Martin Compart


Musik: Quakes by Martin Compart
6. Dezember 2014, 1:06 am
Filed under: Allgemein | Schlagwörter: ,

Zum Advent etwas zur inneren Einkehr. Wie mich diese barbarischen Horden in den Fußgängerzonen ankotzen.

Er schlendert durch die Fußgängerzone der Innenstadt in ein anderes Leben. Die Einkaufsstraße erscheint ihm erbärmlich im Vergleich zu einem afghanischen Bazar. Die Geschäfte bieten unnützen Krempel an, von mieser Qualität. Schaufenster und Werbeflächen versprechen Glück durch Kauf. Auf ein paar hundert Metern sieht er vier Männer, die leere Flaschen aus den Papierkörben und von den ungepflegten Rasenflächen sammeln. Vor sechs Jahren, bevor er sich langfristig für den Hindukusch entschieden hatte, war nicht einer hier auf acht Cent Flaschenpfand angewiesen. Politiker und Banker verpassten dem Land den letzten Arschtritt. Wenn man nach Jahren in einen Ort zurückkommt, in dem man mal gelebt hat, sind alle Veränderungen fast persönliche Beleidigungen. Man misst die Stadt an den eigenen Erfahrungen und nicht an ihrer Degeneration.
Die Fußgängerzone stinkt nach schlechtem Essen, Industriekaffee, Abgasen und dumpfen Erwartungen. Aus Fastfood-Kiosken schiebt man den Fraß durch schmierige Durchreichen hinaus. Von einem Coffeeshop strömen junge Leute, braune Plörre in Plastikbechern in den jungen Gichtfingern. Keiner von ihnen wird je wissen, wie ein richtiger Kaffee schmeckt. Oder ein richtiger Tee. Begeistert nuckeln sie ihre zuckrigen Geschmacksverstärker, Becher in der einen Hand, H & M-Tüten in der anderen. Konsumenten, die nicht ahnen, wie lästig und ekelig sie sind. Kichernde Handyoten rennen sich gegenseitig um. Tumultig, aber ohne Leben. Ihr Schicksal ist es, konfektionierte Phasen zu durchlaufen. Ein Ladenschild verkündet: Kaffe ToGo – jetzt auch zum mitnehmen. Die Verblödung ist nicht aufzuhalten, unumkehrbar. Ein Luftkurort für die Bedürfnisse Debiler. Die Zeit vergeht nicht, sie torkelt unbeholfen durch die Fußgängerzone. Dieses Volk verfügt zwar über den höchsten Lebensstandard seiner Geschichte, aber auch über minderwertigste Lebensqualität.
Andy überflutet mörderische Wut auf diese stupiden Idioten, die eine Gesellschaft repräsentieren, die ihn ausgrenzt und nicht leben lässt, wie er kann und wie er will. Ich hole mir, was mir zusteht. Ich scheiße auf eure Zustimmung. Ich werde auf eure Gräber spucken.
Blödes Gekicher und Gestammel in Kanak oder Pidgin-Deutsch weht um seine Ohren. Genetische Vulgarität? Oder nur sozialisationsbedingtes Grauen?
„Die Battle war echt voll cool.“
„Ihr seid nur neidisch, weil ich härter bin als euch.“
„Die Heidi hat einen eigenen Palast nur zum schillen.“
„Wenn du mich nicht mit Respekt kommst, gibt es die Kante.“
„Alder, wo soll isch fahrn dem Benz, Alder?“
„Dem Ampeln is grun, abern wenn rot is, fahr isch trotzdem druber, isch schwör, Alder!”
„Alder, hab neue korreckte Tussi, Alder. Zwei Wochen treu, Alder, ich schwör!“
„Un, fickssu oder was?“
„Normal, Alder, hab isch geile Tuss, Alder. Un du? Wixtu oder was?“
„Alder, bin isch schwul oder was? Isch hab schon mehr Tussen gefickt als du gewixt hast. Alder, bevor isch wix, geh isch Puff!“
„Mein Supporter hat gestern bei mich mit seinem Alimentenkabel performt.“
Vergebliche Bemühungen um Karrieren als Alpha-Männchen. Empörende Eingeständnisse kulturellen Verlustes. Neusprech dank des Fernsehens und ökonomischer Degeneration. Selbst die Sprache ist verseucht durch die Werbeindustrie, die sich aller Medien bedient. Sie lebt davon, Dir einzureden, dass Du ein NICHTS bist – überflüssig wie eine Zyste. Lediglich der Konsum kann Dich davon erlösen, ein Niemand zu sein. Sie brauchen Dein Verlangen. Je totaler das Verlangen, umso kalkulierbarer wird das Verhalten, bis es exakt berechenbar ist. Der Heroin-Junkie ist der bravste Konsument, denn er tut alles für seine ersehnte Ware.
Wie schon William Burroughs feststellte: Die Realität hat keinen Werbeetat.
Die Mutter der Idioten ist immer schwanger.

(aus LEMMINGE IM PALAST DER GIER)

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