Martin Compart


ACHTUNG ADVENT! SCHMACKHAFTES FÜR DEN GABENTISCH by Martin Compart

Nun stehen sie wieder vor der Tür, die besinnlichen Tage, an denen wir Ebola, Bänker und die kollabierende Umwelt ausblenden und uns ganz dem lärmenden Konsum und dem stillen Gedenken an die Märtyrer des Kapitalismus, von Maschmeyer bis Middelhoff, widmen.

Für diese stillen Stunden braucht es natürlich auch ein wenig erbauliche Lektüre, die uns auf die Kirchenfeste einnormt und das fromme Absingen der Choräle zeitweilig unterbricht. Gottseidank erleuchten uns die Schaufenster mit der Hoffnung auf Glück durch Kauf. Unten stehendes kann man kaufen, Glück gibt´s dabei oft nur als Erkenntniszuwachs.

Gerade noch rechtzeitig, bevor das Fest der Verlogenheit den Stecker zieht, beschert uns Frank Nowatzkis PULP MASTER einen neuen Roman von DAVE ZELTSERMAN, der aus dem Stand heraus zu einem der wichtigsten zeitgenössischen Noir-Autoren katapultierte. In KILLER erzählt er die Story des alt gewordenen Auftragskillers Leonard March, der sich nach 28 Jahren Knast auf einen Deal mit der Staatsanwaltschaft einlässt, um seinen ehemaligen Boss hinzuhängen. Bedroht von seinem Ex-Boss und Verwandten seiner Opfer, schlägt er sich durch eine Kloake, die von sich behauptet, das Land der Freien zu sein.

http://www.amazon.de/Killer-Dave-Zeltserman/dp/3927734500/ref=sr_1_3?s=books&ie=UTF8&qid=1418742227&sr=1-3&keywords=dave+zeltserman

Hans-Rudi Wäscher war DER Pionier des deutschen Abenteuer-Comics. Noch heute können seine Serien SIGURD, NICK, TIBOR oder FALK durch ihr episches Storytelling begeistern. Nach vielen Vorarbeiten durch Fans, hat der „deutsche Comic-Papst“ (ja, ich weiß: Du hasst diese Bezeichnung) Andreas C.Knigge das entscheidende Buch zu Wäscher geschrieben. Es ist brillante Analyse und optischer Prachtband in einem. Jede Wäscher-Serie wird akribisch unter die Lupe genommen. Dabei steigt die Lust, sich die alten Hefte wieder vorzunehmen und zum Beispiel in NICKs Universum erneut einzutauchen. Niemand, der sich für die deutsche Comic-Kultur (bescheiden genug) interessiert, kann auf dieses voluminöse Buch verzichten.

http://www.amazon.de/Allm%C3%A4chtiger-Andreas-C-Knigge/dp/3941694111/ref=sr_1_5?s=books&ie=UTF8&qid=1417433580&sr=1-5&keywords=andreas+knigge

SIMON KERNICK ist der Traum eines Thriller-Fans: Er veröffentlicht regelmäßig und schreibt Bücher, die einen an den Rand eines Herzinfarktes treiben. Meisterlich beherrscht er die schockierende Eröffnung, die fast immer die Zertrümmerung der Normalität ist: „Ihr wurde bewusst, wie verletzlich sie war und das sich das Leben mit einem Lidschlag völlig verändern konnte.
Ausführlich zu Kernick unter: https://martincompart.wordpress.com/2011/12/14/brit-noir-simon-kernick-speedking-1/

Normalerweise jagt er seine Protagonisten durch die Betondschungel der Städte, in TREIBJAGD wird seine Protagonistin fünf Stunden durch die Backwoods der schottischen Highlands gejagt. Perfekt konzipiert, äußerst brutal und von einem Drive, wie ihn nur wenige hinkriegen. Nach einem furiosen Auftakt, nimmt er im ersten Drittel durch Rückblenden das Tempo raus (der erfahrene Thriller-Leser bekommt eine Ahnung, dass nicht alles ist, wie es scheint), um dann Vollgas zu geben. Zugegeben: Es gibt ein paar Unwahrscheinlichkeiten und bei genauer Betrachtung schwerlich zu akzeptierende Motive und Begründungen, aber das wird für mich vom Tempo überrollt. Sowas kann eben passieren, wenn man das Gaspedal so weit durchtritt, dass es schon über den Asphalt schleift.
Kernick strickt auch weiter am Personal seines Suspense Kosmos. Wieder dabei sind Sam Bolt, Mo Kan und zum zweiten Mal nach SIEGE Glenn Scopeland, alias Scope.

