellen, dass er häufig zum „overplotten“ neigt und das kann dem Romanende, dass ja meist als Höhepunkt angelegt ist, einiges an Plausibilität oder Durchschlagskraft nehmen. Diese Explosionen können im Finale auch Nebel über die Logik werfen.

„Meine Vorstellungen von Noir-Literatur wurden durch meine Kindheit geprägt. Sie war glücklich, aber durch die Abwesenheit meines gefährlichen Vaters geprägt. Ich bin also mit diesem allgegenwärtigen Gefühl der Gefahr aufgewachsen, auch wenn niemand in der Familie jemals darüber gesprochen hat. Dies hat die Entwicklung meiner Persönlichkeit beeinflusst, was zu einer Reihe von Albträumen geführt hat, aber gleichzeitig diesen Geschmack für Angst schuf, einen Geschmack, der jedes Mal wieder auftaucht, wenn ich schreibe. Eine Idee für ein Buch, ist definitiv eine sehr, sehr schwarze Idee. Das heißt, in meinem täglichen Leben bin ich eine ganz andere Person als wenn ich am Schreibtisch sitze.

Identitätssuche, Verschleierung und Identitätsauslöschung sind immer wieder kehrende Themen. Ähnlich wie die Kombination aus – wie zuvor angesprochen – problematischer Vaterfigur und mies sozialisierter Sohnfigur bei den Ermittlern.

„Es ist auch kein Zufall, wenn meine Bücher immer zur Suche nach Ursprüngen und Identitäten führen. Das spricht mich am meisten an. Ich suche gerne nach den Rissen der menschlichen Seele. Ich mag aber auch dieses Bild des Helden, der den Fluss des Bösen gegen den Strom hinauffährt. Alle meine Bücher sind so angelegt. Als ich als Kind Kriege, Hungersnöte, Konzentrationslager entdeckte, konnte ich es nicht verdauen.“

Sein Werk durchzieht die These, dass die Vergangenheit die Gegenwart nicht bestimmt, sondern verflucht. Dies begreift er global.
So behandelte er etwa in CHORAL DES BÖSEN eines der miesesten Kapitel der französischen Außenpolitik: Um nach der Unabhängigkeit Kameruns den zum Ministerpräsidenten und de facto Diktator aufgestiegenen Ahmadou Ahidjo weiterhin an Frankreich zu binden, schickte man Spezialtruppen, die das Land gegen jegliche Opposition mit Terror überzogen. Alle Akten dazu wurden vernichtet und viele Franzosen erfuhren erst durch Grangés Roman non diesem verdrängten Schandfleck in der an Schandflecken bis heute reichen Geschichte Frankreichs.

„Ich möchte verstärkt die Kriege im Kongo oder auch in Syrien behandeln. Vergessene oder ignorierte Kriege. Die Kriege, die festgefahren sind, interessieren die. Menschen nicht mehr, obwohl weiterhin Bomben fallen. Was in Frankreich passiert, interessiert mich kaum noch. Provinzielle Eigeninteressen spalten die Gesellschaft, werden lautstark zum Stresstest der Demokratie hochgeputscht, während Kinder zu Hunderten in aller Stille auf der anderen Seite der Welt getötet werden.“



ARCHÄOLOGE DES BÖSEN: JEAN-CHRISTOPHE GRANGÉ by Martin Compart

Jean-Christoph Grangé schlug ein paar heftige Wunden in den Körper des Noir-Thrillers, die nie mehr heilen werden.

Das mögen manche Leser und Kritiker gar nicht. Ihnen erscheinen Grangés Werke wie von einem Psychopathen geschrieben, dem man ein geschärftes Rasiermesser in die Hände gedrückt hat. Das kann man Leuten, die auf Zimmertemperatur denken und den kleinsten gemeinsamen Nenner des Genres favorisieren, wohl nicht einmal übel nehmen.
Grangés „Spielereien“ mit esoterischen und religiösen Topoi passen nämlich auf den ersten Blick zu keinem Genre, dass sich aus der Aufklärung entwickelt hat (dabei negiert man die romantischen Wurzeln der Kriminalliteratur, die bereits bei Sherlock Holmes sichtbar wurden).

Grangé setzt sich gerne über westliches Schulwissen hinweg und bedient sich bei Themen, die gemeinhin dem Horror-Genre zugeordnet werden.

Wie viele französische Noir-Autoren seiner Generation betreibt Grangé scharfe Kritik am Kolonialismus und Neo-Kolonialismus. Dazu lässt er wissenschaftliche Erkenntnisse unterschiedlicher Disziplinen einfließen und scheut auch nicht vor genannten esoterischen Vorstellungen zurück. Letzteres brachte ihm häufig Kritik ein. Entscheidend erscheinen mir aber die mutigen Versuche, Genregrenzen zu überschreiten, zu sprengen und neues Terrain fruchtbar zu machen.

