Martin Compart


WESTERN-SPECIAL: COWBOYS & INDIANER – zur Geschichte eines Genres 1 by Martin Compart
17. Juni 2016, 2:35 pm
Filed under: Heftroman, Pulp, Western | Schlagwörter: , ,

„Das Land wollten viele, aber
die Indianer waren so egoistisch.
dass sie es für sich allein
behalten wollten.“

John Wayne

James_Fenimore_Cooper_Der_Wildtöter_Franz_001[1]

Am Anfang der Westernliteratur steht der romantische historische Roman in der Gestalt von Coopers LEDERSTRUMPF. Hinzu kamen romantische Indianererzählungen und völkerkundliche Romane, wie sie in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts sehr beliebt waren. Nach 1845 begann sich für die Bevölkerung der amerikanischen Ostküste das Bild vom Westen, jetzt als „freier Westen“ verstanden, zu verklären. Das Publikum in den enger werdenden Städten Neuenglands verlangte nach mehr Informationen und Erzählungen über das „freie Land“, nach dem es so viele drängte, um das Glück zu machen. Der Westen war zum Land der Verheißung geworden, und keine Gefahr ließ die Einwanderer davor zurückschrecken, aufzusatteln, wenn der Ruf „Westward ho!“ erklang.

1860 entwickelte der Verleger Erasmus Beadle in New York ein neues Printmedium: die DIME NOVEL, ein direkter Vorläufer unserer Groschenhefte oder Heftromane.

HD_ErasmusBeadle[1] Damit begann die massenhafte Verbreitung des Mythos vom Wilden Westen. Diese auf billigstem Papier gedruckten, schnell runtergeschriebenen Hefte hatten durch die Ausformung der auch heute noch gebräuchlichen Klischees einen weitaus größeren Einfluss auf das Bild vom Wilden Westen, als etwa Tatsachenberichte oder die realistischen Erzählungen von Bret Harte oder Mark Twain.

Das erste Heft dieser Art, es hieß MALESKA OR THE INDIAN WIFE OF THE WHITE HUNTER, hatte eine Auflage von 65.000 Exemplaren. Bereits die Nummer acht dieser ersten von vielen noch folgenden Dime Novel-Reihen wurde mit 500.000 Exemplaren aufgelegt. Die Dime Novels waren auf Anhieb ein Riesenerfolg. Die Autoren wurden nach denselben Prinzipien ausgebeutet, die bis vor einigen Jahren noch im amerikanischen Paperbackoriginalmarkt oder der deutschen Heftromanszene üblich waren. Verlangt wurde schnelles Schreiben, dafür gab es kargen Lohn und keine Beteiligung an Auflagen und Nebenrechten. Um davon leben zu können, mussten die Autoren in Blitzgeschwindigkeit Romane wie am Fließband herstellen.

Malaeska_(color)[1]

Die Dime Novels gehörten als Erbauungslektüre zum Marschgepäck der Soldaten des Sezessionskrieges, und sogar Präsident Lincoln zählte zu ihren Lesern.

Beadle und sein Kompagnon Adams brachten mehrere 1000 Titel in über 3o Reihen heraus. Beadles Verlagsleiter war Orville J. Victor; er führte eine entscheidende Neuerung ein: die vorgefertigte Formel, beziehungsweise das K o n z e p t. Dies bedeutete, dass ein bestimmter Handlungsrahmen für eine Serie entworfen wurde und innerhalb dieses Handlungsrahmens mehrere Autoren arbeiten konnten, ohne das ihr individueller Stil und ihre persönliche Originalität zum Tragen kommen konnten. Ein Konzept, das heute noch für die Groschenheftwestern und für das Medium Romanheft, ob JERRY COTTON oder LASSITER, üblich ist. So wurde es möglich, dass ein Autor wie Prentice Ingraham eine Geschichte von 35.000 Worten in 24 Stunden herunter schreiben konnte. Die vorgegebene Formel oder Standardisierung von Serien- und Reihenkonzepten markiert den Beginn moderner Produktionsmethoden im Unterhaltungsliteraturbereich. Wie im heutigen Trivial-Western wurde nicht mehr Abenteuerliches neu erfunden, sondern ein Schema wieder und wieder reproduziert.

