Martin Compart


007 kehrt zurück by Martin Compart
31. Januar 2012, 9:58 am
Filed under: Ian Fleming, James Bond, Spythriller, thriller | Schlagwörter: , , ,

Nur noch wenige Wochen: Dann erscheint der neue Bond-Roman bei Blanvalet. Hier erfahren Sie, ob sich das Warten gelohnt hat und welche Aspekte Jeffrey Deaver dem Pop-Mythos entnimmt und ob er neue hinzufügen kann. Er muss sich letztlich an einem der größten Thriller-Autoren aller Zeiten messen lassen.

Mit dem neuen Roman und dem kommenden Film könnte es ein gutes Jahr für Bond-Fans werden.

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SPYTHRILLER: THE MAN FROM U.N.C.L.E. by Martin Compart
20. Oktober 2011, 2:31 pm
Filed under: Ian Fleming, thriller, TV-Serien | Schlagwörter: , , , ,

Hiermit beginne ich eine Serie, die unsystematisch und in loser Folge die Entwicklung des Spionagethrillers und Polit-Thrillers in den unterschiedlichen Medien beleuchten soll.

1962 kam mit „Dr. No“ der erste Bond-Film in die Kinos und löste in der westlichen Welt das aus, was als „Bonditis“ in die Kulturgeschichte eingehen sollte. Parallel zur Beatlemania erreichte der 007-Kult mit „Goldfinger“ 1965 den Höhepunkt, und Sean Connery wurde wie ein Popstar gefeiert. In Folge der Bond-Hysterie schossen Geheimagenten in Film und Romanen wie Pilze aus dem Boden. Jeder wollte sich eine Scheibe vom Agenten-Kuchen abschneiden. Auch in Deutschland wollte man von dieser Welle profitieren. Die Film-Produzenten stürzten sich auf einheimische Groschenhefte und produzierten Serien über den FBI-Agenten Jerry Cotton und Kommissar X – und machten in einem One Shot gar Lex Barker zu MISTER DYNAMIT.
Mit den ersten Bond-Filmen begann auch eine weltweite und multimediale Agentenwelle, die selbst ins Heimkino schwappte. Im Fernsehen hatte es bereits zuvor Geheimagentenserien gegeben, aber die waren eher bieder und plump. Das Phänomen Bond verschmolz den Agenten-Thriller mit Pop. Der Geheimagent wurde zur Pop-Ikone.
Als sich Anfang der 60er Jahre der Welterfolg von Agententhrillern in allen Medien abzuzeichnen begann, wollte das US-Fernsehen natürlich daran teilhaben. Die Briten hatten bereits großen Erfolg mit den TV-Serien DANGER MAN(GEHEIMAUFTRAG FüR JOHN DRAKE) und THE AVENGERS (MIT SCHIRM, CHARME UND MELONE).
Die Pop-Kultur war im Umbruch: Langhaarige Beat-Bands kauften den Matinee-Idolen oder Hinterwald-Rock’n Rollern den Schneid ab. An Universitäten las man MAD und die Ausdrücke „cool“, „camp“ oder „sophisticated“ wurden Modeworte. Seit den 50er Jahren entwickelte sich eine eigenständige Jugendkultur, unterstützt durch die Tatsache, dass keine Generation in der Adoleszenz zuvor über soviel Kaufkraft verfügte. Die Engländer verloren zwar ihr Empire, aber sie waren Vorreiter und Vordenker für das, was später den Namen Pop-Kultur erhalten sollte. Beatles und Bond wurden zum stärksten Aussenhandelfaktor im zivilen Warenverkehr der Briten.
Der Produzent und EMMY-Preisträger Norman Felton(DR.KILDARE, PLAYHOUSE 90) wollte schon lange eine SpionageSerie auf den Bildschirm bringen. Die Verantwortlichen bei NBC hatten ein offenes Ohr, die Zeit war reif für neue Helden oder „Formate“, wie man bei uns so zu sagen pflegt. Felton traf sich im November 1962 mit dem 007-Erfinder Ian Fleming, zwar bereits erkrankt (er starb 1964 und erlebte den Welterfolg seiner geistigen Schöpfung nur im Anfangsstadium mit), der sehr angetan war von der Idee, eine Fernsehserie zu kreieren. Von Flemings konzeptionellen Überlegungen blieb dann nicht viel übrig,nur die Namen Napoleon Solo (der einem Gangster aus GOLDFINGER entliehen wurde) und April Dancer (die in der spin-off-Serie THE GIRL FROM U.N.C.L.E. von 1966 bis 1967 von Stephanie Powers verkörpert wurde). Fleming hatte bekanntlich ein großartiges Talent ungewöhnliche und unvergessliche Namen zu erfinden. Und natürlich schadete es der späteren Serie nicht, dass sie immer wieder mit Ian Fleming in Verbindung gebracht wurde.

SOLO FüR UNCLE ist eine Agentenserie, die ihre eigene Parodie gleich mitliefert. Ununterbrochen retten die Agenten der weltumspannenden Organisation U.N.C.L.E. die Welt vor einer (scheinbar)apolitischen Verbrecherorganisation namens THRUSH. Die absurden Plots verdanken einiges den britischen Pop-Klassikern AVENGERS, CORRIDOR PEOPLE oder THE ODD MAN.
Das für damalige Verhältnisse ungewöhnlich hohe Tempo erreichte die Serie durch den gnadenlosen Einsatz von Wischblenden und der Handführung der Arriflex-Kamera, die im Fernsehen zuvor nie genutzt worden war, bei Action-Sequenzen. Das Konzept, wie es von AutorSam Rolfe weiterentwickelt wurde, ist eine Synthese aus Bond- und Hitchcock-Thrillern: Von Hitchcock übernahm man das Konzept von der Durchschnittsperson, die fast in jeder Folge unschuldig in den Kampf zwischen UNCLE und THRUSH verwickelt wird. Und Robert Vaughn als Napoleron Solo hat einiges von Hitchcocks Lieblingsschauspieler Cary Grant. Aus den Bond-Filmen übernahm man den weisen, alten Chef in der Gestalt von Leo G.Carroll als Mr.Waverly, die professionellen Agenten, die bizarren Superschurken und die weltweiten Handlungsorte (die sichimmer innerhalb der MGM-Studios befanden). Um nicht in Kalte-Kriegs-Ideologie zu versinken, hatte Sam Rolfe aus der UNCLE-Organisation so eine Art Geheimdienst der UNOgemacht, in der der Amerikaner Solo zusammen mit dem Russen Ilja Kuryiakin gegen die asozialen Ganoven von THRUSH kämpfte.
Beide Organisationen sind mehr als nur Action-Lieferanten für Drehbuchautoren. Die UNCLE-Agenten stellten einen neuen Protagonistentypus im Fernsehen dar: Gutgekleidete, liberale Weltbürger, die keiner erotischen Versuchung aus dem Wege gingen (zumindest der Sexmaniac Solo nicht). Ihre Umgangsformen sind kameradschaftlich, und auch das Verhältnis zu ihrem Chef ist nicht von Untertanenmentalität geprägt. Dagegen stehen die karrieresüchtigen Aufsteiger der als gigantische Bürokratie karikierten Organisation THRUSH. Die THRUSH-Agenten haben die strengen hierarchischen Strukturen verinnerlicht, träumen von Beförderung und machen sich Gedanken über den internen Rentenplan. Sie zeichnen sich durch unterdrückte Sexualität aus, die im krassen Gegensatz zum erotischen Appetit eines Napoleon Solo steht. THRUSHs Ziel ist eine primitive, puritanische Version des Kapitalismus, der Menschen als Rohmaterial ansieht. Also eine Organisation wie die von Josef Ackermann geprägte Deutsche Bank. Beim Wiedersehen wirkt so mancher THRUSH-Agent wie einer dieser hohlen Banker.
Dem gegenüber steht bei UNCLE das Konzept einer liberalen, aufgeklärten Angestelltengesellschaft vermeintlich freier Individuen. Das Böse entwickelt sich nicht mehr, wie in den Serien der 50er Jahre, aus moralischer Schwäche Einzelner, sondern aus den unterschiedlichen Ideologien, insbesondere aus dem fanatischen Puritanismus. Diese ideologische Strategie der Serie ließ sie damals so modern wirken: Die neue Konsumgesellschaft der 60er Jahre verlangte von ihren Mitgliedern andere Fähigkeiten als in früheren kapitalistischen Phasen: Statt Treue zum Arbeitsplatz war nun Mobilität erforderlich, statt sklavische Ausführung von Anordnungen brauchte man nun den mitdenkenden Facharbeiter und statt Bescheidenheit war verschärfter Konsum angesagt.
Die Pop-Serien der 60er Jahre singen das Hohe Lied der nivellierten Mittelstandsgesellschaft. Im Gegensatz zu den 50er-Jahre-Serien wird der hedonistische, konsumfreudige Weltmann heroisiert, der seine Bedürfnisse frei auslebt. Der moralisierende, sich selbst kasteiende Serienheld des vorherigen Jahrzehnts wurde als THRUSH-Agent lächerlich gemacht. Nicht mehr derjenige, der seine Sexualität auslebt ist der gefährliche Irre, sondern derjenige, der sie unterdrückt.