Seine monströsen Romane strotzen vor blutrünstigem Exotismus und münden meist in orgiastischen Wahn. Sie haben auch immer etwas apokalyptisches, beschwören eine Welt im Verfall mit nur noch geringer zivilisatorischer Sicherheit.

Besonders zwei politische Themenkreise tauchen immer wieder in seinen Romanen auf: die chilenische Militärdiktatur, Pharmazeutik in der Tradition der Nazis und der Kolonialismus in Schwarzafrika. Damit belegt Grangé die historische Weisheit, dass Vergangenheit nie zu Ende ist.

 

Um es mit Mario Praz auszudrücken: Grangé verbindet den „ungestümen Tätigkeitsdrang der Romantik mit der sterilen Kontemplation der Dekadenz“. Dies auch gerne in der Gegensätzlichkeit seiner Protagonisten-Duos (besonders in CHORAL DES TODES), die er auch häufig in einem Vater-Sohn-Verhältnis choreographiert.

Jedenfalls ist er der vielleicht eigenwilligste lebende (Bestseller-)Autor mit der ausgefallensten Phantasie.

Für seine Romane fehlt es an Vergleichbarem.

Manche Bücher mögen für Leser zu durchgeknallt erscheinen, aber uninteressant oder langweilig sind sie nie. Und trotz gelegentlich schwächerer Bücher, hat er sich stilistisch und handwerklich stets gesteigert.

Er ist ein Autor der französischen multikulturellen Gesellschaft. In fast jedem Roman zeigt er die Lebensbedingungen unterschiedlicher Ethnien, die in Frankreich leben oder zu leben versuchen. Er zeigt deren politische und kulturelle Zwänge auf, ohne zu romantisieren. Sein anthropologischer Pessimismus macht politisch unkorrekt nicht davor halt, auch das gierige Vorteilsstreben dieser anderen zu benennen.

Oft sind seine Hauptfiguren zerrüttete Maschinisten in einem System, das zu Chaos, Verbrechen oder Wahnsinn führen muss. „Die Nervenkrankheiten, die Neurosen scheinen tatsächlich in der Seele Spalten zu öffnen, durch die der Geist des Bösen eindringt“ (Huysmans).

Grangé ist besessen vom Bösen, von den Abgründen des Menschen. Bei seinen Reportagen und Reisen rund um die Welt bestätigte sich die Erkenntnis, „dass der Mensch die einzige Spezies ist, die in der Lage ist, zum Vergnügen zu töten.“ Wie ein Archäologe legt Grangé alle Schichten frei, um zum Kern des Bösen vorzudringen.

Sein Lieblingsfilm ist der MARATHON MAN nach William Goldman, der sicherlich großen Einfluss auf sein Werk hatte.
MARATHON MAN ist m.E. der beste aller Thriller. Das Drehbuch ist tadellos, und es basiert auf einer erhabenen Handlung. Die Zahnarzt-Szene ist geradezu archetypisch für den modernen Thriller. Wir sind alle eifersüchtig auf diese Sequenz. Ich habe natürlich auch den Roman gelesen, der ebenso erstaunlich ist.

Als Lieblingsautor nannte er häufig James Ellroy, was vermutlich damit zusammenhängt, dass dieser ähnliche Gruselszenen und Tabubrüche ausführte. Weitere Lieblingsautoren sind Martin Cruz-Smith (der über eine ähnlich breite Themenvielfalt verfügt), Maupassant und natürlich Flaubert.

Geboren wurde Grangé in Boulogne-Billancourt am 15.07.1961.
Er wuchs vaterlos in Paris auf. „Ich habe meinen Vater nie gesehen. Er durfte nicht in meine Nähe. Es hieß, er sei geisteskrank und wolle mich entführen.“ Deswegen vielleicht auch die vielen Vater-Sohn-Konstellationen in seinen Romanen, in denen er seine Nicht-Erfahrungen durchdekliniert.

Sein Lieblingsbuch in der Kindheit war eine Anthologie „15 Geschichten der griechischen Mythologie“; diese Faszination an der Mythologie durchzieht sein Werk bis heute. Bestes Beispiel ist DER URSPRUNG DES BÖSEN (2015 als Sechsteiler von France 2 für das Fernsehen adaptiert).

Er studierte Literaturwissenschaften an der Sorbonne und finanzierte sich teilweise durch kleine Jobs. „Ich schob Einkaufswagen im Supermarkt zusammen. Sehr lehrreich…“ Sein Diplom machte er mit einer Dissertation zu Gustave Flaubert.

