Martin Compart


THRILLER, DIE MAN GELESEN HABEN SOLLTE: ADAM HALLs QUILLER by Martin Compart


Adam Halls Quiller-Serie war trotz allen Erfolges nie eine Bestseller-Serie. Seit ihrem Beginn 1965 hat sie bis heute den Status eines Geheimtipps und eine extreme Fangemeinde, zu der viele Autoren gehören. Sie ist so ungewöhnlich und einzigartig im Genres des Agenten-Thrillers, dass Eric Van Lustbader über sie sagte: „When it comes to espionage fiction, Adam Hall has no peer.“

Adam Hall (Pseudonym für Elleston Trevor, 1920-1995) war und ist der wahrscheinlich “schnellste” Autor des Thrillers. Kein anderer geht ein so unglaubliches Tempo wie Adam Hall. Und dabei zerdehnt er gelegentlich die Zeit so exzessiv, dass ein Vorgang von wenigen Minuten über ein ganzes Kapitel sekundiös gestreckt wird. Der Kampf im Aufzug in THE WARSAW DOCUMENT zieht sich im Original über sechs Seiten. Dieses Zerdehnen der Zeit als Stilelement des Thrillers hatte zuvor schon Ian Fleming genutzt in der schweißtreibenden Szene mit dem giftigen Tausendfüßler in DR.NO. Hall hat dieses Stilelement „Tempo durch Verlangsamung“ perfektioniert, wie Sam Peckinpah einst die Anwendung der Zeitlupe.

Was Halls kurze Romane stilistisch so modern macht, ist seine radikale Schnittechnik, die den Leser durch die Seiten jagt. Manche Romane beginnen scheinbar gemächlich, nehmen dann aber abrupt Tempo auf. Andere machen Tempo von der ersten Seite an, springen durch jump-cuts zwischen Orten, Bewusstsein und Kapiteln.
Angesichts der konservativ erzählten Thriller-Literatur der Gegenwart (immer dicker, langweiliger und redundanter) ist Adam Hall immer noch Avantgarde.

Obwohl die Romane genau recherchiert sind, vermied es Adam Hall die Handlungsorte aufzusuchen. Er war der Meinung, eine zu genaue Kenntnis der Schauplätze würde seine Einbildungskraft eingrenzen: „This sounds very perverse, but it is somehow that the country or area has a magic, a mystery for me that maybe came through in my writing, which doesn’t always happen if I’ve actually been there. I hadn’t been to Germany when I wrote The Quiller Memorandum. I hadn’t been to Hong Kong when I wrote The Mandarin Cypher. But I wrote to the Hong Kong police to ask for a traffic ticket, because in this book Quiller has been parking illegally, and he has a traffic ticket on the windshield, and I wanted the exact and precise wording. As I grew up and travelled more, there became fewer and fewer places where I hadn’t been, so I had to set Quiller in places I’d already visited. The first time I did it was when I lived in France; I set a new Quiller novel in the south of France and after a third of the way through I knew it wasn’t working. I had to pack it in and start fresh somewhere else, because I knew the territory too well.“

Quiller kennt alle physisch-chemischen Reaktionen seines Organismus und lässt die Leser daran teilhaben. Das vermittelt den Eindruck, der Agent sei tatsächlich zu all dem befähigt, was man ihn an Höchstleistungen abverlangt. Wie er seine körperlichen Prozesse reflektiert, so objektiviert Quiller seine Emotionen. Der Leser scheint ihn zu kennen, weiß wie er funktioniert, obwohl er nichts über seine Vergangenheit erfährt, nichts außerhalb der aufgezeichneten Einsätze. Der ultimative Thriller-Heros, dessen Existenz mit der ersten Buchseite beginnt und mit der letzten endet – bis zum nächsten Mal. Man könnte Hall als Erfinder des „psycho-biologischen-Technothriller“ bezeichnen (besonders in den ersten Romanen zeigt sich Hall durch seine genauen Darstellungen technischer Werkzeuge als ein Vorläufer des Techno-Thrillers). Quiller ist der kybernetische Geheimagent mit kompletter Kontrolle über seine bio-chemischen Steuerelemente. Interessanterweise verbindet der langjährige Shotokan (seit 1984 Schwarzgurt)- und Aikido-Kampfsportler dies mit Erfahrungen des Zen-Buddhismus.