Immer wieder hat es Napoleon Solo mit frigiden Workaholics und frustrierten Hausfrauen zu tun, denen er mit seinem geballten Sexappeal so zusetzt, dass sie am Ende jeder Folge in ein befriedigenderes Leben aus der Serie entschwinden.
Dieser Subtext korrespondierte mit der Haltung der jüngeren Generation, insbesondere der College-Jugend, der die Serie ihren Erfolg verdankte: In den ersten Monaten war MAN FROM UNCLE ein echter Flop und stand kurz vor der Absetzung. Aber dann kamen die Studenten in den Weihnachtsferien nach Hause. PR-Mann Painter: „Jedesmal, wenn ich an einem Studentenheim vorbeikam, während unsere Serie lief, hörte ich bekannte Töne. Leider wurden die Fernseher in den Studentenheimen aber nicht von Nielsen nach Einschaltquoten gemessen. Aber ich wusste, wenn die Studenten in den Ferien nach Hause fahren, haben wir gewonnen.“ Und sokam es auch. Über Nacht gingen die Einschaltquoten steil nach oben, und die Serie wurde zu einem Phänomen. Auf dem Höhepunkt des Erfolges bekamen die Stars 60000 Fanbriefe monatlich und der Rummel um Robert Vaughn und David McCallum war auf demselben Level wie Beatlemania oder Bonditis. Die PR-Abteilung der Produktion hatte wesentlichen Anteil daran, die Serie auf Erfolgskurs zu bringen. SOLO FÜR ONCEL war ein frühes Musterbeispiel für die Bedeutung von Marketing für einen Serienerfolg: Als die Serie im ersten Jahr in den Nielsen-Ratings so bescheiden dastand, dass ihre Fortführung gefährdet war, holte sich Sam Rolfe den Presse-Agenten Chuck Painter. Der entwickelte sofort eine durchschlagende Strategie: Er sah sich die Großstädte an, in der die Einschaltquoten am schlechtesten waren. Dort organisierte er für die Wochenenden Auftritte der UNCLE-Stars in Supermärkten und lokalen Nachrichtensendungen. Freitags nach Drehschluss, nachdem sie fünf Tage lang täglich 12 Stunden vor der Kamera gestanden hatten, wurden Robert Vaughn und David McCallum zum Flughafen gebracht, um am Wochenende drei Städte zu besuchen und Werbung für die Serie zu machen. Ein mörderisches Programm, dass wohl kein deutscher Produzent mit seinen Stars durchziehen könnte. Es zeigte Wirkung. In jeder Stadt, wo die UNCLE-Stars aufgetreten waren, gingen die Ratings hoch. Robert Vaughn: „Wäre das alles in den 80er Jahren statt in den 60ern passiert, wäre die Serie abgesetzt worden. Man hätte ihr keine Chance geben, sich ihr Publikum zu erobern.“

P.S.: Steven Soderbergh plant für 2012 einen Kinofilm nach der Serie.



KRIMIS,DIE MAN GELESEN HABEN SOLLTE by Martin Compart

Ausgehend von einer kleinen Serie, die ich vor einigen Jahren in der FINANCIAL TIMES DEUTSCHLAND veröffentlicht habe, möchte ich an dieser Stelle gelegentlich besondere Krimis vorstellen, Klassiker, die jeder Krimi-Fan in seiner Basis-Bibliothek haben sollte. Zwar sind einige Titel momentan nicht lieferbar (Schande über die Verlage), aber im Internet oder Antiquariaten sind sie leicht auffindbar, da sie meist in verschiedenen Ausgaben und hohen Auflagen veröffentlicht wurden. Es geht quer durch alle Subgenres der Kriminalliteratur.

DIE MASKE DES DIMITRIOS von Eric Ambler
Dimitrios hat es endlich erwischt! Keiner weint dem Gangster und Terroristen eine Träne nach, als man seine Leiche aus dem Bosporos zieht. Lang genug grub sich seine blutige Spur quer durch den Balkan. Der englische Krimiautor Latimer ist von Dimitrios‘ Lebensgeschichte so fasziniert, dass er sie rekonstruieren will und damit eine Reise durch die politische Hölle Osteuropas in den 20er- und 30er Jahre beginnt.

Ambler verschachtelt komplexe Handlungen, zeitgeschichtliche Dokumente und Rückblenden zu einer atemberaubenden Menschenjagd. Seine Prosa ist ungemein modern in ihrer Effektivität. Aber dem Leser bleibt keine Zeit, die Qualität des Stils zu bemerken, denn die Story jagt mit hohem Tempo auf ihr dramatisches Finale zu. „Ich hatte Schwierigkeiten mit Dimitrios. Ich wußte, dass es etwas ganz Neues sein würde und dass ich nur das Beste abliefern dürfte“, schrieb der 1998 verstorbene Autor in seinen Memoiren.
Großkaliber wie John LeCarré, Gavin Lyall, Len Deighton oder Ross Thomas wären ohne die Innovationen von Ambler nicht vorstellbar. Er verband den Spionageroman mit politischer Aufklärung und machte zeitgleich mit Graham Greene ein eigenes Genre daraus. Und da sein politisches Bewusstsein immer auf Weitwinkel eingestellt war, erklärte er in seinen 19 Romanen dem Leser die Welt hinter den Schlagzeilen. Immer nach der Devise: Es kommt nicht darauf an, wer die Pistole abfeuert, sondern darauf, wer die Schützen bezahlt. Amblers Romane sind auch Handbücher für Putsche, Revolutionen oder Kriege. Die perfekte Synthese aus Roman und Sachbuch. Darüberhinaus wüssten wir ohne seine Osteuropa-Thriller noch weniger über den Balkan – was ihn gerade heute wieder aktuell macht. Mehr als einmal stockt man bei der Lektüre des 1939 erschienen Romans und erkennt Parallelen zur Gegenwart.

Eric Ambler: Die Maske des Dimitrios. Erstmals ungekürzte Neuübersetzung. Diogenes Verlag.

DIE HOTTENTOTTEN-VENUS von H.C.Bailey
Wenn man bei uns an die großen Detektive des Golden Age denkt, fällt den wenigsten der Name Reggie Fortune ein. Obwohl einer der wahren Giganten des Genres, wurde er bei uns lediglich durch eine inzwischen viel gesuchte Publikation in der frühen
Rowohlt-Thrillerreihe veröffentlicht
Bailey (1878-1961) war einer der Großmeister der klassischen Detektivgeschichte um den Great Detective und sein Held Reggie Fortune steht ganz in der Tradition der exzentrischen Amateurdetektive. Er ist dick, gemüt- und humorvoll und faul.
Er liebt große Autos, gutes Essen und Trinken und Varieteegirls. Er kann ungeheuer sentimental sein, aber auch wütend und bösartig. Baily hetzte das Dickerchen durch 85 Kurzgeschichten und neun Romane. Dabei erschrieb er der Form eine menschliche, ethische und moralische Dimension, die einigen Kritikern sogar als Chesterton überlegen gilt. Daneben verdient Bailey auch für einige der ausgeklügelsten und spannendsten Geschichten gelobt zu werden, die zusammen mit der Dreidimensionalität der Charaktere und dem feinen Gespür für Atmosphäre zum Allerbesten der Gattung zählen. Anders als seine zeitgenössischen Kollegen, verachtet Fortune, bzw. Bailey, den Snobismus der Oberschicht, die Klassenstrukturen der britischen Gesellschaft zwischen den Weltkriegen. Durch sein Mitfühlen wird er oft emotional in seine Fälle verwickelt – für die großen Detektive des Golden Age meist etwas unvorstellbares. Und der kleine Fettsack Reggie hat natürlich auch seine eigenen Vorstellungen von Gerechtigkeit, die sich nicht unbedingt
mit dem Strafgesetzbuch decken müssen. Um allen literarischen Ansprüchen zu genügen, schrieb Bailey relativ lange Kurzgeschichten, da er weder auf sorgfältige Charakterisierung, noch auf Atmosphäre verzichten wollte.Ym4wMDcx[1]
Es ist dem Diogenes Verlag mal wieder zu danken, dass er diesen Klassiker ausgegraben hat. Aber leider hat das auch Wermutstropfen: dies ist der erste Band mit Fortune-Geschichten und Bailey ist noch weit von seiner Bestform entfernt (allerdings zwingt sich beim Lesen auch manchmal der Verdacht auf, dass man die Stories etwas flüssiger hätte
übersetzen können). Dieser Klassiker macht nämlich deutlich, was wir heute beim Lesen zeitgenössischer Kriminalliteratur zu oft vergessen: welch ungeheures Vergnügen
die wirklichen Meister des Golden Age bereiten können! Leider blieb es bei dem einen Band im Diogenes Verlag. H.C.Bailey wartet nach wie vor auf eine gepflegte deutsche Veröffentlichung. Die besseren Geschichten findet man im Rowohlt-Band, der Bailey auf der Höhe seines Könnens zeigt.
H.C.Bailey: Die Hottentotte-Venus(CallMr.Fortune,1920).Deutsch von Cornelia C.Walter. Diogenes Verlag;252 Seiten.

MEIN VERBRECHEN von Nicholas Blake
„Ich will einen Menschen töten. Ich weiß nicht, wie er heißt, ich weiß nicht, wo er wohnt, ich habe keine Ahnung, wie er aussieht. Aber ich werde ihn finden und ihn töten…“
So beginnt der 1938 erschienen Kriminalroman THE BEAST MUST DIE von Nicholas Blake, der neue Akzente setzte, von Claude Chabrol verfilmt wurde und noch heute gierig verschlungen wird.
Blake wiech mit diesem Buch von seinen sonstigen Detektivromane über Nigel Strangeways, die voller literarischer Anspielungen sind, ab. Indem er die Perspektive eines rächenden Vaters, der den Mörder seines Sohnes sucht um ihn zu töten, wählte, schrieb er einen psychologischen Thriller und keinen klassischen Detektivroman. Auf die Idee war er gekommen, als sein kleiner Sohn fast überfahren worden wäre. Der erste Teil wird von Felix Lane erzählt, einen Krimiautor, dessen Sohn überfahren wurde. Brillant ist die Detektivarbeit von Lane, mit der er die Identität des Fahrerflüchtigen ermittelt. BlakeNicholas[1]
Cecil Day Lewis(1904-72), der Vater des Schauspielers Daniel Day Lewis, war Kommunist und ein bewunderter Lyriker, als er 1935 unter dem Pseudonym Nicholas Blake Kriminalromane zu schreiben begann. Der Grund? Er brauchte Geld um sein Dach reparieren zu lassen. Es folgten 15 höchst originelle Kriminalromane, die oft die Formel des klassischen Detektivromans durchbrachen oder originelle Milieus und Charaktere in den Mittelpunkt stellten.

Nicholas Blake: Mein Verbrechen. Diogenes Verlag, 1995.

