Martin Compart


FAUSER BEI DIOGENES by Martin Compart
14. Oktober 2017, 3:59 pm
Filed under: Jörg Fauser | Schlagwörter: ,

Der Zürcher Verlag Diogenes hat die Weltrechte am Werk von Jörg Fauser erworben. Der einstmals renommierte Verlag (Ambler, Highsmith usw.) ist in den letzten Jahren unangenehm aufgefallen durch eine kastrierte TB-Ausgabe der Gesamtausgabe des Alexander-Verlages. Dabei hatte dieser Provinzverlag eine sehr ordentliche Edition des Gesamtwerkes von Jörg vorgelegt. Aber ein Weltverlag wie Diogenes, der zeitweilig die Weltrechte von Simenon vertrieben hat, verfügt im internationalen Lizenzmarkt natürlich über  ganz andere Kontakte und Möglichkeiten.

Ich erinnere mich daran, dass es zwischen Jörg und Diogenes mal Mitte der 1980er einen kurzen Kontakt gab: Als klar war, dass man wegen der Fusion mit der Fleissner-Gruppe den Ullstein Verlag verlassen würde, ging auch Jörg auf die Suche nach einer neuen literarischen Heimat. Unter anderen Verlagen positionierte sich der damals hoch angesehene Diogenes Verlag, der einige von Jörgs Idolen im Programm hatte.

Nach einem Treffen in Zürich war Jörg recht begeistert von der Zuwendung und dem versprochenen Engagement des damaligen Verlegers Daniel Keel. Jörg fühlte sich gut umschmeichelt. Aber eine Zusammenarbeit scheiterte dann an den Honorarvorstellungen, und Fauser schloss stattdessen mit Hoffmann & Campe ab.

Diogenes will eine neue Gesamtausgabe von Fauser (dann die dritte) machen. Ob sie die des Alexander-Verlages übertreffen kann, wird zu beweisen sein.

Immer wieder schön: Zeigt es doch, dass Feuilleton-Depp in Deutschland ein Lernberuf mit Tradition ist:


Schwer vorstellbar, dass sich deutsche Leser Jahrzehnte lang an Lektüretipps dieses begrenzten Zausels orientierten. Und im Vergleich zu den heutigen Kasperln (man schaue nur mal den 3-SAT-Literaturklub mit vier Psychopathen aus drei Ländern) war Reich-Ranicki unfreiwillig unterhaltsam in seiner belesenen Dämlichkeit (was nicht für die blassen Kritikasteln der Gegenwart gilt, deren Persönlichkeit der Tiefe eines Schutzumschlags gleicht).

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ZUM JUBILÄUM DER SCHWARZEN SERIE – IM SCHATTEN DER EULE 5 by Martin Compart

Der schwerste Gang: Hoch zu Niemann in den 10 Stock und kündigen.
Viktor war cool und wir sprachen schnell darüber, die Nachfolge zu regeln. Das statt meiner nun zwei Leute angestellt werden sollten, machte mich natürlich sauer. Schließlich hatte ich nie zwei Gehälter bezahlt bekommen. Egal.

Einen Tag später erzählte mir Fauser, der sich mit Niemann getroffen hatte und kurz vor seinem Rücksturz nach München stand, Niemann hätte ihm gesagt, unter anderen Umständen hätte er um mich gekämpft und mich nicht einfach gehen lassen. Das tat gut, hieß aber auch, dass Niemann für sich keine Zukunft bei Ullstein sah. Genauso wenig wie Herr Fauser, der seine Hände bereits zu Hoffmann & Campe ausstreckte (mit Niemanns Vermittlung?).

jörg fauser autor PROMOFOTO vom alexander verlag

jörg fauser autor PROMOFOTO vom alexander verlag

Also die Nachfolge.

Meine erste Wahl für die Krimis (und vielleicht auch für die Abenteuer-Reihe) war Frieder Middelhauve, der schon länger für mich arbeitete. Ein ausgewiesener Kenner der Thriller-Szene und der erste deutsche Krimi-Kritiker, der seine Rezensionskolumne syndikatisierte (also an mehrere Zeitungen verkaufte). Er edierte für mich die Anthony Price-Ausgabe (Frieder war mit Price auch persönlich befreundet) und übersetzte mit seiner Frau Dörte für Ullstein und Goldmann. Viele Gespräche hatten mir längst klar gemacht, dass Frieder genau der richtige Lektor für den Job war.
Für die Populäre Kultur wollte ich Georg Schmidt vom TIP-Magazin. Er hatte sich mit Film- Musik- und Literaturrezensionen als fundierte Kenner der populären Kultur ausgewiesen und mehrere Begegnungen hatten mich überzeugt, dass der gelernte Journalist auch ein Spürhund für Themen war.

Es kam – natürlich! – anders.

ahr0chm6ly9pbwfnzxmuym9va2xvb2tlci5kzs9iawxkzxivmda2shdul0fybm9szcttyw0tugvja2lucgfoluvpbi1pdxrsyxctaw4tsg9sbhl3b29klu1pdc1bymjpbgr1bmdlbi5qcgc1Der neue Vertriebschef von Fleissners Gnaden zauberte einen weiteren Kandidaten hervor, der sich ihm gegenüber wohl durch devotes Verhalten empfohlen hatte: Hansjoachim Neumann, sich selbst überschätzender Filmkritiker des damals zweitgrößten Berlinszeneblattes ZITTY. Er betrachtete das Film-Lexikon (!) von Ephraim Katz als theoretisches Standardwerk. Kein sonderlich sympathischer Zeitgenosse, der sich gerne in Hierarchien einfügte (meine Devise war: Schlechte Laune lässt man nur an Vorgesetzten aus; allerdings hatte ich auch selten schlechte Laune. Dafür machte der Job zuviel Freude). Der Einfluss von Fleissners Satrap (und Niemanns Umorientierung) war aber bereits so stark, dass Neumann durchgesetzt wurde. Und Georg sollte nun die Krimis machen. Frieder war draußen. Und Neumann (der nach meinem endgültigen Weggang sofort zwei eigene Bücher in der Populären Kultur projektierte) sollte für Populäre Kultur und die Abenteuer-Reihe verantwortlich zeichnen.

Ein Sturm brach los.

Die Ratte betrat das sinkende Schiff. Einige meiner Autoren, Rolf Giesen, Ulrich von Berg, Frank Arnold etc.) weigerten sich kategorisch, mit Neumann zu arbeiten, den sie – gut begründet – für inkompetent und persönlich unangenehm empfanden. Ich versuchte die Wogen zu glätten und Georg Schmidt half dabei, indem er die Betreuung einiger Titel der Populären Kultur (z.Bsp. das Sam Peckinpah-Buch von Uli von Berg und Frank Arnold) übernahm. Giesen machte sich komplett vom Hof und suchte sich andere Verlage (zum Beispiel für das noch für Ullstein projektierte FERNSEHEN, WIE ES JEDER HASST bei Goldmann).

167150459141Ich war mit den Nerven fertig und wollte nur noch ins Bergische Land. Vorher drohte ich noch Konsequenzen an, falls man meine Sekretärin, Frau Schäfer (ohne die ich nicht halb so erfolgreich hätte arbeiten können), schlecht behandeln würde. Dasselbe galt für meine Star-Übersetzer. De r kleine (neu)Mann sollte sich allgemein dadurch auszeichnen; dass er jetzt einflussreicher kleiner Mann sei (das sollte sich wiederholen unter anderen Vorzeichen; Schleimer kreuzten häufig meinen Weg um kleinbürgerliche Karrierewünsche voran zu treiben).