http://www.amazon.de/Treibjagd-Thriller-Simon-Kernick/dp/3453417887/ref=sr_1_2?s=books&ie=UTF8&qid=1417099901&sr=1-2&keywords=simon+kernick


Matthew Dunn wurde 1968 geboren, studierte Politologie und trat mit 27 Jahren in den MI6 ein, wo er als field operative an etwa 70 Geheimoperationen in der ganzen Welt teilnahm. Er muss ein Typ wie Adam Halls Quiller gewesen sein: “The loneliness, the isolation, is the real thing. The moment you step on the plane you are on your own.” Für einen Einsatz, über den er nicht sprechen darf, erhielt er vom damaligen Außenminister Cook eine Belobigung, die er nicht zeigen darf. Nach fünf Jahren stieg er aus. Er heiratete, zeugte zwei Kinder und wurde geschieden. Seit 2011 schreibt er Spionageromane über den Geheimagenten Will Cochrane (Deckname: Spartan), der ganz in der Tradition der Superagenten wie Bond und Quiller steht. Leider hat Cochrane eine düstere Vergangenheit, die jeder Melodram-Autor im Setzkasten hat.Dunn ist zwar kein Adam Hall, verfügt aber über ein ähnlich literarisches Talent, den Leser in die Handlung einzusaugen. Seine Erfahrungen bei MI6 nutzend, geben den Operationen einen faszinierenden realistischen Touch. Aber er ist zynisch genug, um nicht als kompletter politischer Idiot zu erscheinen. Witzigerweise kommen im ersten Roman, EIN TOD IST NICHT GENUG, die Deutschen besser weg als Briten und Amerikaner, die bekanntlich die Folter wieder hoffähig gemacht haben. Die Deutschen nehmen nämlich keine Gefangene (für Verhöre mit “Motivationsoptimierung”), um keinen Ärger wegen Menschenrechtsverletzungen zu bekommen.
Wer knallharte, böse Agenten-Thriller liebt, wie ich, wird von MATTHEW DUNN bestens bedient. Es kracht und rummst auf intelligente Art. Literarisch setzt Dunn effektiv genau das um, was ein guter Action-Thriller braucht. Inhaltlich bedient er alle Fans zünftiger geopolitischer Realpolitik. Bei BLANVALET sind die ersten beiden SPARTAN bzw. SPYCATCHER-Thriller jetzt auf Deutsch erschienen.

http://www.amazon.de/gp/product/3442382475/ref=pd_lpo_sbs_dp_ss_2?pf_rd_p=556245207&pf_rd_s=lpo-top-stripe&pf_rd_t=201&pf_rd_i=0062037862&pf_rd_m=A3JWKAKR8XB7XF&pf_rd_r=1YTQHYHY2JC8QV8131YN

In diesen heiligen Tagen sollte man kurz den Neid unterbrechen, mit dem wir ansonsten auf ein Land wie Mexiko schauen, dass dank dem Handelsabkommen mit den USA zum Exportweltmeister (neben dem inoffiziellen US-Bundesstaat Kolumbien) für Freizeitpharmazeutika prosperiert. In der aufregendsten Verlagsneugründung des Jahres, der EDITION FAUST, ist ein Prachtband erschienen, der uns in grandiosen Bildern und Texten die Idylle der us-mexikanischen Grenze näher bringt. Oder wie es im Klappentext des zweisprachigen (auch Spanisch) Buches heißt: “La Frontera, die Grenze zwischen Mexiko und den USA, zerschneidet Dörfer und Städte. Sie teilt Familien und unterbricht Lebenszusammenhänge im bikulturellen Grenzgebiet. Und sie ist eine der gefährlichsten Grenzen der Welt. Hunderte von Menschen lassen jährlich ihr Leben beim Versuch, sie illegal zu überqueren. Stefan Falke hat jahrelang Künstler entlang des Zauns fotografiert, die den Schlagzeilen über Drogenkrieg und Menschenhandel in den Medien ein hoffnungsvolles Bild entgegensetzen und mit ihren Kreationen den Widerstand gegen die Gewalt dokumentieren.
Davon und vom Verlust von Sprache und Identität handeln die Geschichten der international angesehenen mexikanischen Autoren, deren Reportagen, Prosatexte und Erzählungen hier erstveröffentlicht werden. Das sind aufrüttelnde, heitere, verstörende und aufklärende Texte wissender Grenzgänger.“
http://www.amazon.de/Frontera-mexikanisch-US-amerikanische-Grenze-ihre-K%C3%BCnstler/dp/3981589351/ref=sr_1_1?s=books&ie=UTF8&qid=1416576240&sr=1-1&keywords=stefan+falke

