Martin Compart


Wie funktioniert die KRIMI-COUCH? – Interview mit Jochen König by Martin Compart
12. März 2018, 9:13 am
Filed under: Crime Fiction, Dieter Paul Rudolph, Interview, Jochen König, Krimis | Schlagwörter: ,

MC: Die KRIMI-COUCH dürfte mit monatlich mehreren Millionen Klicks (korrigiere mich) die erfolgreichste und größte Plattform für Kriminalliteratur in Deutschland sein.

JK: Im Januar hat sich die Zahl der Besuche auf der Krimi-Couch – nicht der Klicks – laut similarweb.com auf über 600 000 gesteigert. Damit dürfte die Couch tatsächlich eine der bestbesuchten Seiten im Themenbereich sein. Ob es tatsächlich „die erfolgreichste und größte Plattform für Kriminalliteratur in Deutschland“ ist, vermag ich nicht zu sagen. Es läuft auf jeden Fall gut.

MC: Wie kam es zu der Idee und zu ersten Umsetzungen?

JK: Die Geschichte der Krimi-Couch begann 2002, als ihr Gründer Lars Schafft beschloss, eine Webseite aufzubauen, deren erstes Anliegen es war, die unorthodoxe Chronologie der deutschsprachigen Veröffentlichungen Henning Mankells zu korrigieren und die tatsächliche Reihenfolge seiner Romane darzustellen. Dass dies nicht nur archivarisch geschah, sondern gleichzeitig von kritischen Rezensionen begleitet wurde, entwickelte sich zu einem der Markenzeichen der Krimi-Couch.

Nicht nur Kritiken zu veröffentlichen, sondern auch eine Datenbank zu erstellen und diese möglichst umfassend, korrekt und aktuell zu gestalten. Bei dem Wust an hierzulande erscheinenden Kriminalromanen geradezu eine Sisyphos-Arbeit. Heute noch mehr als vor 16 Jahren. Weshalb eine Prioritätenvergabe unausweichlich ist. Neu aufgenommen werden derzeit in erster Linie Autor*innen, zu deren Büchern eine redaktionelle Rezension vorliegt.

Zusätzlich dazu bot und bietet die KC ein Forum, in dem man sich austauschen kann, die Möglichkeit hat, ein Profil anzulegen, um u.a. ein virtuelles Bücherregal zu erstellen und mit anderen Mitgliedern der KC-Community privat zu kommunizieren. Ebenso kann jeder Leser Kommentare hinterlassen, egal ob ein Buch bereits redaktionell besprochen wurde oder nicht. Das war in den Nullerjahren noch nicht Standard und war ganz früh schon so eine Art kriminalistisches soziales Netzwerk. Einfacher Small-Talk ist im Forum natürlich ebenfalls möglich. Wenn man Lust darauf hat.

Nette Gimmicks waren auch der Dr.Watson-Generator, der nach Eingabe von Stichworten passende Buchvorschläge ausspuckte (so soll es zumindest sein. Doch der Doktor ist mitunter etwas eigenwillig und wortkarg) sowie die Möglichkeit, anhand von Landkarten herauszufinden, welcher Roman wo spielte. Diese vielfältige Gemengelage machte die Krimi-Couch schnell ziemlich einzigartig.

Bald fanden sich weitere Kritiker ein, sodass der Rezensionsteil ausgebaut werden konnte. Ich selbst stieg Ende 2007 ein (mit der Rezension zu Walter Mosleys „Little Scarlet“) und wurde schnell zum stellvertretenden Chefredakteur.
Doch bereits einige Zeit davor hatte Lars Schafft mit André Schmechta die „Literatur-Couch GmbH“ gegründet. Die Krimi-Couch blieb nicht alleine. Es gesellten sich die Histo-, Phantastik-, Kinder-, Jugendbuch-, Kochbuch- und Belletristik-Couch hinzu. Das jüngste Kind ist die 2017 gestartete Comic-Couch.