Neumann trampelte auf dünnem Eis als wäre der Boden aus Kruppstahl. Sein Bedürfnis nach Selbstdarstellung und Anerkennung, ließ ihn schnell zur Witzfigur werden und brachte ihm Spötteleien ein: „FLASHMAN U.D.CHINESISCHE DRACHE – Ein Buch von Hansjoachim Neumann, geschrieben von MacDonald Fraser“, hätte das angemessene  Impressum lauten sollen. Später sollte ich be einem Berlinbesuch Neumann bei Luther & Wegner um die Tische jagen, während er filmreif nach „Hilfe“ quiekte. Und Georg musste „dem Kollegen“ tatsächlich im Verlag eine rein hauen. Als Neumanns dünnes Werk DAS BÖSE IM KINO erschien, erhielt der epochale Filmkritiker  einen neuen Spitznamen: Der Böse im Kino. So wurde ihm die kurze Zeit, in der er ein kleines bisschen Macht ausüben konnte, etwas vergällt.

Bloß raus aus diesem zunehmenden Irrenhaus.

FORTSETZUNG FOLGT

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30 JAHRE SCHWARZE SERIE (Bastei-Lübbe) 2/ by Martin Compart

PROLOG: IM SCHATTEN DER EULE 2

Gerüchte hatte es bereits vorher gegeben. Aber jetzt wurden sie von der Geschäftsleitung bestätigt. Das Grauen ging um. Fleißner galt als Rechter und – was vielleicht noch schlimmer war – als kaltherziger Verleger, der mit Büchern lediglich Geld machte um dieses in Immobilien zu stecken. Inhalte interessierten ihn einen Dreck, solange sie Geld brachten oder Geschichten von der Ostfront erzählten. Mit seiner Prokuristin war ich schon mal aneinander geraten:

Ronald Hahn hatte den ersten Jack London-Reader für die ABENTEUER-Reihe gemacht. Irgendein Fleißner-Verlag hatte Jack London im Programm und saß auf den entsprechenden Übersetzungsrechten, die m9ich einen Dreck interessierten, den Ronald verwendete für den Reader nur bisher nicht übersetztes Material oder übersetzte neu.9783548102832-de1

Nun rief mich jene Prokuristin erbost an um mir zu verkünden, dass die Fleißner-Gruppe über alle deutschen Rechte an Jack London verfüge. Ich bekam einen Lachanfall und fragte sie, ob die Fleißner-Gruppe auch die deutschen Rechte an Tacitus oder Charles Dickens hielte. Denn Jack London war 1916 verstorben und somit seit 1966 public domain. Einige Pulp-Geschichten sogar noch früher. Das versprechen, von ihrem Verlagsanwalt zu hören, falls wir das Buch, wie vorangekündigt, heraus brächten, blieb unerfüllt.

Auf keinen Fall passte Fleißner zu Ullstein. Da konnten Gesandte des „Haupthauses“ (Springer) so viele Veranstaltungen machen und Beschwichtigungsreden („Es ändert sich für Sie nichts. Es ist nur eine Fusion um die Marktmacht zu vergrößern.“) halten, wie sie wollten.

Jedem der seine Sinne beisammen hatte, war klar, dass sich Niemann nur bis zu einem Punkt mit diesen Vorreitern des postmodernen Branchenverständnis aus München arrangieren konnte. Wie der STERN später über Niemanns Abgang schrieb: Mit dieser Fusion hatte man ihm „auf der Zielgerade in die Kniekehlen geschossen“.

Es war mir ziemlich egal, ob sie mich und meine Reihen in Ruhe ließen (was sicherlich auch nicht dauerhaft gewesen wäre). Die Struktur dieser Gemeinschaft würde zerstört werden. Die mühsam von Niemann entwickelte Feinmechanik, in der jedes Rädchen geschmeidig ins andere griff, würde die neue Biertischphilosophie nicht überleben, die da lautete: „Die schnelle Markt am Hauptbahnhof“. So empfand ich das jedenfalls. Und ich kann mich nicht erinnern, das es jemand anders sah.

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Fauser plante den Absprung. Wenn Niemann gehen würde (was dieser tapfer bestritt), würde er auch gehen. Trotz Hanna Siehr, die die beste Lektorin war, die er je hatte (wenn beide die endgültige Fassung eines Romans im Konferenzraum bearbeiteten, qualmte das ganze Stockwerk und Jörg tauchte gelegentlich in meinem Büro auf und schäumte vor Wut über Hanna. „Tja, Jörg, so ist das nun mal, wenn man mit der BESTEN arbeitet. Das halten nur die BESTEN aus“, spendete ich gerne Trost.).

Dann tauchte Michael Görden von Bastei-Lübbe auf meinem Radar auf.goerden_22_11_2013_bearb_web1

Ich weiß nicht mehr, warum. Es könnte um eine Übersetzung gegangen sein, oder Rolf Giesen sollte ein Projekt für Görden entwickeln,,, Keinen Schimmer mehr. Görden war mir jedenfalls nicht unbekannt. Jeder in der Branche hatte mitbekommen, dass sich bei Bastei-Lübbe etwas tat. Sie hatten für das Hardcover den ehemaligen Piper-Lektor Fritsche geholt. Der Mann, der Forsyth und Ulf Miehe (neben anderen Autoren, die mich weniger interessierten). Und Görden dreht zusammen mit dem zuständigen Verlagsleiter Rolf Schmitz den sogenannten „Heftromanbereich“ auf links, indem sie parallel zum Lübbe-Taschenbuchbereich ein eigenes Taschenbuchsegment aufbauten. Darunter befanden sich Thriller von Arthur Lyons und der erste Nate Heller-Roman von Max Allan Collins (den sie mir vor der Nase weg geschnappt hatten).science-fiction-times-nr-133-aus-1974-magazin1 Görden hatte sich mit Michael Kubiak und Freddy Köpsel (wie Rolf Giesen, Ronald Hahn und ich, ehemaliger Mitarbeiter der SCIENCE FICTION TIMES; aus dieser Kaderschmiede sind auch Koryphäen wie Hans-Joachim Alpers, Uwe Anton,Werner Fuchs – FANPRO und heute Agent von George R.R.Martin – und Bernd W.Holzrichter hervor gegangen). die richtigen Leute geholt, um Bastei in der Science Fiction und Phantastik richtig groß zu machen; zur Nummer Zwei hinter Heyne, dem damals unanfechtbaren Marktführer.

Außerdem hatten sie gerade die erste Paperback-Reihe in Deutschland gestartet.

Unter den ersten Autoren befand sich ein Autor namens Stephen King.

 

Keine Frage: Bastei-Lübbe war heiß. Warum sollte man also nicht mal mit Görden einen trinken gehen, wenn er in Berlin war?

 

 

 

FORTSETZUNG FOLGT

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30 JAHRE SCHWARZE SERIE (Bastei-Lübbe)1/ by Martin Compart
9. November 2016, 1:41 pm
Filed under: Bücher, Jörg Fauser, Krimis, Noir, Porträt, Schwarze Serie | Schlagwörter: , , , ,

Fast hätte ich dieses Jubiläum vergessen, das einem einmal mehr Alter und Sterblichkeit verdeutlicht: Vor 30 Jahren kamen bei Bastei-Lübbe die ersten Bände der SCHWARZEN SERIE auf den Markt. Ich versuche mal, an Hand der Tagebücher und Terminkalender aufzuzeigen, wie es dazu kam.

PROLOG. Teil Eins: IM SCHATTRN DER EULE

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1985 war ein gutes Jahr für Ullstein – und eines der schlechtesten. Der Verlag war weiterhin auf Erfolgskurs. Viktor Niemann hatte in fünf Jahren aus Ullstein einen big player gemacht. Man konnte ihm dabei Machiavellismus vorwerfen (wie es mir gegenüber ein Agent bewundernd tat), aber das war es nicht. Er hatte den Verlag zu einer eingeschworenen Gemeinschaft geschmiedet, die nicht an tumber Hierarchie versteinerte. Und er hörte sich jede noch so idiotische Idee (davon hatte ich reichlich auf Lager) an und diskutierte sie durch, statt sie vom Tisch zu wischen.

