Martin Compart


ERINNERUNGEN AN JÖRG FAUSER by Martin Compart

DER LANGE WEG ZUM SCHLANGENMAUL 2/

HEUTE: GETRÄNKEKONSUM

Wir erlebten viel, vorzugsweise nachts. Wir zogen nicht dauernd durch dieselben Destillen, sondern erkundeten Bezirke vom Wannsee bis Neukölln.
Manche dieser Kneipen waren Wartesäle der Verzweiflung, in denen das halbkomatöse Publikum aufs Ableben hinsoff. Wir tranken ohne Berührungsängste in Kaschemmen voller zechender Wüstlinge, in denen das Bier wie die Pisse volltrunkener Diabetiker schmeckte, bis wir bei Morgengrauen am Tageslicht zupften. Höhlen, in die sich nie Autoren, Feuilletonisten oder andere Kulturfuffis verirrten. In diesen letzten Ausfahrten vor der Gosse war man sicher vor ihren schleimigen Zellhaufen.

Sollte ein unangenehmer Zeitgenosse in die Quere kommen, warf Jörg die Killermaschine an – und dann ging man besser schleunigst in Deckung. Jörg konnte Leute rhetorisch auseinandernehmen, bis sie weinten. Oder er killte mit absoluter Sprachlosigkeit, starrte den anderen nur an, ohne auf eine Frage zu antworten. Irgendwann schlich er gedemütigt davon.

Eingekeilt zwischen Tresen und kalten Drinks redeten wir über alles und nichts. Wir waren immer auf der Suche nach der perfekten Bar, in der es den perfekten Martini gab und uns der perfekte Barkeeper – wie bei Ross Thomas – mit den Worten begrüßte: „Und was wollen wir heute gegen das Elend tun?“
Auf der Suche nach Mac’s Place folgten wir jedem Gerücht wie Esel der Mohrrübe.

Wir waren echte Zen-Buddhisten: Der Weg war das Ziel.

Eine Zeitlang existierte genau in der Mitte zwischen Jörgs und meiner Wohnung etwas, was nahe ran kam: das Martini-Stübchen. Die Cocktails waren exzellent, es gab Becks vom Fass, und der Tresen hatte die richtige Höhe. Die Höhe des Tresens war ein immer wieder kehrendes Thema, dass in großer Ernsthaftigkeit diskutiert wurde.

Euphorie war nie weiter entfernt als der nächste Barhocker. In der DICKEN WIRTIN gab es hervorragende Eintöpfe, die wir als Grundlage für unsere Reisen durch die Nacht zu uns nahmen.
Schräg gegenüber war ein Frauenbuchladen mit dem schönen Schild: MÄNNER MÜSSEN DRAUSSEN BLEIBEN. Wir vermuteten, dass der Gehalt an heterosexueller Pornographie der dort angebotenen Lektüre eher gering war.

Der Bummel durch die „Bleistreustrasse“ war uns meist zu fade angesichts der alternativ-kleinbürgerlichen Bistrokneipen. Aber gelegentlich musste man da mal durch, um das lang zurückliegende Shootout zwischen persischen und deutschen Zuhältern zu würdigen. Wir fanden ein paar Einschusslöcher.

Spät in der Nacht konnten wir uns impulsiv dazu entschließen, ein anderes Reservat aufzusuchen, ein neues Territorium zu erkunden. Dann sprangen wir ins Taxi und genossen die Fahrt durch ein ebenso düsteres wie nuttig beleuchtetes Berlin. Stumm aus dem Fenster blickend, brachte uns ein dumm vor sich hin schimpfender, specknackiger Taxifahrer durch fremde Straßen mit fürchterlichen Schicksalen hinter jedem Fenster. Hier schlummerte eine Menge Rohstoff.

Berüchtigt waren die Trinkgelage bei Ullstein. Vor den halbjährlichen Vertreterpartys sammelte sich die Clique in meinem Büro: Rolf Giesen (vollgestopft mit den neuesten Gemeinheiten über die Filmszene), Wolfgang Proll (der im Auftreten wieder in seine undurchsichtigen Zeiten beim Diplomatischen Korps zurückfiel, Jürgen Behrendt (in freudiger Erwartung der Freidrinks), Ronald M.Hahn (als Science Fiction-Lektor extra aus Wuppertal angereist) und Jörg (im besten Zwirn). Dann war Lärm im Maschinenraum.