MC: Ich bin vor einigen Jahren damit konfrontiert worden (in einem Krimi- Chat, in den ich naiv reinrutschte), dass man ziemlich ärgerlich über die KC formulierte. Nach meinen Nachfragen erfuhr ich, dass nach Meinung der Beteiligten ein Qualitätsverlust eingesetzt hatte. Hast Du ähnliche Erfahrungen gemacht?

JK: Nun hat ja jede langlebige „Institution“ ihre ups and downs. Aber woran könnte dieser von einem Teil der Krimiszene wahrgenommene Qualitätsverlust gelegen haben?
Hmm, das zu beantworten ist schwierig, weil es vermutlich jene Zeit betrifft, in der ich nicht für die Krimi-Couch tätig war. Da kann ich nur als Außenstehender antworten: Eigentlich sollten die Ausgaben der Krimi-Couch, wie bei Printmedien, monatlich erscheinen. Elf Mal pro Jahr, mit einer Pause im Januar. Irgendwann reduzierte sich die Anzahl runter bis teilweise auf sieben oder acht Ausgaben. Dazu gesellten sich technische Probleme, die vor allem die Nutzerkonten (Stichwort: Bücherregal) betrafen. Diese Unregelmäßigkeiten gefielen begreiflicherweise zahlreichen Lesern und Usern nicht.

Auch hatten einige kompetente Redakteure die Krimi-Couch verlassen (Matthias Kühn, Martin Krist, und Stefan Heidsiek beispielsweise). Der im letzten Jahr leider viel zu früh verstorbene DPR (Dieter Paul Rudolph) hatte sein Krimilabor, ein Kolumnen-Highlight der Krimi-Couch, bereits zu meiner aktiven Zeit geschlossen, um mehr Muße für seine Autorentätigkeit zu haben. Bevor er dem Krimigenre weitgehend den Rücken kehrte, um seine ganz besondere Art des creative writing zu betreiben. Er veröffentlichte die „Schundhefte“, eine Art ironische Pulp-Hommage und widmete sich als Mentor und kritischer Begleiter einer Gruppe junger Autorinnen, den „Fantasy Girls“. Damit einher ging eine intensive Beschäftigung mit E-Book-Veröffentlichungen.
Teilweise sah es auch so aus, als würden die Rezensionen – das betraf vor allem neue und periphere Schreiber – nicht mehr so sorgfältig wie früher redigiert.
Ein riesiges Loch hinterließ auch der Abschied Susanne Kremmers, die die bibliographische Datenbank der Krimi-Couch äußerst akribisch, kompetent und findig pflegte und erweiterte. Diese Datenbank ist ein enorm wichtiges Feature der Krimi-Couch, das fast für so etwas wie ein Alleinstellungsmerkmal sorgt.
Das hat sich mittlerweile glücklicherweise wieder geändert. Die monatlichen Ausgaben sind seit 2017 eh Geschichte, die Krimi-Couch veröffentlicht, um das serielle Fernsehen mal mit einzubeziehen, quasi horizontal, nicht mehr in abgeschlossener Episodenform und kann so flexibler agieren. Und Susanne Kremmer arbeitet wieder an den Hintergrundinfos.

MC: Wie kam es zu der KC-Reihe bei Fischer und weshalb existiert sie nicht mehr?

JK: Wie genau es zustande kam, müsstest du Lars Schafft und André Schmechta fragen. Der Kontakt zum Fischer Verlag war damals sehr gut, und ich denke, dadurch wurde die Idee geboren, eine kleine Klassiker-Reihe unter Betreuung der Krimi-Couch ins Programm zu nehmen. Das Ende ist banal: Es rentierte sich anscheinend nicht. Die Fans von klassischen Kriminalromanen sind zwar solvente und interessierte Leser*innen, doch ist die Anzahl begrenzt. Und eine Begeisterungswelle schwappte leider nicht über. So blieb es bei elf Titeln, eine dritte Staffel wurde zwar vorbereitet, blieb aber im Schubladenmodus.