Ab 1943 schrieb Elleston Trevor (geboren als Trevor Dudley Smith) mindestens einen Roman im Jahr, neben Theaterstücken oder Kinderbüchern. In den 1950er Jahren war sein Ausstoß so hoch, dass er unter sechs Pseudonymen publizierte. Er konnte jedes Genre bedienen: historische Romane, Phantastik, Kriegsbücher oder Detektiv- und Abenteuerromane.

1965 gelang er versehentlich in einen Zwei-Buch-Vertrag mit einem anderen Verlag neben seinem Stammverlag. So entstand der erste Quiller-Roman THE BERLIN MEMORANDUM:

„In 1963 I’d written a book called The Volcanoes of San Domingo. I did not like this book, so I told my London publisher I did not want to send it to him. I sent it to a different publisher under the pseudonym of Jack Tango (it was sort of for a giggle). I did not respect this book, but my first publisher said, ‘Hey, let me have a book anyway, we’re under a contract.’ I said, ‘All right, you’ll get it.’ And the book I wrote for him instead of this bad one was The Flight of the Phoenix. That made him happy. Meanwhile, I got a letter from another publisher who wrote, ‘Dear Mr. Tango, who are you really? We loved your book and we’d love to publish it.’ So I did a two-book contract with them. I had a second book to write for them and did not know what to write. At about that time John le Carré brought out The Spy Who Came In From the Cold, and that was making an impression. I did not read it, but I read the reviews, and I thought, ‘Here’s a man who is really doing a different kind of job for spies. Let’s write a real spy novel, not James Bond, but the real thing. So I thought up The Quiller Memorandum. And I had to do it under a pseudonym, because I was with that other publisher.“

Ein prägender Einfluss für die Serie, die nach der Veröffentlichung des BERLIN MEMORANDUM noch nicht geplant war, dürfte auch Geoffrey Households ROGUE MALE gewesen sein.

Adam Hall schuf eine Synthese aus professionellen Superagenten à la 007 und der zynischen Welt- und Institutionsbetrachtung von Len Deighton oder John Le Carré (ähnlich wie auch James Munro alias James Mitchell zur selben Zeit). Damit rettete er in den 1960ern den Superagenten, der in Lächerlichkeit untergehen zu drohte und ebnete den Weg für Nachfolger wie Jason Bourne oder Eric Van Lustbaders Agenten (die im Vergleich mit Quiller geradezu harmlos sind).

Quiller ist ein paranoider Einzelgänger („Ich hatte bloß wieder einen Anfall von Paranoia.“), der seinen Vorgesetzten fast genauso wenig traut wie seinen Feinden. Damit hat er sich abgefunden und akzeptierte sogar ihren Versuch, ihn zu liquidieren. Sowas kommt eben vor, wenn man für das ultrageheime „Büro“ arbeitet, das nur dem Premierminister gegenüber Rechenschaft abliefert – wenn überhaupt.

Warum er trotzdem für das „Büro“ weiter arbeitet?

Weil er ein Psycho ist, der dieses Leben auf der Überholspur, immer vom Tode bedroht, braucht und liebt. Er liebt die dazugehörige Isolation, die ihm ermöglicht, im Dienste einer „höheren Sache“ seinen soziopathischen Neigungen nachzugehen. Seine Kamikaze-Einsätze sieht er nie ideologisch: „Ideologie ist nicht genug. Sie nützt nur als Verblendung.“ Er sieht sich als Profi mit den richtigen Fähigkeiten. Eine hochgezüchtete Maschine, die nur im Einsatz rund läuft. Sein Privatleben dürfte noch elender und unbefriedigender sein als das von Bond. Die Welt, die er liebt und lebt, sieht so aus: „Sein dünner Körper war gekrümmt, als wäre er in einem bitterkalten Wind geboren worden und hätte nie Schutz davor gefunden, ja, überhaupt nie Schutz gesucht, weil er wußte, daß es keinen gab.“

Als Professional bewundert Quiller sogar seine Gegner, etwa den Killer Kuo in THE 9th DIRECTIVE oder die Terroristen in THE KOBRA MANIFESTO, während er die naiven polnischen Patrioten in THE WARSAW DOCUMENT verachtet. Auch da ist er völlig frei von Ideologie.