Zunächst standen die Dime Novels in der Tradition Coopers und der romantischen Indianererzählung. Der Held war ein Waldläufer, die Szenerie die unberührte Natur. Die Indianer waren nicht automatisch die Feinde. Man unterschied einmal mehr zwischen vermeintlich guten und vermeintlich bösen Stämmen. Erst als immer mehr Siedler in den Westen vordrangen und sich gegen die ihr Land verteidigenden Indianer mörderisch durchsetzten, begann die Verteufelung des roten Mannes im großen Stil. Diese frühen Helden unterschieden sich von späteren Protagonisten nicht nur durch ihrer Tätigkeit als Trapper. Sie trugen auch verstärkt puritanische Züge, rauchten nicht, tranken nicht und fluchten und spielten nicht. Zwielichtige historische Gestalten wurden „literaturtauglich“ umgebaut, um so bei den Lesern einen stärkeren Realitätsbezug zu signalisieren.

Western-Lexikon--1324-Filme-von-1894-1978-B0040GN0DY_xxl[1]Joe Hembus berichtete in dem Standardwerk zum Kinowestern, WESTERN-LEXIKON(Heyne Verlag), von der berühmtesten Mystifizierung:

„Einer der fleißigsten Mythendichter war der Verleger Erasmus Beadle, der 1860 in New York mit einer Groschenheftserie Dollars scheffelte. Die wöchentlich erscheinenden Dime Novels erreichten oft eine Auflage von einer halben Million…Im Jahre 1869 läßt sich Edward Z.C.Judson, der unter dem Pseudonym Ned Buntline schon seit Jahren ein bekannter Autor von Abenteuer-Romanen ist, von der „New York Weekly“ engagieren. Auf der Suche nach Inspiration und einem Helden reist er im Westen umher. Die Geschichte seiner Entdeckung von William Frederick Cody alias Buffalo Bill verläuft ziemlich genauso, wie Burt Lancaster als Ned Buntline sie in dem satirisch wirkenden, weil streng an den historischen Tatsachen orientierten Robert Altman-Film BUFFALO BILL AND THE INDIANS von 1976, erzählt:
`Im Jahre 1868 gehe ich in den Westen und schaue mich nach einem neuen Helden der Grenze um, über den man schreiben könnte. Ich lese Berichte über die Schlacht von Summit Springs und suche den Helden dieses Konflikts auf, Major Frank North. Aber der Major hat etwas gegen Publicity und will nicht reden. Also wandere ich eines Morgens in seinem Camp herum und sehe dieses magere Kerlchen, wie es unter einem Wagen schnarcht.

Ich ziehe ihn heraus, werfe einen Blick auf ihn und weiß, daß ich einen Star aus ihm machen kann. Ich frage ihn nach seinem Namen, er sagt Cody; ich sage, was treibst du, er sagt, er ist Scout und Büffeljäger. Also mir brennt’s ehrlich, über jemanden zu schreiben, weil ich schon einen Haufen aufregender Geschichten habe, die ich eigentlich Bill Hickock anhängen wollte, aber mit dem bin ich gerade verkracht, also sage ich dem Jungen, von jetzt ab heißt du Buffalo Bill und binnen sechs Monaten wird das ganze verdammte Land von dir hören.‘

