Martin Compart


ZWERG GINSENG UND DIE ROTE-BEETE-VERSCHWÖRUNG by Martin Compart
4. April 2016, 8:58 am
Filed under: DEUTSCHER-TV-SCHROTT, Dr. Horror, Film, Nazi, TV, TV-Serien | Schlagwörter: , , , ,

rolf-21[1]von Dr.Horror

Es gibt mehrere Arten von Trickfilmen. Die teuren, die jetzt in den Kinos laufen, kommen aus den USA: Disneys Zoomania und DreamWorks‘ Kung Fu Panda 3 sind auch in China die erfolgreichsten Animationsfilme überhaupt. Ein dritter, eine 3D-Mischfilm-Version von Disneys Dschungelbuch, kann zwar dramaturgisch nicht mit dem 2D-Original mithalten, aber technisch hat es Besseres auf der Leinwand noch nicht gegeben.

Künstlerisch gibt es unter den japanischen Animes einige herausragende Spitzenprodukte.

Der europäische Animationsspielfilm präsentierte sich Anfang März 2016 ein weiteres Mal auf dem seit acht Jahren in Lyon stattfindenden Produzenten-Branchentreff Cartoon Movie: prätentiös, immer noch genug, aber deutlich weniger Family Entertainment, viel erwachsener als früher. Die Veranstalter berufen sich auf die europäische Vielfalt, d. h. anders als bei Disney, DreamWorks oder in Japan gibt es keine wirklich europäische Handschrift, dafür ein Buntes Allerlei, stilistisch gelegentlich interessant, in der Animation trotz digitaler Tools teilweise hinter dem Standard von Winsor McCay – und der entwarf seine kurzen Trickfilme vor einhundert Jahren.

Ja, und dann gibt es noch deutsche Animation.

Spätestens nach dem überraschenden Kinoerfolg des „Kleinen Eisbären“ war der deutsche Animationsspielfilm auf ein Zielpublikum von Minderjährigen abonniert. Findet eine Pressevorführung eines deutschen Animationsfilms statt, schicken die Blätter in der Regel die zweite oder dritte Garnitur von Filmkritikern, denen nichts Besseres einfällt, als noch den blühendsten Blödsinn als „kindgerecht“ zu apostrophieren.

Den künstlerischen Tiefpunkt erreichte die deutsche Filmanimation in der in TV und auf der Kinoleinwand ausgewerteten „Mondbär“-Serie, die offenbar in deutschem Auftrag und mit deutschen Geldern in China oder sonst wo hergestellt wurde und die Tierfiguren zu digital aufgeblasenen Luftballons macht.

Stationen auf Deutschlands Weg nach unten wenigstens in der Trickfilm-Branche waren „Der kleine Rabe Socke“, „Ritter Rost“, „Keinohrhase und Zweiohrküken“ und „Kleiner Drache Kokosnuss“. Die Legitimität und Förderungswürdigkeit des Genres zu erhalten, waren offensichtlich keine frischen Ideen und kein neuer Stil gefragt.

Originalphase aus einem deutschen Animationsfilm, nicht die Biene Maja, aber auch eine Wald&Wiesen-Stimmung à la Klatschmohnwiese: "Verwitterte Melodie" (1943) Bilder aus der Sammlung J. P. Storm

Originalphase aus einem deutschen Animationsfilm, nicht die Biene Maja, aber auch eine Wald&Wiesen-Stimmung à la Klatschmohnwiese: „Verwitterte Melodie“ (1943)
Bilder aus der Sammlung J. P. Storm

Sehen „Wickie und die starken Männer“, geschaffen für 2D, nicht scheußlich aus in durchschnittlicher 3D-Animation? Neben „Wickie“ rangiert auch die „Biene Maja“ ganz oben in der Gunst deutscher TV-Redakteure. 1912 erschien Waldemar Bonsels‘ „Die Biene Maja und ihre Abenteuer. Ein Roman für Kinder“ zum ersten Mal. Bonsels hatte das Kunstmärchen, eine Initiationsgeschichte unter Insekten, ursprünglich für seine Söhne geschrieben. Er und sein Verleger rechneten mit keinem großen Erfolg, aber dann lieferte der Feldbuchhandel überzählige Exemplare an die Soldaten im Weltkrieg aus, und bald war die „Biene Maja“ an der Front ebenso wie bei den Lieben daheim so bekannt wie Hindenburg, Ludendorff oder Kaiser Wilhelm. Geschildert wurde schließlich, zeitnah, der Kampf des edlen Bienenvolkes gegen schurkische Hornissen. Die kleine Biene, seitdem auf Bestseller-Kurs, wurde eine echte Kriegsgewinnlerin.