KEINE ORCHIDEEN FÜR MISS BLANDISH von James Hadley Chase
Das Geburtsjahr des britischen Noir-Romans war 1939. In diesem Jahr debutierte Rene Raymond alias James Hadley Chase (1906-85) mit seinem ultrabrutalen, in einem mythischen Amerika NoOrchidsForMissBlandishF[1]angesiedelten, NO ORCHIDS FOR MISS BLANDISH. Die Entführung einer Millionenerbin durch eine perverse Gangsterbande, die an Ma Barkers Gang erinnert, wurde für damalige Verhältnisse geradezu schockierend brutal erzählt. Angeblich war der Roman von William Faulkners SANCTUARY (1931) inspiriert. Die Realität ist eine andere: Chase arbeitete Mitte der 30er Jahre als Buchhandelsvertreter und erlebte den sensationellen Erfolg von James Malahan Cains Roman WENN DER POSTMANN ZWEIMAL KLINGELT hautnah mit. Er besorgte sich ein amerikanisches Slanglexikon, eine Schreibmaschine und legte los. Innerhalb von sechs Wochenenden schrieb er das Buch. Chase druckte eine hohe Auflage, bestückte jeden seiner Buchhändler mit sechs Freiexemplaren und organisierte ein Presseecho. Innerhalb von fünf Jahren verkaufte er eine Million Exemplare.
Obwohl Chase später brutale Geschichten aus der Londoner Unterwelt erzählte, kehrte er immer wieder in sein mythisches Amerika zurück. Wie andere große Autoren schuf er sich einen eigenen Kosmos. Chase, der die USA nur von einem einzigen Kurztrip kannte, ließ seine besten Romane in „Chase Counrty“ spielen, in dem er den gesellschaftlichen Sozialdarwinismus ungeschminkt vorführte. Chase erzählte schmutzige, schnelle Geschichten über wenig sympathische Menschen, die für Sex, Macht und Geld alle gesellschaftlichen Normen brechen. Er zeichnete ein düsteres Bild der westlichen Zivilisation, in der jeder der Wolf des Anderen sein muss, wenn er nicht untergehen will.
Chase war ein Freund vo Graham Greene (und sie hatten denselben Steuerberater, was sie auch noch zu Komplizen machte).

James Hadley Chase: Keine Orchideen für Miss Blandish; Amsel Verlag 1955. Zuletzt bei Ullstein. Vergriffen.

ALIBI von Agatha Christie
Es ist leider modisch geworden, über Agatha Christie die Nase zu rümpfen. Sie sei altmodisch, verkörpere die Ideologie einer längst untergegangenen Gesellschaftsschicht und schrieb nur Pappcharaktere, sind nur einige Vorwürfe. Dabei übersieht man, dass ihr spröder Charme und die Eleganz ihrer Handlungsführung immer wieder neue Lesergenerationen in den Bann ziehen. Und man vergisst, dass Dame Agatha mehr innovative Rätsel erfand als jeder andere Autor des klassischen Detektivromans. Einen guten Eindruck von ihrem schier unendlichen Einfallsreichtum bietet der Miss Marple-Band DER DIENSTAGABEND-KLUB (Scherz) mit ausgefuchsten Kurzgeschichten. Ihre bis 1945 geschriebenen Bücher sind von höherer Qualität als die späteren. Mrs. Christies Welt der idyllischen Morde – falls es soetwas gibt – versank in den Stahlgewittern des 2.Weltkrieges, und das beeinträchtigte ihren Einfallsreichtum ein wenig. Für gelegentliche Geniestreiche wie etwa DAS FAHLE PFERD, war sie aber noch immer gut.

ALIBI (THE MURDER OF ROGER ACKROYD) war Christies 7.Roman und erschien 1926. Mit einem Schlag gehörte sie zu den besten Autoren des Genres. Es ist der Roman, den die Krimitheoretiker nach wie vor für ihr cleverstes Buch halten. Am Anfang steht der für sie so charakteristische Mord in einem anheimelnden Dörfchen auf dem Lande. So erfand sie für diesen Hercule Poirot-Roman eine Lösung, die den unvorbereiteten Leser noch heute verblüfft. Kopiert wurde diese Struktur selten (zum Beispiel in A.D.G.s großartigem Roman DIE NACHT DER KRANKEN HUNDE). Denn um mit diesem Trick durchzukommen, verlangt es all die schriftstellerischen Fähigkeiten, die verschiedene Kritiker ihr so gerne absprechen.

Agatha Christie: Alibi; Scherz Verlag

IpcressFile[1]IPCRESS – STRENG GEHEIM von Len Deighton
Als 1962 THE IPCRESS FILE
herauskam, war er auf Anhieb die Sensation des boomenden Spionagegenres. Einigen Kritikern galt Deighton „besser als Ian Fleming“, dessen das Publikum enttäuschender aber experimenteller Bond-Roman THE SPY WHO LOVED ME im selben Jahr erschien.
IPCRESS zeichnete sich durch einen faktischen Realismus aus, den man zuvor im Genre nicht gekannt hatte. Len Deighton war als erster Autor immer auf der Höhe der technischen Entwicklungen und setzte sie realistisch in seinen kompliziert geplotteten Spionage-Epen ein. Wenn man so will, war er ein Vorläufer der heute so erfolgreichen Techno-Thriller. Tatsächlich gilt einigen Theoretikern sein 1966 erschienener Roman DAS MILLIARDEN-DOLLAR-GEHIRN (Knaur, 1988) um einen Supercomputer, der für einen faschistischen texanischen Ölbaron einen Angriff auf Lettland lenkt, als erstes Exemplar des Subgenres High-Tech-Thriller.
Harte Schnitte, extreme Szenenüberblendungen und abrupte Perspektivenwechsel machen es dem Leser nicht leicht, sich ein Bild von der komplizierten Handlung in IPCRESS zu machen. Aber sie erzeugen ein Gefühl der Authentizität, die den Realismusanspruch des Autors
unterstreicht. Deightons Ich-Erzähler ist ein Antiheld, der nur in den drei ausgezeichneten Filmen mit Michael Caine den Namen Harry Palmer
trägt. Ein echter Typ der 6oer Jahre: Sein Kampf gegen die Hierachien und die Intrigen des eigenen Dienstes waren oft anstrengender als der Krieg gegen den kommunistischen Gegner. Ausserdem stammte er aus der Arbeiterklasse und war dem Establishment gegenüber mehr als misstrauisch: „Ich hatte keine Chance zwischen dem Kommunismus auf der einen Seite und unserem Establishment auf der anderen.“ Als gesellschaftlicher Außenseiter, der seinen Job illusionslos und ohne ideologische Befangenheit verrichtet, ist er dem namenlosen Continental-Detektiv von Dashiell Hammett näher als James Bond. Im Laufe der Zeit wurde Deightons Erzähltechnik immer konventioneller und gefälliger. Auch der freche Dialogwitz der frühen Romane ist inzwischen fast ganz verschwunden. Politisch entwickelte
er sich gegen die Zeit: Während er in den frühen Büchern ideologiefrei seinen Antihelden Bündnisse mit sympathischen Russen eingehen ließ, wurde er mit jedem weiteren Bestseller mehr zum kalten Krieger.

Len Deighton: Ipcress streng geheim; Knaur TB 1734, 1988.Vergriffen.

IM GEHEIMDIENST IHRER MAJESTÄT von Ian Fleming
John LeCarré bringt es auf den Punkt: „Ich habe Bond nie wirklich als Spion gesehen. Ich halte ihn eher für ein Wirtschaftswunderkind mit der Lizenz, sich im Interesse des Kapitals extrem schlecht zu benehmen.“ Bond ist natürlich mehr: Eine unsterbliche Pop-Ikone mit immensem Einfluss auf Moden und Wunschvorstellungen, Symbolfigur des Kalten Krieges und eines modernen Hedonismus.majesty[1]
1953 erschien CASINO ROYAL, Ian Flemings erster Bond-Roman, der sofort bewies, dass hier ein absoluter Meister des Thrillers schrieb. Zu seinen Fans gehörte sogar Raymond Chandler. Über Nacht waren die Geheimagenten alter Schule, John Buchans Richard Hannay oder die Clubland-Heroes von Dornford Yates, Schnee von gestern. Es folgten elf Romane und acht Kurzgeschichten. Der Ruhm der Figur überstrahlte den des geistigen Vaters. IM GEHEIMDIENST IHRER MAJESTÄT ist ein perfektes Beispiel dafür, wie Fleming die wahnwitzigsten Handlungen völlig glaubwürdig schilderte. Wie in GOLDFINGER wird die Fleming-Formel perfekt umgesetzt: Ein Profi kämpft mit Hilfe technischer Tricks, physischer Kraft und Intelligenz gegen einen furchtbaren Feind, der England vernichten will. Dabei hat er noch Zeit für amouröse Abenteuer und gutes Essen. Seine Feinde waren Kommunisten und frühe Globalisierer wie das multinationale Gangstersyndikat SPECTRE oder Hugo Drax‘ Wirtschaftskonzern. Fleming war vor Uwe Johnson der erste Literat, der Markenartikel als Realismusinseln einführte. Bond war auch ein Rassist und Chauvinist. Ihm galten alle Völker als den Briten unterlegen. Bonds rassistische Äußerungen wurden aus den Übersetzungen teilweise getilgt. Fleming legt ein Tempo vor, daß dem Leser keine Pausen gönnt. Gemessen an ihm sind die modernen Bestsellerautoren lahme Enten. Flemings Qualität beweist die Lektüre seiner weniger talentierten Nachfolger John Gardner oder Raymond Benson, die neue Bond-Romane vorlegten.
Nachdem sich Präsident Kennedy 1961 im LIFE-Magazin als Bond-Fan outete, jagten die Umsätze von Flemings Büchern in ungeahnte Höhen und machten ihn zu einem der meistverkauften Schriftsteller aller Zeiten. Und dann kam auch noch das Kino…

Ian Fleming: Im Dienst Ihrer Majestät. Zuletzt bei Heyne.