Dann begann er als Werbetexter zu arbeiten. Um dieser niedrigsten Form planetarer Existenz zu entkommen, wechselte er in  zu einer Nachrichtenagentur. Später gründete er seine eigene Agentur L&G um als Reisejournalist und mit investigativen Reportagen bedeutende Magazine zu versorgen.
Zu seinen Abnehmern gehören bald Paris Match, Sunday Times, Observer, El Pais, Spiegel und Stern.

Für seine Reportagen reist er rund um die Welt zu Indianern, Eskimos, Pygmäen und begleitete wochenlang die Tuareg. Damit legte er bewusst oder unbewusst Grundlagen für seine späteren Romane. „Jahrelang habe ich einige wirklich verrückte Reportagen gemacht, und dann habe ich irgendwann erkannt, dass ich einiges sehr interessantes Material gesammelt hatte, um daraus Romane zu destillieren.“ Bei einer Reise in die Mongolei bekam er Kontakt zu den dortigen Schamanen, was sich dann in seinem umstrittensten Roman, DER STEINERNE KREIS, niederschlug. Mehrere Reisen nach Afrika schlugen sich mehrfach in seinen Romanen nieder. „Afrika fasziniert mich wie kein anderer Kontinent.

Seine Reportagen wurden mit Preisen ausgezeichnet: den „Prix Reuter“ erhielt er 1991 und im Jahr darauf den „Prix World Press“.

Während der langen Flüge begann er Kriminalromane zu lesen. Er bemerkte, dass das Genre ihn mehr als andere Literaturen anzog. „Ich bin ein Kinofan, mir wurde klar, dass man dank des Thrillers literarisch dieselben Emotionen hervorrufen kann wie in einem guten Film – und das wollte ich.“

Mit FLUG DER STÖRCHE schrieb er seinen ersten Roman, der 1994 veröffentlicht wurde. Noch kein Bestseller, aber ein Achtungserfolg der ihm viel Interesse einbrachte.
„Obwohl STÖRCHE kein wirklicher Erfolg war, entdeckten mich die Filmleute. So erhielt ich gut dotierte Drehbuchangebote. Mein Leben veränderte sich, auch wenn der große Erfolg noch nicht da war. Aber ich galt sowohl in der Film- wie in der Verlagsbranche als heiß.

Der große Erfolg kam vier Jahre später mit DIE PURPURNEN FLÜSSE, der ihn über Nacht bekannt machte und zu einem Weltbestseller wurde.

„Ich hatte das Glück, dass der Film überhaupt gedreht wurde, dass es Mathieu Kassovitz war, der es tat. Der weltweite Erfolg des Films war für mich in vielen Ländern eine treibende Kraft des literarischen Erfolges. Durch den Film, hatte auch der Roman unglaublichen Erfolg, vor allem in Italien und Deutschland. Natürlich hat der Charakter, den Jean Reno gespielt hat, nichts mit dem Charakter zu tun, den ich in meinem Buch porträtiert habe. Aber offen gesagt, um ein Beispiel zu nennen: Maigret. Wenn wir alle Schauspieler sehen, die in allen Filmen gespielt haben, die über Maigret gedreht wurden, sind wir sehr weit von Simenons Maigret entfernt.

Ich bin sehr glücklich mit dem Kino, denn bei jeder Buchveröffentlichung machen mir die Produzenten Angebote zu den Verfilmungsrechten. Es gibt eine klassische Auktion, und in meinem Fall geht das sehr hoch oder so hoch wie in Frankreich möglich. Diese Auktionen sind geradezu fieberhaft, weil jeder Produzent ein Angebot macht, in dem Wissen, dass sein Konkurrent mitbietet.“ Auch international ist er inzwischen gefragt: Hollywood kaufte die Rechte an DAS SCHWARZE BLUT.

Fast jährlich folgen seitdem weitere voluminöser Bestseller und daneben schrieb er auch noch Drehbücher und gelegentlich Comics. Eine beeindruckende Produktivität!
Inzwischen sind seine Romane in über zwanzig Ländern in 14 verschiedenen Sprachen veröffentlicht.

