Martin Compart


ROCKFORD – DER ERSTE VIDEO-DETEKTIV by Martin Compart
19. August 2016, 10:05 am
Filed under: ROCKFORD FILES, TV, TV-Serien | Schlagwörter: , , ,

Anfang der 70er Jahre suchten die amerikanischen Fernsehproduzenten verzweifelt nach neuen, ungewöhnlichen Charakteren, um die Krimiserien wieder attraktiver zu machen, also nach noch nicht zu abgenutzten Klischeetypen. Man besetzte KOJAC mit einem hässlichen Glatzkopf oder produzierte eine Erfolgsserie mit einem schmuddligen Helden, der in den 60er Jahren unvorstellbar gewesen wäre: Peter Falk in COLUMBO. Aber in den ersten Jahren des Jahrzehnts schafften nur wenige Krimiserien den großen Erfolg. Die Zuschauer, in den 50ern mit Western überfüttert und in den 6oern mit Krimiserien, interessierten sich mehr für comedy shows, deren Konzept man inzwischen verändert hatte: Man belebte diese Serie mit neuen dramatischen, realistischen Elemente.

Irgendwie ahnte Superproduzent Roy Huggins, dass es an der Zeit wäre, mit den Krimiserien dasselbe anzustellen, was er ca. 20 Jahre zuvor mit MAVERICK für den Western getan hatte, nämlich mehr Humor ins Genre zu bringen, ohne aber die Strukturen zu zerstören und eine comedy daraus zu machen.

„Rockford sollte keine klassische Privatdetektivserie werden. Ich wollte MAVERICK als Private Eye. Ich wollte einen Helden, der ein Bisschen feige ist und davor zurückschreckt, sich in Gefahr zu begeben und der die Welt nicht allzu ernst nahm. Er liebte keinen Ärger, er haßt ihn“, erinnerte sich Huggins. Er wandte sich an den jungen Produzenten und Autor Stephen J.Cannell, mit dem zusammen er schon bei den Serien TOMA und BARETTA zusammengearbeitet hatte. Cannell sollte Charakter und Hintergrund ausarbeiten, und Huggins gab ihm zehn Tage Zeit, um einen 90minütigen Pilotfilm zu schreiben. Cannell brauchte lediglich fünf Tage und sagte, er habe sich beim Schreiben köstlich amüsiert, da er alle Klischees und Regeln des Genres brechen und auf den Kopf stellen durfte. Schließlich hatten die beiden alles zusammen, Hintergrund, die regelmäßig auftauchenden Nebencharaktere und die Figur Rockford, nur keinen Titel. „Damit die Verantwortlichen im Sender das Gefühl bekamen, dass sie keine gewöhnliche Privatddetektivserie kauften, sagte ich ihnen: Die Serie ist völlig anders. Der Held übernimmt nur Fälle, die die Polizei bereits abgeschlossen hat, denn er will den Bullen nicht in die Quere kommen. Er will überhaupt niemanden in die Quere kommen. Das ist ein bisschen wie MAVERICK. Auf der anderen Seite aber auch realistisch. Wirkliche Privatdetektive übernehmen keine Fälle, an denen die Polizei noch arbeitet. Das ist eine eiserne Regel. Wir nannten das Ding deshalb THE ROCKFORD FILES.“

Die TV-Produktionsfirma von Universal gab grünes Licht, und der Pilot wurde gedreht, in dem Robert Donley Jims Vater Rocky spielte, da Noah Beery jr. nicht zur Verfügung stand, da er noch für die Serie DOC ELLIOT verpflichtet war. Der Pilotfilm von Richard T. Heffron gedreht, wird gerne Zweiteiler mit dem Titel BACKLASH OF THE HUNTER bei Re-Runs eingesetzt.