DIE FREUNDE VON EDDIE COYLE von George V.Higgins
Eddie Coyle ist eine echte Ratte, ein kleiner Gangster, der ständig zwischen den Fronten hin- und herwieselt, um seine schmutzigen Geschäfte durchzuziehen. Mal dient er als Polizeispitzel, mal dreht er mit den Freunden ein Ding. Ganz spezielle Freunde sind das: Bankräuber, Waffenhändler und kleine Ganoven wie Eddie selbst. Bei seinem Doppelspiel muss er schwer aufpassen. Und dann spitzt sich die Situation so zu, dass man von ihm verlangt, seine Freunde ans Messer zu liefern.
Niemand schrieb Dialoge wie der Bostoner Jurist George V.Higgins, der 1999 nur 59jährig starb. Er konnte eine ganze Geschichte fast völlig in Dialogen erzählen, die die Story vorantrieben und gleichzeitig die Personen charakterisierten. Mit seinem Debut verpasste er 1972 dem Crime-Genre eine neue Dosis literarischen Realismus. Selbst Norman Mailer war fassungslos über die Qualität dieses Erstlings, daß 1985 von einer Buchhändlervereinigung zu einem der 25 wichtigsten Romane des 20.Jahrhunderts gewählt wurde. Die gelungene Verfilmung von Peter Yates mit Robert Mitchum, ein seltener Glücksfall für einen Autor, wurde ebenfalls zum Klassiker.

Der moderne Gangsterroman verdankt ihm mehr als jedem anderen Autor. Elmore Leonard bezeichnete ihn als den Meister, von dem er alles lernte (Einer der Hauptcharaktere in Higgins Roman heisst übrigens Jackie Brown – ein Name, den Leonard später aufgriff, um seine Reverenz zu erweisen). Bevor er Anwalt wurde, arbeitete Higgins als Kriminalreporter und lernte die Unterwelt der Ostküste kennen. Später wurde er Staatsanwalt, dann Anwalt, der so illustre Charaktere wie den Watergate-Einbrecher G.Gordon Liddy und den Black Panther-Führer Eldridge Cleaver verteidigte. Als Schriftsteller von der Kritik verehrt, konnte er den Erfolg seines Erstlings mit den späteren Büchern nicht wiederholen.

George V.Higgins: DIE FREUNDE VON EDDIE COYLE.Hoffmann & Campe,1973. Goldmann, 1990.

EINZELGÄNGER – MÄNNLICH von Geoffrey Household
1939 veröffentlichte Geoffrey Household einen Schocker, der heute noch unter die Haut geht: ROGUE MALE. Ein Klassiker und eine der drei besten Jagd- und Fluchtgeschichten. Im Roman berichtet ein namenloser Erzähler, der bei einem scheinbaren Attentat auf einen mitteleuropäischen Diktator erwischt und von der Geheimplizei schlimm gefoltert wird. Scheinbar tot kann er seinen Peinigern in einer nervenzerfetzenden Flucht nach England entkommen. Durch unglückliche Umstände wird er von der Polizei und den Agenten des Diktators durch die grandiose Landschaft von Dorset gehetzt. Auch wenn keine Namen fallen und Deutschland nicht erwähnt wird, bleibt keine Sekunde unklar, dass es sich bei dem mitteleuropäischen Diktator um Hitler handelt. 51TJ1cASKtL._SS500_[1]
Der literarische Thriller reicht über die Jagdgeschichten John Buchans hinaus. Wie Buchan ist Household am besten, wenn er physische Aktion beschreibt, besonders Fluchtszenen in der Natur. Obwohl Household seinen Figuren ein anspruchsvolleres Innenleben gibt und seine Romane insgesamt mehr intellektuelle Substanz haben, ist er nie dem Einfluss Buchans entwachsen. Household geht in seiner Zivilisationskritik aber weit über ihn hinaus. Die bürokratische Konsumgesellschaft ist ihm ein Graus. Er verachtet Politik und Politiker und sieht das Heil in einer Art „Anarchismus des Adels“, ein Leben auf dem Land, in der Natur, ohne die Akzeptanz staatlicher Autorität. Seine Helden sind oft Angehörige der upper class, Landlords, die vom Leben in der Wildnis geprägt sind. Die Rückkehr zur Natur war bereits 1939 für Household die einzige Hoffnung für die Menschheit.
Wieder einmal sollte ein Roman auch Auswirkungen auf die Realität haben: General Sir Noel Mason
Macfarlane studierte das Buch genau, als er ein Attentat auf Hitler ausarbeitete. Es kam zwar nie zur Durchführung des Anschlags, aber Macfarlane unterließ es nie darauf hinzuweisen, dass Households Roman die Inspiration für eine derartige Möglichkeit war.
Household nahm aktiv am 2.Weltkrieg teil. Er diente als Einsatzleiter im Militärischen Geheimdienst und wurde hochdekoriert entlassen. Als Militärattaché in Rumänien jagte er die Ölfelder in die Luft um sie nicht den Nazis und ihren Verbündeten in die Hände fallen zu lassen.

Geoffrey Household: Einzelgänger, männlich. Haffmanns Verlag, 2000. Kein & Aber; 2009.

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KALT WIE GOLD von Marcel Montecino
Das kriminalliterarische Subgenre des Polizeiromans hat inzwischen eine über 5ojährige Tradition – und erfreut sich größter Beliebtheit. Der Polizeiroman, oder police procedural, begann in den 50er Jahren durch Autoren wie Ed McBain und dessen Geschichten über das 87. Polizeirevier. Vorher dominierte die Figur des großen Einzelgängers das Genre, etwa der intellektuelle Detektiv à la Sherlock Holmes oder der harte Privatdetektiv. Es ist kein Wunder, dass der Polizeiroman nach dem 2.Weltkrieg immer populärer wurde: Für die moderne Industriegesellschaft wurde das Individuum unwichtig und musste sich aus ökonomischen Gründen ins Team eingliedern. Das Polizeiteam und die Faszination an der neuen Technik lösten die Heroisierung des Einzelgängers ab. Durchbrochen wurde dieses Muster in den 70er Jahren von Joseph Wambaugh, der die Polizisten nicht mehr als gut geölte Maschinen zeigte, sondern als Psychopathen, die in einer immer brutaleren Gesellschaft ihren Job mehr schlecht als recht erledigen. Autoren wie James Ellroy griffen die Lektion auf und führten sie weiter. Seitdem jagen unangenehme Polizisten noch unangenehmere Serienkiller durch bluttriefende Buchseiten voller Gewaltpornografie. Ganz anders der beste Polizeiroman seit Jahrzehnten: Marcel Montecinos erstaunlicher Erstling THE CROSSKILLER erzählt die Geschichte des abgeklärten jüdischen Polizisten Jack Gold, der im Inferno von Los Angeles seine Sisyphosarbeit erledigt. Von korrupten Vorgesetzten strafversetzt, wird er zum Gegenspieler eines rassistischen Psychopathen, der als „arischer“ Kreuzkiller eine blutige Spur durch die Stadt zieht. Im Gegensatz zu Ellroy und Konsorten dämonisiert Montecino nicht antiaufklärerisch diesen Serienmörder. Er zeigt genau auf, wie ein ungebildeter Weißer durch persönliche und ökonomische Frustrationen zum Ungeheuer wird. Wie er all sein persönliches Versagen auf Sündenböcke – hier Juden und Schwarze – abwälzt. Um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen: Montecino erklärt uns diese traurige Figur, entschuldigt nichts und lässt keine Sympathie aufkommen. Daneben beschreibt er unsentimental die Zustände in der jüdischen Gemeinde der „Stadt der Engel“ und die furchtbare Situation einer schwarzen Familie. Ihm ist ein fast 600 Seiten langer Krimi gelungen, bei dem keine Zeile zuviel ist.

Marcel Montecino: Kalt wie Gold, Goldmann 41224.Zuletzt SZ-Krimibibliotheck

DIE LIGA DER FURCHTSAMEN MÄNNER von Rex Stout
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Mit seinen Nero Wolfe und Archie Goodwin-Geschichten schuf Rex Stout die perfekte Synthese aus klasschischer Detektivgeschichte und der durch Hammett definierten hard-boiled-school: Nero Wolfe ist die typische Denkmaschine in der Tradition von Sherlock Holmes. Er verlässt so gut wie nie sein Haus und löst die kompliziertesten Rätsel zwischen gutem Essen und Orchideenzucht im Lehnstuhl. Der fette und faule Meisterdetektiv hatte sein Vorbild in Sherlock Holmes‘ Bruder Mycroft. Um an die nötigen Informationen zu gelangen, schickt er seinen Helfer Archie Goodwin hinaus in die böse Welt. Archie ist ein Charakter wie aus einem Hammett- oder Chandlerroman: Er prügelt sich, steigt den Frauen hinterher und hat immer einen lockeren Spruch auf den Lippen. Der grosse Unterhaltungswert und die stilistische Brillanz von Stouts Geschichten kommt durch die Erzählperspektive: Als Ich-Erzähler berichtet der schnoddrige Archie über die Fälle, die Nero Wolfe am Ende jeder Geschichte in seinem Haus in Manhattans 35.Strasse durch scharsinnige Gedankenarbeit klärt. Dazu werden dann in klassischer Manier alle Tatverdächtigen zusammen gerufen.
Stout war bereits 48 Jahre alt, als er sein Duo erfand. Er schriebbis zu seinem Tod 1975 insgesamt 73 Novellen und Romane über Wolfe. Alle sind unterhaltsam, aber DIE LIGA DER FURCHTSAMEN MÄNNER von 1935 ist sein absolutes Meisterstück: Ehenmalige Harvardstudenten bitten Wolfe um Schutz vor einem ehemaligen Kommilitonen, an dessen Verkrüppelung sie schuld waren. Der Plot ist genial (was man über die wenigsten Wolfe-Geschichten sagen kann) und die Charaktere ausdrucksstark. Die Stout-Fans, die sich in der Organisation Wolf Pack zusammengeschlossen haben, halten PER ADRESSE MÖRDER X (THE DOORBALL RANG) für Nero Wolfes besten Fall.

Rex Stout: Die Liga der furchtsamen Männer. Heyne, 1090. vergriffen.

