Martin Compart


MIC‘s Tagebuch. Knapp vor den Iden des März… by Martin Compart

 

A GAME OF PAWNS

Die sogenannten Qualitätsserien, die seit der Online-Offensive Investorcapital gepushter Streaming-Anbieter wie Netflix oder Amzon (die mittlerweile auch Emmy-Sieger produzieren) Flatscreens jedweder Größe heimsuchen, sind in der Regel nichts anderes als in Hochglanz verpackte Ideologie. Sie perpetuieren die Ideologie einer Kultur, die jedem Einzelnen totale Individualisierung und Freiheit vorgaukelt und dabei verschweigt, dass diese nur demjenigen zustehen, der sich die individuelle Konsumentenfreiheit auch leisten kann. („Nichts ist umsonst. Wer nicht mit Geld bezahlt, der bezahlt eben mit seinen Daten“, sagt Facebook-Milliardär Mark Zuckerberg.)

In ihrer schonungslosen Offenheit, jedes nur erdenkliche Thema dramatisch aufzubereiten und abzuarbeiten, ob Ranküne in der Politik, transsexuelle Verwandlung in Suburbia oder schizophrene Hacker im Überwachungsstaat (um nur jüngste Erfolgsformate zu nennen), beackern die Fernsehserien – oder sollte man nicht besser „serielle Erzählformate“ sagen? – die unleugbaren Widersprüche unserer Gesellschaft. Eingebettet in die uralten Regeln des Dramas und moderne visuelle Erzählmuster, findet der Zuschauer Verhaltensbeispiele für den eigenen Umgang mit diesen Konflikten. Wenn diese ihn nicht betreffen oder er den eigenen Umgang scheut, so hat der Zuschauer zumindest eine empathische Teilnahme erfahren. (Es soll ja noch Verfechter der aristotelischen Katharsis-Theorie geben, die behaupten, das allein genüge.)

Was der Seelenhygiene dienlich erscheint, wirkt auf den zweiten Blick ernüchternd. Diese „thematische Auseinandersetzung“ ist nichts anderes, als die krampfhafte Suche nach einer neuen Oberfläche, auf der immer gleichlautende Botschaften verkündet werden: „So ist das Leben, nimm es an, amüsier dich und fühl dich besser, schwimm brav weiter mit, geh shoppen, usw.“ Die Werte dieser Serienwelten scheinen die Werte friedlich koexistierender Menschen zu sein, vielmehr von Menschen mit der Absicht friedlich zu koexistieren, was naturgemäß nicht einfach ist und deshalb tagtäglich mittels unmittelbarem Zwang oder Dronenbeschuss oder Vorratsdatenspeicherung realisiert, respektive verteidigt werden muss.

Jeder ist seines Glückes Schmied.

Jeder ist seines Glückes Schmied.

Um welche Werte handelt es sich dabei? Salopp formuliert um folgende: Du allein bist für dein Leben und dein Glück verantwortlich; Du musst kämpfen, damit dir etwas gehört; Du musst schützen, was dir gehört; Du musst deine Familie schützen und die Schwächeren in deiner Welt; Die Guten sind klar auszumachen und die Bösen auch (es sind immer die anderen); Der Zweck heiligt die Mittel; Der Kampf gegen das System ist dumm, denn das System ist gut und muss darum gegen alle verteidigt werden, die es bedrohen. (Aufzählung ohne Anspruch auf Vollständigkeit.)

Wer genau hinsieht, der erkennt sofort, es handelt sich um Besitzstanddefinitionen, um Varianten der Unterscheidung von mein und dein, von Freund und Feind, von Habenden und Habenichtse – Letztere sind zudem noch neidisch – um die klare Trennung zwischen Subjekt und Objekt.

