Martin Compart


AUS DER GESCHICHTE DES „SCNELLSCHUSS“ by Martin Compart
4. April 2017, 12:19 pm
Filed under: Bücher | Schlagwörter: ,

Für Buchverlage ist er fast schon zur Routine geworden, der sogenannte Schnellschuss. Also die schnelle Reaktion mit einem Buch zu einer unerwarteten Veranstaltung, einem besonderen Ereignis oder eine unvorhersehbare Begebenheit. Beispielsweise die zahlreichen Bücher zum Tode Lady Dis oder Basteis Übernahme des Starr-Reports aus dem Internet, der gleichzeitig von vier Übersetzern ins Deutsche übertragen wurde um so schnell wie möglich dem Publikum vorgelegt zu werden. Noch vor einigen Jahren verlangte das eine ausgefuchste und genau terminierte Logistik. Dank digitaler Entwicklungen hat sich das inzwischen vereinfacht.

Die Annahme, dass der Schnellschuss eine vergleichsweise junge Publikationsform ist, die sich erst in den letzten Jahrzehnten entwickelt hat, ist falsch. Natürlich hat es nie so viele Schnellschüsse wie in den letzten vierzig Jahren gegeben, aber die Erscheinung ist älter als man gemeinhin glaubt.

Der exzentrische Brite Thomas Tegg war wohl der erste Verleger, der einen Schnellschuss erfolgreich in den Markt drückte: Kurz nach der Schlacht von Trafalgar (1805) druckte er in wenigen Stunden die ersten Exemplare von THE WHOLE LIFE OF NELSON und verkaufte davon in zwei Wochen 50.000 Exemplare.

1877 feierte die Oxford University Press den 400. Geburtstag von William Caxtons THE DICTES OR SAYENGS OF THE PHILOSOPHERS. Anscheinend hätte man dieses Jubiläum fast verpennt und musste sich nun sputen: In 12 Stunden druckte, band und lieferte man die 1052 Seiten starke CAXTON MEMORIAL BIBLE.

Am Montag den 6.Juni 1927 wurde beim Verlag Appleton in den USA das Manuskript THE LIFE OF CHARLES LINDBERGH angeliefert, der gerade den ersten Nonstop-Flug über den Atlantik von New York nach Paris hinter sich gebracht hatte. Donnerstagmittag wurden die fertigen Bücher angeliefert: 250 Seiten mit 24 Illustrationen.

1967 schrieb William Stevenson direkt nach dem Arabisch-israelischen Krieg für Bantam den Schnellschss STRIKE ONE. Vom Schreiben des ersten Satzes bis zur Auslieferung lagen genau zwanzig Tage.

Von der Nacht des 4.Oktobers 1965 bis Mittag des 7.Oktobers schrieben 57 Autoren und Redakteure der New York Times (die gerade bestreikt wurde) das 160 Seiten-Buch THE POPE’S JOURNEY TO THE UNITED STATES für Bantam. Die gesamte Produktion, vom Schreibbeginn bis zur Auslieferung, wurde in 66 1/2 Stunden geschafft. Das GUINESS BOOK OF RECORDS verzeichnet aber ein anderes Buch als Rekordhalter: MIRACLE ON ICE, ein Bericht über das Goldmedaillenteam der USA bei den olympischen Winterspielen von 1980, wurde in 44 1/2 Stunden geschrieben und produziert. Wieder war es ein Schnellschuss des Bantam Verlages mit Journalisten der New York Times.

Natürlich erleichtert der heutige Stand der Technik die Produktionsgeschwindigkeit enorm. Dank der Elektronisierung der Buchbranche ist der Schnelschuss keine so nervenaufreibende, beste Logistik voraussetzende, Sache für mehr, wie noch vor zehn oder fünfzehn Jahren. Aber etwas Aufregung bleibt natürlich, denn man darf sich kaum einen Fehler leisten, da die Korrekturzeit so gering ist.

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