DER MÖRDER IN MIR von Jim Thompson
KillerInsideMe[1]
Lou Ford scheint ein netter, menschenfreundlicher Deputy Sheriff zu sein und ist doch in Wirklichkeit ein psychopathischer Killer. Ausserdem ist er der Ich-Erzähler in Jim Thompsons Klassiker THE KILLER INSIDE ME. Niemand, der die Geschichte von Sheriff Lou Ford gelesen hat, wird diesen düsteren Roman je vergessen können. Thompson schrieb den Roman in zwei Wochen und bekam 2000 Dollar dafür. Erstmals wurden in diesem Buch Elemente der hard-boiled-novel mit der Psychoanalyse verbunden. Dass die Erzählung vom psychopathischen Täter selbst vorgetragen wird, ist heute natürlich nichts Ungewöhnliches mehr, war aber 1952 ein innovatives Wagnis. Marcel Duhamel, Herausgeber von Gallimards Serie Noire, erinnerte Thompson an Henry Miller, Erskine Caldwell und Céline: „Thompsons Werk unterscheidet sich grundlegend von mittelmäßiger Kriminalliteratur; er besitzt einen völlig eigenen Stil und eine höchst individuelle Weltsicht.“
Thompson Gesellschaftsbild ist rabenschwarz. Gewalttätigkeit, Machtstreben und Korruption wächst aus ihr geradezu zwanghaft. Sein Markenzeichen, der paranonide Schizophrene, ist nichts anderes als die perverse Konsequenz aus dem Verfassungsgrundsatz, dass jeder „Amerikaner das Recht hat, nach seinem Glück zu Streben“. Für Thompson, der kurze Zeit in der Kommunistischen Partei war, Marx gelesen hatte und von Naturalisten wie Zola, William Cunningham und Frank Norris beeinflußt war, gab es nie einen Zweifel daran, dass das System naturbedingt Millionäre genauso hervorbrachte, wie es psychisch kranke Killer zeugte. In Thompsons Welt können die Dämonen des Schicksals nicht bezwungen werden. Seine Menschen sind allesamt armselige Kreaturen, die ohnmächtig diesem Fatum und den gesellschaftlichen Machtverhältnissen ausgeliefert sind.
Als James Myers Thompson am 7. April 1977 in Los Angeles starb, war er ein vergessener Schriftsteller, und kein Buch von ihm war noch lieferbar. An seiner Beerdigung in Westwood nahmen nur wenige Menschen teil; lediglich vier Trauergäste gehörten nicht der Familie an. In Frankreich war fast Staatstrauer angesagt.

Jim Thompson: Der Mörder in mir. Diogenes. Audio: Audioverlag; Potsdam, 2000.

DRECKSAU von Irvine Welsh
„Warum ich zur Polizei gegangen bin? Oh, ich würde sagen, das hat mit polizeilichen Übergriffen zu tun. Ich bin in meiner Gemeinde Zeuge von Polizeigewalt geworden und hab beschlossen, dass ich bei so was auch mitmachen will“, erklärt der gemeine Ich-Erzähler Bruce Robertson, Polizist bei der Mordkommission von Edinburgh und der bösartigste Bulle der gesamten Kriminalliteratur.filth_big[1]
Bruce ist nur auf seinen Vorteil bedacht, er linkt jeden ab (auch seinen besten Freund), pumpt sich mit Drogen voll und erpresst Frauen zu Sex. Vielleicht Irvine Welshs(TRAINSPOTTING) bestes Buch. Bestimmt sein dreckigstes. Wer gemeine Ich-Erzähler liebt, kommt hier auf seine Kosten. Gegen Bruce Robertson sind Ellroys Bullen die reinsten Pfadfinder: „Ich meine, wir wissen, dass es Scheißgesetze gibt, also hat es nicht viel Sinn, dass wir sie selbst befolgen, auch wenn es unser Job ist, sie anderen gegenüber durchzusetzen.“ Eine nette Referenz an Moravias ICH UND ER sind die Monologe des Bandwurms, der Bruce zu schaffen macht.
Nichts für Leser, die in der Kriminalliteratur Realitätsflucht suchen.

Irvine Welsh: Drecksau (Filth,1998). Kiepenheuer & Witsch.

DIE GEFANGENEN VON GREEN RIVER von Tim Willocks
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Wenn kein Gesellschaftsvertrag existiert, der das Zusammenleben regelt, gibt es nur noch den Krieg aller gegen alle, verkündete der Philosoph Thomas Hobbes. Der Mensch ist des Menschen Wolf. Wie das aussieht, leuchtet Willocks in seinem Gefängnisroman DIE GEFANGENEN VON GREEN RIVER aus. Er beschreibt 24 Stunden im schlimmsten Knast der Welt. Eine unerträgliche Atmosphäre aus Gewalt und Perversion beherrscht Green River. Und der durchgeknallte Direktor, der nicht von ungefähr Hobbes heißt, tut alles, um die Bedingungen zu verschlechtern, damit die letzten zivilisatorischen Regeln zum Klo runtergespült werden. Er zieht die Repressionsschraube immer weiter an, bis die kritische Masse explodiert und es zur ultimativen Schlacht zwischen Bestie und Geist kommt. Das Ende ist schlimmer als ein Auftritt der NO ANGELS. Nach der Lektüre beherzigt man gerne Alfred Hitchcocks Ratschlag für Filmemacher: „Bleibt aus den Gefängnissen raus.“ Alan Pakula hat die Filmrechte an diesem wahrscheinlich bisher besten Knastroman erworben.
Willocks‘ Psychopathen wollen die menschliche Gesellschaft überwinden, indem sie Tabus zerschmettern und in sinnlosen Blutbädern und Orgien waten, um den vorgesellschaftlichen Naturzustand herzustellen. Bis sie dann endgültig in eine der unteren Höllen auf Grund laufen. Die komplexe Handlung wird zu einem apokalyptischen Finale geführt, das Willocks‘ Markenzeichen ist. Zurück bleiben zutiefst leidende Charaktere und Leser, die noch lange grauenhafte Hironymus Bosch-Bilder im Kopf behalten.

Die Gefangenen von Green River, Heyne 1998.



IAN FLEMING – DER MANN MIT DER GOLDENEN SCHREIBMASCHINE by Martin Compart
5. März 2009, 8:45 am
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Zum 100.Geburtstag von Ian Fleming

Wenn man 1965 unter 16 Jahren alt war, dann war das verdammt schlimm! Eine echte Qual. Ausschluss aus der Gemeinschaft derer, die wirklich am Leben teil nahmen. Dadurch konnten Grundlagen für Depressionen gelegt werden, die nie wieder gut zu machen wären.

Der Grund?

In die Kinos kam GOLDFINGER!

Ich gehörte zu den misshandelten Kreaturen, die sich an den Glaskästen der Kinos die Nase platt drückten und auf Szenenbilder blickten, wie man sie aus keiner Jugendvorstellung kannte. Ich gehörte zu den Unglücklichen, die um den lebensgroßen Aufsteller von SeanCopnnery mit der Pistole an der Wange herum schlichen und wussten, dass man ihn nicht klauen konnte ohne an der nächsten Straßenecke wieder eingefangen zu werden. Eine unglaubliche Werbekampagne hatte eingesetzt und machte jedem klar, dass man zu den Blöden gehörte, wenn man diesen Film nicht gesehen hatte. Nach der Deutschlandpremiere in Köln wurde Connery hysterisch umjubelt wie die Beatles oder Rolling Stones, die zeitgleich Deutschland aufmischten und endgültig die 50er Jahre zu den Akten legten. Wie jeder unter-16-jährige tat auch ich alles, wirklich alles, um in diesen verdammten Film zu kommen. Vergeblich. Demütigend war es, an der Kasse abgewiesen zu werden und höhnisch hinterher gerufen zu bekommen: Komm wieder, wenn du ein paar Jahre älter bist, Kleiner. Das hier ist noch nichts für dich! Ich fand sogar eine mitleidende Nachbarin und bekennende Bond-Fan, die mich mitnehmen wollte. In Begleitung von Erwachsenen kam man nämlich problemlos in jeden miesen Film. Nützte nichts, da sie zuvor die Erlaubnis meiner Mutter einholen wollte. Und die reagierte auf diesen Vorschlag so, als wolle man mich mit zu Mick Jagger auf eine Hasch-Orgie nehmen.

Aber ich will nicht länger über mein ungerechtes Schicksal klagen. Irgendwann sah ich also den Film, der heute durch jedes Kinderzimmer in Wiederholungen flimmert. Zuvor hatte ich den literarischen 007 entdeckt und heimlich die großartigen Bond-Romane aus dem Scherz-Verlag verschlungen. Es war der Beginn einer lebenslangen Liebe zu dieser unvergleichlichen Pop-Ikone, geschaffen von einem Mann, der vor 100 Jahren geboren wurde , nämlich Ian Lancaster Fleming.

Mit dem Geheimagenten Ihrer Majestät schuf er eine Figur, die inzwischen zur Milliarden-Industrie wurde und von der man nur noch in Superlativen sprechen kann. Fleming selbst hat nur noch den Beginn des Welterfolges seiner Schöpfung miterleben können. Er starb, nur 56 Jahre alt 1964 während der Dreharbeiten GOLDFINGER. In England wird dieser Geburtstag natürlich gebührend gefeiert. Das Imperial War Museum etwa widmet Bond eine eigene Ausstellung. Das hat es noch nie für eine fiktive Figur gegeben. Obwohl Bond natürlich genau in diesen Rahmen passt. Denn niemand sonst hat im Weltbewusstsein den Niedergang des einstigen Empires stärker aufgehalten als 007. Bei dieser Veranstaltung wird es nicht bleiben. Zu den Highlights des Jubiläumsjahrs gehört die Veröffentlichung eines neuen Bond-Romans, DEVIL MAY CARE von Sebastian Faulks. Faulks ist bereits der fünfte Autor, der Flemings Figur literarisch am Leben erhält. Zuvor hatte auch der britische Hochliterat und bekennende Bond-Fan Kingsley Amis einen Bond-Roman geschrieben. Leider muss man sagen, dass keiner von Flemings literarischen Nachfolgern dem Meister das Wasser reichen konnte. Der absolute Höhepunkt des Bond Jahres wird aber sicherlich die Premiere des neuen 007-Films QUANTUM OF SOLACE, zum zweiten Mal mit Daniel Craig in der Bond-Rolle.

Ein guter Anlass, sich einmal mehr diese Pop-Ikone genauer anzusehen.