Nach einem stummen Maja-Kulturfilm aus dem Jahr 1926 schien es, dass allein der Trickfilm dem märchenhaften Rahmen und der angestrebten Vermenschlichung der Figuren gerecht werden könnte. 1941 erwarben die frisch gegründete Deutsche Zeichenfilm GmbH und die Ufa eine Option und planten die Realisierung eines animierten „Biene Maja“-Kinofilms in Farbe, in dem der Kampf Bienen gegen Hornissen eine dem aktuellen Kriegsgeschehen geschuldete größere Rolle spielte als vordem. Doch der Mann, den der erklärte Trickfilm-Fan Goebbels mit der Leitung der Zeichenfilm GmbH betraut hatte, Oberregierungsrat Karl Neumann, der von einer leitenden Stelle in einer Wurstfabrik ins Propagandaministerium gewechselt war, war nicht in der Lage, die Produktion durchzuziehen. Millionen Reichsmark wurden versenkt, ohne dass viel dabei herauskam, allenfalls ein farbiger Kurzfilm „Armer Hansi“ und ein Überläufer, der dann bei der Defa erschien: „Purzelbaum ins Leben“. Das Ziel, Disney auf seinem eigenen Terrain Paroli zu bieten, blieb unerreicht.

Im Vorwort zu seinem Roman „Dositos“, den er 1942 als Privatdruck in einer Auflage von 100 Exemplaren an Freunde und NS-Granden verteilte, würdigte Bonsels übrigens den „gewaltigen und gewaltsamen Anstoß“, der durch Adolf Hitler in die Welt getragen worden sei und der nicht nur das Judentum erschüttert habe, „sondern naturgemäß zugleich alles, was in der christlichen Kirche am Judentum krankt“.

 Antisemitische Zeichnung eines bekannten, aber ungenannten deutschen Animationsfilmers, ca. 1942: Deutsche Zeichenfilm GmbH, Berlin Cover des Buches "Animation Under the Swastika: A History of Trickfilm in Nazi Germany, 1933-1945"

Antisemitische Zeichnung eines bekannten, aber ungenannten deutschen Animationsfilmers, ca. 1942: Deutsche Zeichenfilm GmbH, Berlin
Cover des Buches „Animation Under the Swastika: A History of Trickfilm in Nazi Germany, 1933-1945“

So ein Mann gehört in der Bundesrepublik natürlich neu verfilmt. Obwohl Motive aus dem Buch entnommen wurden, haben die Produzenten der neuen „Biene Maja“ als Referenzobjekt die bekannte, harmlose und scheinbar über jeden Verdacht erhabene Zeichenfilmserie gewählt, die der damalige Leiter des Kinder- und Jugendprogramms des ZDF, Josef Göhlen, sein zeitweiliger Arbeitgeber Leo Kirch und Apollo-Film Wien Mitte der 1970er-Jahre in zwei Staffeln à 52 Folgen bei Zuiyo Enterprises (heute Nippon Animation) in Auftrag gegeben hatten: „In einem unbekannten Land vor gar nicht allzu langer Zeit, war eine Biene sehr bekannt, von der sprach alles weit und breit. Und diese Biene, die ich meine, nennt sich Maja, kleine, freche [sic!], schlaue Biene Maja…“ Karel Gott, nicht wahr.

Deutscher Zeichenfilm in der NS-Zeit: Arbeit unter einem Führerbild

Deutscher Zeichenfilm in der NS-Zeit: Arbeit unter einem Führerbild

Als der Autor dieser Zeilen in einem Rundfunkbeitrag auf braune Flecken in der Mediengeschichte der Biene Maja hinwies, gab es im Internet einen Sturm der Entrüstung im Wasserglas. Ich zitiere:

 

Franjo Delic Hitler hat seine Suppe mit einem Löffel gegessen, der Löffel sollte als nationalistisches Symbol einer braunen Vergangenheit verboten werden!!

