Martin Compart


HÖLLE IN DER PIPELINE – Jim Thompsons Roman SÜDLICH VOM HIMMEL by Martin Compart
11. Juni 2015, 3:32 pm
Filed under: Bücher, Jim Thompson, Noir, Rezensionen | Schlagwörter: , , , ,

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http://www.amazon.de/S%C3%BCdlich-vom-Himmel-Jim-Thompson/dp/3453437888/ref=sr_1_4?s=books&ie=UTF8&qid=1434035299&sr=1-4&keywords=jim+thompson

a1b2daa61b33c767a37ffabe1f0f44f1[1]Seit einigen Jahren veröffentlicht HEYNE HARDCORE die Romane Jim Thompsons, die zuvor nie ins Deutsche übersetzt wurden. Darunter sind Werke, deren kommerzieller Erfolg am deutschen Markt zweifelhaft sind. Es sind Werke, wie etwa Thompsons Debüt NOW AND ON EARTH, die in der Tradition der Proletarian Novel stehen und weniger der Noir-Literatur verpflichtet sind (die Zusammenhänge zwischen Proletarian Novel und Noir-Roman wurden m.W. erstmals 1968 in David Maddens inzwischen klassischer Essay-Sammlung TOUGH GUY WRITERS OF THE THIRTIES untersucht). In seinem Spätwerk, SÜDLICH VOM HIMMEL, kehrt Thompson wieder mal zu diesen Wurzeln zurück.

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„Für die einen ist das die Hölle, für andere die harten Ölbohrarbeiten unter der Sonne von Texas. So eine Geschichte erzählt der junge Tommy Burwell, der bei einer Ölgesellschaft anheuert. Für Tommy beginnt eine harsche Zeit, denn sein alter Kumpel Four Trey Whitey setzt ihn für Sprengarbeiten ein. In diesem von hemmungsloser Gewalt geprägten Milieu muss Tommy sich seinen Platz erkämpfen. Er lebt ein Leben in Blut, Schweiß und Tränen. Als die Brüder seiner Freundin Carol planen, die Lohnkasse zu rauben, wird es eng für Tommy …“

090cover[1]Es ist eines der autobiographischen Büchern von Thompson, gleichermaßen noir wie proletarisch. In Tony Burwell, der unter der glühenden texanischen Sonne unter Lebensgefahr seine Arbeitskraft verkauft, kann man unschwer den Jungen Jim Thompso erkennen, der einst denselben Job hatte und ähnliche Träume und Hoffnungen.
„Was Upton Sinclair für die Fleischindustrie tat, machte Thompson hier für die Ölarbeiter, die Pipelines legen“, schrieb Thompsons langjähriger Freund und Lektor Arnold Hano im Vorwort der amerikanischen Luxusausgabe von Arion Press. Thompsons Klassenbewusstsein und Menschenbild kamen von dort, wo wild gewordene Irre als Ölbarone den Mythos vom amerikanischen Traum einmal mehr zertrümmerten.

Der bekannte Wahnsinn der Thompson-Hölle ist auch hier allgegenwärtig: die psychopathische Männergesellschaft, die brutale Ausbeutung durch das kapitalistische System, das nicht nur psychisch über Leichen geht, die Gestrauchelten und Zerstörten und die gefährliche Liebe. Trotz allem erscheint Thompson hier etwas optimistischer. Wie schon im direkt zuvor geschriebenen Roman TEXAS BY THE TAIL, gehört SOUTH OF HEAVEN zu den wenigen Werken, in denen er seinen Protagonisten ein Happyend gönnt. Wenn man Thompson als optimistischer bezeichnet, ist das natürlich so, als kämen bei einer Geiselnahme anstatt allen nur die Hälfte der Geiseln um Leben. Seine Verachtung für die USA zeigte sich in allem, was er schrieb.

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Der wahre Höhepunkt dieses Bandes ist allerdings das Nachwort von Friederich Ani; es ist so erhellend, dass man zum Lesen eine Sonnenbrille aufsetzen muss.

Ani teilt uns im Nachwort Wesentliches mit, das man zuvor so kaum wahrgenommen hat: „Tommy Burwell – so heißt die Hauptfigur.“ etwa.
Cornell Woolrich benennt er als „Erfinder der Schwarzen Serie“. Darüber hätte man gerne mehr erfahren. Wie der alte Cornell in seinem Labor mit verschiedenen Ingredienzien experimentierte, bevor er 1934 Dashiell Hammett, Caroll John Daly, Erle Stanley Gardner, Raoul Whitfield, Horace McCoy, Frederick Nebel, Paul Cain und Phil Cody gemailt hat: „Heureka! Es ist vollbracht! Die Schwarze Serie ist erfunden!“ Aber selbst Ani kann auf fünf Seiten nicht alles leisten.

Mit knappen Pinselstrichen malt er Erkenntnisse über Thompsons Leben, die man bisher kaum kannte: Dass er Alkohol mochte, nicht wohlhabend starb und glücklos als Lohnschreiber in Hollywood knechtete.

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Er erspart uns dankenswerter Weise die hoch interessante Geschichte einer projektierten Verfilmung des Buches: Darunter, dass Tony Bill (assoziiert mit Robert Redford) 1970 für 10 Dollar die Filmrechte kaufte; ein Projekt seiner Firma Bi-Plane Cinematograph für Columbia. Dass Robert Redford als Co-Produzent und Hauptdarsteller einstieg, dass Thompson für drei Drehbuchfassungen (die sich mehr und mehr vom Roman entfernten) 10.000 Dollar bekam. Ani erspart uns triviale Details wie etwa, dass Gold Medal für das Buch 2000 Dollar Vorschuss rüberreichte, dass Thompson selber 1927 für die Texas Company beim Pipelinebau als Power Monkey arbeitete, dass dies der erste Roman seit seinem Debüt von 1942 ist, in dem ein Ich-Erzähler kein Krimineller ist, und natürlich kein Wort über Thompsons Verhaftung im Proletarischen Roman. Stattdessen verkündet er so anstrahlendes, dass die Sonnenbrille beschlägt: „Habe ich schon erwähnt, dass es sich hier mit einiger Sicherheit um einen Kriminalroman handelt?“ Erstaunlich, was man heutzutage alles so wissen könnte!

Ganz wunderbar beklagt Ani am Anfang seines epochalen Nachworts die Situation auf dem deutschen Krimi-Markt, dessen geistlose Stapeltitel die Qualität zu erdrücken drohen. Angeekelt hat er sich als Buchautor wohl aus diesem Segment zurück gezogen, zu dem er vor einigen Jahren noch selber zählte mit seinen erschreckenden Büchern. Auch den Warencharakter der Kriminalliteratur durchschaut er kritisch: „Schneller, Leute!, schallt es aus den zuständigen Verlagskonzernen, in drei Wochen kommt ein neuer Krimi auf den Markt, wir haben keine Zeit für poetisches Gedöns! Wir handeln hier nicht mit Literatur, wir sind Buchstabenverwalter…“ Undsoweiter. Vorbei die Zeiten, wo man einen Ani-Roman verlegte, um die Welt schöner und sicherer zu machen und Verlage es strikt ablehnten, sich an Büchern zu bereichern und jeder Profit umgehend in die 3.Welt überwiesen wurde.


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