Er gab jedem das Gefühl, dass er ihm vertraute und hinter einem stand.

img_3261Trotzdem zeigte sich ab 1984 eine negative Seite an Viktor Niemann: Er stellte keinen Wodka, Gin oder Whisky mehr in dem öffentlich zugänglichen Kühlschrank im 10,Stock und ließ auch sein Büro nicht unabgeschlossen. Damit war es vorbei mit kühnen Kommando-Unternehmen aus dem Bauch des Verlages, wenn einem nach Dienstschluss bei einem Besäufnis in der Herstellung der Sprit ausging. Der Verleger verletzte seine Fürsorgepflicht. Erste Zeichen der nahenden Katastrophe?

Wir ahnten es damals nicht, machten uns aber Sorgen um den moralischen Verfall des Verlages.

9783548365312-us-3001Meine neuen Reihen, ULLSTEIN ABENTEUER und POPULÄRE KULTUR, hatten sich fest im Markt etabliert. Die KRIMI-Reihe hatte durchgesetzt, dass nun Kriminalromane in Reihen auch mal 9,80 DM kosten durften (da man auf Kürzungen verzichtete. Der erste so teure Band war UMWEG ZUR HÖLLE von Ross Thomas. Um das Besondere herauszustreichen, hatte ich Jörg Fauser zum Mitherausgeber gemacht und Jörg trug ein großartiges Nachwort zu Ross bei, das die FAZ vorab druckte). Dr.Maitre verließ uns um in die USA zu gehen und Andreas Catsch wurde neuer Cheflektor (da Mönninghof uns ebenfalls verließ). Die grandiose Jutta Wannenmacher war mit der Reihe ULLSTEIN MARITIM ungekrönte Reihen-Königin (mit Auflagen, da konnte ich selbst bei den Krimis nur von träumen). Frau Dr.Jacobson managte die ALLGEMEINE Reihe so clever, das sie „meinen“ Len Deighton zur Taschenbuchverwertung bekam (was mir überhaupt nicht gefiel). Ich sah darin schon das Aushöhlen der Genre-Reihen. Und schließlich hatte ich Deighton (Berlin-Trilogie) wieder zu Ullstein geholt, damit ich eine Hardcover-Auswertung für die Krimi-Reihe bekam. Nagut, wenn ich ihn schon nicht kriegen sollte, dann ging Deighton wenigsten an die hoch geschätzte Kollegin, die sich fit hielt, indem sie jeden Tag zu Fuß in den 8.Stock, wo das Lektorat saß, hinauf lief. Und das in atemberaubender Geschwindigkeit, ohne außer Atem zu geraten.

Ich bevorzugte verkatert den Fahrstuhl. Ging nicht ganz so schnell, aber ich kam ebenfalls nicht atemlos an.

 

Alle waren gut drauf.

 

a41Die Nächte mit Jörg waren lang, unsere Gespräche kurzweilig. Manchmal waren sie zu lang. Dann erlebte man den Morgen beim Weißbier-Frühstück im „Schwarzen Café“ oder ging gleich ins „Kaffee Kaputt“ zu richtigen Sachen über:

„Nach der Nacht brauche ich jetzt was erfrischendes, was fruchtiges.“

„Vitamine.“

„Ja, was gesundes mit Vitaminen.“

„Tequilla Sunrise.“

„Sehr gut. Fruchtig und reich an Vitaminen.“

„Im Grunde eine Art Obstgetränk,“

„Das gibt Energie. Diese Sauferei frisst einem die Vitamine weg.“

„Also?“

„Bestell.“

„Keeper! Zwei Tequilla Sunrise.“

„Kommt sofort.“

„…?“

„…?“

„Und zwei Tequilla dabei.“

„Doppelte.“

„Schon wegen der Zitrone.“

„Und dem Salz. Man verliert in solchen Nächten viel Salz.“

 

Jörg hatte DAS SCHLANGENMAUL geschrieben und die Bavaria kaufte umgehend die Filmrechte. Jörg schrieb weiterhin für Achim Reichel und sammelte Tantiemen.

Jörg war ganz schlecht auf das Finanzamt zu sprechen, Und auf die Künstlersozialkasse, die ihn (plus Nachzahlung) in die Mitgliedschaft zwingen wollte. Er sah sich schließlich als freier Unternehmer im „Unternehmerverband Wort“. Wie er im Autor-Scooter sagte:“Ich bin Geschäftsmann. Ich vertreibe Produkte, die ich herstelle. Writing is my business.“

 

Min. 14:20

Die Stimmung war gut in Berlin.

Rolf Giesen und ich planten für die POPULÄRE KULTUR einen weiteren Aufreger (wie zuvor sein kleiner Bestseller KINO, WIE ES KEINER MAG) mit dem schönen Titel DIE NATION DREHT DURCH. Außerdem enwickelten wir den Slogan „Europa prima“

Ullstein-Hochhaus in der Lindenstrasse

Ullstein-Hochhaus in der Lindenstrasse

Mit Hanna Siehr (Herausgeberin der Reihe FRAU IN DER LITERATUR) auf dem Wannsee zu segeln, war ein wöchentliches Highlight und ich hatte auch endlich einen Assistenten an die Seite gestellt bekennen: Simonides (Simmi) kümmerte sich höchst engagiert um die ABENTEUER-Reihe. Der Ex-Propylän-Lektor fuhr voll auf C.S.Forrester ab und AFRICAN QUEEN und BROWN ON RESOLUTION hätte ich ihm aus den Händen sägen müssen um selber darin rumzufuschen. Die Vertreter waren gut drauf und wir dachten uns beim vorabendlichen Besäufnis der Programmkonferenz irgendwelchen Blödsinn aus („Herr Compart, wo bleibt Frank Gruber in der Krimi-Reihe?“) um die Konferenz etwas munterer zu gestalten. Ronald M.Hahn hatte trotz geringer Mittel die SF-Reihe etabliert und immer wieder Titel ausgegraben, die auch Heyne als Marktführer gemacht haben könnte. Im Gegensatz zu mir und den Krimis, hatte er eine völlig runter gewirtschaftete Reihe übernommen und trotz Altlasten innerhalb von vier Jahren daraus ein eigenständiges Markenzeichen gemacht.

Alles war gut.

Dann bekam ich Post von Dr.Maitre aus den USA. Der Brief knallte mich umgehend auf den Arsch:

„Ihr werdet verkauft an Fleißner. Sie selbst müssen sich keine Sorgen machen.“

NICHTS war mehr gut.

(Fortsetzung folgt)

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VORWORT ZU WENSKES ROCK´N ROLL TRIPPER by Martin Compart
18. Mai 2016, 7:48 am
Filed under: Bücher, Hunter S.Thompson, Jörg Fauser, Manny Herrmann, Porträt, WENSKE | Schlagwörter: , ,

Wir wurden aber nicht geschnappt, und alles andre war uns scheißegal!

Der TRIPPER hat nichts auf der Bestsellerliste verloren, denn „wo der Pöbel trinkt, sind alle Brunnen vergiftet“(Nietzsche). Soll Chris Hyde ruhig weiterhin Helmut Wenske anpumpen, wenn er Papier kaufen will. Diese Neuauflage darf nur an Leute gehen, die ein Führungszeugnis von Hunter S.Tompson vorweisen können. Horrorvorstellung, dass die Büttel der Subventionskultur mit TRIPPER vor der Nase S-Bahn fahren, oder ranzige Latzhosen sich dabei einen runterholen. Ich will, dass der TRIPPER weiterhin den Outlaws gehört, die sonst kein Buch anrühren und es wie einen Schatz hüten. Das ist nix für Bildungsbürger, die sich schon bei Cormac McCarthy vor Angst in die Hose scheißen. Wie die Leute freiwillig gegen ihre Interessen wählen, so haben sie gefälligst auch gegen ihre Interessen zu lesen.

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http://www.amazon.de/RocknRoll-Tripper-Chris-Hyde/dp/3940213179/ref=sr_1_2?s=books&ie=UTF8&qid=1463557777&sr=1-2&keywords=chris+hyde

Wie war das noch mit den Fifties?