Zeit nahm sich der manische Schreiber damals nur für seine Kinder aus erster Ehe, die inzwischen erwachsen sind. „Ein Schriftsteller ist am Rande des Lebens. Er schafft eine andere imaginäre Welt aus der Realität. Die Absicht des Schreibers ist es, sich selbst zu isolieren.“

Grangé lebt in Paris, wenn er nicht gerade auf Recherche ist. Mit öffentlichen Auftritten hält er sich eher zurück, Er ist Stammgast bei seinem Lieblingsitaliener „Sorrentino“, da er um die Ecke wohnt; dort verabredet er sich gerne für Interviews und gutes Essen. „Weil ich die französische Küche verachte. Zu schwer, zu fett. Ich trinke auch keinen Wein. Lieber Wasser, Tee, Champagner.“

Exzessive Besäufnisse kann er sich bei seinem großen Arbeitsoutput für Buch, Film, Fernsehen und Comic auch nicht leisten. Er ist höchst diszipliniert, steht jeden Morgen um 4.00Uhr auf und unterbricht die Tagesarbeit lediglich für zwei Nickerchen. „Mein Lebenszweck ist Bücher zu schreiben, dem widme ich 80 Prozent meiner Zeit. Den Rest verbringe ich mit meinen beiden Kindern und spiele Piano.

Ein Pensum, wie er es in den letzten zwanzig Jahren abgeliefert hat, ist eben nur mit harter Selbstdisziplin durchzuziehen. „Ich schreibe jeden Tag, nur nicht in der Woche, in der ich Ski fahre. Ich beginne um 4 Uhr morgens, bis 8 Uhr. Dann gehe ich wieder schlafen und greife zwischen 10 und 13 Uhr wieder an. Dann ein Nickerchen und weiter geht´s von 16 Uhr bis zum Abend.“ Dabei hört er gerne Arien aus „Tosca“ und „La Bohème“. „Da kann ich mich herrlich konzentrieren.“

Auch wenn er gelegentlich Cop-Romane oder Thriller mit esoterischen Einschlag schreibt, haben Grangés Romane immer eine politische Dimension. Da kommt der investigative Reisejournalist durch, der viel Leid gesehen hat und zwangsläufig gesellschaftliche Strukturen abbilden musste.

Er beginnt den Romanprozess mit einem besonderen Ereignis, oder einer Idee, denen ein besonderer Sachverhalt zu Grunde liegt. Dann arbeitet er die Handlung bis hin zum Finale aus. Dieses Ereignis oder eine auffällige Besonderheit kann im Roman auch erst am Ende stehen. Wie Mickey Spillane beginnt Grangé häufig den Schreibvorgang mit dem Ende.

Die deutschen Hörbücher sind zwar meistens bestechend produziert, aber so inkompetent gekürzt, dass oft die Handlung nicht mehr nachvollziehbar ist.

„Eine familiäre Hintergrundgeschichte gibt es mehr oder weniger immer in meinen Büchern. Mein Cop oder mein Held ist immer eine Art mythologischer Held, es ist immer Michael gegen den Drachen und der Böse. Ich mag es ein bisschen mythisch zu sein, diesen Odysseus-Typ, der seine Identität sucht, der von Insel zu Insel wandert Ich mag die Idee, dass die Morde an die antiken Mythen des Mittelmeers erinnern. Ich liebe diese Seite, die gleichzeitig primitiv und immer aktuell ist.

Mit Ausnahme von PURPURNE RACHE und SCHWARZES REQUIEM benutzte er nie dasselbe Personal, schuf nie eine Serienfigur. „Was ich mag, ist das Schreiben neuer Geschichten mit neuen Charakteren. Ich kam nie auf die Idee Kriminalromane zu schreiben, deren Held immer derselbe ist. Das interessiert mich nicht. Was ich jedoch sehr mag, ist jedes Mal neue Charaktere zu inszenieren.“

Die Erwartungshaltung des Publikums zu unterlaufen, ist fast zu seinem Markenzeichen geworden und schmälert seinen Erfolg selten. „Ich will nicht wissen oder versuchen zu erraten, was die Öffentlichkeit mögen wird, denn dann ist es keine Literatur mehr, es ist Werbung.
Das hatte mich während des Schreibens des STEINERNE KREIS durch den Erfolg des vorherigen Romans wirklich peinlich berührt. Es gab etwas, das mich unterdrückt hat. Mit jedem Wort, das ich schrieb, fragte ich mich, ob es all denen gefallen würde, die PURPURNE FLÜSSE geliebt hatten. Und das ist sehr schlecht: Ich hatte nicht die natürliche Spontaneität, die notwendig ist, wenn Sie ein Buch schreiben. Die andere Sache ist, dass es ein Buch ist, das mit dem Fantastischen flirtet. Persönlich störte es mich überhaupt nicht, wieder wegen des Kinos. Im Film gehen wir sehr leicht ins Fantastische und es gibt im Kino total abwegige Dinge, die jeder akzeptiert. Aber ich erkannte, dass auf dem Gebiet des Kriminalromans, die Leser tatsächlich nach einem rationalen Universum suchen. Im Allgemeinen suchen sie das Gegenteil von dem, was ich im KREIS getan habe, das heißt, dass sie zuerst unwahrscheinliche Dinge suchen, die rational erklärt werden. Und ich begann mit einer klassischen Polizei-Intrige, die in etwas völlig Irrationalem explodierte.“