Bisher wurde David Raker von Carsten Maschmeyer noch nicht beauftragt, den verschwundenen Kanzler Proll-Gert aufzufinden. Das hat zwei Gründe: 1, ist der niedersächsische Schiffsschaukelbremser (fährt NSU Prinz mit Fuchsschwanz) leider noch nicht verschwunden, und 2.würde Raker den Auftrag ablehnen, da er keine Empathie für den Vermissten aufbringen könnte. Der Ex-Journalist Raker, Jung-Witwer und Spezialist für das Auffinden Verschwundener, ist der Serienheld von TIM WEAVER. Die Briten schütteln ja in den letzten Jahren wieder talentierte Autoren aus dem Ärmel, dass es eine Freude ist.
Thomas Hattenhoff hat in seinem großartigen Blog unter
http://englischekrimis.wordpress.com/tag/tim-weaver/
treffendes und lesenswertes zu Weaver geschrieben. Für mich ist er ein Erneuerer des Privatdetektivromans (auch wenn Raker sich auf Vermisste spezialisiert hat), der zeitgemäße Technologie clever in seine Plots einbaut und dazu noch überzeugend die Strukturen des Ermittler-Romans mit denen des Thrillers verbindet. Alles fängt erstmal langsam an,,, aber dann! Er hat ein gutes Auge für Charaktere, die selten eindimensional bleiben, einen scheinbar mühelosen Stil, dessen Qualität sich erst bei genauer Betrachtung offenbart. Natürlich sind die Eröffnungen (PI erhält Auftrag vom Klienten) abgedroschene Klischees, ebenso wie verlässliche Schacheröffnungen. Der Privatdetektiv steht in der Tradition des Flaneurs, der, wie Walter Benjamin bemerkte, das städtische Leben beobachtet und bewertet. Dies tun Weaver und Raker aktuell und originell. Und, wie der GUARDIAN und Hattenhoff bemerken, er wird immer besser. Bei GOLDMANN sind bisher drei Bücher erschienen, davon das erste nur als eBook.

http://www.amazon.de/Ohne-jede-Hoffnung-Tim-Weaver/dp/344248197X/ref=sr_1_1?s=books&ie=UTF8&qid=1416573829&sr=1-1&keywords=tim+weaver

Es ist mir ziemlich egal, ob ein Buch „Novitätencharakter“ hat oder älter ist, wenn ich der Meinung bin, es müsse mehr Leser finden.
MASSIMO CARLOTTO ist einer der wichtigsten und besten italienischen Noir-Autoren der Gegenwart. Seine Romane speisen sich häufig aus seinen biographischen Erfahrungen: Als Linksradikaler entzog er sich 1976 der Justiz, die ihn unschuldig einen Mord anhängen wollte, floh nach Paris und Mexiko und führte das Leben eines Outlaws. Mit DER FLÜCHTLING legte der TROPEN Verlag bei KLETT-COTTA Carlottos Autobiographie vor, die jeder Noir-Aficionado gelesen haben sollte. Schonungslos und in seinem bekannten verstörend brutalen Stil, verdeutlicht er seinen Fans, warum er wurde, wer er wurde. Auch wenn es politisch irrelevant ist, wer Outsider-Biographien liebt, sollte sich antiquarisch besorgen: CIZIA ZYKE: ORO (Goldmann, 1988).Der Autor erzählt, eine Magnum 357 in der Hand und einen Joint zwischen den Lippen, wie er sich durch Costa Rica schlägt, immer auf der Suche nach einem schnellen Deal, Gold und Sex. Dabei trifft der Autor, der selber kein angenehmer Typ ist, so ziemlich auf jedes Arschloch in Lateinamerika, das gleichzeitig aus ähnlich altruistischen Motiven den Dschungel durchpflügt. Echte Weihnachtslektüre, die man gut vor der Mitternachtsmette genießen kann.

