Martin Compart


NEUES AUS DEN SIXTIES: BOB DYLAN HOLT DEN ROCK AUS DER MILCHBAR by Martin Compart
6. Mai 2015, 1:26 pm
Filed under: BOB DYLAN, MUSIK, Rezensionen | Schlagwörter: , , , , , ,

Irgendwie kriegt es Klaus Bittermann momentan nicht hin, mal einen Monat ein Buch zu machen, das mich nicht interessiert. Die Edition Tiamat hat mal wieder einen echten Lauf bei mir.

http://www.amazon.de/Highway-61-Revisited-Dylans-Album/dp/389320198X/ref=sr_1_32?s=books&ie=UTF8&qid=1430916583&sr=1-32&keywords=bob+dylan

Diesen Monat also ein Buch über meinen alten Guru Bob Dylan. Besser gesagt: über ein Album von Dylan. Bücher über wichtige Alben der Pop-Musik (setzt einen anderen Begriff ein), sind in den letzten Jahren ein eigenes Genre geworden. Die schlechteren erzählen nur die Produktionsgeschichte, die besseren zeigen auch die inhaltliche Wirkungsgeschichte. Und Bücher über Dylan sind schon länger (Ulrich von Berg erzählte mir vor längerer Zeit, dass er sich das 100.Buch über Dylan zugelegt hatte)ein eigenes Genre.

Für die Spätgeborenen: Dylan war oder ist (er soll tatsächlich noch leben und Frank Sinatra covern) der Typ, der die Beatles mit Haschisch bekannt gemacht und die Rockmusik von ihrer Infantilität befreit hat.

Nun das zweite Buch über HIGHWAY 61 REVISITED, das zweite Album von ihm aus 1965. Ganz klar ein Meilenstein in der Musikgeschichte (obwohl es mir immer noch auf den Keks geht, dass das Vorgänger-Album, BRINGING IT ALL BACK HOME, im Vergleich immer untergeht: Denn da wurde Dylan elektrisch und legte die Grundsteine für HIGHWAY).

Für Mark Polizzotti ist es Dylans wichtigstes und persönlichstes Album. Eine Auffassung, die der „Meister“ wohl teilte: „Meine Platten werden ab jetzt nicht mehr besser werden… 61 ist einfach zu gut. Da ist eine Menge Zeug drauf, das sogar ich mir anhören würde.
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Ich teile nicht jede Beobachtung des Autors, aber es ist schon verblüffend, was er aus jedem Song heraus kitzelt und welche Kontexte er für Musik und Texte herstellt.

Polizzotti geht allen kulturellen und geographischen Spuren nach um Song für Song die Einflüsse aufzuzeigen, aus denen Dylan dann etwas völlig neues gemacht hat. Nebenbei wird deutlich: Welche Kompositions- und Arrangementselemente durch die digitale Technologie und Distribution verloren gegangen sind. Denn es gab mal eine Zeit der A- und B-Seiten, die ganz vorsätzlich aufeinander abgestimmt waren, in der jeder Song bewusst an einen Platz stand und sehr genau überlegt wurde, warum ein bestimmtes Stück die A-Seite abschloss und ein anderer die B-Seite eröffnete. Polzzotti beschreibt diesen langwierigen Prozess bei HIGHWAY (bei den vielleicht auch die Beatles Einfluss hatten). Wenn wir diese Vinylplatten heute auf CD hören (abgesehen von lohnenswerten Bonus-Tracks), ist das eine ganz andere Erfahrung: Es gehen (nicht nur musikalisch) Dimension verloren, die einem Album zusätzliche Tiefe gegeben haben. Was könnte Dieter Bohlen alles vorlegen, wenn ihm das zur Verfügung stünde – man mag es sich kaum vorstellen!

