Martin Compart


NEWS: INSOLVENTER POLAR VERLAG UND DIE BEDEUTUNGSLOSIGKEIT DES FEUILLETONS by Martin Compart
27. September 2017, 9:50 am
Filed under: Deutsches Feuilleton, Rezensionen | Schlagwörter: , , ,

Was das konzeptionell ungeschickte Crowdfunding des Polar Verlages vermuten ließ (keine 3000 € von anvisierten 50000€), hat sich bestätigt: Die Finanzdecke war für das Unternehmen zu dünn.

Ich kenne mich aus, bin ich doch Anfang der Nullerjahre zusammen mit Werner Fuchs und Bernd Holzrichter mit dem Unternehmen STRANGE-Verlag, da der Cashflow zu langsam floss (ein Problem für alle Kleinverlage), selber gescheitert. Und das bei inhaltlich und äußerlich höchster Qualität. Wir haben den Laden damals aber einfach nur zu gemacht und sind ohne Verluste aus der Sache rausgekommen.

Interessant am Scheitern von Polar ist für mich ein anderer Aspekt:

Kaum ein Krimi-Verlag wurde von Kritikern und Feuilletonisten so gehätschelt wie der Polar Verlag. Ausgehend von der Wörtche-Maier-Clique, die man auch in die Verlagsarbeit eingebunden hatte, wurde der Verlag mit Rezensionen geradezu verwöhnt und überschüttet. Man galt als Darling der Crime-Szene. Aber das nutzte nicht, um genügend Bücher zu verkaufen um das Unternehmen profitabel zu machen.

Das bedeutet: Rezensionen in Print-Medien haben heutzutage so gut wie keine Bedeutung mehr um potentielle Käufer zu erreichen.

Eine Entwicklung, die ich schon seit Jahrzehnten zunehmend beobachte: In den 1980er Jahren reichte eine winzige Rezension – im PLAYBOY(!) etwa – aus, um einen – beispielsweise – Jim Thompson bei Ullstein nachzudrucken.

Mit zunehmender Medienverdrossenheit (Propaganda- oder Systemmedien) und zunehmenden Internet lässt die Verbreitung, und vor allem die Akzeptanz, des Print-„Journalismus“ gewaltig nach. Das Klientel-Feuilleton funktioniert nur noch eingeschränkt bei Sujets, die sich bereits durchgesetzt haben und dies nur in einem äußerst geringen Rahmen.

Hinzu kommt noch die häufig bescheidene Qualität: Inzwischen findet man bei den Leserbesprechungen auf AMAZON (die weitaus mehr credibility genießen) häufig höheres Niveau als bei den Berufsfeuilletonisten (wie immer gelten natürlich auch für diese Beobachtung die Ausnahmen, die die Regel bestätigen).

Im Netz gibt es inzwischen so viele Crime-Blogs, das fast jeder Leser einen entsprechenden findet, der seine speziellen Vorlieben bedient.

P.S.: In den 1970er Jahren wählte ich meine Kino-Besuche häufig danach aus, ob der Film in der ZEIT negativ besprochen war. Nicht einmal das funktioniert heute noch fürs Print-Feuilleton.

Aber auch die Buchverkäufe über das Fernsehen funktionieren nicht mehr in derselben Größenordnung wie einst während des LITERARISCHEN FEUILLETONS „unter“ Reich-Ranicki. Das liegt sicherlich zum Teil an Moderatoren wie Susanne Fröhlich oder den 3SAT-Besserwisserinnen mit der geistigen Strahlkraft batterieloser Taschenlampen, aber nicht nur an ihnen:
Denn die Konzepte dieser „über Bücher quatschen“-Sendungen sind noch dämlicher als die Sendezeiten. Die Produktion ist allerdings billiger als ein Autorenbesuch des dicken Jungen in DRUCKFRISCH.

Trotzdem kann das Fernsehen noch immer Bücher auf die Bestsellerliste bringen. Und das kann das Print-Feuilleton schon lange nicht mehr. Ersteres ist zutiefst bedauerlich.


Kein Kommentar

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4 Kommentare so far
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Ein trauriges Bild, welches du da malst, aber doch wohl leider ein ziemlich wahres. Der „Markt“, wenn man ihn mal so nennen will, für Rezensionen ist mehr als gesättigt. Jeder Mensch kann überall seinen Senf abgeben und die Grenzen zwischen den (selbsternannten) Krimi-Päpsten und Frau Erika Mustermann mit ihrer Lovelybooks-Leserunde verschwimmen ebenfalls zunehmend. Und wie die Erfahrung zeigt: Die Leser dieser Besprechungen, hätten sich das Buch wahrscheinlich ohnehin gekauft. Die restliche Masse greift aber weiterhin ins Spiegel-Bestsellerregal.