http://www.amazon.de/Fl-chtling-Roman-Massimo-Carlotto/dp/360850205X/ref=tmm_hrd_swatch_0?_encoding=UTF8&sr=1-4&qid=1416580061

Der TROPEN-Verlag verdient übrigens höchsten Respekt dafür, dass er noch Essay-Sammlungen veröffentlicht, was ja fast publizistischen Seppuku gleichkommt. Zum Beispiel die unbedingt lesenswerten Bände BEKENNTNISSE EINES TIEFSTAPLERS von JONATHEM LETHEM und MISSTRAUEN SIE DEM UNVERWECHSELBAREN GESCHMACK von WILLIAM GIBSON („Kann es am Ende des 20.Jahrhunderts etwas Beängstigenderes geben als ein optimistischer SF-Autor?“) . Beide ebenso originell wie politisch unkorrekt über die „Zukunft als Gegenwart“.
http://www.amazon.de/Misstrauen-Sie-dem-unverwechselbaren-Geschmack/dp/3608503145/ref=sr_1_6?s=books&ie=UTF8&qid=1416580193&sr=1-6&keywords=william+gibson

Carlotto ist natürlich auch in der Anthologie KOKAIN-CRIME STORIES (FOLIO VERLAG). Neben ihm sind GIANCARICO CAROFIGLIO und GIANCARLO De CATALDO (ROMANZO CRIMINALE) vertreten um die unterschiedlichenAspekte dieses Zuwachsmarktes und seiner Anlagemöglichkeiten zu erörtern.Diese Autoren in der glorreichen Traditon von Sciascia und Scerbanenco bestätigen auch stilistisch das hohe und eigenwillige Niveau der italienischen Noir-Kultur (es ist schön zu hören, dass eine TV-Serie nach DIABOLIK entsteht; hoffen wir das Beste!).

http://www.amazon.de/Kokain-Crime-Stories-Giancarlo-Cataldo/dp/3852566282/ref=sr_1_6?s=books&ie=UTF8&qid=1416573967&sr=1-6&keywords=carlotto

„Als ich die maskierten Männer in den grünen Kampfanzügen erkannte und die ölig glänzenden Maschinenwaffen auf uns gerichtet sah, hatte ich die Bestätigung, dass es reiner Wahnsinn ist, so kurz nach einem brüchigen Waffenstillstand die Front zu überschreiten. Wenigstens für einen Mann, der auf der anderen Seite steht.“
So cool fängt UNTERGRUND an, und so cool geht es auch weiter in dieser autobiographischen Schrift, die einmal eine der wenigen deutschen Polit-Thriller auf internationalem Niveau war. Autobiographisch steht Willi Voss´ Buch irgendwo auf demselben Regal wie Ernst von Salomons DIE GEÄCHTETEN oder Jack Blacks YOU CAN´T WIN.
Als ich 1986 zu Bastei-Lübbe ging, lernte ich Willi Voss kennen, der damals für den Verlag schrieb. (siehe auch: https://martincompart.wordpress.com/2013/06/05/noir-fragen-an-willi-voss/
Ich kannte seine beiden Polit-Thriller, die er unter dem Pseudonym E.W.Pless veröffentlicht hatte: GEBLENDET und GEGNER. Es war ganz deutlich, dass der Autor wusste, worüber er geschrieben hatte: Bürgerkrieg im Libanon und der verzweifelte terroristische Kampf der Palästinenser. Wie ich, fuhr Jörg Fauser auch sofort auf GEGNER ab. Und irgendwann haben wir dann zu dritt in Witten und Bergisch-Gladbach ein Wochenende durchgesoffen und gequatscht und gequatscht und gequatscht. Jörg, der immer alles genau wissen wollte, zog Willi alles über seine Erfahrungen im bewaffneten Kampf für die Palästinenser aus der Nase, was er nur ziehen konnte.
Willi
Mit Willi in Spanien.