James Garner war sofort begeistert von dem Skript: „Ich musste nicht eine Sekunde überlegen, ob das richtig für mich ist. Ich bin kein heroischer Typ und glaube nicht an Helden. Deshalb liebe ich Rockford.“

Jim Rockford war ein Mann, der seine Grenzen genau kannte. Nach Möglichkeit ging er jeder brutalen Konfrontation aus dem Wege, und wenn er mit dummen Sprüchen nicht weiterkam und eine Schlägerei unausweichlich war, gab er lieber Fersengeld. Er prügelte sich nur, wenn ihm nichts anderes übrig blieb und wandte dann auch jeden schmutzigen Trick an, was ihn aber nicht davor bewahrte, oft den Kürzeren zu ziehen. Was ihn von anderen Detektivfiguren hauptsächlich unterschied, war die Art wie er die Fälle anging, und das hatte viel mit James Garner zu tun. Rockford benutzte seinen Kopf, schlüpfte in verschiedene Rollen – am liebsten in die eines großmäuligen Vertreters – und bereitete dem Zuschauer immer eine Überraschung.

 

Selten zuvor hörte man in einer Krimi-Fernsehserie bessere Dialoge oder witzigere Sprüche. Beispiele gefällig?

Angel: „Du würdest mich doch nicht für lausige hundert Dollar erschießen, Jim, oder?“

Rockford: „Ich würde es aus prinzipiellen Gründen tun.“

Oder:

Rocky: „Zwei Zentimeter weiter rechts, und die Kugel hätte dir ein Auge ausgeschlagen, statt dich zu streifen. Du hattest Glück, Sunny!“

Rockford:“ Sieh es mal auf meine Weise: Zwei Zentimeter nach links, und sie hätte mich nicht mal gestreift.“

Oder:

Rockford:“ Ich bemühe mich, meine Tugenden möglichst klein zu halten, damit sie übersichtlich bleiben.“

Einen Teil des Charmes der Serie machte die Gruppe von immer wiederkehrenden Nebenfiguren aus. Sie waren so etwas wie Rockfords Familie. Die wohl eindrucksvollste Nebenfigur war das Frettchen Angel Martin, gespielt  von Garners Kumpel Stuart Margolin. Margolin, der in vielen Fernsehfilmen mitgespielt hat und auch Regie führt, ging Garner auch bei dessen Hobby Autorennen als Mechaniker zur Hand. Angel war ein mieser kleiner Gauner, der Rockford mit seinen krummen Geschäften unentwegt in Schwierigkeiten brachte. Um des eigenen Vorteils willen, zögerte er nicht eine Sekunde, seinen Freund in die Pfanne zu hauen. In gefährlichen Situationen, in denen Revolverhelden Rockford über den Haufen schießen wollten, biederte sich die kleine Ratte sofort an, um die eigene Haut zu retten. Er war Rockford gegenüber so loyal wie ein Bahnhofsstricher. Jeder Fan erinnert sich noch nach Jahrzehnten an Angel; um so erstaunlicher, da er lediglich in 29 Folgen auftrat. Während Garner nur einmal einen EMMY für ROCKFORD bekam, wurde Stuart Margolin zweimal ausgezeichnet.

Jims Vater Joseph „Rocky“ Rockford war ein gutmütiger Extrucker, der sich ununterbrochen Sorgen um seinen Sohn machte. Er war Rockford ein guter Kammerad, auch wenn seine Unterstützung den Sohn meist noch tiefer in die Patsche ritt. Rockys große Leidenschaft war das Fischen, und wenn Jim Gelegenheit dazu hatte, machten sie gerne eine richtige Hemingway-Tour. Gespielt wurde Rocky überzeugend von Noah Beery, Jr., der bereits 54 Jahre vor der ersten Rockford-Folge vor der Kamera debitierte.

