Martin Compart


Nachtrag zu The Auteurs by Martin Compart
7. Mai 2016, 7:08 pm
Filed under: MUSIK, Zu Unrecht vergessene Songs | Schlagwörter: ,

Ich habe immer diesen verblödeten Novitäten-Kult der Feuilletons gehasst. Eine primitive Unterwerfung unter ekeligen Marktmechanismen, der seit dem Internethandel mit Kulturgütern so gestrig ist wie wilhelminisches Bewusstsein zur Pop-Kultur. Deshalb neu und hier eine Empfehlung eines Buches, das wahrscheinlich im Verlag nicht mehr lieferbar ist . Und das ist gut so. Denn nicht das neue Buch ist per se wichtig („Kennen Sie Shakespeare? Ganz wunderbar, wenn man sich mal eingelesen hat.“), sondern – um den dicken Buchbuben zu zitieren – „das gute Buch“. Vertrauen Sie mir.

Luke Haines war (seine heutige Bedeutung kann ich nicht einschätzen) eine der interessantesten Typen der Musik-Szene der 1990er. Mit seiner Gruppe The Auteurs und deren erstem Album „New Wave“ hat er Pop-Musik-Geschichte geschrieben und eines der besten und originellsten Alben des Jahrzehnts vorgelegt. In einer Liga wie zuvor“Crime of the Century“, „Dire Straits 1“ oder „The Book of Love“.

Ein Name, der nicht bei seiner Selbstbetrachtung  fällt, ist Bob Dylan, dabei sind 2/3 der Songs von „New Wave“ ohne Dylan schwer vorstellbar – was auch für die Qualität spricht (Sorry, Jonathan Richman).

 
2009 veröffentlichte er den ersten Band seiner Autobiographie BAD VIBES (deutsch bei Heyne Hardcore), in der er sich als brillanter Kotzbrocken outet, wie wir das aus autobiographischen- und pseudoautobiographischen Texten zu den 1980ern und -90ern spätestens seit John Niven kennen. Dieser erste Band erzählt die Geschichte der Auteurs und das diese eigentlich nur Haines waren. Der Band endet mit ihrer Auflösung und den Start der neuen, auch hochinteressanten, Band Black Box Recorder. Haines ist eine echte Giftspritze, aber immer interessant.
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Er sieht den Tod von Kurt Cobain als wichtigsten Grund für Aufstieg und Erfolg „der Geschmacklosigkeit, die sabbernde Musikjournalisten Brit-Pop“ etikettierten. Solange das „Monster Nirwana brüllte“, hatte Brit-Pop keine Chance. Der stieß in das Vakuum, das Corbains Tod geschaffen hatte. „…dass Brit-Pop in den Jahren 1995-97 ein gewisses Niveau erreicht hatte, ist allerdings ein weit verbreiteter Irrtum.“

In Frankreich waren wir groß wegen eines Irrtums: Auteurs wie Autoren und New Wave wie Nouvelle Vague. Was für Idioten.

An den „nordenglischen Bauern“ von Oasis und den sinnlosen Nachäffern von Blur, lässt er kein gutes Haar (Damon Albarn ist ein kleiner Kobold, der kleine Kinder tritt). Er lässt keinen Zweifel daran, dass er ein völlig unterschätztes Genie ist. Aber das macht er mit Selbstironie und völliger Schonungslosigkeit über die eigene Person.

Er hat musikalisch nicht soviel drauf, wie er glaubt, aber er hat was drauf; jedenfalls mehr als Pulp oder die üblichen Brit-Pop-Krakeeler.

So wie „New Wave“ ein vergessener Klassiker der Pop-Musik ist, ist Haines Autobiographe ein zu wenig bekanntes Buch über das Paralleluniversum Musikgeschichte.

P.S.: Die guten Lektoren von Heyne Hardcore oder Klett Cotta Tropen (Lethems „Bekenntnisse eines Tiefstaplers“) sollten sich nicht entmutigen lassen, solche Bücher einem deutsch lesenden Publikum zugänglich zu machen. Bücher sind – trotz Sigurd Fitzek & Co. – noch immer eine Ware sui generis.


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