Ian Fleming war sowohl ein freundlicher, mitfühlender Mann, wie auch ein echter Snob ohne aber zur Aristokratie zu gehören, wie der Großteil seiner Kumpane mit denen er ein ausschweifendes Leben führte. Er hatte einiges mit Bond gemeinsam. Wie seine Romanfigur interessierte er sich vor allem für schöne Frauen, schnelle Autos, starke Drinks, Kartenspiele, Tauchen und Golf. Die schönen Künste langweilten ihn. Selbst der Film. Dem Produzenten Cubby Broccoli hatte er zu dessen Entsetzen gestanden, er wäre das letzte Mal zu VOM WINDE VERWEHT ins Kino gegangen. Aber Fleming war auch ein weltoffener Mann, der sich für fremde Kulturen interessierte, viel reiste, Männerfreundschaften pflegte und Bücher und Pornographie sammelte. Snobby war auch sein Erscheinungsbild: Selten sah man ihn ohne Fliege und langer Zigarettenspitze, mit der er affektiert herum wedelte als wolle er mit ihr Fliegen verjagen.

Geboren wurde er am 28.Mai 1908 als zweiter von vier Söhnen in Mayfair in London. Einer seiner Brüder, Peter Fleming, wurde ein berühmter und kompetenter Reiseschriftsteller, der lange vor ihm ein gefeierter Buchautor wurde. Er besuchte Eton und Sandhurst und fiel dort vor allem als guter Sportler auf. Anschließend begann er ein Studium der Psychologie in Genf und in München. Er lebte 1928 ein ganzes Jahr in München und lernte fließend Deutsch zu sprechen und zu lesen.. In dieser Zeit entdeckte er den österreichischen Autor Leo Perutz. Fleming war so begeistert, dass er Perutz einen Brief schrieb und sich in England für die Übersetzung des Autors einsetzte. Er wurde Korrespondent der Presseagentur Reuters und berichtete 1933 aus Moskau über einen Spionageprozess gegen sechs britische Ingenieure. Die Spionage sollte sein Schicksal werden: Während des 2.Weltkriegs diente er im Geheimdienst der Marine, und diese Erfahrungen flossen in die Bond-Romane ein. Er war als britischer Verbindungsoffizier beteiligt am Aufbau des amerikanischen Geheimdienstes OSS, dem Vorläufer der CIA. Und er nahm in Spanien an einer Geheimoperation teil, die unter dem Code-Namen „Goldeneye“ durchgeführt wurde. Später nannte er sein Haus auf Jamaica „Goldeneye“. Nach dem Krieg arbeitete er wieder als hochdotierter Journalist. Seine Freizeit bestand aus endlosen Partys, Golfpartien, Autos und Frauengeschichten. Verglichen mit einem Durchschnittsbürger war er wohlhabend. Aber verglichen mit seinen Party-Kumpanen war er ein Bettler, denn er musste für seinen Lebensunterhalt arbeiten. 1952 heiratete er und behauptete später gerne, er habe den ersten Bond-Roman angefangen, um sich von der bevorstehenden Hochzeit abzulenken.

Während Elvis noch im Verborgenen die Hüften kreisen ließ, setzte sich Ian Fleming im Januar 1952 in seinem Haus Goldeneye auf Jamaika vor die Schreibmaschine und tippte 007s Geburtsurkunde:

„James Bond wusste plötzlich, dass er erschöpft war. Er wusste immer, wenn Körper oder Geist genug hatten, und er richtete sich auch danach. Es half ihm, jegliche Überanstrengung zu vermeiden – aber auch jene gefühlsmäßige Dumpfheit, aus der Fehler entstehen.“

Der Anfang von CASINO ROYALE.

Das Schreiben ging dem routinierten Journalisten leicht von der Hand. CASINO ROYALE schrieb er in vier Wochen. Er war ein disziplinierter Schriftsteller mit einem genau eingehaltenen Tagesablauf: Jeden Morgen schrieb er drei bis vier Stunden, dann schwamm oder tauchte er, aß etwas und schlief eine Stunde. Nachmittags überarbeitete er, was er am Vormittag niedergeschrieben hatte. Den markanten Namen seines Helden hatte er einem Ornithologen entliehen, der ein Buch über die Vogelwelt Jamaicas geschrieben hatte. Fleming traf ihn später und befreundete sich mit ihm. Geheimnisumwitterter ist die Herkunft der Code-Nummer 007. Einige Bond-Experten vertraten gar die Theorie, sie basiere auf John Dee, der Astrologe und Geheimagent von Königin Elizabeth I. gewesen war und seine Berichte mit der Ziffer „007“ zeichnete. Wie so oft, ist die Wahrheit prosaischer: Fleming selbst sagte, er habe die Nummer nach der Postleitzahl von Georgetown, Washington D.C. ausgewählt. Ein Ortsteil von Washington, in dem viele CIA-Mitarbeiter wohnen. Sie lautet: 20007. Nachdem Fleming das Manuskript zu CASINO ROYALE abgeschlossen hatte, belohnte er sich selbst durch den Kauf einer neuen Schreibmaschine. Aber wie es sich für einen echten britischen Snob gehörte, war es natürlich nicht irgendeine Schreibmaschine: Für die ungeheure Summe von 174 Pfund erstand er eine vergoldete Royal Quiet de Luxe. Auf ihr schrieb er alle weiteren Abenteuer Bonds. 1995 wurde sie bei Christies versteigert. Erstanden wurde sie vom damaligen Bond-Darsteller Pierce Brosnan für 50.000 Pfund!

CASINO ROYALE wurde nicht der erhoffte große Erfolg.Es wurden nur 4750 Exemplare gedruckt. Über die Hälfte der Auflage wurde an Bibliotheken und Leihbüchereien verkauft. Deshalb ist es schwierig für bibliophile Fleming-Fans, heute ein gut erhaltenes Exemplar des viel gesuchten Buches aufzutreiben. In den 90er Jahren musste man dafür mindestens 4000 Dollar hinlegen. Im renommierten Antiquariat Adrian Harrington werden die Erstausgaben aller 14 Bond-Bücher als Schnäppchen für 30 000 Pfund angeboten!

Mit jedem Buch wurde die Auflage leicht erhöht, aber erst der vierte Roman, DIAMANTENFIEBER, hatte eine Startauflage von über 10 000Exemplaren.

Selbst nach vier Romanen hatte es Bond nicht auf die Bestsellerliste geschafft. Immerhin kaufte die Film-Gesellschaft Rank für 5000 Pfund die Rechte an MOONRAKER, ließ sie dann aber verfallen. Bei soviel Instinktsicherheit zwingt sich der Vergleich mit der Musikindustrie auf, als die Plattenfirma Decca es ablehnte, die Beatles unter Vertrag zu nehmen.

Ohne die Amerikaner wäre 007 nicht der große Welterfolg geworden: Bereits 1954 adaptierte der Fernsehsender CBS den ersten Bond-Roman „Casino Royale“ für den Bildschirm. Bond wurde von dem heute längst vergessenen B-Picture-Darsteller Barry Nelson gespielt, sein Gegenspieler Le Chiffre immerhin von Peter Lorre. Erst nachdem sich Präsident Kennedy 1961 im „Life Magazine“ öffentlich als Bond-Fan bekannt hatte, jagten die Verkaufszahlen von Flemings Büchern in ungeahnte Höhen.

Nach Kennedys Bekenntnis als Bond-Fan nahm das Interesse an Flemings Büchern über Nacht zu und katapultierte die Verkaufszahlen in Bestsellerregionen. Jetzt war auch das Kino ernsthaft interessiert, und die Produzenten Harry Saltzman und Cubby Broccoli sicherten sich die Rechte. Fleming bekam für jeden Roman 100 000 Dollar auf die Hand und wurde mit 5% an den Netto-Einnahmen der Filmverwertungen beteiligt. Das sollte sich als Lizenz zum Gelddrucken erweisen, in deren Genuss vor allem die Erben kamen und kommen. Denn Ian Fleming konnte den Welterfolg nicht lange genießen. Im Juli 1964 besuchte er noch die Dreharbeiten zu GOLDFINGER. Einen Monat später, am 12. August, starb er an seinem zweiten Herzinfarkt. Zu viele Drinks, zu viele Zigaretten und ein überzeugtes obsessives Leben hatten den Preis gefordert. Zum Zeitpunkt seines Todes waren weltweit 30 Millionen Bond Bücher verkauft, zwei Jahre später waren es bereits 60 Millionen.

Auch wenn es nur wenigen auffiel, als James Bond 1953 die literarische Bühne betrat, war die Figur etwas neues: Ein neuer fiktionaler Typus, der Cold-War-Hero, der hochspezialisierte Geheimagent mit der Lizenz zum töten.

Mit einem Schlag waren die Freizeit-Geheimagenten alter Schule, von John Buchans Richard Hannay über Sappers Bulldog Drummond bis hin zu den Clubland-Heroes eines Dornford Yates, Schnee von gestern. Fossilien ohne Sex-Appeal, chancenlos im Kampf gegen den neuen Brutalo. Der Gentleman-Agent hatte abgewirtschaftet; der „begabte“ Amateur gehörte einer anderen Zeit an und wirkte lächerlich. Die Ritter vom Secret Service kämpften jetzt auch in der Fiktion als Profis mit schmutzigen Tricks gegen den Drachen des Weltkommunismus. Es gab keine veralteten Regeln mehr. Alles ist erlaubt, wenn du auf der richtigen Seite der bist; großbürgerliche Ideale spielten keine Rolle mehr.

Nach dem Zweiten Weltkrieg und den Gräueln von Auschwitz konnte man dem Publikum nicht länger vorlügen, dass der Westen sich nach den Regeln des Marque von Queensbury duellierte, um die Feinde im Osten fertig zu machen.

Der Romancier John LeCarré bringt es auf den Punkt, wenn er sagt: „Ich habe Bond nie wirklich als Spion gesehen. Ich halte ihn eher für ein Wirtschaftswunderkind des Westens, mit der Lizenz, sich im Interesse des Kapitals extrem schlecht zu benehmen.“

Fleming selbst hatte keine zu hohe Meinung von seinen Büchern. Er schrieb 1956 an Raymond Chandler, der sich als Bond-Fan geoutet hatte, dass er nicht viel von den Bond-Romanen halte und sie vielleicht ernster nehmen sollte.

Andere Kreise hatten eine sehr hohe Meinung von 007: Die Geheimdienste lernten ihn lieben.

Allan Dulles, der damalige Direktor des amerikanischen Geheimdiensts CIA, der von seinen Technikern verlangte, die technischen Spionageapparate aus den Agenten-Kinoschlagern – Gadgets genannt – auf ihre Machbarkeit zu überprüfen und gegebenenfalls zu entwickeln.