Und dann sieht sich Quiller auch noch als Feminist: Das einzige Mal, das er aus persönlichen Gründen getötet hat, war zwischen zwei Missionen, um eine tote Frau zu rächen. Als Alleinerbe setzt er vor jedem Einsatz ein Frauenhaus ein!

Das „Büro“ ist mindestens so paranoid wie Quiller und handelt nach der Devise: Lass den Feldagenten nur so wenig wie möglich und so viel wie nötig über die Mission wissen. Oft wird Quiller als menschliche Zielscheibe eingesetzt und missbraucht, um vermeintliche Gegner aus ihren Höhlen zu locken. Die Führungsoffiziere und Vorgesetzten in London oder im Feld sind keine netten Old-School-Boys oder M ähnliche Vaterfiguren. Es sind rücksichtslose Mistkerle, die sogar eine echte Antipathie gegenüber ihrem Feldagenten entwickeln (besonders Parkis in den frühen Missionen).

Die politischen Hintergründe (meistens der Kalte Krieg) sind aus einer anderen Epoche, was letztlich nichts an den Strukturen und Methoden der Macht und ihres Missbrauchs ändert. In den frühen Romanen findet man Passagen mit dem üblichen, der Zeit geschuldeten, britischen Chauvinismus, ähnlich dem Flemings. Das ändert nichts an der Sogwirkung von Halls Erzählungen und der Qualität der Quiller-Romane, die sich so frisch lesen, als wären sie gerade geschrieben. Immer wird der Leser mit dem ersten Satz direkt in die Handlung gesaugt. Und wenn Hall dich gepackt hat, lässt er nicht mehr los.

Der Autor liefert gerne bizarre Informationen. In THE STRIKER PORTFOLIO zum Beispiel, dass man politische Gefangene in der DDR Kaviar reichte, denn die höchst salzigen Störeier beschleunigen die Dehydrierung.

Aus dem ersten Quiller-Roman wurde ein Film mit George Segal, Alec Guiness und Senta Berger nach einem Drehbuch von Harold Pinter. Trevor fand den Film schlecht (und das ist er auch). Ähnliches gilt für die TV-Serie, die er so kommentierte: „I think that had better be summed up by saying that I called my lawyer in London and said, ‚Can I sue the BBC?‘ Dabei bieten sich die Quiller-Romane durch ihren extrem visuellen Stil für eine audiovisuelle Adaption geradezu an! Seit den 1990er Jahren wird regelmäßig ein neuer Quiller-Film angekündigt. Mal mit Sam Neil, mal mit John Travolta (beide natürlich zu alt inzwischen), Pierce Brosnan. Durch den Erfolg der Jason Bourne-Filme wurde Quiller eine Weile heiß gehandelt. Es ergeht ihm wie Flashman: Dauernd werden die Rechte gehandelt und Produktionen angekündet und nie kommt etwas dabei raus.

Makabres Trivia: Im Hotelzimmer des Martin Luther King-Mörders Eric Starvo Galt fand man eine Taschenbuchausgabe von THE 9th DIRECTIVE, in dem Adam Hall vor Frederick Forsyths DAY OF THE JACKAL einen politischen Mordanschlag (in Bangkok) schildert.

