Martin Compart


MiCs TAGEBUCH: by Martin Compart
4. Juli 2016, 10:41 am
Filed under: DEUTSCHER-TV-SCHROTT, MiCs Tagebuch, TV-Serien | Schlagwörter:

 

NACHTGEDANKEN ZUR SERIEN-SOMMERSONNENWENDE

 

Das erste Halbjahr ist um. America feiert sich am Independence Day – eingetragenes Warenzeichen seit 1776 – mit Feuerwerk und Dronenzauber selbst. Die Briten gedenken der Schlacht an der Somme vor 100 Jahren und dem verlustreichsten Tag in ihrer imperialen Militärhistorie, dagegen sind die Verluste des sogenannten Brexit Kleinkram. Die Deutschen haben keinen Grund zu feiern. Weder aus historischen noch aus anderen Gründen. Der dicke Junge offenbarte dieser Tage seine opportunistische Hirnakrobatik als er anregte, jungen Briten einen deutschen Pass zu ermöglichen. Ob er die darbende deutsche TV-Fiktion mit Talenten aus UK ankurbeln will? Es wäre bitter nötig. Es ist allerdings kaum vorstellbar, dass die Blitzbirne diese Überlegung hegte.

Zur Sommersonnenwende eine kleine Rückschau auf meine Serienhighlights und andere Auffälligkeiten „on the small screen“ von Januar bis Juni. Top of the head.

Reminder: Ich spreche über Formate auf „Champions League Niveau“. Um diesen abgelutschten Fußballvergleich zu bemühen, der angesichts der internationalen Produktionsbudgets nicht völlig falsch ist.

 

House of Cards 4

Was bleibt zu einer Serie zu sagen, die sich auf absolutem Top-Niveau wiederholt? Die Umsatzmaschine muss laufen. Neue Erkenntnisse null. Unterhaltung okay. Mittlerweile überflüssig?

Billions 1

Eine neue US-Serie, die den Kapitalismus als Zweikampf zwischen einem karrieregeilen Staatsanwalt aus reichem Hause, der Rechtsbrecher hinter Gitter bringen will, und einem Milliardär aus armem Hause, der sein eigenes Recht macht, reduziert. Von Wall-Street-Kennern ob seiner Hedgefond-Insider-Beschreibungen als „the real thing“ gelobt, kann Billions Einblick in die Denk- und Handlungsweisen von Spekulanten vermitteln. Sex und Geld und persönliche Obsessionen sind heute die Basis des seriellen Erzählens, hier ist Billions auf der Höhe der Zeit. Die Serie krankt an ihrer eingeschränkten Erzählperspektive, sie fokussiert sich auf die Welt der Begüterten, streift die Welt der Unbegüterten – der Opfer – nur gelegentlich und reduziert die Kritik am System auf wenige verhaltene Momente. Damit ist Billions der Beleg, dass es nichts Richtiges im Falschen gibt. Wer die Serie jedoch als Parallelweltbeschreibung deutet und ihr eine satirische Prämisse unterstellt, kann dem dramatischen Treiben durchaus etwas abgewinnen. Weil mich die Hauptfiguren und ihre Luxuskonflikte nicht wirklich interessieren, ist mir die beauftragte zweite Season egal.

Ripper Street, Season 1 – 3

London, Whitechapel, in der Folge von Jack the Ripper. Ohne Deadwood nicht denkbar. Bedient sich deutlich im Milchschen Kosmos – was mich anfänglich so sehr nervte, dass ich der Serie keine Chance geben wollte – entwickelt aber schnell eine völlige Eigenständigkeit. Das viktorianische England als Parallele zu dem heutigen Neoliberalismus, der mit Erfolg die Uhr zurückdreht und als Konsequenz die damaligen sozialen Zustände wieder herbeiführt. Was beweist, dass Reformen reaktionär sind, dienen sie doch Erhaltung des Systems: Veränderung, damit sich nichts ändert. Ripper Street ist die Serie, die das heutige England verstehen hilft. Das darin erzählte ambivalente Verhältnis zu Amerikanern und den USA allgemein reflektiert die Produktionsumstände – Teilfinanzierung aus den Staaten – und die gesellschaftliche Realität zu gleich. Die neue Macht liegt auf der anderen Seite des Atlantiks. Das Empire, welches noch seinem Höhepunkt zustrebt, lässt bereits die Vorzeichen des Niedergangs erkennen. Tolle Geschichte. Tolle Darsteller. Ein Genremix aus Procedual, Pathologie und Psychologie aus der Anfangszeit der Kriminalistik mit Steampunk-Koketterie. Absolut ansehen.

