Martin Compart


DEPRESSION, HAUNTOLOGY UND DIE VERLORENE ZUKUNFT by Martin Compart
14. April 2015, 2:22 pm
Filed under: Mark Fisher, MUSIK, Politik & Geschichte, Rezensionen | Schlagwörter: , ,

Wenn man heutzutage innovative, aktuelle oder originelle Kulturkritik zu lesen bekommen will, muss man fast ausschließlich auf Werke zurückgreifen, die sich mit Pop und Medien beschäftigen. Denn in dieser Auseinandersetzung hat Kulturkritik die größte Schnittmenge mit Systemkritik. Beziehungsweise ist hier die Konfrontation des Lebens mit Politik und Wirtschaft so wuchtig, dass es unseren zivilisatorischen Stellenwert unausweichlich verdeutlicht. Im deutschen Sprachraum sind die vielleicht eindrucksvollsten pop- und medienkulturellen Analysen die Arbeiten von Georg Seeßlen.

http://www.amazon.de/Gespenster-meines-Lebens-Depression-Hauntology/dp/3893201955/ref=sr_1_2?s=books&ie=UTF8&qid=1429020827&sr=1-2&keywords=mark+fisher

Auch Fishers hier versammelte Essays sind eine tiefgehende Kulturkritik. Er weist aus überzeugenden Beobachtungen nach, dass aktuelle Kunst und Kultur nicht mehr die Gegenwart erfassen und artikulieren können – was nicht ihre Schuld sei, sondern an der „Erschöpfung der Gegenwart und allmählichen Aufkündigung der Zukunft“ seit dem Aufstieg des Raubtierkapitalismus liegt. Als Brite macht er das an Thatcher fest; Deutschland, in der üblichen kulturellen Verspätung, kann ihn mit Kohl und Schröder verbinden. Seitdem beobachtet Fisher, der sich als Vordenker häufig auf Frederic Jameson bezieht, den Zusammenbruch der Unterscheidung zwischen Vergangenheit und Gegenwart. Dies manifestiert sich in einer multimedialen Nostalgie als ideologische Strategie: „Baut(e) KRAFTWERK in geradezu paradigmatisch moderner Weise auf Technologie, um neue Formen hervortreten zu lassen, so dient der Einsatz von Technologie im Nostalgiemodus lediglich dem Zweck, das Alte aufzupolieren. Das Ziel lautet, das Verschwinden der Zukunft als ihr Gegenteil zu maskieren.“

Mark_Fisher[1]Er macht das Im Film u.a. sehr schön an STAR WARS und BODY HEAT in der Argumentation von Jameson offensichtlich. In den weiteren Essays, die sich von TV-Serien, Joy Division, John LeCarré bis über den Junior Boys, David Peace, Chris Petit und anderen erstrecken, verfolgt Fisher die Frage, weshalb der Aufstieg des neoliberalen, postfordinistischen Kapitalismus zu einer durch Retrospektion und Pastiche geprägten Kultur führt. Ein Symptom dafür ist, dass sie Kultur des 21.Jahrhunderts durch „suspendierenden Stillstand und Unbeweglichkeit gekennzeichnet ist, verborgen unter einer oberflächlichen Gier nach Neuheit und ständiger Bewegung“. Mit diesem Stillstand der Kultur erwächst der Eindruck, „als hätte das 21.Jahrhundert noch nicht begonnen“. Tatsächlich stecken wir kulturell, postkolonoial und wirtschaftlich noch in „der Falle des 20.Jahrhunderts“. Wie etwa der politisch-ökonomische Umbruch durch Thatcher Reagen, Kohl und die ganze kapitalistische Genozid-Clique, die den Konsens der Nachkriegszeit durch die Prekarisierung der Lohnarbeit ersetzte.

Schon auf der zweiten Seite im Eingangskapitel (u.a. über die zu Unrecht bei uns völlig unbekannte TV-Serie SAPPHIRE AND STEEL) knallt Fisher dem Leser so erhellende Erkenntnisse entgegen, dass er weiß, man wird in diesem Buch auch die Essays zu Personen und Themen lesen, von denen man annahm, dass sie einen nicht interessieren. „unter Bedingungen digitaler Erinnerung geht der Verlust selbst verloren.“

Ein spannendes und genauso unterhaltsames Buch (Pop-Musik-, Film- und Krimifans kommen genauso auf ihre Kosten wie potentielle Molotow-Cocktail-Bastler), das von Thomas Atzert sensibel und atemberaubend kenntnisreich übersetzt wurde.

Im ersten Teil erklärt Fisher seine Weltsicht und Analyseinstrumente, in den beiden folgenden Teilen wendet er diese in Essays zu ausgesuchten populärkulturellen Themen (Le Carré, Life on Mars etc.)an.

Und wieder ein Beleg dafür, dass Klaus Bittermanns EDITION TIAMAT für das kulturlose 21.Jahrhundert das ist, was die EDITION SUHRKAMP für die Kultur der 1960er und 1970er war.

P.S.: Und im Übrigen bin ich der Meinung, dass Monsanto vernichtet werden muss.


1 Kommentar so far
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Monsanto gehört nicht vernichtet! Es sollte gesundgeschrumpft werden zu einen Kibbutz oder sonst etwas sozialistischen Kollektevistischem und als schlechtes Vorbild dienen…Ach wär das schön😉
Und die ehemaligen Ceos werden Staudammdirektoren in Sibirien oder dürfen Ed-209 bei Entwaffnungsvorführungen „helfen“!

Kommentar von Martin Däniken




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