Doch wie sieht die Alternative aus bzw. ist es falsch, in vielen Blogs auf z.B. Crime Fiction (die sonst unter dem Radar läuft) hinzuweisen? Persönlich empfinde ich mich nicht als Werbeinstrument für einen Verlag, wenngleich ich mich bei dem ein oder anderen dann letztlich tatsächlich freue, wenn eine meiner Rezensionen jemanden dazu bewegt hat, außerhalb seines Mainstreams-Beuteschemas zu wildern. Daran ist, denke ich, nichts verwerfliches. Menschen wie z.B. Günther Butkus stecken – so wie du früher auch – ihr Herzblut in das Medium Buch und das Genre Krimi. Und wenn eine (berechtigte!) positive Besprechung ihnen den ein oder anderen Euro mehr einbringt, freut es mich. Die jeden erreichende Strahlkraft scheint das Printmedium (sowie Internetportale und Blogs) dennoch verloren zu haben, wie es überhaupt der eher auf männliches Publikum gerichtete Krimi (inzwischen sind 70 % der Leser Frauen) immer schwerer hat.

Ob das letztlich aber der Grund ist, warum Polar jetzt Insolvenz anmeldet – ich kann es nicht beurteilen. Pendragon (den es seit Anfang der 80er gibt) ist ein gutes Beispiel dafür, dass man mit kleinem Programm und geringem Budget zumindest über Jahrzehnte überleben kann. Die sind z.B. teilweise nicht mal in ihrer Heimatstadt in Buchhandlungen vertreten. Insofern ist hier von vorneherein möglicherweise auch vollkommen falsch kalkuliert bzw. der Absatz überschätzt worden. Viele unbekannte, neue Autoren, dazu fremdländisch und damit mit hohen Übersetzungskosten verbunden. Für ein kleinen Verlag ein relativ offensives Marketing. Da hat man vielleicht das Gaspedal zu sehr nach unten gedrückt. Unabhängig vom von Dir vorgeworfenen Overhype (Zu Wörtche sag ich jetzt besser mal lieber nichts), den du für DuMont Noir oder auch die Ullstein-Zeit zuvor wahrscheinlich auch – und verdientermaßen – mitgenommen hättest.

Was mich am meisten stört, ist, dass bei der Crowfunding-Aktion nicht mit offenen Karte gespielt wurde (wobei Crowfunding ohnehin nicht für die Finanzierung des Tagesgeschäfts dienen sollte). Das hätte man sicher anders lesen können und müssen. Wenn ich dann noch auf FB lese, dass diejenigen, die die Insolvenz bedauern, ja hätten spenden können, krieg ich dann zusätzlich ne Krawatte.

Wir können es drehen wie wir wollen – für mich bleibt es, wie das Ende von DuMont Noir oder der Hard-Case-Crime-Reihe, ein Verlust für den Leser. Die Hoffnungen ruhen damit weiterhin auf Frank Nowatzki und Co., von deren (und auch deinen) Erfahrungen zukünftige Projekte dringend lernen sollten. Das gilt auch bei der Zuhilfename (mancher!) sogennanter Krimi-Päpste, die mittlerweile überall ihren Stempel druntersetzen und letztlich – zumindest für mich – ihre Glaubwürdigkeit komplett verschebelt haben. Da hat sich nämlich auch in den letzten Jahren eine Kultur des Kritikerschwänzevergleichs entwickelt, bei der das Thema – nämlich der Krimi – mitunter komplett in den Hintergrund getreten ist.

(Während Mittagspause samt Brötchen mit einer Hand getippt. Tippfehler sind bitte zu entschuldigen)

Kommentar von Stefan Heidsiek

Dann will ich es mal positiv formulieren: Ohne Blogs, Print-Rezensionen usw. würden wahrscheinlich noch weniger Titel kleinerer Verlage verkauft. Nur: Es reicht nicht.

Mir hatte Manni Sarrazin (Alibi) schon vor 15 Jahren erzählt, dass seine männliche Kundschaft fast ausschließlich fremdsprachig liest. Dementsprechend passte er sein Angebot an.

Und noch ein Phänomen: Wenn ich ab heute keine Neuerscheinung mehr kaufen/sonstwie erhalten würde, könnte ich mich dank dem Internet für den Rest meines Lebens mit bisher ungelesenen, älteren Titeln auf höchstem Niveau versorgen. Und die Versandkosten wären dabei der höchste Kostenfaktor. Das würde ich auch behaupten, wenn ich 20 wäre.