Mandolinen im Mondschein, fette Wirtschaftsbosse im Daimler, die nur innehielten, um ihre eigene Tüchtigkeit zu bewundern, Halbpension in Rimini, singende Seemannsschwuchteln, Conny packte Peters vollgewichste Badehose ein, Streifenpolizisten wie bewaffnete Briefträger, alte Nazis, die den Krieg nicht wirklich verloren hatten und Haxen fressen als Gipfel des Hedonismus. Amoralische Spießer krochen aus den Bombenlöchern, um das Wirtschaftswunder zu erfinden. Hoffnung gab nur die atomare Bedrohung. Blue Jeans und Lederjacken waren Werkzeuge des Teufels, und Rock’n‘ Roll war seine Musik. Das Land gehörte weiterhin den Kreaturen, die die Barbarei wissenschaftlich gemacht hatten. Die Bundesrepublik war nicht die Nachfolgerin der Weimarer, sondern der Friedhof des 3.Reichs, auf dem die Zombies rumirrten.

Wer auf dieser Müllhalde herumkroch und bei klarem Verstand überleben wollte, hatte nur eine Chance: Er musste wahnsinnig werden. Denn Wahnsinn verschafft Autonomie. Wenske buddelte sich aus der Mülltonne der Blockwarte, um Angst und Schrecken zu verbreiten. Das macht er immer noch. Keith Richards würde mit ihm auf Tournee gehen. Er hat mit Worten das gemacht, was Keith auf der Gitarre anstellt: Literatur als Riffs. Ich fand Bill Haley immer blöde, bis ich bei Chris Hyde lesen musste, wofür er Mitverantwortung trägt.
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Bis heute lässt Hyde sich nicht mit Geld zumüllen (Versuche gab’s einige) und geht dem System mächtig auf den Senkel. Und was das Schlimmste ist: Er schrieb mit nicht wiedergutzumachenden Worten schlichtweg den deutschen – das Wort kommt mir schwer aus der Feder – : Klassiker der Beat-Literatur. Hydes Neal Cassady heißt Helmut Wenske. Er krallte sich Wenskes Leben und presste einen verdammten Klassiker raus. Es gibt wenig Authentischeres, und nichts besser Geschriebenerws. Dabei auch noch so witzig wie Bukowski auf Äppelwoi, der gerade mit den Hells Angels ein Drehbuch für Klaus Kinski schreibt. Rein wissenschaftlich betrachtet, ist es der Undergroundreport der fetten Jahre der Republik. Dr.Wenske und Mr.Hyde wissen nicht, dass sie einen Klassiker geschrieben haben – und werden mich angesichts dieser Behauptung in den Arsch treten wegen übler Nachrede. Schmeiß drauf. Es ist nun mal unser Beat-Klassiker. Die Beats waren/sind Existentialisten, die ihre Glückseligkeit aus der Verachtung gegenüber der bürgerlichen Gesellschaft zogen. Ihr unersättlicher Lebenshunger, der aus jeder Seite des TRIPPER spricht, knallt dem Über-Ich zu Gunsten des Es eine Pulle über den Schädel. Es ist die Rehabilitierung des Instinkts. Hyde hasst die Gleichschaltung der Persönlichkeit und des Alltagsleben, hasst jeden Konformismus und die verlogenen bürgerlichen Moralnormen. Er schmeißt auf die Jagd nach materiellen Wohlstand und das selbstzufriedene Leben der Spießer. Narkotiker und sozial Gestrandete sind eben interessanter als Bankbeamte oder Lokalpolitiker.

TRIPPER hat kein Fett – schier unmöglich, was zu streichen. Der Stil ist so dicht wie in Kerouacs besten Momenten, politisch so korrekt wie ein Abend im Puff. Jede Zeile belegt, dass neben Politikern der brave, ordnungsliebende, hart arbeitende Spießer die niedrigste Lebensform auf diesem Planeten ist. Es ist die deutsche Gesamtausgabe von EXILE ON MAINSTREET, ein deutscher Outlaw-Blues, der uns schlimme Sachen zeigt, um Mythen zu spenden. Wenige Bücher sind nicht zu ersetzen durch Film, Musik, Flipper, Fußball, Radio oder Sex; dies ist eines. Hyde stopft den Leser in die Betonmischmaschine und kurbelt ihn solange durch, bis er erschöpft und um eine echte Erfahrung reicher rausplumpst. Über dem Buch hängt der Satz des Duluoz: „Es war nicht so sehr die Dunkelheit der Nacht, die mich störte, sondern die abscheulichen Lichter, die der Mensch erfunden hat, um diese Dunkelheit zu erhellen.“ Über Kerouac schrieb Henry Miller was auch für Chris Hyde gilt: „Der wirkliche Poet, oder in diesem Fall der spontane Bop-Prosodist, ist immer scharfhörig für die Ab- und Eigenart des Sprachlichen seiner Zeit – für den Swing, den Beat, den abgerissen metaphorischen Rhythmus, der so schnell, so wild, in so wirrem Getümmel kommt, so unglaublich und doch ergötzlich verrückt, daß, zu Papier gebracht, ihn niemand erkennt. Das heißt, niemand außer dem Dichtern. Er `hat es erfunden‘, sagen die Leute. Sie meinen, er habe es künstlich zusammengebraut. Sie sollten aber sagen: `Er hat es‘. Er hat es, hat es ganz mitgekriegt, er hat es niedergeschrieben… die ganze Nacht lag er wach und horchte mit Augen und Ohren. Eine Nacht von tausend Jahren. Hörte es im Mutterleib, hörte es in der Wiege, hörte es in der Schule, hörte es auf den Brettern der Lebensbörse, wo man Träume gegen Gold einhandelt. Und Mensch, wie er es überhat, er will es nicht mehr hören. Er will weiter. Er will abschwirren.“
wens2[1]
Sicher, auch bei uns gab es ein bisschen Beat-Literatur. R.D.Brinkmann, nach dessen Tod Fauser deutlich erkannte: „…daß man bei uns noch mehr als anderswo auf der Hut sein muss vor den Kulturverwertern, diesen Schakalen der total mediatisierten Welt… nicht mal sterben kann man, ohne Angst zu haben, verschaukelt und verscheißert zu werden“. Bisher hatte Hyde das Schweineglück, nicht den Feuilletonisten in die Hände zu fallen, um dort verharmlost zu werden, wo man bei uns die Outlaws erledigt. Fauser stand mit AQUALUNGE damals – wie sein Freund Jürgen Ploog – Burroughs näher als Kerouac oder Mailer (jawohl, Mailer! Lies erstmal WHITE NEGRO, bevor Du dreist „falsche Baustelle“ schreist). Fauser, der den TRIPPER sofort richtig einschätzte und bewunderte, traf Hyde einmal: Auf der Buchmesse ’84 beim Guiness-Ausschank am Ullstein-Stand. Ich war dabei. Man bot uns Geld, wenn wir nur woanders weitermachten.

Du liest noch immer? Dann schnall Dich an, denn jetzt kommt the Real Thing. This is the Trip… I really like it…Und erzähle hinterher nicht, ich hätte Dich nicht gewarnt.

Martin Compart



NOIR-FRAGEN AN WILLI VOSS by Martin Compart

Wer ist Willi Voss?

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Im letzten Jahr begann man, Willi wegen seiner Vergangenheit als Abenteurer, Freiheitskämpfer, Terrorist und CIA-Agent durch die Medien zu hypen. Und Willi konnte Faulkners Satz am eigenen Leib erfahren: „Die Vergangenheit ist nicht tot, sie ist nicht mal vergangen“. Dabei versuchten ihn die üblichen Opportunisten in die rechte Ecke zu rämpeln (in ihrer geistigen Bescheidenheit erkennen sie natürlich nicht, dass die Angrenzung zwischen PLO, Schwarzer September und RAF nahe liegender ist/war als kurzfristige Schnittmengen mit Gladio). Willi hat in jungen Jahren so einiges erlebt und angestellt (sicherlich mehr, als die meisten deutschen Autoren zusammen), aber eines ist er dabei nicht gewesen: Antisemit oder Faschist. Das „Syndikat“, eine Vereinigung von Menschen, die gerne schreiben und lesen, wollte gar ein politisches Ausschlussverfahren gegen Willi eröffnen um ihn als Faschisten zu brandmarken und rauszuwerfen. Die verantwortlichen Buben, die nichts erlebt haben und darüber Kriminalromane schreiben, sahen wohl eine Chance, in ihrer selektiven Entrüstung für sich selber als politisch korrektes Gammelfleisch ein wenig mediales Interesse zu erschleichen. Willi kam dem Schrebergarten-Gesinnungsprozess zuvor und bewahrte sich seine Integrität. Inzwischen ist er auf nationaler und internationaler Bühne ein gern eingeladener Gesprächsgast, der spannendes und informatives zu berichten weiß.