Und seit 2012 gibt es nun endlich eine überarbeitete Neuausgabe von GEBLENDET unter dem Titel UNTERGRUND, die nun nicht mehr der Roman ist. Hätte Fauser noch gelebt, hätte er bestimmt ein enthusiastisches Nachwort zu diesem authentischen und autobiographischen Nahost-Thriller geschrieben, der in der deutschen Thriller-Literatur (und darüber hinaus) als einzigartiges Monument dasteht. Willi hat alles geschrieben: Polit-Thriller, Conspiracy, Western, Polizei- und Privatdetektivromane. Gut sind sie alle. Aber GEBLENDET und GEGNER entstanden zu einer Zeit, als die Wunden noch frisch waren und er den Pulverdampf noch in der Nase hatte.
Passt gut zur Lektüre von Carlottos DER FLÜCHTLING.
Einen relativ fairen Bericht über Willi als Fatah-Kämpfer und CIA-Agent auf:
http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-90334819.html

http://www.amazon.de/UnterGrund-Willi-Voss/dp/3944223004/ref=sr_1_1?s=books&ie=UTF8&qid=1416849005&sr=1-1&keywords=willi+voss

Seit ANUBIS GATE von TIM POWERS (oder einigen Romanen von Michael Moorcock, der jede Menge Steampunk-Elemente vorweg genommen hat) bin ich ein Steampunk-Fan. Leider finde ich zu selten wirklich überzeugendes in diesem Subgenre. Was mich überzeugt hat, ist die Burton & Swinburne-Serie von MARK HODDER, deren drei ersten Bände, DER KURIOSE FALL DES SPRINGHEELED JACK, DER WUNDERSAME FALL DES UHRWERKMANNS und AUF DER SUCHE NACH DEM AUGE VON NAGA bei BASTEI-LÜBBE erschienen. Die Helden sind die Abenteuer- und Forscher-Legende Sir Richard Burton und der dekadente Dichter Algernon Charles Swinburne, die als Spezialagenten der Krone agieren. Hodder nimmt reale Personen (etwa Oscar Wilde als Zeitungsjunge), mehr oder weniger bekannte Mythen und lässt sie in einem durch Steampunkfantasien veränderten Paralleluniversum (abweichende Zeitlinien) agieren. Voll gestopft mit aberwitziger Action und intelligenten Kulturkommentaren, einer gehörigen Portion viktorianischer Atmosphäre, sind die dicken Schwarten ein fast nostalgisches Lesevergnügen. Besonders der dritte Band mit seinem afrikanischen Schauplatz á la Rider Haggard und der Konfrontation zwischen Briten und Preußen vor dem großen Krieg hat mir gefallen.

http://www.amazon.de/Auf-Suche-nach-Auge-Naga/dp/3404207491/ref=sr_1_2?s=books&ie=UTF8&qid=1416574089&sr=1-2&keywords=mark+hodder

Der FESTA VERLAG beginnt mit SHOOTER die längst überfällige deutsche Ausgabe von Stephen Hunters Serie um den militanten Swagger-Clan. Der erste Roman über den Scharfschützen Bob Lee Swagger, der vor fast zwanzig Jahren schon mal bei Goldmann erschienen ist und zu Horrorsummen gehandelt wurde, macht den Anfang und ist ein lupenreiner Conspiracy-Thriller. Das Buch wurde 2007 recht ordentlich mit Mark Wahlberg verfilmt und der Film eignet sich bestens als Weihnachts-DVD. Der Waffnfetischist Hunter war langjähriger und einflussreicher Filmkritiker (u.a. bei der WASHINGTON POST) und seine Filmbücher, wie VIOLENT SCREEN (Bancroft Press, 1995), sind genauso kontrovers wie lesenswert. Früher nannte man Hunters Thriller „Bücher für Männer (oder Jungs)“. Oft knallharte politisch unkorrekte Conspiracy-Thriller, spannend geschrieben, voller ungewöhnlicher Details und Charaktere, aber auch mit viel Atmosphäre. Wie Figaro macht Hunter keinen Unterschied zwischen Politik und Intrige. Im Gegensatz zum erfolgreicheren Kollegen Lee Child, der nur noch ein langweiliges Weichei ist, kann Hunter plotten und auch den abgewichsten Thriller-Leser überraschen. Es bleibt zu hoffen, dass FESTA Hunters Bücher zügig den deutschen Lesern zugänglich macht (wie auch die MICHAEL SLADE-Thriller). SHOOTER hat über 600 Seiten, aber die saugt man bei der Lektüre in Hochgeschwindigkeit weg.