MC: Du hast die KC einige Jahre verlassen und dort nicht mehr mitgearbeitet. Warum?

JK: Das hatte mehrere Gründe. Ich hatte das Gefühl, dass Stillstand herrschte, zu viel Arbeit geleistet wurde, ohne dass Erkennbares dabei herauskam. Manches versandete einfach, anderes blieb liegen oder verzögerte sich scheinbar grundlos. Gleichzeitig eröffnete sich für mich mit Booknerds.de die Möglichkeit, nicht nur im Bereich der Kriminalliteratur tätig zu sein, sondern auch meinem ursprünglichen Interesse nachgehen zu können, nämlich Filme und TV-Serien zu besprechen.

Ich habe ja immer neben der Krimi-Couch auch für Musik-Webzines (erst Nocturnalhall.de, dann Musikreviews.de) geschrieben. Ex-Musikreviews-Kollege Chris Popp hat Booknerds.de gegründet, und es geschafft mit einem offenen Konzept – besprochen werden Bücher, Hörbücher, Audiovisuelles und gelegentlich sogar Computerspiele – viele hervorragende Kulturschaffende auf der Seite zu versammeln (der bekannteste dürfte derzeit Oliver Uschmann sein). Ich habe mich dem gerne angeschlossen.

MC: Wie sieht heute Deine Beteiligung an KC aus? Und was hat Dich zur Rückkehr bewogen?

JK: Mein Herz hing auch während meiner Abwesenheit an der Couch. Ich hatte immerhin mehr als ein halbes Jahrzehnt eine spannende Zeit dort erlebt, viele tolle Menschen kennengelernt und mit ihnen zusammengearbeitet. Bereits mein völlig verkorkstes Interview mit James Ellroy, sorgte für viel Nachhall und eine Geschichte, die ich immer wieder gerne erzähle. Obwohl ich gar nicht gut dabei wegkomme. Ich killte das Gespräch damals gleich mit meiner ersten Frage nach dem „Patriot Act“.

Das, was Lars und Andrés Agentur, die Zeitspringer in Münster, aus der Krimi-Couch (und ihren Verwandten) gemacht hatten, fand ich immer beeindruckend. Nicht nur einen Krimi-Blog – die es mittlerweile ja wie Sand am Meer gibt – zu schaffen, der gefühlsduselige Befindlichkeitsrezensionen verbreitet (gerne gipfelnd in einem unverbindlichen „Geschmäcker sind halt verschieden“), sondern eine multifunktionale Seite zu erstellen, die Lesern Austausch und Einbringung erlaubt, kompetente redaktionelle Kritiken veröffentlicht, als Nachschlagewerk funktioniert und noch ein paar knuffige Features mehr bietet (Krimi-Landkarte, Dr. Watson etc.) – das war (und ist) schon eine tolle Sache, die zu Recht mit dem Grimme Online Award ausgezeichnet wurde.

Dass es bedauerlicherweise zu Unwegsamkeiten kam, liegt auch an dem hochexplosiven Gebräu, das sich Leben nennt. Und das hält neben Erwartbarem gerne Überraschendes parat.
2017 hat Lars Schafft die Literatur-Couch-AG verlassen, André Schmechta und seine Frau Stefanie sind jetzt Hauptverantwortliche. Mit André hatte ich eigentlich dauerhaft Kontakt, er produziert mit X-MARKS THE PEDWALK seit einigen Jahren wieder selbst Musik, hat ein hochinteressantes Soloprojekt (SN-A) am Start und produziert mittlerweile auch andere Künstler. Ein Fall für Musikreviews. Und mich.
Als André mich dann letztes Jahr fragte, ob ich nicht wieder Lust hätte, für die Krimi-Couch zu arbeiten, brauchte ich nicht allzu lange überlegen. Das Konzept war gut, mein Aufgabenbereich ist spannend und erlaubt mir einige Freiheiten. Zudem ist es interessant, zu sehen, ob man, angesichts eines einbrechenden Buchmarktes, nicht doch Interesse an Literatur, speziell der Kriminalliteratur wecken und erhalten kann. Auch und gerade außerhalb des x-ten Serienkiller-Aufgusses und bis zur peinlichen Absurdität überreizten Psycho-Thriller-Standards vom Wühltisch. Die steigenden Zugriffszahlen des letzten Jahres sprechen dafür.