Ich lernte Willi kennen, als ich 1986 von Ullstein zu Lübbe wechselte. Voss hatte sich bereits einen Namen als Profi gemacht, Heftromane und Taschenbuchkrimis geschrieben. Als mir sein Buch GEGNER (unter dem PseudonymWilli Voss E.W.Pless geschrieben) in die Hände fiel, erfreute es mich so sehr, dass ich es Jörg Fauser schickte. Fauser war von dem Libanon-Roman begeistert. Umso mehr, da das Buch von einem deutschen Autor stammte, dessen literarische Sozialisation nicht auf Toscana-Besuchen, Weißwein beim Italiener und Stadtschreiberstipendiaten bestand. Kurz darauf schrieb Willi mit SIGNUM F einen der ersten modernen deutschen Conspiracy-Thriller. 28662646[1] Inzwischen hatte ich Willi persönlich kennen gelernt (und ihn an meinen Ullstein-Nachfolger Georg Schmidt vermittelt, der seine Potenz natürlich sofort erkannte). Also kam es, wie es kommen musste: Fauser reiste von München an, Willi aus Spanien und zu dritt verlebten wir ein denkwürdiges Wochenende zwischen Bergisch-Gladbach und Witten-Ruhr (aber das ist eine ganz eigene Geschichte). Genug der Panegyriken.

Hier erstmal der Bünnagelsche Fragebogen mit WILLI VOSS:

Name?

Willi Voss, und andere je nach Gelegen- und Notwendigkeit

Berufungen neben dem Schreiben?

Nach gutem Lesestoff fahnden. Bogen um Fastfood machen. Am Herd Essbares komponieren. Im Halbsuff Weltbewegendes quatschen. Originaltexte wie diesen von einem gewissen X (Ich lasse den Namen hier weg um seinen werlosen Arsch zu schützen. M.C.) gelassen ertragen:

„DAS (siehe unten) sehe ich ganz anders. Vielleicht bin ich auch als Vater eines noch jungen Polizistensohnes sensibler geworden. Aber auch als Krimiautor sage ich: Wer in irgendeiner Weise kriminelle Taten begangen hat, gehört nicht ins SYNDIKAT. Als Krimiautoren jonglieren wir eh bei jedem Buch, bei jeder Lesung mit dem moralischen Aspekt. MEIN Publikum erwartet von mir, bei allem Gruseln, Horror, Gänsehaut-Feeling etc, einen Menschen, der ihnen das Kriminelle, das Grauen, manchmal auch heiter verpackt, präsentiert, aber nicht repräsentiert. In diesem Zusammenhang (ich weiß, dass interessiert im SYNDIAKT keinen Menschen): geht es irgendwo auch noch um Literatur? Oder wollen wir allen Ex-Knackis, Ex-Terroristen, Ex-Sympathisanten etc. einen Logenplatz (und sei es in dieser Mailingliste) reservieren, bloß weil SPIEGEL und Co (und das gesamte Unterschicht-TV von RTL bis sonstwo) solche Typen brauchen
Lieber Willy Voss, oder wie immer du heißen magst: Ich habe nie eine Knarre besessen und rühme nicht, irgendwelche Idioten gekannt zu haben, die am Massaker von 1974 beteiligt waren.
Daher fordere ich mal ganz plakativ: Krimanal-Autoren ja! Kriminelle Autoren = nein!“

Film in Deinem Geburtsjahr?

La Paloma mit Hans Albers und kreisenden Papmachétauben in den Hauptrollen, sozusagen als Ankündigung der Kontinuität deutschen Filmschaffens.

Was steht im Bücherschrank?

Ein Sammelsurium von Brecht, Heine, Storm, Wolfe, Hammet, Fauser, Caputo, meine Sachen, aber wegen abrupter Zeitläufte unvollständig; Perez-Reverte und Trevanian als Mahnung, niemals nachzulassen. Kenneth Spencer, der in meiner Erinnerung gnadenloseste Leihbuchschreiber aller Zeiten. Schreibe von den Kulturwächtern wg. Erfolg, Sex & Brutalität unter den Ladentisch verdammt oder gar verboten.

Was war Deine Noir-Initiation (welcher Film, welches Buch)?

Nix Buch, nix Film. Will Platten, Redakteur der Deutschen Reihe im Bastei Verlag, den ein Autor auf´n Topf gesetzt hat, und der mich fragte, ob ich mir zutraue, einen Ersatz zu schreiben. Weil ich nicht nur anderen, sondern auch mir fast alles zutraue, habe ich den Job angenommen und innerhalb von vier Tagen mit „Tränen schützen nicht vor Mord“ geliefert. Ahnungslos, weil vom Kriminalroman vollkommen unbeleckt, außerdem bewiesen, dass auch Henne nach dem Ei möglich ist.

Welches Noir-Klischee ist Dir das liebste?

Wenn im heftigsten Geballere die Liebe zuschlägt und der Regisseur den bösen Gangstern für die Knutscherei ( und das Abkühlen der 268-schüssigen Sechskammer-Revolver ) zwei Minuten Waffenstillstand genehmigt.

Ein paar Film noir-Favoriten?

Fahrstuhl zum Schafott. Guns for hire. Psycho. Richtig umgehauen hat mich lediglich „Der eiskalte Engel“. (Damals)

Und abgesehen von Noirs?

Brücke am Kwai. Seitdem war mir klar, dass Krieg mit schmissiger Marschmusik beschallt wird und eine wahrhaftig heroische Veranstaltung ist. Jenseits von Eden. Ein Streifen der ´ne Weile mein Auftreten und besonders meine Kleidung veränderte.

Welche Film- oder Romanfigur würdest Du mit eigenen Händen umbringen?

Ich gehörte exekutiert, wenn ich für einen der saudepperten Eliminierenswerten Knast riskierte.

Internet?

Geht Leben ohne Wasser?

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Noir-Fragen – Dein Leben als Film Noir

1.Im fiktiven Film noir Deines Lebens – welche Rolle wäre es für Dich?

Die des rauchenden Kerls an der ihn stützenden Laterne, der verdammt genau weiß, dass er einige Leichen zu wenig hinterlassen hat.

2.Und der Spitzname dazu?

Dirty Trench

3.Welcher lebende (oder bereits abgetretene) Schriftsteller sollte das Drehbuch dazu schreiben?

Theodor J. Reisdorf

4.Berühmtestes Zitat aus dem Streifen? (Beispiel: Scarface = The World
Is Yours, White Heat = Made It Ma, Top Of The World)

„Baby, die Harpune darfst du zur Gangsterjagd laut § 0341B nur unter Wasser benutzen.“

5.Schwarzweiß- oder Farbfilm?

Die Bösen schwarzweiß, die Guten in Farbe.

6.Wer liefert den Soundtrack zum Film?

Die ich gefragt habe, bestanden darauf, anonym zu bleiben

7.Welche Femme fatale dürfte Dich in den Untergang führen?

Keine, es sei, Ikea ( oder welcher Hersteller auch immer ) hätte mir das Bettmodell „Untergang“ ins Schlafzimmer gestellt.

8.In welchem Fluchtwagen wärst Du unterwegs?

Im Bentley vom Erzbischoff, dessen Chauffeuse und die reichhaltig ausgestattete Bar stresshemmend sein dürften.