Ausserdem sorgte Bond für eine Image-Aufwertung der Geheimagenten, die in keinem Verhältnis zur Realität stand. Die Kosten von Geheimdiensten stehen bekanntlich in keinem Verhältnis zum Nutzen, und die Unterlegenheit der Westspione im Vergleich zu ihren östlichen Sportskameraden wurde zumindest in der Fiktion umgedreht. Den Gegner verteufeln, um die eigenen Positionen zu rechtfertigen – das konnte Bond besser als jeder CIA-Stratege. Neben Pop-Star wurde Agent in den 60ern zum Traumberuf. Geheimagent sein hieß glamouröses Leben, freier Sex, herumreisen und jeden abknallen zu dürfen, den man nicht mochte. Zumindest in der Phantasie konnte sich ein wildgewordener Kleinbürger austoben. Man muss sich nur einmal verdeutlichen, dass man für Bond mit dem Slogan vom „berühmtesten Geheimagenten der Welt“ warb. Eine Figur, die so einen Widerspruch aushält, hält so ziemlich alles aus und ist zu Recht Mythos.

Kritiker übersehen gerne, dass der literarische Bond über ein kompliziertes Innenleben verfügt und Entwicklungen durchmacht. In GOLDFINGER aus dem Jahre 1959 etwa stellt Bond geradezu neurotisch seine Motivation in Frage. In FEUERBALL ist er zu Anfang ein körperlich und seelisches Wrack, dass von M in die Klinik geschickt wird. Zwei Jahre später, in IM GEHEIMDIENST IHRER MAJESTÄT, will er den Dienst quittieren und ist völlig am Ende als seine frisch angetraute Frau ermordet wird. Im darauffolgenden Roman DU LEBST NUR ZWEIMAL rächt er sie zwar, bleibt aber völlig traumatisiert zurück. Dieser geradezu surreale Roman ist der düsterste der Serie. Fleming war fertig mit seinem Helden. Aber er hatte die Rechnung ohne den Wirt gemacht. Der von Krankheit gezeichnete Autor setzte sich noch einmal an die goldene Schreibmaschine und schrieb den letzten und schwächsten Bond-Roman: DER MANN MIT DEM GOLDENEN COLT, der allerdings die höchste Startauflage von allen verbuchen konnte. Bemerkenswert ist der Anfang, der in einem Bond-Film bisher undenkbar wäre: Nach seinem Japan-Abenteuer wurde Bond von den Russen umgedreht und versucht nun M zu ermorden. Mit der Filmversion von DU LEBST NUR ZWEIMAL begann die neue Formel der Bondfilme, in denen Ausstattung und spektakuläre Stunts wichtiger waren als die literarischen Vorlagen. Tatsächlich könnte man alle Bond-Filme seit IM GEHEIMDIENST IHRER MAJESTÄT völlig neu drehen, wenn man sich ernsthaft an die literarischen Vorlagen hielte. Heraus kämen völlig andere Filme, die lediglich noch Titel und ein paar Personen mit den alten Filmen gemeinsam hätten.

Der Sex in Romanen und Filmen wirkt heute harmloser als in manchem Fernsehfilm. Aber in den 50er und frühen 60er Jahren war er schockierend: Bond schlief mit Frauen aus reiner Lust und ohne Trauschein. Zur selben Zeit lehrte sein Verbündeter Hugh Hefner in den USA in seiner Illustrierten „Playboy“, in der nicht von ungefähr mehrere Bond-Geschichten vorabgedruckt wurden, Sex als reueloses Konsumgut. James Bond war das perfekte Männerideal der „Playboy“-Leser, die sich voll und ganz mit ihm identifizieren konnten. Hefner und Bond erklärten der Mittelschicht, was sie unter gutem Leben zu verstehen habe: Sex ohne Verpflichtung, schnelle Autos, den Konsum teurer Markenartikel und die weite Welt als Abenteuerspielplatz. Das war natürlich nicht umsonst zu haben. Der Preis dafür war und ist die Aufgabe der Selbstbestimmung und die völlige Unterordnung unter Vorgesetzte, die einem das Denken und die Entscheidungen abnehmen. Aber immerhin bekam man auch die Lizenz zum Töten.

Flemings Bond war auch ein Rassist und Chauvinist. Ihm galten alle Völker, selbst die europäischen, den Briten unterlegen. Nach der begeisterten Lektüre des Manuskripts von LIEBESGRÜSSE AUS MOSKAU merkte Flemings Lektor an, dass die Russen in dem Buch etwas dumpf und schwerfällig geschildert wären. Fleming antwortete darauf: „Das liegt daran, dass die Russen dumpfe und schwerfällige Leute sind.“ Bonds dümmliche rassische Überlegungen wurden zum großen Teil aus den deutschen Übersetzungen getilgt. Nur die weißen Vettern in den USA kamen etwas glimpflicher weg – und sie dankten es ihm.

Fleming war lange vor Uwe Johnson und anderen der erste Literat, der Konsumgüter als Product-Placement in seine Romane einführte. Ein Zitat:

„Bond nahm eine eiskalte Dusche und wusch sein Haar mit Pinaud Elixier, dem Prinzen unter den Haarwaschmitteln.“ Die Auswahl von Konsumartikeln, die Bond meisterlich beherrscht, ist eine der letzten großen Freiheiten in einer kaputten Gesellschaft. Allerdings hatte diese Fetischisierung von Produkten in den Romanen auch die Funktion, durch Realitätsbezüge die phantastischen Geschehnisse glaubwürdiger zu machen. Die Filme und das Merchandising perfektionierten dann die Konsumgeilheit und machten Bond selbst zu einem Markenzeichen, um das herum ganze Produktpaletten entstanden. Der Film übernahm dankbar Fleminfs Methode. Den Anfang des gezielten Product Placements machte GOLDFINGER. Unerreicht, wie der Aston Martin DB 5 durch diesen Film zum Mythos gaufgebauscht wurde. Aber es gab noch mehr in GOLDFINGER: Jedesmal wenn Bond der körperlichen Hygiene huldigt, stehen gut sichtbar Produkte der Firma Gillette im Bild. Broccoli hatte den Werbevertrag ohne Wissen des Regisseurs abgeschlossen. Der wunderte sich dann, als er den Rasierschaum in die Kulisse gestellt bekam.

James Bond ist natürlich mehr als ein Werbeträger. Er ist eine Pop-Ikone und hatte im Westen viele Jahre immensen Einfluss auf Mode und Haltungen. Er war die Symbolfigur des Kalten Krieges, der moderne, westliche Nachkriegsmann, in dem sich ein neues Wertesystem verdichtete. Die sogenannte sexuelle Revolution und die gesellschaftliche Emanzipation der 60er Jahre hatten zwei wichtige kulturelle Weichenstellungen: Rock´n´Roll und James Bond.

Bond war auch mehr als ein kalter Krieger. Er ist die mythische Figur der Angestelltengesellschaft, die in den 50er Jahren eine dramatische Veränderung durchlief. Gefragt war nicht länger der bescheidene Handlanger, der seine Freizeit im Kreis der Familie verbrachte. Die neue Konsumgesellschaft verlangte von ihren Mitgliedern andere Fähigkeiten als in früheren kapitalistischen Phasen: Statt Treue zum Arbeitsplatz war nun Mobilität erforderlich, statt sklavischer Ausführung von Anordnungen brauchte man jetzt den mitdenkenden Facharbeiter, und statt Bescheidenheit war verschärfter Konsum gefragt. Anders als zuvor wurde der hedonistische, konsumfreudige Weltmann heroisiert, der seine Bedürfnisse frei auslebt. Das hohe Lied der Vereinzelung wurde angestimmt; gefördert wurden ideologisch gefestigte Handlanger, die konsumierten, bis die Schwarte krachte.

Bonds massenmedialer Erfolg verlief parallel mit dem Aufstieg der westlichen Mittelstandsgesellschaft, der bekanntlich momentan durch die Globalisierung des Großkapitals die Gurgel zugedrückt wird. In den Filmen verkörpert sich noch mehr als in den manchmal ziemlich düsteren Büchern der Irrglaube ans ewige Wachstum. Jeder neue Bond-Film muss noch größer, aufwendiger und teurer werden als der vorige.

Dabei kämpfte Bond schon früh gegen kapitalistische Auswüchse wie multinationale Konzerne oder weltweite Gangstersyndikate. Zum Beispiel Blofields Organisation SPECTRE oder Hugo Drax´ Wirtschaftsiperium. Bonds Gegner waren immer wieder Giganten der der Hochfinanz. Zu Recht vermutete 007-Chef M hinter ihren respektablen Fassaden Machenschaften, die nicht darauf ausgerichtet waren, neue Arbeitsplätze zu schaffen oder Wirtschaftsstandorte zu sichern. Gegen ihren massiven Einsatz von Kapital in Materialschlachten konnte Bond nur seine individuellen Fähigkeiten und die Pfiffigkeit der Forschungs- und Entwicklungsabteilung unter Q setzen.

Im Dienste nationaler Interessen führt der Agent erfolgreich einen Kampf gegen Monopole und Großgangster, die angesehene Bosse von Konzernen sind. Das ist so, als würde der Kapitän der Titanic einen Mann mit einem Eimer losschicken, um das Schiff zu retten. Ein tröstliches, kleinbürgerliches Märchen.

Ein Grund, weshalb Bond auch heute noch funktioniert und die Massen anspricht, ist die kühne Behauptung, dass der Nationalstaat sich gegen die Macht des marodierenden Kapitals behaupten könne.

Der verstorbene Produzent der Bond-Filme, Cubby Broccoli, war Amerikaner und hatte von Anfang an den amerikanischen Markt im Auge.

Während die Filme mit Sean Connery James Bond auch Analphabeten nahe brachte, veränderte sich im literarischen Spionageroman einiges: Bond war überholt und nun selber Schnee von gestern. Inspiriert von Großmeister Eric Ambler schrieben Autoren wie John LeCarré oder Ross Thomas harte, realistische Romane, die den Zynismus der Politik genauso darstellten, wie sie den Agenten entmythologisierten. In ihren Büchern ist der Spion nur eine Schachfigur, die ihren Auftrag nicht mehr durchschaut. Im Hintergrund, in den Büros werden die Fäden gezogen, und der Frontagent ist nur noch ein kleines, austauschbares Rädchen im Getriebe. Die Staatsräson kann auch ihn opfern. Der Geheimagent bei LeCarré oder Len Deighton war kein toller Hecht, sondern ein sich irgendwie durchmogelndes Männchen, dass versuchte, nicht zwischen gegensätzlichen Interessen aufgerieben zu werden.