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Außerdem spickt er das Buch mit schönen Anekdoten und erhellenden Momentaufnahmen aus Dylans Biographie. Etwa das Dylan 1984 sagte, er habe das berüchtigte SELF PORTRAIT nur gemacht um die Hippies los zu werden, die „sowas unmöglich mögen konnten, sich damit unmöglich identifizieren konnten…“ Berührend finde ich auch Springsteens Erinnerung, wie er das erste Mal LIKE A ROLLING STONE gehört hat: „Meine Mutter und ich hörten beim Autofahren WMCA, und dann kam dieser Snare-Schuss (am Anfang des Stücks), der klang, als hätte jemand die Tür zu deiner Seele aufgetreten.“

Wie wichtig Dylan für das kulturelle Gedächtnis einer Generation war und vielleicht noch ist, wird in dem Band nebenbei heraus gearbeitet. Angesichts der Plattheit heutiger Pop-Musik (siehe:https://martincompart.wordpress.com/2015/04/14/depression-hauntology-und-die-verlorene-zukunft/) ist es nicht nur der spätkapitalistischen Nutz-Bildung zuzuschreiben, wenn die NRW-Einserabiturientin Elisabeth und die Schuhfachverkäuferin Sheila antworten: “ Wann der 2.Weltkrieg war? Nach dem ersten. Dylan? Das war alles vor meiner Zeit.“
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Ich gehörte lange selbst zu der unerträglichen Spezies der Dylan-Versteher (der, wie alle anderen, als Einziger wirklich verstanden hat, was der Meister den Planeten – besser: mir persönlich – mitzuteilen hatte). Aber der allergrößte Dylan-Fan, dem ich je begegnet bin, war die deutsche Noir-Ikone Ulf Miehe. Lange vor Internet war er international sensationell vernetzt und bekam aus aller Welt Bootlegs, VHS- und Audio-Cassetten.51OXXCqFK3L._SY344_BO1,204,203,200_[1] Er hatte einen ganzen Raum voll damit, und ich verdanke ihm großartige Tapes (die ich natürlich aus Erhaltungsgründen inzwischen digitalisiert habe). Einmal quatschten wir über ein neues (Gangster-)Filmprojekt. Stundenlang stellten wir fest, dass die Eröffnungsmusik unbedingt der SUBTERRANEAN HOMESICK BLUES (Opener von BRINGING IT ALL BACK HOME) sein müsse. Wichtige Arbeit für einen leider nie realisierten Film war also getan. Ulf blödelte auch gerne mal rum. Einmal gab er zum besten, dass er in den USA von der englischen Übersetzung seines Romans ICH HAB NOCH EINEN TOTEN IN BERLIN nur deshalb so viele Exemplare verkauft hatte, weil er das Buch Dylan gewidmet hatte und es so viele Dylan-Komplett-Sammler gäbe.

PS: Die Track-Liste:

1.Like a Rolling Stone – 6:09
2.Tombstone Blues – 5:56
3.It Takes a Lot to Laugh, It Takes a Train to Cry – 4:05
4.From a Buick 6 – 3:15
5.Ballad of a Thin Man – 5:56

6.Queen Jane Approximately – 5:28
7.Highway 61 Revisited – 3:26
8.Just Like Tom Thumb’s Blues – 5:27
9.Desolation Row – 11:22


1 Kommentar so far
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Habe Dylan mal Live gesehen.
Ist schon lange her und war, wie meistens bei ihm, eine
unberechenbare Angelegenheit. Nachdem wir das Vorprogramm, mit dem grässlichen Wolf Mahn und der Träne
Joan Baez durchgestanden hatten, brachte Santana die Sache
dann ungemein nach vorn. Der Meister selbst war dann erst
auch ziemlich lustlos, wurde aber zum Ende hin von
Carlos Santana und Mick Taylor derart gepusht, das es noch
richtig abging. Aber Dylan steht eh ausserhalb der Kritik.
Der hat sich immer wieder selbst erfunden und wurde nie zur
peinlichen Parodie seiner selbst.
Weit weg von jeder Hippieseligkeit. Eine amerikanische Ikone.

Kommentar von Ghijath Naddaf




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