Die Nacht endete meistens mit einer Roomparty im Exzelsior, wo unsere Vertreter Domizil nahmen. Es muss wohl in der Suite von Eckkart Müller gewesen sein. Christiane Bertoncini hatte sich ins Bad geflüchtet, war dort – wie häufig – wahrscheinlich eingeschlafen. Jörg hämmerte gegen die Badezimmertür und forderte beständig: „Machen Sie auf, Madame! Lassen Sie mich für heute Nacht Ihr Gatte sein!“

Wir zogen gerne mit den Ullstein-Vertretern herum, eine handfeste und intelligente Clique. Jörg sah den Nebeneffekt wie ich: Das waren die ersten Verkaufsgespräche für unsere Produkte.

Gelegentlich trafen wir uns im Musik Café am Olivaer-Platz (dort begann auch die Veröffentlichungsfeier von ROHSTOFF). Die Kundschaft bestand hauptsächlich aus vergnügungssüchtiger Mittelschicht, die sich wie ein Song von CULTURE CLUB stylte.

Wir machten Wallfahrten zu den Puffs in der Giesebrecht (Salon Kitty)- und Clausewitzstrasse (hier verkehrte James Bond) und anderen Heiligtümern. Gärten der Verderbtheit.

Wir gingen nicht nur in hippe Bars oder etablierte Schänken, wir durchpflügten die Berliner Tränken vertikal. Eben noch in einer feinen Hotelbar, dann in einer brutalen Absturzkneipe. Diese Unterschiede und Gegensätze machten Vergnügen. Mit dem Bierglas in der Hand durch die Gesellschaftsschichten. Unterschiedliche Menschen, unterschiedliche Hoffnungen, unterschiedliche Codes, unterschiedliches Grauen, unterschiedliche Musik, unterschiedliche Kleidung, unterschiedliche Wut, unterschiedlicher Spaß, unterschiedliche Preise, unterschiedliche Einkommen.

Jörg registrierte alles, um es gegebenenfalls literarisch zu verwerten. Diesen Hang zur Schichtendurchlässigkeit hatten wir wohl beide aus München mitgebracht.

Unwohl fühlte sich Jörg nur in alternativen Kiez-Szenekneipen, in denen Mütter ihre Säuglinge öffentlich und nicht mit Gin stillten. Wenn ich ihn dazu bewegte, eine „Alternativkneipe“ zu besuchen, machte er ein Gesicht, als müsse er zu einer Darmspiegelung. Keine Druckbetankung würde helfen. Da konnte Jörg ausfallend und richtig aggressiv werden. Das führte natürlich auch zu äußerst begrenzter Verweildauer – was Herr Fauser von Anfang an im Sinne hatte. „Ein solcher Scheißladen reicht für einen Abend.“

Auch die „Paris-Bar“ war nicht unser Ding. Da wurde man von den falschen Leuten erkannt. Denn dort verkehrte jeder, der sich selbst als kulturell wertvoll empfand. Berlins selbsternannte Qualitäts-Elite. Hauptsache, die Armen, Ungebildeten und Hässlichen blieben, wo sie hingehörten, nämlich die Nasen von außen an die Scheiben gepresst.

Der „Zwiebelfisch“ war nicht weit von dieser parfümierten Jauchegrube, aber freigeistiger.

Wir suchten den Zauber der Großstadtnacht in Ruinen, in Bars, beim Flanieren, in zügigen Neuköllner Hinterhöfen, in einer düsteren Spelunke tief unter dem Anhalterbahnhof, in Mitternachtsvorstellungen mit Eastwood, Delon und Bronson, in koreanischen Stehausschänken oder Kiezfesten. Das war eine Welt jenseits der dreisten Konventionen der Bürgerlichen Gesellschaft. Dann wurde bei der Zeit der Pausenknopf gedrückt. Und wir erregten uns gerne über das Versagen der zeitgenössischen deutschen Literatur vor der Realität. Besonders der politischen. Dann zählten wir angelsächsische West-Berlin-Romane auf un fragten einander, welcher deutsche Autor da mithalten könne. Oder welcher deutsche Autor schon mitbekommen hat, dass diese Stadt ein Brennpunkt des Kalten Krieges ist. Nach Kirst, Heinrich oder Herbst wohl keiner mehr. Und was war Günter Grass im Vergleich zu Fallada? Und warum kennt keiner mehr Kirst – bei allen Mängeln, die ein kompetentes Lektorat hätte ausgleichen können? Manchmal wurde es richtig abstrus: Etwa, dass man jede deutsche Großstadt (und Weltstädte sowieso) am Trottoirpflaster erkennen könne…

