Martin Compart


MICs Tagebuch 1 – 2016 by Martin Compart
18. Februar 2016, 11:00 am
Filed under: Deutsches Feuilleton, Film, MiCs Tagebuch | Schlagwörter: ,

Aus Anlass der alljährlichen deutschen Filmbeschwörung

In Berlin darf Grinsebacke Kosslick wieder einmal die US-Prominenz einfliegen lassen, damit Feuilleton und Sendeanstalten laut „Hail” rufen und die internationale Bedeutung des gleichnamigen Filmfestes für die weite Welt in die deutschen Haushalte tragen können. (Falls es denn noch irgendjemanden außerhalb der inzestuösen Subventionsbranche interessieren sollte.)

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Koslick – das Musical

Der Zustand des Deutschen Kinos lässt sich seit Jahren so zusammenfassen: Ja, es gibt sie, die Kinofilme mit großem Publikumszuspruch. Diese fallen in zwei Kategorien: 1) Komödien von und mit Schweiger, hirnlos, sentimental und häufig mit Nennung von Körperteilen im Titel; und 2) Komödien ohne Schweiger, dafür mit Blondschopf Schweighöfer, oft in sexuellen Nöten, oder mit Deutschtürken, die auf Goethe fucken – oder der Dichterfürst, den die meisten Zuschauer nur als gleichnamigen Platz oder Straße kennen, fuckt auf sie. Andere Genres – von anderen Fressen ganz zu schweigen – finden hierzulande nicht statt. N.B. andere Genres: „Deutschen Actionhelden” auf der großen Leinwand hilft auch kein Fernsehvorverkauf, sogar wenn sie knallhart drohen, garantiert nicht im Dienst und damit noch viel hemmungsloser als Sonntags um 20.15 Uhr zur Sache zu gehen.

Der deutsche Film ist das Ergebnis seiner Finanzierung – namentlich des dafür verantwortlichen Systems, in dem die mächtigen Sachverwalter des Elends, die Sendeanstalten, das Sagen haben. In unserer merkantilistischen Republik gilt: wer zahlt, bestimmt.

Giesen+Kino-wie-es-keiner-mag-Die-schlechtesten-Filme-der-Welt[1]

US-Kritiker Richard Brody findet am 16.02. im „The New Yorker” die richtigen Worte. Hier ein paar Auszüge, mal schnell frei übersetzt:

Im deutschen Film dominieren banale, unterscheidungslose historische Dramen, sie handeln hauptsächlich vom Holocaust, aber auch vom Kalten Krieg (einer der neusten Filme ist „Labyrinth der Lügen”). Bei diesen Filmen geht es weniger um eine kritische Neubetrachtung der Geschichte, als um eine Neuverpackung bereits vorprogrammierter Antworten. Sie mögen dabei, das sei der Natur des Dramas geschuldet, auf historischen Fakten beruhen, durch ihre unkritische naturalistische Darstellung jener historischen Fakten jedoch, entkoppeln sie die Geschichte von der Gegenwart. Die standardisierten Handlungsbögen dieser skrupellos-professionellen Dramen reduzieren historische Details auf vertraute und leere Reuebekundungen. Das zeitgenössische deutsche Kino ist wie das Holocaust-Mahnmal (unweit des Potsdamer Platzes), es isoliert die Gegenwart von der Vergangenheit. Was dem deutschen Film heute fehlt, ist die Kraft in der ersten Person zu filmen, die Verbrechen der Vergangenheit in der Gegenwart zu sehen, zuzugeben, dass sie unvermeidlich, die eigenen sind, oder, in dieser Sache das Gegenteil zu deklarieren, dass sie es nicht sind. Aber es ist nicht nur eine Frage des guten Willens, der Bereitschaft, moralische Risiken zu übernehmen, es ist eine Frage des künstlerischen Mutes. Die deutsche Filmindustrie beweist zu oft einen grundlegenden Mangel an ästhetischem Wagemut… Es herrscht ein Herstellungssystem aus Finanzierung und Produktion, das sich jeden einzelnen Regisseur und sein Projekt einverleibt, und damit ein Mangel an Unabhängigkeit erzeugt, sowohl wirtschaftlich als auch künstlerisch.”

Woraufhin der deutsche Film trotzig den Kopf aus dem Arsch der Förderanstalten zieht und ausruft: „Und in Hollywood? Was herrscht denn da? Na?”

 


3 Kommentare so far
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Sehr treffend beschrieben. Jetzt verstehe ich auch, warum ich schon lange keinen Bock mehr auf deutsche Filme habe.

Kommentar von Thomas Hattendorff

Es gibt sie schon, die guten deutschen Filme, nur sind das nicht die, die dann in den Multiplexen laufen oder sonstwie medial beworben werden. Gutes aktuelles Beispiel: Nikias Chryssos‘ DER BUNKER, komplett unabhängig finanziert und derzeit in vereinzelten Kinos zu sehen. Das sind leider Werke, die vom allgemeinen „Scheiß deutscher Film“ – meist von Leuten geäußert, die gar nicht wissen, was es jenseits von KEINOHRHASEN und IRGENDWAS MIT HOLOCAUST 2 überhaupt gibt – mitgeschluckt werden.

Kommentar von Oliver

Fein beobachtet. Es gibt sie tatsächlich in Deutschland, die selbsausbeuterisch finanzierten Filme, wie „Oi Warning“ oder „Westend“ um nur zwei zu nennen. Die laufen, wenn sie denn künstlerisch wertvoll daherkommen, in Hof oder Saarbrücken oder in Emden oder Lübeck. Was „Oi Warning“ übrigens erst schaffte, nachdem der Film in LA von Hollywood-Regisseur James Cameron gutiert wurde. N.B. Wenn der Geißendörfer für ein Projekt wie „Der Bunker“ Geld gibt, dann wohl als Reminiszenz an alte Autorenfilmertage, drehte er doch einst den „Zauberberg“, bevor er mit der „Lindenstraße“ in der bundesrepublikanischen Wirklichkeit ankam. Ausnahmen bestätigen hierzulande die Regel.

Kommentar von MiC




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