9. Und mit welcher Bewaffnung?

Die Dame am Steuer und schussicherem Jäckchen trägt unverschämt H&K MP 7A1, 4,6 MM, verfügt in der Hutablage seiner Heiligkeit über ein halbes Dutzend Handgranaten, zwei Stinger-Raketen und gilt laut Waffenjournal selbst als die schärftse Waffe seit Erfindung des Schießpulvers.

10.Buch für den Knast?

Memoiren von „El Lute“. „Camina o revienta“, in der Hoffnung, darin ein brauchbares Rezept für den schnellstmöglichen Ausbruch zu finden.

11.Und am Ende: Welche Inschrift würde auf dem Grabstein stehen?

Würd´ich gerne drüber schreiben, alter Junge



THRILLER, DIE MAN GELESEN HABEN MUSS: JOHN D.MACDONALDs TRAVIS McGEE by Martin Compart

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Schon längere Zeit (also etwa ein Jahr) hatte ich nichts mehr von ihm in der Hand gehabt, ihn aber bereits mehrfach Michael Krause empfohlen. Nun hatte Michael endlich meine Empfehlung erhört und sich den ersten John D.MacDonald zugelegt. Und bei allen zeitlich bedingten Einschränkungen, sprang der Funke über. Das war mir ebenfalls Anlass, mich mal wieder etwas in John D. zu vertiefen, der so was wie eine fast lebenslange Krimi-Liebe von mir ist. Außerdem scheint in den USA eine kleine Renaissance bevor zu stehen, denn er wird dort endlich wieder aufgelegt.

48_A Deadly Shade of Gold 1965 Entdeckt habe ich Jaydee, wie wir Fans zu sagen pflegen, Ende der 1960er bei Heyne, die dankenswerter Weise damals auch die genialen Fawcett-Cover übernahmen. Gleich mein erster Travis McGee schlug bei mir ein wie eine Bombe. Endlich ein hard-boiled-Protagonist, der nicht in „der Tradition von Hammett und Chandler“ stand. Bei aller Liebe zu den Großmeistern, waren diese doch in vielen Dingen antiquiert und brachten mit Sicherheit nicht den Zeitgeist der 1960er Jahre (wie hätten sie auch können?) auf den Noir-Punkt.

43 Non-Series-Romane, 21 McGee-Romane, 3 Sciene Fiction-Romane, 4 Sachbücher (darunter mit THE HOUSE GUESTS eines der besten über Katzen) und etwa 500 Kurzgeschichten. Das Meiste auf hohem Niveau. Wer kann da ein bis drei Bücher auswählen, die man unbedingt gelesen haben sollte. Ich versuche es trotzdem: The Deep Blue Good-by (1964), Darker than Amber (1966), Dress Her in Indigo (1969 The Turquoise Lament (1973), The Empty Copper Sea (1978), gehören zu meinen McGee-Favoriten. THE EXECUTIONERS/CAPE FEAR (1962) oder END OF THE NIGHT (1960), oder NEON JUNGLE… oder, oder… oder…

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J.D.war der erste amerikanische Kriminalliterat, der sich mit Umwelt- und Wirtschaftsverbrechen beschäftigte. Mit der Zeit wurden seine Kommentare zum american way of death immer schärfer und verzweifelter. Da ihm die Perspektive einer (sozialistischen) Alternative fehlte, bemerkte er zum Schluss nur noch zynisch wie die verdammenswerte Konsumgesellschaft den Planeten zerstörte und in den Abgrund führte. Er wurde nie müde, die freie Marktwirtschaft, deren Axiome er lange unterstützte, in ihren Auswüchsen zu beklagen. Allerdings gelang er selten zu der Erkenntnis, dass eben diese Auswüchse konsequente Folge des unkontrollierten kapitalistischen Systems sind. Für MacDonald versagt nicht das System, sondern die menschliche Moral. Heute wären für ihn Banker und Politiker noch mehr als zu seiner Zeit Symbole des Bösen.

Kein anderer Autor (außer Ed McBain) führte die amerikanische Kriminalliteratur thematisch und mental so gründlich in die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts. Kein anderer zeitgenössischer Autor der 1950er bis 1970er behandelte die neuen Themen so breit und intensiv wie er: Jugendkriminalität, Stadtflucht, Umweltzerstörung, Rassismus, Entwurzlung der Kriegsveteranen, Wirtschaftskriminalität, Verknüpfung der Organisierten Kriminalität mit der legalen Wirtschaft, Konsumterror, Drogen, Suburbia-Neurosen, Revolte usw. Außerdem war er einer der ersten Noir-Autoren, die die Großstädte verließen um in der Provinz den Schrecken zu beschreiben. Er fügte Florida der Noir-Landkarte hinzu und war der Begründer des „Sunshine State Noir“, heute vertreten u.a. von so großartigen Autoren wie Carl Hiaasen, Randy Wayne White und James W.Hall (besonders letztere verdankten JD und Travis McGee eine Menge).
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In den 50er Jahren gab es erstmals auf breiter Ebene das Phänomen der Jugendrevolte. Die in Freiheit und Wohlstand aufwachsende junge Generation begann die Werte der Eltern nicht nur in Frage zu stellen, sondern auch erste Ansätze einer Gegenkultur zu entwickeln. Eine Tatsache, die MacDonald zutiefst beunruhigte.. Als einer der ersten Autoren – zu nennen wären auch noch Ross Macdonald, Ed McBain, Hal Ellson, Thomas B.Dewey und die zahlreichen Schreiber so genannter „juvenile delinquents“ – beschäftigte er sich mit diesem Thema. Mit großer Skepsis sah er die Entwicklungen und die Verbrechen der Mansion-Family Ende der 6oer Jahre muss ihm wie eine Bestätigung für seinen fast prophetischen Roman END OF THE NIGHT vorgekommen sein. MacDonald schrieb in der Regel auch keine Detektiv- oder PI-Romane; er schrieb amerikanische Thriller, oft Noir-Thriller.

Wirkliches Verständnis für die jugendliche Subkultur hatte er nicht – trotz des ehrenwerten Versuches in DRESS HER IN INDIGO. Als Libertärer hatte er allerdings auch kein Verständnis für die staatliche Repression gegenüber Drogen: „Der Besitz von Marihuana ist ein Kapitalverbrechen. Egal ob Marihuana nun so harmlos ist, wie viele glauben, oder so schlecht und schädlich wie andere meinen… Die selbstherrlichen Säulen der Gesellschaft und der Kirche glauben, den Rauschgiftgenuß damit verhindern zu können, indem sie den Besitz zum Kapitalverbrechen stempeln… Diese Strafe ist zu hart. Sie verschließt zu viele Türen. Diese Strafe zerstört einem jungen Menschen – der ein kleines Experiment gemacht hat – das ganze Leben…“ („Der Hippie im Indigo-Dress“; München 1970, Seite 18ff.)
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Seine Sprache erscheint auf den ersten Blick weniger kunstvoll. Das täuscht gewaltig, denn er ordnet jeden Satz der Geschichte oder seines kapitalismuskritischen Kommentar unter. Das unglaubliche Können, das sein Handwerk zu echter Kunst erhebt, zeigt sich erst bei genauerem Hinsehen. Man muss sich zum Beispiel im ersten Kapitel von A DEADLY SHADE OF GOLD das Telefonat zwischen McGee und Taggert ansehen. Auf zwei Seiten Dialog zeichnet J.D. ein genaues Psychogramm des alten Freundes, setzt den Plot, beschwört Vergangenheit und Beziehung herauf und legt die erste Schicht für die Atmosphäre, die den Roman durchzieht. Angesichts dieses Kunsthandwerks… Nein, angesichts dieser Kunst kann man nur in die Knie gehen vor einem Autor, der mit einem simples Telefonat dreidimensionale Figuren schafft und dabei noch den Suspense eröffnet.
Seine Stimme als Autor – der ganz bestimmte, unvergleichliche Erzählerton – kommt nicht aus der hard-boiled-Tradition des Genres. Viel mehr Gemeinsamkeiten hat sie mit Scott Fitzgerald oder John O’Hara, den MacDonald sehr bewunderte. Auch Graham Greene kommt einem bei der Lektüre manchmal in den Sinn. Er machte keine großen stilistische Experimente, sondern konzentrierte sich auf den Aufbau seiner Geschichten und auf die Erzählerstimme. Deshalb bleibt mehr noch als die vielen hinreißenden Charaktere, originellen Szenen und teuflischen Plots eben diese besondere Stimme in der Erinnerung. MacDonalds unnachahmlicher Ton gab den Takt an für seine höllischen Orchester. MacDonald ist ein komplexer Autor, der alle Aspekte der amerikanischen Gesellschaft aus einer kritischen, wertkonservativen Position heraus kommentierte und oft Weitsicht bewies. In der amerikanischen Kriminalliteratur steht er als Original völlig einzigartig da. Mit Travis McGee gelang ihm eine der komplexesten Serienfiguren des gesamten Genres.