Erfolg, Routine und Erfahrung führen zu einer gewissen Selbstsicherheit im Schreibprozess.
“Wichtig ist die Erfahrung, das Know-how. Der Moment der Wahrheit war das Schreiben des zweiten Romans. Ich war sehr nervös und hatte Angst, die PURPURNEN FLÜSSE zu schreiben, also brauchte ich viel Zeit dafür. Heute habe ich weniger Zweifel beim Schreiben. Früher brauchte ich doppelt so lange. Ich habe die Kapitel bis zu 15 Mal überarbeitet. Dass passiert seltener. Seit IMPERIUM DER WÖLFE bin ich selbstsicherer.“

Könnte es sein, dass er den Thriller aufgibt und sich vielleicht anderen Literaturen zuwendet?
„Wenn ich mein bisheriges Werk betrachte, scheint mir klar, dass ich immer Thriller schreiben werde. Was ich seit DAS SCHWARZE BLUT aber versuche, ist das Spektrum zu erweitern, die Genre-Grenzen auszudehnen. Mehr Psychologie, mehr Familiengeschichte und durchaus auch mal mehr Spiritualität. Wenn man über Mord und Verbrechen schreibt, über existenzielles, dann erscheint alles andere lächerlich und banal. Also, nein, für mich wird die Intrige immer der zentrale Kern sein: Warum haben Menschen getötet? Wer wurde getötet? Wie? Warum dieser Ausfluss des Bösen? Das ist wirklich der Kern meiner Themen, das ist genau, worüber ich schreiben will.“

In seinem wunderbaren Grangé-Portrait im „Buchjournal“ http://www.buchjournal.de/109039/ berichtet Hans Schloemer:

Die Ursache des Bösen zu erforschen, das sei es, was ihn im tiefsten Grunde antreibe. „Nehmen wir den Trieb des Mörders – absolut vergleichbar mit dem Sexualtrieb!“ Grangé nippt genüsslich an seinem Champagner. „Wenn es so weit ist, haben wir Männer doch nur noch schwarze Tinte im Kopf. Dann wollen wir nur das eine. Im Moment höchster Erregung ist von Menschlichkeit nichts mehr zu spüren. Serienmörder ersetzen die Libido durch die Lust am Morden. Als ich das Schreiben entdeckte, war mir von Anfang an klar, dass die Angst mein Thema sein wird. Der Akt des Schreibens als Sublimierung, Sie verstehen? Schreiben hilft, über Ängste hinwegzukommen.

Kein Mitgefühl mit den Charakteren?
„Nein, ich tendiere dazu, schnell über den Aspekt Leiden und Mitgefühl hinwegzugehen. Mich interessieren die Rituale, Mord ist eine abstrakte Kunst. Ich kann mir gut vorstellen, was da passiert. Sind alle Hemmungen gefallen, entwickelt sich die Tat von allein. Ich will den Leser schockieren, damit er die Spirale des Bösen erkennt. Was ich schreibe ist auch in der Tradition des Feuilleton-Romans à la Eugene Sue. Jedes Kapitel gibt eine Antwort auf eine Frage, aber diese Antwort erzeugt eine neue Frage. Es ist eine Maschine, die ständig Überraschungen produziert.“

Schreiben ist Lebensinhalt. „Schreiben ist wie eine Katharsis. Ich verwandle meine Neurosen in Intrigen. 2007 hatte ich eine Depression, ich begann eine Analyse. Ich hatte Angst, dass sie mich von meinen Ängsten befreien würde. Aber das tut sie nicht.

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FORTSETZUNG FOLGT

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Von solchen Literatursendungen kann man bei uns nicht mal träumen.



KLASSIKER DES POLIT-THRILLERS: OSS117 und MALKO – DIE FRANZÖSISCHEN SUPERAGENTEN by Martin Compart

Der erste Superagent der Nachkriegszeit war nicht Flemings James Bond, sondern der CIA-Agent OSS 117 aus der Feder des Franzosen Jean Bruce (Pseudonym für Jean Alexandre Brochet; 1921-1963), der mit der Unterstützung seiner Frau,die die Serie nach dem Tod ihres Mannes alleine fortsetzte, diesen Franzosen im Dienste der Amerikaner um den Erdball jagte.