Babylon – Miniserie von 2014

Für mich eine der Überraschungen. Der Polizeichef von London heuert eine Internet PR-Spezialistin an, die TED-Vorträge über Transparenz und Verantwortung im Social-Media hält. Eine positive, man könnte auch sagen unbedarfte, junge Frau. Die mit amerikanischen Methoden die Metropolitan Police, eine durch und durch zweifelhafte und fragwürdige Polizeiorganisation mit einer unrühmlichen Vergangenheit aus Korruption und Vertuschung, in der Öffentlichkeit neu, vor allem positiv darstellen soll. Ihre Widersacher sind die bisherige Spindoktoren der MET. Parallel wird die Polizeiarbeit aus der Perspektive der uniformierten Straßencops, der Kriminalermittler und der Top-Leitungsebene erzählt. Police procedual meets politics and spin. Drama meets Comedy. Ein echter Knaller. Must see.

The Americans 4

Was ist zu der nuanciertesten Dramaserie des Jahres noch zu sagen? Echte Konflikte, starke Charaktere, hervorragendes Schauspiel, phantastische Erzählweise. Und absolut überraschend, die beste tragisch-traurige absurde Comedyszene überhaupt. Season 4 macht dort weiter, wo Season 3 aufhörte. Jeder zusätzliche Kommentar wäre ein Spoiler. Nuff said. Watch it and be awed.

Undercover 1

Peter Moffat again. Seit Silk ein Autor, den ich im Auge habe. Sechs Stunden großartiges Drama. Moffat nahm die jüngsten britischen Undercover-Cop Enthüllungen zum Anlass um die Konsequenzen von Überwachung und Verrat für die Betroffenen und die Gesellschaft aufzuarbeiten. Er stellt Geschichte und Gegenwart in Bezug. Legt Mechanismen und Zwänge offen. Brechts Neinsager kommt mir in den Sinn: „Wer A sagt muss nicht B sagen, wenn er erkannt hat, dass A falsch ist.“ Nur wie aus dem Dilemma rauskommen? Und wie zurückschlagen? Wie sich wehren, gegen Schwerverbrecher im Staatsdienst? Wie im Falschen das Richtige tun? Sehr empfehlenswert.

Peaky Blinders 3

Der Western unter den zur Zeit populären 20ziger Jahre Formaten. Die britische Antwort auf Board Walk Empire. Die Messlatte für Berlin Babylon. Denn so langweilig und öde wie Board Walk Empire kann jeder erzählen. Mein spontanes Urteil nach vier Folgen Peaky Blinders: „Die Season hat wieder einen großen Bogen, ist politischer als die vorherige. Die Figuren und ihre Konstellationen bekommen neue Nuancen, die gesellschaftliche Entwicklungen und Tendenzen aufgreifen und spiegeln. Allerdings, die ewigen Slo-mos und Posen, diese Westernvisuals und Attitüden finde ich weder ironisch noch passend, sie gehen mir auf den Senkel. Leider beruht die Inszenierung mangels dichter Dramaszenen und weniger paralleler Handlungsstränge häufig auf solchen visuellen Plänkeleien. Die Montagen zu Rocksongs sind dafür richtig gelungen. Steven Knights Schreibe hat Höhen und Tiefen, die 4. Folge bietet eine Riesenszene – beinahe schon eine kleine Sequenz, für die allein sich die Season bisher gelohnt hat.“ Mein Urteil nach 6 Folgen: Steven Knight wiederholt sich, überhäuft die Zuschauer mit Plottwists, hat sich dramatisch abgearbeitet, kompensiert wirkliche Tiefe mit überhöhtem Tempo. Ripper Street ist überzeugender.