Die erste Saison war die erfolgreichste der Serie. 1974/75 erreichte sie Platz 12 der meistgesehenen Fernsehshows. Danach ging es immer weiter bergab. Das hatte auch damit zu tun, dass der Sender NBC alle paar Monate den Sendetermin der ROCKFORD FILES änderte. In der sechsten Season verschob NBC die Sendezeit sieben mal und den Sendetag fünf mal. Da hatte sogar der härteste Rockford-Fan Schwierigkeiten, sich darauf einzustellen. ROCKFORD bekam von NBC nie die Rückendeckung, die aus einer potentiellen Hitserie eine wirkliche gemacht hätte. In der 2.Season stellte man sie ausgerechnet gegen das CBS-Krimiflaggschiff HAWAII 5-O, die erfolgreichste Cop-Show ihrer Zeit. So wollten die Vollidioten bei NBC erreichen, daß man bei ROCKFORD den Humor rausschreiben sollte. Garner, Cannell und Rosenberg drohten damit, alles hinzuschmeißen. „Sollen sie doch Jack Lords kleinen Bruder engagieren“, grollte Garner. Das Network gab nach, beharrte aber auf dem Sendeplatz. ROCKFORD konnte sich überraschend gut gegen die seit Jahren etablierte Hit-Serie von CBS behaupten. Aber diese unglückliche Platzierung sorgte dafür, dass sowohl HAWAII 5-O wie auch ROCKFORD in den Ratings fielen und sich keine der beiden Serien, die sich die Krimi-Fans teilen mussten, von diesem unsinnigen Konkurrenzkampf quotenmäßig erholte.

rockford_files[1]

Trotz allem Geunke des Networks lief ROCKFORD sechs Jahre lang, von Freitag dem 13.September 1974 bis zum 25.Juli 1980 mit 112 Folgen. Garner war ungeheuer populär und die Serie der absolute Liebling der Kritik. Wieso also die nicht so berauschenden Einschaltquoten, trotz der doch so offensichtlichen Popularität? Ganz einfach: das Videozeitalter war angebrochen, und Rockford war die erste Serie, die man aufnahm, während man sich etwas anderes ansah. Tatsächlich gehörte die Serie zu den ersten TV-Sammelobjekten der Videoten. Und das amerikanische TV- Einschaltquotenkontroll- system, die sogenannten Nielsen Ratings, waren nicht auf die Videorevolution vorbereitet.

Fast zehn Jahre später erging es der Serie, die man am ehesten als Rockford-Nachfolger bezeichnen kann, ähnlich: MAGNUM hatte nach Riesenerfolgen in der Season 1986/87 plötzlich ein völliges Abrutschen in den Ratings zu verzeichnen. Dank der Rockford-Erfahrungen kam man aber schnell der Ursache auf die Spur: die Zuschauer sahen sich direkt ein anderes Programm an, zeichneten aber auf CBS MAGNUM auf. Der Videorecorder hatte inzwischen das Rating-System völlig durcheinandergebracht. Zu ROCKFORDS tatsächlichem Erfolg trug noch ein weiterer Faktor bei: Nach den ersten zwei, drei Seasons begann man die Folgen in CBS LATE NIGHT zu wiederholen. Das gab Universal mehr Geld und damit einen guten Grund, die Serie weiterzuproduzieren, da sie schon, bevor sie durch die Regionalsender syndikatisiert wurde, de facto zweimal bezahlt worden war. Das gab es nie zuvor in der Geschichte der Fernsehserien. ROCKFORD wurde sofort kult, und die Trivia-Fans machten erstmals (diesseits von STAR TREK) von sich reden. Garner wunderte sich: „Es gibt Leute, die kennen jede Telefonnummer der Serie, die wissen sogar meine Lizenznummer als Privatdetektiv. Wenn wir versehentlich eine falsche Nummer verwenden, kriegen wir Beschwerden und böse Briefe!“ Also hier die Trivia Daten: Zuerst parkte Rockford seinen Wohnwagen am 2354 Pacific Coast Highway, Los Angeles; in späteren Folgen lebte er in Malibu in der Paradise Cove Trailer Colony, Cove Road 29. Seine Telefonnummer: (213)-555-2368 (aber auch 555-9000 wurde mal verwendet). Sein goldener Pontiac Firebird hatte die Zulassungsnummer OKG-853.

Huggins, der nie länger als zwei Jahre bei derselben Serie blieb, verließ ROCKFORD nach der ersten Saison und verbreitete die Auffassung, dass die Serie nie wieder so hohe Qualität hatte wie im ersten Jahr. Das war natürlich eitler Unsinn. Erst im Laufe der zweiten und dritten Season erreichten gerade die attraktiven Nebenfiguren wie Angel richtig Profil und die einmalige ROCKFORD-Formel ihre Perfektion. Garner und Huggins gerieten sich während der Dreharbeiten zur ersten Season so in die Haare, dass der Star sogar ein Setverbot für Huggins durchsetzte.