MC: Wie wird oder sollte sich die KC weiterentwickeln? Gibt es da konzeptionelle Möglichkeiten, die Du siehst?

Zur geplanten Ausrichtung und Entwicklung müsstest du Stefanie Eckmann-Schmechta fragen, die Geschäftsführerin der Couchen. Was bereits passiert ist eine multimediale Ausrichtung und Themenerweiterung. So gibt es seit Ende letzten Jahres auf Youtube den „Krimi im Kreuzfeuer“. Dort diskutieren Andreas Kurth, Birgit Borloni und ich – durchaus kontrovers – über aktuelle Kriminalromane. Weitere Events – mit Kamerabeteiligung – sind in der Planung.

Abseits von literarischen Rezensionen passiert auch einiges. So habe ich mich länger der dritten Staffel von „Twin Peaks“ gewidmet, ein herausragendes Fernsehereignis, das jede Aufmerksamkeit verdient hat. Außerdem habe ich mich im Zuge der Veröffentlichung von „Endeavour“ („Der junge Inspektor Morse“) dem vor einem Jahr verstorbenen Autoren Colin Dexter und seinem Inspektor-Morse-Universum beschäftigt. Eine lohnende Angelegenheit, nicht nur für Oxford-, Wagner- und Kreuzworträtselfans.

Selbst Filmbesprechungen halten gelegentlich Einzug auf der Couch. Der erste Anlass war „Wind River“ , der Abschluss von Taylor Sheridans „American Border“-Trilogie („Sicario“, „Hell Or High Water“ und „Wind River“). Ein höchst atmosphärischer Country Noir, der im winterlichen Wyoming spielt. Mit exzellenter Besetzung und einer Thematik, die sich mit der Vernachlässigung der indigenen Bevölkerung Amerikas befasst.
Weitere Specials werden folgen, als nächstes werde ich mich mit dem Thema „Krimi und Musik“ beschäftigen. Ein großes Gebiet, das ich zwar nicht abdecken werde, aber ein paar literarische und musikalische sollten drinsitzen. Wie der Verweis auf Nick Cave, der auch die Filmmusik von „Wind River“ (gemeinsam mit Warren Ellis“) geschrieben hat, und der mit seinen „Murder Songs“ explizit das Thema Verbrechen musikalisch aufgegriffen und hervorragend umgesetzt hat.
Insgesamt hoffe ich, dass wir weiterhin breitgefächert und kritisch über Krimi, seinen Status Quo, Entwicklungen, Trends und Möglichkeiten informieren werden. Damit erkennbar bleibt, wie wichtig und erhellend das Genre in seiner Vielfalt für die Literatur und im besten Fall auch unser Leben ist.

https://www.youtube.com/channel/UCc5u1olN474if0PCy_JuTyQ

http://www.krimi-couch.de/

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Ich bin als ehemaliger Redakteur, dessen Herz weiterhin noch an der Couch hängt, froh, dass diese augescheinlich die Talsohle durchschritten hat. Obwohl (meines Erachtens) noch einiges im Argen liegt, tut sich doch nun mehr in die richtige Richtung. Das ist auch Jochens Engagement zu verdanken, dessen Besprechungen (und Titelauswahl) auch das Publikum abseits des Mainstreams wieder auf die Couch holt. Mal abgesehen von der Tatsache, dass er einfach nen dufte Type is, der jedem Team gut tut.

Schönes (von mir ziemlich spät entdecktes) Interview Martin!

Kommentar von Stefan Heidsiek




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