Armand de Caro startet im Pariser Verlag „Presses de laCite“ die Reihe „Le Fleuve Noir“.
„Jean Bruces Serie um OSS 117 sicherte den Start der Reihe, die anfangs zum Scheitern verdammt schien…Aber der Begründer hatte verspürt, woher neuerdings der Wind wehte, und er setzte mit ungewöhnlichem Scharfblick auf den neuen Spionageroman…„(Boileau/Narcejac, DER DETEKTIVROMAN, Luchterhand; S.175)

Die Serie um den Geheimagenten OSS 117 begründete den „Superagenten der Nachkriegszeit“ und nahm Elemente von James Bond vorweg. Kein anderes Genre oder Subgenre propagiert das mechanische Menschenbild intensiver; weshalb es heute in unterschiedlichen Verkleidungen -etwa in Form des Commando-Thrillers oder Anti-Terror-Thrillers – eine Renaissance erfährt.

Dank der beiden Parodien (eine dritte ist in Vorbereitung) mit Jean Dujardin, dürfte auch bei uns Geheimagent OSS 117 wieder einen gewissen Bekanntheitsgrad haben. In den 1960ern war die Figur des französischen Autors Jean Bruce durch die Verfilmungen im Rahmen der Bonditis in Deutschland einige Jahre recht präsent: Der Moewig Verlag veröffentlichte zwischen 1966 und 1969 in einer Reihe 26 gekürzte Romane als Taschenbücher; was der Qualität sicherlich nicht schadete.

OSS 117 ist zwar in den USA geboren, hat aber französische Vorfahren, die während der Revolution nach Louisiana flüchteten. Daher auch sein aufgeblasener Name Hubert Bonisseur de la Bath.
Nach den Erfahrungen als besetztes Land unter den Nazis, den vielen Kollaborateuren und dem Versagen der eigenen Streitkräfte wundert es nicht, daß Bruce keinen Agenten des französischen Geheimdienstes zum Helden gemacht hat. Scham über die eigene Vergangenheit und Bewunderung für die Weltmacht USA ließen seinen Helden Hubert Bonisseur de la Bath, alias OSS 117, den Kalten Krieg mit viel Freude auf Seiten der USA mitmachen.

Wie jeder Superagent des Kalten Krieges, trug OSS 117 nur die feinste Kleidung, trank und aß vom feinsten, fuhr die schnellsten Autos und verführte die attraktivsten Frauen.
Natürlich hat er auch einen Boss, der ihn mit seinen heiklen Missionen beauftragt: Mr.Smith. Und gelegentlich hat er auch einen treuen Gefährten, Enrique Sagarra.

Die oft von realen politischen Ereignissen inspirierten Plots waren solide, manchmal überraschend gut, reichten aber nie an die von Ian Fleming oder Peter O´Donnell heran. Dasselbe gilt für die literarische Qualität. Dafür arbeitete Jean Bruce aber mit hohem Tempo und hatte einen Ausstoß, der sich mit deutschen Heftromanautoren oder angelsächsischen Paperback Original-Schreibern vergleichen lässt.

OSS 117 trat nicht nur literarisch vor 007 auf, auch im Medium Film erschien er vor Bond: Sechs Jahre vor DR.NO gab es den ersten Film mit ihm: MÄNNER, FRAUEN UND GEFAHREN (OSS 117 n’est pas mort), in dem er von Ivan Desny verkörpert wurde.

Jean Bruce wurde als Jean Alexandre Brochet am 22.März 1921 in Ailler– Beauvoir, in der Loire-Region geboren. Seine Eltern hatten ein Restaurant. Nach seiner Schulzeit trieb er sich in den verschiedensten Jobs herum: Bürgermeistergehilfe, und Mitglied einer fahrenden Schauspielertruppe. .Mit 17 Jahren machte er den Pilotenschein und beim Ausbruch des Krieges arbeitete er in der Luftfahrtindustrie.
Von Kindheit an trieb er leidenschaftlich Sport. Skifahren, Reiten und Ralleysport begleiteten ihn bis zum frühen Tod.

Während des 2.Weltkrieges kämpfte er im Widerstand.

Bei der Befreiung Lyons lernte er den leitenden Analytiker des US-Geheimdienstes OSS, William L. Langer, kennen, der die OSS-Codenummer 117 hatte. Offenbar wurden sie gute Bekannte oder sogar Freunde.

Nach Kriegsende ging er an die Ecole Nationale de Police’, wo er für eine Spezialabteilung ausgebildet wurde. Aber er blieb nur ein paar Jahre bei der Polizei und arbeite als Juwelier und Sekretär eines Maharadschas

1947 verließ er seine erste Frau und die Mutter seines Sohnes Francois wegen seiner Geliebten Josette, die von ihm mit seiner Tochter Martine schwanger war.