 

Jens Poerschke Weil Herr Goebbels „Heile-Welt-Filme“ für seine Kinder drehen lassen wollte, dürfen wir heute derartiges nicht mehr sehen? Warum? Was passiert dann?

Christian Weisweiler Da sind sie wieder, unsere pseudodevoten Betroffenheitsvirtuosen, die mit der moralischen Selbstgerechtigkeit einer Priesterkaste sogar in der Biene Maja den Antichristen sehen.

Thomas Visockis Der liebe Herr Giesen schafft es bestimmt auch aus dem Stegreif, die Anzahl der Sommersprossen von Pippi Langstrumpf auf „23“ zu bestimmen und gleichzeitig auf „666“ hoch zu rechnen…

Ralf Galleisky Es wird so vieles für die eigenen Zwecke missbraucht – die Nazis und viele andere Greuelregime haben so vieles für sich missbraucht – dafür kann Maja nichts – ich bin mit der süßen Biene und dem schwulen Willi aufgewachsen und hatte viel Spaß.

$(KGrHqNHJE!FDN6f+h5zBQ3)4PcfRg~~60_35[1]

http://www.amazon.de/Hitlerjunge-Kolberg-Propagandafilme-Dritten-Reiches/dp/389602471X?ie=UTF8&keywords=rolf%20giesen&qid=1459762424&ref_=sr_1_12&sr=8-12

Die überhaupt nicht mehr braune Biene repräsentiert geradezu exemplarisch den Niedergang des deutschen Animationsspielfilms. Das Resultat ist das Werk eines Komitees (Filmförderer, Fernsehen, Verleih usw.), dem es darum ging, nirgendwo anzuecken: Immer schön politisch korrekt, bitte.

Was hat diese banale Wald&Wiesen-Romantik mit der Wirklichkeit von Kindern im 21. Jahrhundert zu tun? Warum hat man solche Angst, deutschen Kindern grausame, aber heilsame Märchen-Dramaturgie so vorzusetzen, wie sie die Brüder Grimm verfasst haben? Fürchtet man etwa um die Seele des deutschen Kindes? Fürchtet man, dass das deutsche Kind rückfällig werden könnte? Gibt es – natürlich nur zum Besten des Kindes – eine Rote-Beete-Verschwörung der zwergenhaften Apologeten von Tai Ginseng. Zu Risiken und Nebenwirkungen lesen Sie die Packungsbeilage oder fragen an der Kinokasse nach.

 

Rolf Giesen

 

Advertisements

1 Kommentar so far
Hinterlasse einen Kommentar

Hurra, Dr. Horror! Es verwundert nicht, dass deutsche Trickfilme so unanimiert daherkommen wie deutsche Normalfilme. (N.B. wird in denen nicht getrickst?) Entspringen beide doch den selben realexistierenden Produktions- und sonstigen Umständen. Man kann dazu auch System sagen. Diese typisch deutsche Mischung aus bornierter inhaltlicher Bevormundung und wirtschaftlicher Rechtfertigung. Hierzulande erfolgt die Subvention der Filmbranche im wesentlichen durch die materiellen Auswerter des Endprodukts. In anderen Branchen verstößt so etwas gegen das Kartellrecht. (Was, wie uns der dicke Junge lehrt, keine Sau mehr schert.) Gegen den guten Geschmack verstößt es ohnehin, wie das deutsche Kino unermüdlich unter Beweis stellt. – Erhellend auch, wie der widerliche Anti-Semit Bonsels durch Maja und ihren „schwulen“ Sidekick Willi für zukünftige Generationen „entnazifiziert“ wurde. Sehr dekouvrierend sind in dem Zusammenhang die Beissreflexe der zitierten Krititker. Diese Nutznießer des Systems müssen es natürlich verteidigen. Ihre Ehre heißt wahrscheinlich Treue. (Von wem der blöde Satz wohl stammt.) Und weil es nichts Richtiges im Falschen gibt, gilt bis in alle Absehbarkeit: Wie das Land so die Filme.

Kommentar von MiC




Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s



%d Bloggern gefällt das: