Martin Compart


DR.HORROR: Das ungeheuer vielfältige Europa trotzt einer standardisierten Welt by Martin Compart
23. März 2017, 9:24 am
Filed under: Dr. Horror, Film | Schlagwörter: , ,

Eine kleine Betrachtung aus Anlass von Cartoon Movie, Bordeaux 2017

Das, was wir kulturelle Vielfalt nennen, wird immer wieder besonders hervorgehoben, wenn es um den Reichtum künstlerischer Ausdrucksformen in Europa geht.

Das konnte ich beim Besuch von Cartoon Movie, dem Branchentreff europäischer Animationsfilmproduzenten in Bordeaux, wo reichlich neue Projekte vorgestellt wurden, Anfang März feststellen: Mit amerikanischer Animation verbinden wir in der Regel Disney und Pixar, mit Japan die Anime, und wir wissen in etwa, wenn wir eine Kinokarte erwerben, was uns ästhetisch bevorsteht, aber mit dem europäischen Animationsfilm verbinden wir eigentlich: gar nichts. Allenfalls erleben wir eine kuriose, gegenüber den Amerikanern unterbudgetierte Artenvielfalt, die letztlich in einer digital standardisierten Welt nicht mehr als das Fehlen einer wiedererkennbaren Handschrift signalisiert.

Es gibt keinen europäischen Stil im Film.

Ich löse kein Kinoticket, um einen europäischen Animationsfilm zu sehen.
Der beste Ausdruck europäischer Animation ist immer noch in der frankobelgischen Comic-Welt zu finden. Ihre Beiträge wenden sich häufig gerade nicht an die Kleinsten, sondern an ein erwachsenes Publikum. Ich weiß also, was ich für mein Geld bekomme.

Auch die spanischen Animationsfilmer haben eine bestimmte Bildsprache entwickelt. Sogar ein achtbares Projekt über Luis Bunuel ist darunter.

Auch einige irische Produzenten liefern etwas in einer eigenen irischen Zeichnung. Das ist es dann aber auch.

Erstaunt hat mich innerhalb der Vielfalt ein portugiesisch-polnisches Projekt, eine moderne Interpretation des „Wunders von Fatima“ (Titel: Fatima and the Secret Treasure), angeblich zu 90 Prozent finanziert und vom Vatikan für gutgeheißen. Diesen computeranimierten, gottgefälligen Film, wenn er fertig ist, sollen sich nach dem Wunsch der Produzenten Katholiken in aller Welt ansehen. Auf diese Weise könnte man ja gut und gerne Star Wars überflügeln.

Die Spezies deutscher Animationsfilm zeichnet sich dagegen in der Regel durch oberflächlich kommerzielle Naivität für Vorschulkinder aus und weicht darin eklatant vom „europäischen Trend“ ab. Zu Ostern gibt es in den deutschen Kinos im Nachmittags- und nicht im Abendprogramm die Häschenschule. Und demnächst auf dieser Leinwand vielleicht Luis & The Aliens der Brüder Lauenstein, der auch nicht europäisch aussieht, eher ein wenig wie Pixar. Aber nur ein wenig.

Rolf Giesen

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