Der ehemalige Harvard-Business-Schüler begann mit Ende vierzig seinen Magnum Opus; die Travis McGee-Serie. Er war eher konservativ, besser gesagt, ein Libertärer. Aber er beäugte den Markt genauso skeptisch wie den Staat. Als Bestseller-Autor war er spätestens Mitte der 1950er etabliert. Sein bis dahin ambitioniertester Roman, THE DAMNED, hatte 2 Millionen Exemplare verkauft. Bis 1963 weigerte sich John D. eine Serie zu schreiben. Aber dann überwarf sich sein Lektor bei Fawcett mit dem politischen Blindgänger Richard S.Prather. 22851732Dessen Shell Scott-Serie gehörte zu den erfolgreichsten Produkten des Verlages, aber der McCarthyismus von Prather störte Lektor Knox Burger zunehmend und er strich den verballhornten Namen eines demokratischen Politikers, den Prather einem Antagonisten gegeben hatte, aus dem Manuskript. Prather war sauer und bekam gleichzeitig ein Angebot für seine Erfolgsserie von Fawcetts Konkurrenten Pocket Books. Burger war in Schwierigkeiten. Die Verlagsleitung war sauer, dass er die Milchkuh auf eine andere Weide laufen ließ. Also wandte er sich an J.D., mit dem er inzwischen befreundet war (und der ihm als Autor von Dell zu Fawcett gefolgt war). Um die Sache kurz zu machen: J.D. schrieb erstmal drei Romane über einen Dallas McGee, bevor er meinte, er käme mit einer Serie zurecht. Wegen der Ermordung Kennedys in Dallas (so hat doch alles etwas gutes) wurde dann Dallas zu Travis.

Mit Travis McGee schüttelte JD endgültig den Trenchcoat vom amerikanischen Noir-Helden ab. McGee ist kein Privatdetektiv, also kein idealisierte Kleinunternehmer. Er lebt auf einem Hausboot in Fort Lauderdale und arbeitet nur, wenn er muss oder es sich lohnt. Denn er ist der Meinung, erst das Vergnügen und dann die Arbeit.

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McGee löst lieber Bikini-Oberteile als knifflige Fälle, feiert, trinkt und angelt gern. Ein Hedonist, der mit den Jugendlichen der Sechziger mehr gemein hat als mit der Generation ihrer Eltern (zu der JD gehörte). Im Gegensatz zu Marlowe und Spade und Hammer behandelte er Frauen mit Respekt und Gleichberechtigung. Er ist ein guter Freund und hat einen ausgeprägten Gerechtigkeitssinn. Ein Leben als Angestellten-Lemure kommt ihm schon gar nicht in den Sinn. Dazu liebt er die Freiheit zu sehr. Aber er weiß natürlich, dass Freiheit in der kapitalistischen Gesellschaft ein teures Gut ist. Deshalb macht er „Bergungsjobs“(„salvage consultant“). Er kümmert sich also um Geld oder Vermögenswerte, die jemanden legal, aber nicht legitim, geraubt wurden oder die durch sonstige kriminelle Machenschaften den Besitzer gewechselt haben. Für die Hälfte holt ihnen McGee das Geraubte zurück. Davon legt er dann was für später zurück und von dem anderen Teil lebt er in den Tag hinein, bis es mal wieder eng wird und er den nächsten Job erledigt. Natürlich ist sein Kodex nicht immer mit dem Gesetz deckungsgleich. Da empfindet er ähnlich wie seine Vorläufer. Nur scheint er intelligenter, empfindsamer und hat mehr Interessen. Wenn es hart auf hart geht, weiß er natürlich zu kämpfen, muss aber oft verdammt viel einstecken. Und oft genug hat es Travis mit Burschen zu tun, die mit Dämonen aus der Hölle verwandt sind.Image.ashx

Das Böse in seiner mythischen und irrationalen Vorstellung existierte für John D.MacDonald. Es manifestierte sich in vielen seiner Romane in dämonisch skrupellosen Figuren, die nicht nur von Macht- Geld- oder Sexgier angetrieben werden, sondern einen Teil ihrer Motivation und Kraft aus der Hölle direkt beziehen. Nick Cady aus den EXECUTIONERS oder Junior Allen, Boo Waxwell und Ans Terry – um nur einige Kontrahenten von McGee zu nennen – sind das personifizierte Böse, dem man- laut MacDonald – mit soziologischen oder psychologischen Erklärungsmodellen nur unzureichend beikommen kann. Diesem anthropologischen Pessimismus bringt er in seinem vorletzten Travis McGee-Roman auf den Punkt, wenn er seinen Helden und Sprachrohr mit dem Freund Meyer streiten lässt: „Du gehst davon aus, dass jeder erst einmal unschuldig und rein ist, und dann passiert irgendwas, das ihn verändert. Du gehst von dem Konzept aus, dass die Menschen erst einmal gut sind, und was wir als Gesellschaft dann verstehen sollen, sind die Gründe, durch die sie verdorben werden. Verstehen und versuchen zu heilen. Ich dagegen glaube, dass es so etwas gibt wie das Böse, dass das auch ohne Grund existiert. Das schwarze Herz, dem es Spaß macht, schwarz zu sein…“(Zimtbraune Haut, München 1983, Seite 139) 07_25_2010_05_47_27PM

Bis zum 17, Band, THE EMPTY COPPER SEA, waren die Romane alle „stand alones“, die man in beliebiger Reihenfolge lesen konnte. Ab diesem Roman intensivierte MacDonald das serielle Erzählen. Jetzt nahm jeder Roman auf den vorhergehenden Bezug oder baute darauf auf. Bei aller erzählerischen Kraft, ließ aber meines Erachtens von nun an MacDonalds Fähigkeit zum plotten deutlich nach.