http://www.amazon.de/Shooter-Vom-Kriegshelden-zum-Staatsfeind/dp/3865523161/ref=sr_1_2?s=books&ie=UTF8&qid=1416574141&sr=1-2&keywords=stephen+hunter

In England ist bei Network eine 6-DVD-Box mit allen drei Seasons der SANDBAGGERS erschienen. Die von Ian Mackintosch für ITV erfundene Spy-Serie lief von 1978 bis 1980 und setzte Maßstäbe für Polit-Thriller im Fernsehen. Die Serie nahm Kalte-Kriegs-Klischees, die man für felsenfest gehalten hatte, ließ sie durch luftleeren Raum irren und dann brachial auf den Boden knallen. Als hätten Adam Hall und Len Deighton Drehbücher über eine Spezialeinheit von MI6 entwickelt. Aber der Ruhm gebührt nun mal dem genialen Mackintosh, der alle Folgen der ersten beiden Staffeln geschrieben hatte, bevor er unter mysteriösen Umständen verschwand: „During the shooting of the third series in July 1979, Mackintosh and his girlfriend, a British Airways stewardess, were declared lost at sea after their single-engine aircraft mysteriously went missing over the ocean near Alaska following a radioed call for help. Some of the details surrounding their disappearance have caused speculation about what actually occurred, including their stop at an abandoned United States Air Force base and the fact that the plane happened to crash in the one small area that was not covered by either US or USSR radar”, Wikipedia). Ein klarer Fall für David Raker.
Zu den härtesten Fans dieser Kult-Serie (hier stimmt dieser kaum noch aussagekräftige Terminus mal wieder) gehört das amerikanische Allround-Talent Greg Rucka. Er sieht seine als Comic und Roman erscheinende QUEEN & COUNTRY-Serie als Reminiszenz an THE SANDBAGGERS. Eine der absoluten Top-Serien der letzten Jahre, SPOOKS, wäre ohne SANDBAGGERS nicht vorstellbar (wie die Creator auch zugegeben haben).

http://www.amazon.de/Sandbaggers-Complete-UK-keine-Untertitel/dp/B002NZBD74/ref=sr_1_sc_2?s=dvd&ie=UTF8&qid=1416574333&sr=1-2-spell&keywords=sanbaggers

Natürlich hatte Elmore Leonard häufig unglaubliches Glück mit seinen Kino-Adaptionen – von HOMBRE über MR.MAJESTIC bis JACKIE BROWN. Aber die beste audiovisuelle Umsetzung eines Elmore Leonard-Stoffes ist kein Kinofilm, sondern die TV-Serie JUSTIFIED, die auf einer Kurzgeschichte basiert. Sie ist fast so etwas wie eine Synthese aus Crime-und Western-Genre.

Alles, was Leonards beste Unterweltsromane auszeichnet, findet man spätestens ab der zweiten Staffel (die erste ist mir zu episodisch): Durchgeknallte White-Trash-Ganoven, wie sie nur in einem Land vorkommen, deren weiße Besiedler aus Europa einst rausgeschmissen worden sind, ein ambivalenter Protagonist und Landschaften (Kentucky), um die MAD MAX einen großen Bogen machen würde. Das Personal der Serie, allen voran der großartige Walton Goggins, das Arschloch aus SHIELD, rast voll motiviert in ihr herum, immer unterwegs zu noch boshafteren Tiefständen menschlichen Verhaltens. Leute, wie wird´s da erst aussehen, wenn sie mit dem Fracking durch sind? Nicht mal Darwin könnte erklären, wo und wie diese Geschöpfe in der Evolution anzusiedeln sind.
Jetzt ist eine teure Box erschienen mit den ersten vier Seasons, so schmutzig wie drei Tage liegengebliebener Weihnachtsschnee in Berlin.

