Martin Compart


MICK HERRON – DER ABDECKER DES SECRET SERVICE 4/ by Martin Compart

Herron saugt seine Plots aus den Aktualitäten, die unsere Nachrichten dominieren. Er steigt hinter die Oberfläche und sieht neben dem Terrorismus viel entscheidendere Bedrohungen: Korruption, Geldwäsche in der City, eine dysfunktionale Regierung, immer weiter nach rechts wandernder Konservativismus und Klassenkonflikte.
Eben England, wie es heute ist, nachdem es von Thatcher, Blair & Co. auf rechts gedreht wurde. Europa im Würgegriff der Banken und Konzerne, die für den Wiederaufstieg des Faschismus – mit dem unzutreffenden und verharmlosenden Begriff „Populismus“ verklärt – verantwortlich sind, indem sie mit ihrem politisch unkontrollierten Feudal-Kapitalismus für ein Gerechtigkeitsgefälle sorgen, wie es dieser Planet noch nicht gesehen hat.

In seiner Verachtung für das Establishment steht Mick Herron eher dem großen Brian Freemantle (insbesondere seiner Charlie Muffin-Serie, dem wohl unterschätzteste Klassiker des Polit-Thrillers) nahe, als etwa LeCarré, bei dem noch immer eine gewisse Wehmut über das untergegangene Empire nachschwingt.

Auch Brian Freemantle war und ist für seine überraschenden Handlungswendungen berühmt und berüchtigt. Im ersten Muffin Roman, CHARLIE M, 1977, orchestrierte er einen der nachhaltigsten Regelbrüche und Plotwendungen in der Geschichte des Spionageromans (eine genauere Beschäftigung mit ihm ist in diesem Blog längst überfällig).
Den Humor teilt Herron mit Freemantle, wie dessen Verachtung fürs Establishment.

Wenn man literarische Bezugspunkte und Traditionen für Herron ausfindig machen will, dann dürfte Brian Freemantle (der inzwischen fast 100 Bücher geschrieben hat) ihm am nähesten kommt. Freemantle schrieb sogar eines der ersten Sachbücher über den KGB; das einzige Proof Copy davon wurde seinerzeit vom KGB auf der Frankfurter Buchmesse vom KGB entwendet.

Man könnte glauben, diese überraschenden Wendungen sind von einem kriminellen Mastermind haarklein geplant. Aber das Gegenteil ist der Fall: “Some of those twists will have occurred to me at about the same point in the novel that they’re dropped on the reader.”

Herron fordert dem Leser einiges ab:

Sein reichhaltiges Personal und sein zynischer Erzähler erfordern mitdenken, manchmal muss man auch zwischen den Zeilen lesen. Die häufig naiv-patriotische Weltsicht amerikanischer Agenten-Thriller-Autoren teilt er nicht. Sein sowohl kunstvoller wie unterhaltsamer Stil verhindert, in die Langeweile von High-brow-Thrillern à la LeCarré abzugleiten.

Trotzdem kommt die Action nicht zu kurz.

Auch wenn das Intro im ersten Roman sehr lang ist, da Herron den Lesern sein Personal genau vorstellt, liest es sich spannend und höchst amüsant.

Ein Geheimnis großer Literatur ist, dass man sie auf den ersten Blick nicht erkennt. Wahrscheinlich überfordert Herron deutsche Thriller-Leser, die das restringierte Gestammel von Autoren wie Fitzeck oder Schwätzing mit Freude ertragen.

Nein, Mick Herron is „the thinking men´s spy writer”.

Seine Dialoge gehören zu den besten, die heute geschrieben werden, erinnern in Intelligenz und Witz manchmal an Chandler:

(Lamb)„Der kalte Krieg hatte auch seine guten Seiten, wissen Sie. Ist doch nicht schlecht, wenn man seine jugendliche Unzufriedenheit rauslassen kann, indem man ein Parteibuch rumträgt statt eines Messers und man endlose Versammlungen in den Hinterzimmern von Kneipen besucht und für Anliegen auf die Straße geht, für die kein anderer aus dem Bett aufstehen würde.“
(Rivers.) „Tut mir leid, dass ich das verpasst habe. Gibt es das auf DVD?“

Das treibt doch jedem Sixties-Nostalgiker die Lachtränen in die Augen!

Herron gelingt, was nur wenigen Autoren – wie etwa Joseph Conrad – gelingt: Er schafft einen eigenen Kosmos. Sogar bis hin zu einer eigenen Terminologie.

Er hat sich einen eindrucksvolle Sprachcode für „seinen“ Geheimdienst einfallen lassen. Dieser ist inzwischen so elaboriert, dass ein Fan ein Glossar erstellt hat: https://spywrite.com/2018/07/04/mick-herrons-slough-house-a-glossary/.

David Hemings als Charlie Muffin in dem gleichnanmigen TV-Movie von Jack Gold.

P.S.: Warum ich immer mal wieder auf Schwätzing und Fitzeck rumhacke?

Erstmal ist mir ihr Erfolg so wenig begreifbar wie der der AfD. Vielleicht ist das Bindeglied Kohls „geistig-moralische Wende“ und der seitdem fortschreitende Niveauverfall in fast allen Belangen der Republik.

Zum zweiten wurde ich mal pekuniär dazu genötigt, zwei, bzw. drei Bücher von ihnen zu lesen (die jeweiligen Verlage hatten nicht mal eine große Packung Aspirin mit eingeschweißt).
Die deprimierendsten Leseerlebnisse seit den Rückerstattungsbescheiden des Finanzamtes und literarisch anspruchsloser als staatsanwaltliche Vorladungen.

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3 Kommentare so far
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Sie mögen ja in vielerlei Recht haben; aber Ihre derbe Ausdrucksweise ist m.E. Nicht zitierfähig.

Kommentar von Die Zeit 54

Wörtche hat uns zwar kürzlich mitgeteilt, das Wort „verdammt“ werde nur von „hartesottenen Postpubertanten“ (was immer dies bedeuten soll) verwendet, doch Dein Vieteiler über Herron ist nun wirlich verdammt informativ und illustrativ. Grosse Klasse!

Kommentar von krimiautorenaz

Danke Dir! …und als Sprachpolizist taugt der arme Kerl
auch nicht. Außerdem gehen wir doch aus der Pubertät direkt in die Rente, oder?

Kommentar von Martin Compart




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