Die Entwicklungen sind ähnlich (wenn auch nicht in der Hardware vergleichbar) wie bei der Musik: Die Dinge sind nichts mehr wert. Gute neue Bands verkaufen nix, werden kostenlos konsumiert. Aber die Helene Fischer-Fans und ähnlich ausgerichtete KAUFEN alles von ihren Lieblingen.

Und nochmal zu Polar. Schlechter kann man ein Crowdfunding wohl kaum konzipieren. Mal abgesehen von dem peinlichen Video, auch diese „Belohnungen“ sind doch mehr als nur abschreckend. Ein paar Beispiele:
bei:
EUR
500
0 vergeben
bekommt der Spender:
Crime Dinner
Beim Essen lässt es sich am besten über Bücher und Autoren reden. Wir laden euch dazu in den Polar Verlag ein. Eigene Anreise und Unterkunft, bei der wir gerne behilflich sind.

bei:
EUR
500
1 vergeben (DONNERWETTER!)
Polar Book Tour
Der Verleger liest bei euch zuhause und du kannst alle Freunde dazu einladen. Das Programm bestimmst du.

bei:EUR 400
0 vergeben
Das Handwerk des Verbrechens
Du wolltest schon immer wissen, warum ein Krimi dich packt oder nicht? Wir laden dich ein Wochenende in den Polar Verlag ein. Der Verleger Wolfgang Franßen und der Journalist Carsten Germis führen euch in die hohe Kunst des Verbrechens ein. Snacks und Getränke stellen wir euch während der Veranstaltung zur Verfügung und empfehlen euch ein Buch aus unserem Programm, das ihr mit nach Hause nehmen dürft. Eigene Anreise und Unterkunft, bei der wir gerne behilflich sind.

Ich pack es nicht, wie man so weltfremd denken kann. Aber das Beste war für mich diese Masterclass mit diesen hochkarätigen Lehrern. Als sollte man einen Fahrkursus bei jemanden buchen, der keinen Führerschein hat (um diesen „unterkomplexen“ Vorgang nicht „benevolent dogmatisch zu fassen, was dem Aspektischem der Kontingenz im framing vielleicht doch nicht evident ist.“ Ha,ha,ha, und darauf fallen welche rein. Was für ein Projekt!).

Kommentar von Martin Compart

Der war auch gut:

EUR
3.000
0 vergeben
Fotosession
Kerstin Petermann ist die Hausfotografin des Polar Verlags. Du erhältst ein exklusives Fotoshooting mit ihr in Hamburg und begleitest sie auf Motivsuche. Eigene Anreise und Unterkunft.

Kommentar von Martin Compart

Uff, die „Prämien“ kannte ich gar nicht, weil ich schon bei dem Thema „Deutscher Polar“ raus war. Vielleicht allerdings auch ganz gut so. – Wie gesagt, die ganze Aktion war äußerst ungeschickt und vor allem von vorneherein nicht ehrlich. Hätte man ganz einfach gesagt, wie die finanzielle Schieflage aussieht und zum Spenden aufgerufen, wäre wahrscheinlich mehr zusammen gekommen, was aber am Ende auch sicher nicht genug gewesen wäre. Ich meine, 50.000 €. Wenn schon so eine Summe notwendig ist, kann man eigentlich gleich die Rollos runterlassen.

Was die Neuerscheinungen angeht: Geht mir ähnlich. Hab mir für meine inzwischen über 3.000 Krimis umfassende Sammlung bestimmt die Hälfte bei Booklooker (verpackt, ungelesen oder wie neu) gezogen, zudem einige im Antiquariat von „Der Wendeltreppe“. Genug Lesestoff für mehr als ein Leben, aber es ist halt beruhigend, wenn man die Auswahl hat.

Andererseits bin ich gelernter Buchhändler und krieg leider das kalte Kotzen, wenn ich sehe, was inzwischen selbst so in inhabergeführten Buchhandlungen für Personal rumgeistert und an Titeln auf den Tischen liegt. Dass die großen Ketten die Bücher kleinerer Verlage (können sich die Rabatte für die Zentrallager ja nicht leisten) nicht präsentieren, ist ja schon lang nix Neues. Wenn man dann aber sieht, dass sich auch alteingesessene Buchhändler nur das Random-House-Mix-Paket schicken lassen, wird einem klar, dass Ariadne, Pendragon, Golkonda und Co. da gegen Windmühlen kämpfen. Und wenn dann irgendwann diese Verlagswelt ausstirbt, wird sich das dann auch in mangelnder Vielfalt niederschlagen. Da bleibt einem nichts anderes mehr übrig, als das Original zu lesen.

Kommentar von Stefan Heidsiek




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