Nachdem er in die Krumme Straße gezogen war, hingen wir gelegentlich bei ihm ab. Er hatte eine Wohnung im 13.Stockwerk eines Hochhauses, die wir das 13.Arrondissement nannten. Wenn es stürmte, wackelte die schmale Terrasse, die sich um die Wohnung zog, und der Wind rüttelte an den Fenstern. Mit einer Dose Becks stellten wir uns ans Geländer, darauf bedacht, nicht über die Brüstung geweht zu werden. Wie an eine Reling gelehnt, machten wir eine Sturmfahrt über das in Donner und Blitz getauchte Berlin unter uns.
Ein Joint half dabei.

Während eines heißen Sommers zeigte ich Jörg, wie man in der Karibik Bier trinkt, um den Kater zu bekämpfen. Das wurde zum regelmäßigen Ritual, für das Jörg Paletten Becks-Büchsen und Zentnerweise Zitronen einkaufte. Dann saßen wir in der Hitze auf der Terrasse, eine Kiste mit Zitronenhälften, Salz und eiskaltes Bier. Salz wurde vor den Öffnungsschlitz gestreut, Zitronensaft bis zum Büchsenrand drauf und dann alles zusammen in die Kehle. Das kam gewaltig, und nach der dritten Büchse wich der Kater einem neuen, euphorischen Rausch.

Beim alten Fremdenlegionärscocktail „Apotheke“ (halb Fernet, halb Pastis) hielt sich seine Begeisterung in Grenzen (obwohl das Bukett Fliegen tot von der Decke fallen ließ).

Möglichst an Tagen, an denen wir im DDR-Fernsehen Umzüge ansahen und so schöne Plakate entdeckten wie „Wir danken der Partei für ihre kluge Politik“.
Unser Shinto-Schrein war der Videorecorder, munitioniert mit Melville-Filmen. Wenn wir nachts aus den Kneipen wankten, war immer noch Zeit für einen Joint bei UN FLIC.
Manchmal telefonierte Jörg nachts mit seiner Tochter in England. Der Tonlage nach mussten die Beiden ein gutes Verhältnis zueinander gehabt haben.

Häufig war nach dem vorvorletzten Getränk rund um uns der Morgen schon im vollen Gange. Die Nacht war weggesickert. Es war nicht angenehm, bei Tageslicht aus einem Laden zu kommen: Um einen herum die hysterischen Bewegungen der Graden, die zum Arbeitsplatz eilten. Man selbst hatte sich wieder nüchtern gesoffen, ohne Geld zurück verlangen zu können. Dann verabschiedeten wir uns schlecht gelaunt, stürzten heim, um die Decke über den Kopf zu ziehen und versperrten dem Universum den Zutritt zum Schlafzimmer.

Das bereits erwähnte „Martini-Stübchen“ lag auf halber Strecke zwischen Jörgs Wohnung in der Krumme Straße und meiner auf der Kant. Wenn wir sowas wie einen Hauptwohnsitz hatten, dann war das hier.

Betrieben von zwei cleveren jungen Männern und einer hübschen jungen Frau, die höchst angenehm und humorvoll im Umgang waren. Einer von ihnen war wohl ein ausgebildeter Barmann. Jedenfalls bekamen wir dort die besten Martinis von Berlin – und das nutzten wir weidlich. Vor einem leeren Glas zu sitzen, hätte an Hausfriedensbruch gegrenzt. Außerdem war es eine Art Salon, in dem wir Verabredungen empfingen, Gäste einladen konnten, die wir nicht in unseren Wohnungen haben wollten. Endlich eine Destille, die nicht zu klein war für unsere Gespräche. Ja, näher waren wir nie an „Mac´s Place“. Davon gibt es kein Filmmaterial – eine kulturgeschichtliche Schande.