1949 veröffentlichte er seinen ersten Roman, der auch der erste OSS117-Thriller, Tu parles d’une ingénue , und sofort ein Erfolg war. Die Gelddruckmaschine OSS 117 lief an und ermöglichte dem Sportwagenfan Jean Bruce ein luxuriöses Leben. Dieselbe disziplinierte Routine seiner schriftstellerischen Arbeit übertrug er auch auf sein Privatleben.

Er verbrachte regelmäßig seine Winterr in L’Alpe d’Huez und die Sommer an der Côte d‘ Azur. Dort malte er auch. Ansonsten lebte er mit Josette und seiner Tochter in der Villa Saint-Hubert in Avenue General Leclerc in Chantilly .

Er schrieb auch erotische Geschichten für Magazine und neben OSS 117 fand er noch Zeit für andere Romane. Er veröffentlichte diese unter den Pseudonymen Jean Alexandre, Jean Alexandre Brochet, Joyce Lyndsay und Jean-Martin Rouan.

Am 26. März 1963 verließ er seine Pariser Wohnung um nach Chantilly zu fahren. Er stieg in seinen Jaguar 3.8l MK2 (registriert mit dem Nummernschild 117 HJ 60). Wie üblich raste der Hobbyrennfahrer auf Strassen, die noch kein Tempolimit hatten. Auf der Nationalstraße 16 bei Luzarches verlor er die Kontrolle und knallte gegen einen Baum. Er war sofort tot.

Er wurde 42 Jahre alt.

Bis 1963 hatte er 88 Romane über OSS 117 geschrieben, die in 17 Sprachen übersetzt waren und 24 Millionen Bücher verkauft.

Und der Tod seines geistigen Schöpfers war nicht das Ende des Geheimagenten.

Josette Bruce schrieb von 1966 bis 1985 insgesamt 143 OSS 117-Romane! Ihre Romane orientierten sich weniger an politischen Realitäten, wie zuvor bei denen ihres Mannes. Sie ließ sich vor allem durch ihre jeweilige Lektüre inspirieren.

Alles blieb zumindest formal in der Familie, als die Kinder Martine und Francois von 1987 bis 1992 noch 24 weitere Romane nachlegten.



In Frankreich war OSS 117 erfolgreicher als 007.

1956, als sich Fleming in der angelsächsischen Welt auf moderaten Niveau gerade etabliert hatte, kam bereits der erste OSS 117-Film in die Kinos. Elf weitere sollten folgen (mit insgesamt acht verschiedenen Hauptdarstellern). In den 1950er- und -60er Jahren gab es in ganz Frankreich keinen Bahnhofskiosk ohne exklusiven Drehständer mit OSS 117-Romanen. Das Franchising von OSS 117 erreichte nie die Dimension von James Bond, ist aber durchaus beeindruckend:

Von 1966 bis 1982 gab es eine 73bändice Comic-Adaption im Taschenbuchformat. Die durchschnittliche französische Startauflage betrug 50.000 Exemplare. Bis heute wurde die Serie in 17 Ländern veröffentlicht mit einer Gesamtauflage von 75 Millionen Exemplaren.
Es gab sogar zwei Theaterstücke um OSS 117, 1955 und 1961, geschrieben von Jean Bruce und inszeniert von Robert Manuel.

1960 wurde im Olympia eine Tanzshow, inszeniert von Georges Reich aufgeführt und der französische Rundfunk in Algerien strahlte eine Hörfunkserie aus.
Und OSS 117 gelang das seltene Kunststück, dass einige seiner Romane sogar in den USA und England veröffentlicht wurden.

Zu den prominentesten Fans gehörten Jean Cocteau und natürlich Gérard de Villiers.

Sein Einfluss auf den französischen Agenten-Thriller kann gar nicht überschätzt werden.

Durch seinen Erfolg angeregt, wurde der französische Markt mit Epigonen (etwa COPLAN von Paul Kenny) überschwemmt, die alle mehr oder weniger erfolgreich waren. Bis SAS MALKO von de Villiers 1965 erschien und es in jeder Hinsicht wilder und realer trieb (siehe weiter unten).

Es ist nicht belegbar, dass Jean Bruce Einfluss auf Ian Fleming hatte. Aber man sollte berücksichtigen, dass er fließend Französisch sprach und häufig Frankreich besuchte. Vielleicht war OSS 117 vor 1953 (dem Jahr, in dem mit CASINO ROYALE der erste 007 erschien) noch nicht das gigantische Phänomen wie nach 1955, aber seine ungeheure Präsenz auf dem französischen Buchmarkt wäre schwer zu übersehen gewesen.

Während Flemings Bond ein Angehöriger der oberen Mittelschicht ist, setzte Bruce auf einen Aristokraten als Verteidiger der westlichen, bürgerlichen Demokratien. Da OSS 117 nicht für den Geheimdienst seines eigenen Landes arbeitet, lassen sich seine Gewaltakte während der verschiedenen Missionen auch nicht mit nationalistischen oder patriotischen Gründen bemänteln (wie etwa bei Bond).