Bei seiner ersten Begegnung mit Ned Buntline ist er 23 Jahre alt und ein Scout, Büffeljäger und Plainsman wie viele andere auch. Sein wirkliches Vorleben ist durch die nun einsetzende Legende so gut wie ausgelöscht; vielleicht hat er einige der ihm zugeschriebenen Rekord- und Courageleistungen bei der Büffel- und Indianerjagd wirklich vollbracht, vielleicht auch nicht. Als Buffalo Bill setzt er nun seine Geschichte gleichzeitig in der Historie wie im Showbusiness fort, wobei er das eine stets in das andere verwandelt und umgekehrt. Aus der Show reitet er im Zirkuskostüm auf das Schlachtfeld, und vom Schlachtfeld trabt er wieder in die Arena und inszeniert den Gang der Geschichte, wie er sie soeben mitbestimmt hat.
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Am 23. Dezember 1869 beginnt der Abdruck der ersten Buffalo Bill-Fortsetzungsgeschichte in der „New York Weekly“: Buffalo Bill, the King of the Border Men – The Greatest Romance of the Age! Sie läuft über viele Folgen, wird später in einer Buchausgabe herausgebracht und erlebt als solche immer neue Auflagen: Noch 1928 wird sie für 22 Cents vom Versandhaus Sears & Roebuck angeboten. 1872 wird im New Yorker Bowery Theater das Stück Buffalo Bill, the King of the Bordermen uraufgeführt, in Anwesenheit des Titelhelden. Weitere Bühnenstücke folgen. 1875 trennt sich Buffalo Bill von Buntline und organisiert seine eigene Show. Seine Heldentaten erscheinen jetzt in Beadles Dime Novels, wobei er oft selbst als Autor genannt wird. Im Sommer 1876, nach der Schlacht am Little Big Horn, nimmt er an einer Kampagne gegen die Cheyennes teil und tötet den Häuptlingssohn Yellow Hand; bei dieser Gelegenheit trägt er ein mexikanisches Kostüm aus schwarzem Samt, scharlachrot gefüttert und mit silbernen Knöpfen und Litzen geschmückt.
Im Herbst geht er mit dem Stück The Red Right Hand or: Buffalo Bill’s First Scalp for Custer, das dieses Treffen verherrlicht, auf Tournee. Jedes Jahr kommen neue Groschenhefte, Romane, Bühnenstücke heraus. 1879 gar eine Autobiographie. Aber das Beste kommt erst noch…
Um 1850 kommen die Rodeos als örtliche Cowboy-Wettbewerbe in Mode. Hier erweist sich die Legende als das Medium, das große Taten beflügelt: bald wimmelt der Westen von virtuosen Trickreitern, Stierkämpfern der bloßen Faust, Lassowerfern und Kunstschützen. Buffalo Bill wird der Mann, der erkennt, was man mit diesem Potential anfangen kann: Er verbindet seine theatralischen Darstellungen von Ereignissen aus der Zeitgeschichte des Westens mit typischen Rodeo-Attraktionen zur neuen, volkstümlichen Zirkuskunst der Wild West-Show.
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1883 hat Buffalo Bills Wild West-Show in Omaha Premiere. Was die Show vom Zirkus unterscheidet, ist, daß sie Geschichten erzählt, die Gelegenheit geben, atemberaubende, zirkusmäßige Fertigkeiten vorzuführen. Die erzählten Geschichten werden im Bewußtsein des Publikums zu den Standard-Situationen des Westens. Indianer überfallen eine Siedlung, einen Wagentreck, eine Postkutsche; Buffalo Bill und seine Leute reiten in letzter Minute zur Rettung.
Als Thomas A.Edison 1894 die Filmproduktion startet, sind seine ersten Sujets die prominenten Show-Attraktionen der Zeit. Die prominentesten darunter sind Nummern aus Buffalo Bills Wild West-Show. Später gehen viele Wild West-Show- und Rodeo-Stars wie Tom Mix, Art Acord und Yakima Canutt ganz zum Film und drehen Western; der Westen, in dem diese Filme spielen, ist nichts weiter als die gigantisch erweiterte Arena der Wild West-Shows.“

So begann also eine Legende, die bis heute fortwirkt, in Romanen und Filmen – trotz aller Demontageversuche.
Je stärker der Westen besiedelt wird, je kleiner das „freie Land“ wird, um so weniger attraktiv wurde die Figur des edlen Trappers und Waldläufers. Neue Helden mussten her und zu mythischen Figuren stilisiert werden: wer war dafür besser geeignet, als der Cowboy?

Fortsetzung und alle weiteren Teile dieser Serie im FLASHMAN-Blog:

 

https://compartsflashman.wordpress.com/2016/06/24/flashys-western-special/


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