Gelegentlich lief da auch ein „Nachwuchsautor“ ein. Ich habe dann Jörg vorgeworfen, er sei viel zu freundlich. Denn jeder angehende Möchtegernautor konnte ihm sein Manuskript andrehen. Statt es dann in die Tonne zu kloppen, verschwendete Jörg Stunden darauf, es zu redigieren und mit dem „Autor“ zu reden. Meist war die Karriere damit erledigt. Kaum einer wollte am Text arbeiten, umschreiben und lernen. Getreu dem Hammett-Motto: „Es ist schön, einen neuen Roman zu haben, an dem ich nicht arbeite. Der alte, an dem ich nicht gearbeitet habe, begann mich zu langweilen.“

Ullstein hatte damals eine Gelddruckmaschine: das GUINNESS-BUCH DER REKORDE, lektoriert vom ehemaligen SAFARI-Verlagsleiter Hans-Heinrich Kümmel mit der Assistenz von Karin Fehse. In vielen Haushalten muss es das einzige Druckwerk gewesen sein, Deshalb gab es auch jahrelang auf der Frankfurter Buchmesse beim Ullstein-Stand einen Guinness-Ausschank. Da konnte dann der geneigte Messebesucher auf Ullstein kosten ein gepflegtes Guinness trinken, wenn ihm das Durchpflügen der heiligen Hallen die Kehle ausgetrocknet hatte.

Ich hatte mich eines Morgens mit Helmut Wenske verabredet. Ein oder zwei Jahre zuvor war sein Underground-Klassiker ROCK´N ROLL TRIPPER erschienen, aber Wenske war nach wie vor als Maler und Cover-Künstler bekannt. Wir richteten uns an der schönsten Stelle am Stand ein, denn ich war auch mit Jörg verabredet. Wenske und ich sprachen dem dunklen Bier zu.

Und dann kam auch irgendwann Herr Fauser.
Jetzt ging die Party richtig los:

Zwei lautstarke Underground-Hessen, Guinness und dazwischen ein schüchterner Lektor. Hessischer Anarchismus, der in dem Manifest gipfelte: „Ich lass mir doch nicht von Idioten erzählen, was ich zu machen habe.“
Die Hostess kam mit dem Zapfen kaum nach. Für weitere Kundschaft war nun wirklich kein Raum oder Becher mehr. Das Kontingent reichte ja kaum für uns.
Die Kreise, die man um uns (und den Ullstein-Stand) zog, wurden immer weiter. Keiner schien dem niveauvollen Geplärre lauschen zu wollen.

Dann kam Geschäftsführer Viktor Niemann, ein durchaus toleranter und humorvoller Mensch, und nahm mich beiseite. Er bot mir einen Hunderter an, wenn ich mit meinem Pack woanders hingehen würde. Sein Wunsch war mir pekuniärer Befehl und so zogen wir zu Fischer, Hoffmann & Campe… und…und… Na dahin, wo schon vormittags was im Ausschank war. Immer nur zwei, drei Wein und ein paar Kurze. Denn kein Verlag schien gewillt zu sein, Büchermacher auf Motivsuche langfristig zu bewirten. Der Hunderter ging dann irgendwann in Äppelwoi-Kaschemmen drauf, bevor Jörg und ich zum Ullstein-Empfang torkelten, um Scholl-Latour zu treffen, der ein Idol von uns war.

Jörg hatte wie jeder ernsthafte Trinker den Trick raus, nüchtern zu sein, wenn es drauf ankam. Zum Beispiel, wenn eine Deadline bevorstand. Oder wenn er beim TIP „Heft machen musste“. Alle zwei Wochen. Dann zeigte er eiserne Selbstdisziplin. Er war eben kein Säufer, sondern ein ernsthafter Trinker.

Wenn Jörg an einem längeren Stück arbeitete – insbesondere an Romanen -, gab es kein um die Häuser ziehen oder Saufereien. Dann verließ er seinen Kampfstand nur um einzukaufen, vor allem Milch, literweise Milch. Jörgs Image als Streuner war seit Frankfurter Tagen so etabliert, dass die Zeitungen darüber berichteten, wenn er mal zu Hause war.

In Klausur hämmerte er auf seine mechanische Reiseschreibmaschine ein, wie die großen Vorbilder von Graham Greene bis George Orwell. Ich schlug ihm mal vor, es mit einer schönen neuen elektrischen zu versuchen (ich selber hatte gerade die Freuden einer IBM Kugelkopf kennengelernt), die ihm das Schreiben erleichtern könne. Er sah mich nur verächtlich an: „Man muss um jeden Satz kämpfen.“

Und dieser selbstmitleidlose Kampf zeichnete seine Texte aus. Die meisten Bücher werden nur gelesen, andere sind Erfahrungen, die zum Bestand der eigenen Biografie werden. Das erklärt vielleicht auch, weshalb Jörg heute noch auf so viele jüngere Leser eine Faszination ausübt.

FORTSETZUNG FOLGT

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2 Kommentare so far
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…..ich warte!

Kommentar von Udo Gietzen

los gib uns den Stoff…!!

Kommentar von Martin Däniken




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