comfort23Seit einiger Zeit geistert das Gerücht herum, dass diCaprio McGee in einer Verfilmung von THE BEEP BLUE GOOD-BYE spielen wird. Bisher gab es eine ganz akzeptable Verfilmung von DARKER THAN AMBER und ein TV-Movie nach THE EMPTY COPPER SEA. Beide, sonst von mir geschätzte, Schauspieler konnten mich nicht als Travis überzeugen. Der junge Robert Redford oder Ray Liotta kämen meinen Vorstellungen näher.
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John Dann MacDonald wurde am 24 Juli 1916 in Sharon, Pennsylvania geboren. Als er 12 Jahre alt war, zog seine Familie nach Utica, New York. Kurz darauf wurde er schwer krank und musste ein ganzes Jahr lang das Bett hüten. In dieser Zeit las er wie ein Besessener, um vor Krankheit und Monotonie zu fliehen. 1934 schrieb er sich an der Wharton School of Finance an der Universität von Pennsylvania ein. Nach dem Studium ging er nach New York und schlug sich mit Gelegenheitsjobs durch. Natürlich arbeitete er auch als Tellerwäscher – das darf wohl in keiner amerikanischen Erfolgsbiographie fehlen! Später landete er an der Universität von Syracus, wo er Betriebswirtschaft studierte und mit Diplom abschloss. MacDonald gehört zu den ganz wenigen Schriftstellern, die eine Ausbildung in Ökonomie machten. Ein Aspekt, der sich in seinem Werk niederschlagen sollte. An der Universität lernte er die Kunststudentin Dorothy Prentiss kennen, die er 1937 heiratete. Anschließend zogen beide nach Massachusetts, wo MacDonald an der wirtschaftlichen Fakultät von Harvard seine Studien vertiefte. 1939 beendete er endgültig seine Studien; in diesem Jahr wurde auch sein Kind, Maynard John, geboren. Nach wenig befriedigenden Jobs in der Wirtschaft trat er 1940 in die Armee ein. Im Juni 1943 wurde er nach Neu-Delhi ins Hauptquartier für den hinterindischen Kriegsschauplatz als Stabsoffizier versetzt. Dort wurde er auch dem Office of Strategic Service(OSS), dem direkten Vorläufer der CIA, zugeteilt. In dieser Funktion war er direkt an den Guerilla-Aktionen der Amerikaner gegen die Japaner in China und Hinterindien beteiligt und an der Planung der Burma-Offensive, die die Kriegswende zu Gunsten der Amerikaner mit einleitete, involviert. Wegen der strengen Geheimhaltungsvorschriften des OSS unterlag selbst seine Post an die Familie strengen Zensurmaßnahmen. Deshalb schrieb MacDonald für seine Frau einmal eine 2100 Worte lange Kurzgeschichte über sein Leben in Neu Delhi, statt eines Briefes. Ohne MacDonald zu fragen, verkaufte Dorothy diese Impression an das Magazin „Story“ für 25 Dollar.john d. macdonald 60s Die Story wurde im Sommer 1946 unter dem Titel INTERLUDE IN INDIA veröffentlicht und gehört zu den gesuchtesten Raritäten der MacDonald-Fans. Im September 1945 kehrte John nach New Jersey, wo seine Familie inzwischen lebte, zurück, und Dorothy überreichte ihrem verblüfften Mann den Scheck des „Story-Magazins“. Erstmals dachte er darüber ernsthaft nach Schriftsteller zu werden. Zumindest schien ihm das eine gute Gelegenheit um sich langsam in die Nachkriegsgesellschaft wieder einzuleben. „In den nächsten vier Monaten schrieb ich etwa 800 000 unverkäufliche Worte. Es war die klassische learning-by-doing-Methode. Hätte ich damit begonnen, einen Roman pro Jahr zu schreiben, hätte es zehn Jahre gedauert bis ich das Handwerk gelernt hätte. So saß ich vier Monate wöchentlich 80 Stunden an der Schreibmaschine, schrieb und lernte. Ungefähr 25 bis 30 Kurzgeschichten von mir zirkulierten ständig zwischen den Magazinen.“mystery_book_1949sum Fünf Monate später verkaufte er seine zweite Geschichte für 40 Dollar an das Pulp-Magazin „Detective Tales“. Anfang 1947 hatte er bereits 23 Geschichten an alle möglichen Magazine verkauft und konnte seine Familie mit der Schriftstellerei ernähren. In den nächsten Jahren war MacDonalds Ausstoß an Kurzgeschichten geradezu atemberaubend: Er verkaufte 1947 mindestens 35, 1948 etwa 50 und 1949 sogar 73 Geschichten. 1950, das Jahr, in dem er Romane zu schreiben begann, veröffentlichte er 52 Short Stories. Er schrieb alle Arten von Geschichten: Sportstories, Abenteuergeschichten, Western, Science Fiction, Fantasy und Kriminalgeschichten – immer mehr Kriminalgeschichten, bis in die frühen 50er Jahre über 160 Crime Stories. Er veröffentlichte so viele Geschichten, dass manchmal mehrere im selben Magazin erschienen. In der 1949er Juli-Ausgabe von „Fifteen Sports Stories“ etwa, erschienen vier gleichzeitig. Deshalb musste er sich eine Reihe von Pseudonymen zulegen; so schrieb er als John Wade Farrell, Robert Henry, John Lane, Scott O’Hara, Peter Reed und Henry Rieser. Trotzdem verkaufte er nichtmal alle Geschichten. Später erzählte er, wie er einen Nachmittag damit verbrachte seinem elfjährigen Sohn zuzuschauen, wie dieser zwei Millionen unverkaufte Worte verbrannte. JDM-Brass1951 zogen die MacDonalds in den Bundesstaat, dessen genauester Chronist er werden sollte: nach Florida. Zuvor hatte er aber mit THE BRASS CUPCAKE bei „Gold Medal Books“ seinen ersten Roman, eine Taschenbuchoriginalausgabe, veröffentlicht. Anfang der 50er Jahre war das große Sterben der Pulp-Magazine nicht mehr zu übersehen. Neue Medien, wie Fernsehen und Taschenbuch, verdrängten die jahrzehntelang für die Literaturgenres eine innovative Rolle spielenden Pulps in der Gunst der Leserschaft. Keine Kurzgeschichten und Fortsetzungsromane in großformatigen Magazinen waren jetzt noch gefragt, sondern schnelle, spannende Romane in billigen, kleinen Taschenbüchern, die sich auf den täglichen Fahrten mit Bus oder Bahn aus den Vororten in die Stadt zügig runterlesen ließen. Der Ökonom MacDonald erkannte die Trendwende ziemlich rasch und warf sich auf das neue Medium „Taschenbuchoriginalroman“. Von den 42 Romanen zwischen 1950 und 1964, die MacDonald vor dem ersten Serienroman um Travis McGee geschrieben hat, gelten heute viele als Klassiker. Wie kaum einem anderen amerikanischen Autor gelingt ihm ein facettenreiches Bild der US-Gesellschaft im Umbruch. Auf dem Höhepunkt der MacDonald-Renaissance Anfang der 1990er, waren in den USA wieder alle Non-MacGees lieferbar.
Bis auf zwei Ausnahmen, deren Wiederveröffentlichung er noch vor seinem Tod ablehnte: die James M.Cain-Imitation WEEP FOR ME aus dem Jahre 1951 (die von verschiedenen Fans hochgeschätzt wird) und die Novellisierung eines Judy Garland-Films.

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Da MacDonalds Romane meistens als Taschenbuchoriginalausgaben erschienen, wie gleichzeitig die Bücher von Jim Thompson, David Goodis oder Charles Williams, wurden sie bei Erscheinen von der Kritik wenig beachtet. Lediglich Anthony Boucher, der große Mann der amerikanischen Kriminalliteraturkritik, besprach und lobte seine Bücher regelmäßig. Er verglich ihn sogar mit Simenon, was den großen Ausstoß (in den 5oer Jahren durchschnittlich vier Romane im Jahr) und das gleichmäßig hohe Niveau angeht. Im Laufe der Jahre wurde MacDonald mit mehreren literarischen Ehrungen bedacht: 1955 erhielt seine Story THE BEAR TRAP den „Benjamin-Franklin-Preis“ der Universität von Illinois als beste Short Story des Jahres. Der Roman A KEY TO THE SUITE wurde 1964 in Frankreich mit dem „Grand Prix de la Littérature Policière“ ausgezeichnet. Sein Roman THE LAST ONE LEFT wurde 1967 für den „Edgar-Allan-Poe-Preis“ nominiert; mal wieder typisch für die amerikanische Kriminalschriftstellervereinigung und ihrer Ostküstenklüngelpolitik, dass MacDonald ebenso wenig wie Mickey Spillane, E.S.Gardner, Rex Stout, Ed McBain, Chester Himes, Gavin Lyall, Len Deighton, Desmond Bagley und, und, und, einen „Edgar“ für den besten Roman des Jahres verliehen bekamen. 1972 gabenihm die Mystery Writers of America, wie in solch peinlichen Situationen üblich, dann aber noch ihren „Grand Master Award“.

Er starb am 28. Dezember 1986 in Milwaukee.

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P.S.: Die Berufsbezeichnung seines Protagonisten in Jörg Fausers DAS SCHLANGENMAUL war übrigens eine bewusste Reminiszenz an J.D.s großen Helden.

Auch wenn Rod nicht wirklich McGee ist, der Film ist ein kleines Juwel.

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