Denn diese unsere Wirtschaftsordnung, die nicht nur unser ganzes Leben bis in seine kleinste Kleinigkeit dominiert, die unsere Spezies dazu bringt, wieder besseren Wissens ihre eigenen Lebensgrundlagen völlig zu zerstören, die es schafft, jede Gesellschaftsordnung zu transzendieren, und die es vermag sämtliche systemischen Widersprüche scheinbar aufzuheben, beruht einzig auf dem Prinzip dieser Trennung. Sie bedient sich dabei geschickt des biologischen Grundtriebs des Homo sapiens, seinem Arterhaltungstrieb, der sich in Selbsterhaltung der Person und in der Fortpflanzung manifestiert: in Eigennutz und Sex. (Alle weiteren Verhaltensweisen sind nichts anderes als bewährte, opportune Muster, die das Ziel der Arterhaltung erleichtern.) Egoismus und Sex sind die Triebfedern jedes Werbespots (sogar ein Bestattungsunternehmen wirbt mit geilen letzten Chillplätzen). Womit wir wieder beim Bewegtbild und seinen Inhalten angelangt wären.

Meine These zusammengefasst lautet: Alle modernen TV-Serien untermauern die Ideologie des Status quo, ihre Gesellschaftskritik ist nur ein Ventil für die unleugbaren Widersprüche der Lebensrealität der Zuschauer – ob diese sie bewusst empfinden oder nicht, ist dabei ohne belang – und zementieren somit die vorherrschende, kapitalistische Ideologie. Und solange sie das 1. Gebot der Unterhaltung befolgen, „thou shalt not be boring”, ist der Erfolg dazu auf ihrer Seite.

(Kleiner Nachtreter: Ein Gebot, gegen das deutsche Formate in der Regel verstoßen, weshalb diese auch hauptsächlich von Leuten ohne Internet oder grenzdebiler Klientel geschaut werden.)

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Mir fallen nur zwei echte Ausnahmen in der großen, weiten Serienwelt ein. Die erste ist „The Prisoner”, als deren Mastermind Patrick McGoohan zeichnete, die zweite ist „Deadwood” von David Milch. Keine andere Fernsehserie reicht in ihrer scharfsinnigen, gesellschaftlichen Analyse und der damit verbundenen, schonungslosen Kritik an diese beiden Formate heran. Keine.

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Jetzt werden die ausgefuchsten unter den Lesern ausrufen, „mitnichten, viele Serien differenzieren viel stärker, ihre Kritik ist eben subtil”, andere werden Worthülsen wie „Nihilismus und Zynismus” unterbringen. Das ist bestimmt euer gutes Recht, ändert aber an den Tatsachen nichts.

In der Realität des Jahres 2016 sind wir „McGoohans Prisoner“, Geiseln der schönen neuen Streaming-Serienwelt: We all are held hostage by America TV. We all are in a Game of Pawns.

Post Scriptum: Schaue im Selbstversuch abwechselnd „The Prisoner“ und „House of Cards“. Läuft die amerikanische Version des grandiosen BBC-Originals geschmeidig wie Ben & Jerry‘s Eiskrem durch (binge watching), so wirkt die bald 50 Jahre alte Prisoner-Serie derart intensiv auf Sinne und Verstand, dass es eines zeitlichen Abstands zwischen den einzelnen Folgen bedarf, zum emotionalen Nachschwingen und zur Reflexion. Sie ist heute aktueller denn je. Unglaublich.

Post Post Scriptum: Die beste Entlarvung des Kapitalismus im Kino ist nach wie vor John Carpenter’s „They Live“ von 1988. Dieser Film müsste für Grundschüler Pflicht sein.

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1 Kommentar so far
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Jaja,was die Briten immer so alles raushauen…Man sollte aber nicht „Yes,Minister“vergessen!
Oder Zeug das von Jimmy McGovern kam..
Und für amerikanische Verhältnisse ziemlich offen „The Shield“ und „The Unit“,ode
r-weil man dort sehr häufig die Praxis zusehen bekam wenn man effizient seinen Job machen will,ist die Wahrheit eher ein Hindernis..

Kommentar von Martin Däniken




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