Zu den deutschen Ausgaben
: Leider fielen die deutschen Veröffentlichungen in die übelste Zeit der Ullstein-Krimi-Reihe: nämlich in die Phase, in der jedes Buch eher mehr als weniger gekürzt wurde. Trotzdem geben sie einen angemessenen Eindruck.
Als ich zu Bastei-Lübbe wechselte, plante ich eine Gesamtausgabe mit ungekürzten Neuübersetzungen und Erstausgaben, die nach meinem Weggang nur noch kurz fortgeführt wurde. Die ersten sechs Titel sind ungekürzte Neuübersetzungen oder deutsche Erstausgaben, bei TUNESISCHER TANGO hat Bastei-Lübbe die alte Ullstein-Übersetzung verwendet

Was soll ich lesen?
Bei jeder Serie gibt es Titel, die einem besser gefallen. Das kann die unterschiedlichsten Gründe haben (u.a. höchst subjektive wie Stimmung und Umgebung bei der Lektüre). Die Quiller-Serie muss man nicht chronologisch lesen. Der Adam Hall-Experte Jeremy Duns, selbst ein bekannter Polit-Thriller Autor und einer der besten Kenner des Genres, nennt THE TANGO BRIEFING und THE 9th DIRECTIVE als Lieblingstitel. Dem kann ich mich voll und ganz anschließen, aber ich möchte noch ein paar nennen: THE SCORPION SIGNAL hat die wahnwitzigste Autojagd, der ich je auf Papier gefolgt bin. QUILLER´S RUN ist mein Favorit als Asien-Thriller (auf demselben hohen Level wie Trevanian oder Flemings YOU ONLY LIVE TWICE). Und THE BERLIN MEMORANDUM funktioniert nicht nur als Thriller; er fasziniert heute auch als irrwitziges Zeitdokument. Und QUILLER SALAMANDER ist ebenfalls ein großartiger Südostasien-Thriller, in dem Quiller ein erneutes Erstarken des Roten Kmehr verhindern soll.


1965 The Berlin Memorandum
dt. Das Berlin-Memorandum. Bastei Lübbe, Bergisch Gladbach 1989,.

1966 The 9th Directive
dt. Der 9. Befehl. Universitas, Berlin 1967.Ullstein, Bastei Lübbe, 1989.

1968 The Striker Portfolio

1971 The Warsaw Document

1973 The Tango Briefing
dt. Himmelfahrtstango. Ullstein, Frankfurt/M. 1974, Tunesischer Tango, Bastei Lübbe, 1992.

1975 The Mandarin Cypher
dt. 555 ruft Mandarin. Ullstein, Frankfurt/M. 1975.

1976 The Kobra Manifesto
dt. Das Kobra-Manifest. Ullstein, Frankfurt/M. 1976, Bastei Lübbe, 1991.

1978 The Sinkiang Executive
dt. Mission in Sinkiang. Ullstein, Frankfurt/M. 1979,

1979 The Scorpion Signal

1981 The Pekin Target (US-Titel The Peking Target, 1982).

1985 Northlight (US-Titel: Quiller).
dt. Nordlicht. Bastei Lübbe, Bergisch Gladbach 1986

1988 Quiller’s Run                                                                                                                              dt. Quiller steigt aus. Bastei Lübbe, Bergisch Gladbach 1989,

1989 Quiller KGB
dt. Unternehmen Gorbatschow. Bastei Lübbe, Bergisch Gladbach 1990,

1990 Quiller Barracuda
dt. Barracuda. Bastei Lübbe, Bergisch Gladbach 1991

1991 Quiller Bamboo

1992 Quiller Solitaire

1993 Quiller Meridian

1994 Quiller Salamander

1996 Quiller Balalaika

P.S.: Von Quillers eindrucksvollen Antagonisten war mir Oberst Cho aus QUILLER´S RUN einer der liebsten. Nachdem ich die Übersetzung redigiert hatte, sagte ich Elleston Trevor, wie bedauerlich es doch sei, dass ein Gegenspieler mit dieser Potenz umgebracht worden sei. Darauf erwiderte er: „Bist du sicher, dass Cho tot ist?“ Quiller war neben anderen (natürlich McGill) ein mir völlig bewusster Einfluss, als ich SODOM KONTRAKT und LUCIFER CONNECTION schrieb. Besonders was die Entwicklung von Druck und Tempo anging, versuchte ich mir ein paar Tricks bei Adam Hall abzuschauen.

http://www.quiller.net/

http://www.jeremy-duns.com/search?q=quiller

 

https://www.amazon.de/Martin-Compart/e/B00457QT0Y/ref=sr_ntt_srch_lnk_1?qid=1502453210&sr=1-1

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