Gewalt ist einfach nur Teil eines Spiels. Damit die französischen Leser aber nicht zu sehr vor den Kopf geschlagen wurden, bezeichnete Jean Bruce seinen im Laufe der Jahre immer mehr zu einem klischeehaften Bondepigonen verkommenen Agenten als den „besten Agenten des amerikanischen Geheimdienstes“. Tja, die Amis haben vielleicht Frankreich von den Nazis befreit, aber ohne einen beherzten Franzosen kriegen sie eben doch nichts hin.

OSS 117 galt im Bewusstsein der Franzosen als gallischer Bond. Jean Bruce konnte der Figur jedoch nicht die Faszination mitgeben, die Flemings Agenten zum Welterfolg machten. Er bediente sich der Fleming ähnlichen Formel zwar manchmal mit einigem Geschick – exotische Schauplätze, skurrile Schurken und schöne Frauen -, aber das erzählerische Niveau des Briten erreichte er nie.

In den 50er und 60er Jahren drehten die Franzosen im Zuge der Agentenwelle im Kino auch einige Filme um OSS 117; am bekanntesten wurden wohl die drei Filme mit dem Amerikaner Frederick Stafford in der Titelrolle und bei einem führte sogar Bond-Regisseur Terrence Young Regie. Wie die Bücher, so wirkten auch die Filme wie die Abenteuer eines armen Vetters von 007. An Chauvinismus und Antikommunismus konnte es OSS 117 allerdings jeder Zeit mit oo7 aufnehmen; nur wurde dieser weniger originell vorgetragen.

Jean Bruces Held ebnete den Weg für einen noch erfolgreicheren und unangenehmeren französischen Romanagenten:
Gerard de Villiers Malko, ein österreichischer Adeliger im Dienste der CIA, der von 1965 bis 2013 in 200 Romanen auftrat. Wieder sind es keine patriotischen Gründe, die den Helden für den Kampf motivieren. In diesem Falle sind es sogar ästhetische: Malko übernimmt nur Aufträge für sehr viel Geld, mit dem er dann einen weiteren Raum seines Familienschlosses restaurieren lässt.

Der Autor war ein bekannter konservativer Journalist, der die ganze Welt bereist hatte und bemerkenswerte Einblicke in politische Prozesse genoss.

Und damit kommt tatsächlich eine gewisse Qualität in diese sadistischen und sexuell freizügigen (dagegen wirken die britischen Autoren der 50er und 60er Jahre prüde und puritanisch – was sie wohl auch waren) Romane: de Villiers gelingt es hervorragend die politisch-historische Situation und die regionalen Eigenheiten seiner Schauplätze einzufangen. Dabei beschränkt er sich nicht auf touristischen Firlefanz; ihm gelingt meist ein überzeugendes Bild, das auch die Schattenseiten und die Welt der verarmten Einheimischen nicht auslässt, seiner in jedem Roman wechselnder Handlungsorte.

Seine 200 Malko-Romane erreichen eine geschätzte Gesamtauflage von 150 Millionen Exemplaren!

Historisch gesehen lesen sich die MALKO-Romane wie eine weltpolitische chronique scandaleuse seit den 196oer Jahren. Dazu an anderer Stelle mehr.

Die Figur Malko selbst ist ein Pragmatiker, der jeweils um seinen Auftrag oder Vorteils wegen mal mit Rechten und mal mit Linken paktiert.
Einige der Romane, wie HEROIN AUS LAOS (Cora Verlag, 1981), setzen sich auch kritisch mit der CIA auseinander. Selbst ein Konservativer ist seit den 1970er Jahren – wenn er nicht so blöde wie Trump und seine Dalton-Gang ist – wohl nicht mehr dazu in der Lage, eine positive, verherrlichende Darstellung des CIA abzuliefern.

Der extrem gut vernetzte Journalist de Villiers versuchte mit seinen Spionageromanen so eine Art „konservative Aufklärung“ zu betreiben.

Bemerkenswert ist, dass diese beiden populärsten Geheimagenten des französischen Spionageromans Angehörige des Adels sind (dazu ist einer noch Österreicher) und in amerikanischen Diensten stehen.
Als wollte das französische Bürgertum beide gegnerischen Klassen, Feudale Klasse (als Vertreter der westlichen Welt) und Proletariat (Realsozialismus), aufeinanderschlagen lassen, während es sich genüsslich zurücklehnt und die Triumphe des Stellvertreters einer längst überwundenen Epoche beklatscht.