Gomorra 2

Die deutschen Balltaumler können vielleicht die Italiener mit Hängen und Würgen bezwingen, dem deutschen TV wird es nie gelingen. Gomorra Season 2 ist für mich die Serie des 1. Halbjahres, weil dato die größte Überraschung. Meine spontane Reaktion nach 10 Folgen: „Das ist wirklich eigenständiges Storytelling. Immer wieder überraschend. Knallhart, nichts wird erklärt, die Lücken sind so wichtig, wie das Gesagte. Dazu ein eigener visueller Stil. Tolle Schauspieler, tolle Typen. Emotional aufgeladen bis zum Anschlag. Die Italiener nehmen Shakespeare-Charaktere (der sich wiederum bei Plutarch und anderen römischen bzw. im Falle von „Romeo und Julia“ und „Othello“ bei italienischen Quellen bediente) und strukturieren damit ihre Mafiastory, die überhaupt nichts von Folklore und Klischees hat. In dieser Serie ist nichts heilig. Die Charaktere agieren in den ihnen vom System der Camorra zugewiesenen Rollen und äußern sich selten zu ihrem Seelenzustand. Storyaufbau, Szenen, deren Juxtaposition und die Auslassungen sprechen Bände. Und wenn einer sich anderen erklärt, dann hat es aufgrund der vorherrschenden sparsamen Dialoge – Italiener, die nicht quatschen, das stelle sich einmal einer vor! – die Wucht einer Soliloquy bei Shakespeare. Weil The Americans, diese Dialog getriebene Dramaserie völlig anders ist und Season 4 auf ihre Art grandios, und man die beiden nicht vergleichen kann, unternehme ich den Versuch erst gar nicht. Von ihrer Erzählform allerdings ist mir Gomorra näher als The Americans und darum für mich das Beeindruckendste, was ich dieses Jahr bislang gesehen habe.“ (N.B. Ich habe – Stand Heute – noch zwei Folgen vor mir.)

Und was macht der schlafende Riese? (Aussage eines Teilnehmers des Seriengipfels im Juni in Köln über die deutsche Fernsehnation.)
Er macht nichts, lieber Kollege. Hier im Lande der Dramadeppen und Komödienknallchargen faselt man noch immer von Erlöserermittlern. Beispiel gefällig?

 

Dr. Cornelia Ackers zum Ermittler im öffentlich-rechtlichen TV:

 

„Die Ermittler sind Erlöserfiguren. Die Ermittler sind die Sonntagspfarrer auf der Kanzel. Die Ermittler sind in der Zwischenzeit Politikerersatz. Die Menschen… halten die meisten Politiker für korrupt, für karrieregeil, irgendwann werden sie rübergezogen auf die menschenverachtende Seite der Wirtschaft… Hier… haben die Menschen wirklich noch die Hoffnung… es passieren Katastrophen, es treten Kommissare auf, die mit tiefer Anteilnahme und Wohlwollen das Geschehen begleiten, und am Ende Gut und Böse unterscheiden, die Wahrheit hervorbringen, und damit die Weltordnung wieder installieren. Das ist etwas, was die Menschen psychisch in diesen großen Umbruchzeiten unbedingt brauchen.“

 (Quelle: DLF, Corso: Kultur nach drei, 27. 06.2016, 45 Jahre Polizeiruf)

dr-cornelia-ackers1[1]

Wirklich? Wer braucht diese Form von Entmündigung und „Alles wird gut“ Mär? Die Zuschauer von ARD und ZDF, die zu alt sind um noch alleine die Fernbedienung zu benutzen? Wie viel ewig Gestriges denn noch? Die Zuschauer wissen um den Zustand der Welt. Die Zuschauer wollen die Welt verstehen. Dafür brauchen sie Metaphern für das wahre Leben. Storys helfen die Welt zu verstehen. Sie helfen die Dinge zu adressieren, die wir wahrnehmen, aber nicht unbedingt formulieren und erklären können. Das haben die Engländer, die Franzosen, die Italiener, die Amis schon lange kapiert. Das hatten auch Büchner, Schiller und Kleist geschnallt. Nur sind die zweihundert Jahre tot. Und Brecht ist auch lange passé und somit ungefährliche Geschichte. In der erstarrten Selbstgefällig des Kontrollfernsehens, wird nur zugelassen, was den Landesrundfunkräten und dem Proporz genehm ist.

 

So arm wie der Geist der Redaktionen, so arm das Programm.

 

MiC, 04.07.2016

 

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