Während Bond im Kino noch den Optimismus der 50er Jahre träumte, war die Literatur wieder auf dem harten Boden der Realität aufgeschlagen. Die Wirtschaftswachstumsjahre gingen zu Ende; der Kleinbürger musste von seinen übertriebenen Hoffnungen Abschied nehmen. Connery gab die anachronistische Figur auf, und nach einem kurzen Zwischenspiel mit George Lazenby übernahm Roger Moore, der James Bond endgültig zum der Realität entrückten Comic-Strip machte. Die Altersbeschränkung für Bond-Filme wurde von sechzehn auf sechs Jahre herabgesetzt. Der Sex wurde weniger, dafür durften die Special-Effekts-Leute aber mehr kaputtmachen.

Mit Nachfolger Timothy Dalton wollte man dann wieder auf die alte, härtere Linie der Connery-Filme zurückschwenken. Aber Dalton war zu sperrig, und sein zweiter und letzter Film wirkte auch noch wie eine aufgeblasene Miami Vice-Episode. Also musste wieder ein neuer Darsteller her. Pierce Brosnan brachte Bond wohlbehalten durch die 90er Jahre. Dabei half, dass Bond inzwischen als Institution unantastbar geworden war. Menschen, die längst nicht mehr ins Kino gingen, besuchten den neuen Bond-Film genauso wie die neue Tournee der Rolling Stones. Die zweiten großen Überlebenden der Swinging Sixties!

Die Filme mit Pierce Brosnan sollten – so behauptete jedenfalls Regisseur Robert Spottiswoode – ebenfalls an die frühen Connery-Bonds anschließen. Andererseits wollte man auch nicht auf spektakuläre Spezialeffekte und die üblichen Materialschlachten verzichten. Also musste die Story so vereinfacht werden, dass man Action-Szene an Action-Szene reihen konnte. Alles lief schön geradlinig und voraussehbar ab, um das debile Action-Publikum nicht zu überfordern. Das fade Finale von TOMORROW NEVER DIES, das man so schon oft und besser gesehen hat, tröstete auch nicht über die Vergabe der guten Ausgangsidee weg. Diesmal musste Bond nämlich einem Medienmogul das Handwerk legen. Der Böse hatte sich der Maxime des amerikanischen Zeitungskönigs William Randolph Hearst verpflichtet, der 1898 einem Korrespondenten auf Kuba zum Spanisch-Amerikanischen Krieg gekabelt hatte: „Du lieferst die Bilder, ich liefere den Krieg.“ Der Medienmogul im Film versucht einen Krieg zwischen Großbritannien und China anzuzetteln, um damit Auflage und Quote zu machen. Typisch für den Niedergang James Bonds war dann auch, dass nicht er, sondern der Schurke die beste Zeile des Drehbuchs hatte: „Der Unterschied zwischen Genie und Wahnsinn definiert sich im Erfolg.“

Mit Teri Hatcher als ehemaliger Geliebter Bonds und Frau des Bösewichts hatte der Film die interessanteste „Bondine“ seit Diana Rigg in „Im Geheimdienst Ihrer Majestät“ von 1969 und endlich mal wieder eine Frau mit Persönlichkeit. Leider nutzte der Film ihr Potential nicht, sie stirbt früh, da er sich lieber mit stupider Action auf die sichere Seite des Kassenerfolgs schlug.

Brosnan als Bond war lange nicht so selbstsicher und arrogant wie Connery oder Timothy Dalton. Aber er war auch nicht so selbstironisch wie Roger Moore, der auf durchaus sympathische Art durch seine Spektakelfilme schlenderte, als verbrächte er ein paar Stunden in einem Disneyland für Pubertierende. Brosnan hing irgendwo dazwischen, ohne richtigen Stand. Und das gilt wohl für die Figur James Bond überhaupt. Der Niedergang der westlichen Mittelstandsgesellschaft hat ihr härter zugesetzt als der Untergang der Sowjetunion. Gut vorstellbar, dass Bond seine Lizenz zum Töten einmal gegen einen britischen Premierminister nutzen muss, um mit dem finalen Rettungsschuss den Ausverkauf Britanniens ans marodierende Großkapital zu verhindern. Damit es nicht so weit kommt, ist man mit Daniel Craig in die Hysterie des Anti-Terrorkampfes eingestiegen. Craig hatte es nicht leicht. Im Internet und sonst wo riefen harte Bond-Fans zum Boykott auf.

Man las so schöne Behauptungen wie:

„Was ist James Bond nicht? Er ist keine Frau, kein Asiate, kein Schwarzer, kein Amerikaner, kein Engländer, sondern Schotte, kein Osteuropäer, kein literarisch gebildeter Mensch, kein rücksichtsvoller Autofahrer und kein wirklich freundlicher Zeitgenosse.

Aber eines ist er auf keinen Fall: BLOND!

Inzwischen hat er seine Kritiker eines besseren belehrt. CASINO ROYALE, mal wieder der erfolgreichste Bond-Film den es bisher gab, führte die Figur wieder stärker an die literarischen Wurzeln zurück. Und macht die Figur fit für das 21.Jahrhundert.

Wie lange wird uns Ian Flemings Schöpfung noch begleiten? Das lässt sich wohl kaum prognostizieren. Es gibt noch zwei langlebigere Pop-Ikonen in Literatur und Film: Sherlock Holmes und Tarzan. Und die sterben ebenfalls nie.

NACHTRAG: QUANTUM OF SOLACE-KEIN TROST FÜR BOND-FANS

Klar, ich gehörte auch zu den untoleranten Gralshütern, die Daniel Craig die Hölle heiß machten, bevor er mich nach CASINO ROYALE kleinlaut aus dem Kino schleichen sah. CASINO war top! Der beste Bond seit THE LIVING DAYLIGHTS und ON HER MAJESTY´S SECRET SERVICE. Rückkehr zum Original-Fleming-007 bedeutet immer ein Schritt in die richtige Richtung (vielleicht gibt es ja irgendwann mal eine Bond-TV-Serie, die in chronologischer Reihenfolge die Romane werkgetreu adaptiert). Craig führte Bond in die Tradition zurück, in der er steht: die des Byronschen Helden. Alles Angestaubte und langweilende wurde abgeschüttelt. Der katastrophale letzte Brosnan-Film fast verziehen.
Umso größer war die Erwartung gegenüber Craigs zweitem Auftritt.
Und um es gleich vorweg zu sagen: Das hat Craig nicht verdient!

Das Positive vorab: QUANTUM OF SOLACE ist das erste Mal, dass ein Film als direkte Fortsetzung (findet man auch in einigen Romanen) konzipiert wurde. Die Stimmung ist of düsterer als im Vorgänger. Die Stunts sind erstklassig und genauso erstklassig ist Daniel Craig. Und das war´s auch schon.
Also zu dem, was ich beschissen an dieser misslungenen Fußnote zu Casino Royale finde:

  1. Die ätzendste Bond-Musik seit langem. Ich bin kein großer White Stripes-Fan, was vielleicht mildernde Umstände ermöglicht.
  2. Ein glubschäugiger Franzose als Chef-Bösewicht. Der Junge ist so harmlos und unbedarft, der würde an keinem Türsteher einer Provinz-Disco vorbei kommen. Ihm traut man vielleicht noch zu, als Inhaber einer Lotto-Bude Lotteriescheine zu fälschen (und aufzufliegen). Und ganz übel: Sein qualvolles Ende wird lediglich behauptet und nicht gezeigt.
  3. Das aktuelle Bond-Girl (mit dem 007 verständlicher Weise nicht ins Bett geht) hat das Charisma eines H&M-Models. Das Beste, was man über ihre Attraktivität sagen kann, ist, dass sie hübscher und weniger dämlich ist als Sumpfhühner wie Claudia Schiffer oder Heidi Klump (verzeiht mir, ihr Hühner, die ihr in fernen Sümpfen euer Leben fristet).
  4. So etwas wie Regie beschränkt sich wohl auf das Second Unit-Team, das den Bond üblichen großartigen Job macht. Da tönen Produzenten und der Witzregisseur rum, dass kein Bond zuvor so viele Außenaufnahmen hatte. Na toll, dasselbe 3.Welt-Dorf musste für Haiti und Bolivien herhalten. Da kam soviel Atmosphäre rüber, wie bei einem Mallorcaurlaub-Dia-Abend in der Marktschänke. Und dann stellen sich Broccoli&Wilson auch noch hin, und jammern, dass dieser Mark Foster leider keinen zweiten Bond dreht. Wahrscheinlich haben sie sich beim Rohschnitt die Haare gerauft. Der kürzeste Bond aller Zeiten? Klar, um zu retten, was zu retten ging, hat man wahrscheinlich das ganze Ding so lange runtergekürzt, bis fast nur noch die Action-Szenen übrig geblieben sind. Bei der dünnen, immer vorhersehbaren Handlung, sicherlich das geringste Problem.
  5. Hundert Stuntmen und kein Drehbuchautor in Sicht. Paul Haggis hat die Produzenten offensichtlich hängen gelassen. Der dank CASINO ROYALE völlig überschätzte Haggis (das Beste, was er je geschrieben hat war die TV-Serie DUE SOUTH- Ein Mountie in Chicago) hinterließ wohl nur eine Kladde voller Geistesblitze, aus der dann andere Autoren irgendwas basteln mussten. Der Regisseur wird ja nicht müde zu erzählen, dass er oft den Drehtag ohne Drehbuch begann und sich erstmal mit Daniel Craig besprochen hat. Vielleicht hat Craig schlimmeres verhindert, aber mehr auch nicht.

Abhaken, ganz schnell vergessen und hoffen, dass Craig mit seinem dritten Bond wieder mehr Glück hat. Die Richtung stimmt weiterhin: Bei Fleming ist Bond düster und humorlos (aber sarkastisch).