Nachdem die Serie beendet worden war, versuchten verschiedene neue Krimi-Serie die erfolgreiche Mischung aus lebensechten Charakteren, Humor und originellen Geschichten zu übernehmen. Am erfolgreichsten war sicherlich MAGNUM. Aber trotz des Charakters Higgins, dessen „Britentum“ genüsslich gegen Magnums all-american-boy-Mentalität ausgespielt wurde und damit immer für komische Situationen sorgte, kam man nicht an das Original heran. Auch die Serie SIMON & SIMON über ein Brüderpaar, dass in San Diego eine Privatdetektei betrieb, war ein erfolgreicher ROCKFORD rip off. Der Kontrast aus einem Yuppie und einem übriggeblieben Rebellen der Hippie-Ära sorgte für viel Witz, ohne ebenfalls das Format des großen Vorbilds zu erreichen.

 

Auch Garner sorgte für ein Nachspiel: 1983 verklagte er Universal auf 22,5 Millionen Nachzahlung für seine Beteiligung an Auslandsverkäufen und Wiederholungen. Universal erklärte unverfroren, die Kosten der Serie seien auch durch die Zweit-und Drittverwertungen noch nicht gedeckt worden. Universal bot Garner schließlich 670.000 Dollar an. „Die Mafia ist lange nicht so groß wie diese Typen“, sagte Garner in einem Playboy-Interview. Im Frühjahr 1989 wurde dann ein Gerichtstermin festgesetzt. Da aber gerade durch einen Branchendienst ermittelt worden war, daß Universal mit den Auslandsverkäufen von ROCKFORD 126 Millionen Dollar verdient hatte, bot man einen außergerichtlichen Vergleich an, den Garner akzeptierte. Er bekam 10 Millionen Dollar.

Mitte der 90er Jahre wurde ROCKFORD, wie zuvor schon KOJAC, HART TO HART oder COLUMBO, exhumiert, und es entstand eine Reihe von 90-Minuten-Folgen mit der alten Besetzung (außer dem inzwischen verstorbenen Noah Beerry, dem der erste Film gewidmet wurde), die überraschend erfolgreich waren. Rockford und Angel sind alt geworden, aber die Magie der frühen Shows konnte wiederbelebt werden. Auch wenn Garner wegen seiner Knieverletzungen inzwischen noch schlechter laufen konnte und schon einen Stuntman brauchte, wenn er eine Treppe hochrennen musste. Garner ließ es sich nicht nehmen, diesbezüglich ein paar Gags in die Show reinschreiben zu lassen, in denen auf seine Behinderung angespielt wird.

5869921._UY200_[1]Romane:

Mike Jahn: Ein Killer für Rockford.Bastei 38014, 1976. Rockfords tödlicher Bluff.Bastei 38016, 1976.

In den USA erschienen weitere Rockford-Romane aus der Feder des bekannten Krimi-Autors Stuart Kaminsky.

 

 

Literatur:

David Martindale: The Rockford Phile, Las Vegas 1991.

Robertson, Ed. (2005). Thirty Years of „The Rockford Files“: An Inside Look at America’s Greatest Detective Series. Lincoln, NE: ASJA Press. 497 pages.

 

USA 1974-89;3×90 Min.u.112×45 Min.;1996:6×90 Min.;F.

 

Jim Rockford … James Garner

Joseph „Rocky“ Rockford (Pilot) … Robert Donley

Joseph „Rocky“ Rockford … Noah Berry, Jr.

Det.*Dennis Becker … Joe Santos

Beth Davenport (1974-78) … Gretchen Corbett

Evelyn „Angel“ Martin … Stuart Margolin

John Cooper (1978-79) … Bo Hopkins

Lt.*Alex Diehl (1974-76) … Tom Atkin

Lt.*Doug Chapman (1976-80) … James Luisi

Lance White (1979-80) … Tom Selleck

Eine ROCKFORD-Page:

http://www.thesandbox.net/arm/rockford/

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