Sonja Hartl analysiert in ihrem Blog ZEILENKINO ausführlich die unterschiedlichsten Aspekte der Serie:
http://zeilenkino.de/pronto-justified-raylan-givens

http://www.amazon.de/Justified-Season-exklusiv-Amazon-Limited/dp/B00NP54M6K/ref=sr_1_3?s=dvd&ie=UTF8&qid=1416574601&sr=1-3&keywords=justified

Kein Weihnachten ohne Western.
Hoffentlich verschonen uns die TV-Anstalten mit abermaligen Abspielen von John Fords Tunten-Western!
Dank HEYNE HARDCORE ist seit langem mal wieder ein Roman von JAMES LEE BURKE auf Deutsch erschienen: REGENGÖTTER ist ein Spätwestern als Noir-Thriller, der an der texanischen Grenze zu Mexiko spielt. Zusammen mit LA FRONTERA genau das Richtige für einen Salsa-Adventsabend.
Es ist natürlich Blödsinn, wenn ein Rezensent behauptet: „James Lee Burke schreibt, als wäre Cormac McCarthy unter die Krimiautoren gegangen“. Es gibt eben viele Rezensionen, die den Eindruck vermitteln, sie wollen Themmen lediglich abhaken, anstatt sie für uns zu öffnen. McCarthy hat bereits mit NO COUNTRY FOR OLD MAN einen Noir-Thriller geschrieben (wie auch mit THE ROAD eine Science Fiction-Dystopie oder mindestens einen Western mit BLOOD MERIDIAN). Wo Burke elaboriert ist und in breiten Naturschilderungen mäandert, ist McCarthy in seinen gewaltigen Bildern karg und punktgenau. Aber wie viele Protagonisten des späten McCarthy, kriecht auch Burkes Sheriff Holland (der Vetter von Billy Bob Holland, dem Anwalt)mit hängenden Schultern verbittert durch das Alter dem Tod entgegen.

http://www.amazon.de/Regeng%C3%B6tter-Thriller-James-Lee-Burke/dp/3453676815/ref=sr_1_1?s=books&ie=UTF8&qid=1416579264&sr=1-1&keywords=james+lee+burke+regeng%C3%B6tter

…und wer immer noch nicht Flashman liest, ist selber schuld.

http://www.amazon.de/Flashman-die-Roth%C3%A4ute-Nordamerika-Flashman-Manuskripte/dp/3942270978/ref=sr_1_3?s=books&ie=UTF8&qid=1416579486&sr=1-3&keywords=flashman


6 Kommentare so far
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Der Burke liegt schon bei mir rum. Muss aber zuerst endlich
mal Larry McMurtys Lonesome Dove lesen.
Nur eine Sache. John Ford Filme sind keine Tunten Western.
My Darling Clementine und The Searchers sind Meilensteine
des Genres.
Wer Bewunderer wie Sam Peckinpah, Akira Kurosawa,
Sergio Leone, Monte Hellman, Martin Scorsese u.v.a. hat braucht meinen Einspruch zwar nicht, aber ich musste einfach
raus damit.

Kommentar von Ghijath Naddaf

So, nun hat auch der Blogger eures Vertrauens was zwischen die Hörner gekriegt.
ich gebe ja zu: noch tuntiger ist Hawks RIO BRAVO, in dem sich John Wayne standhaft weigert, mit Angie Dickinson ins Bett zu gehen, weil er lieber mit Dino, Ricky und Stumpy in der Zelle(!) herzige Lieder hört.

Kommentar von Martin Compart

Das erinnert mich daran, mal wieder Rio-Bravo
zu gucken. Am besten als Doppelvorstellung mit
El-Dorado. Die Jungs im Sherrifs-Office kamen
mir auch gar nicht so tuntig vor. Sonst wären sie
bestimmt lieber mit Angie einkaufen gegangen.
Aber wahrscheinlich kapier ich es einfach nicht.
Vielleicht war Shane auch vom anderen Ufer, weil
er nicht die Farmers Frau besprungen hat.
Freundschaft und Loyalität waren dem Kerl wohl
wichtiger.
Wie auch immer, schöne Feiertage wünsche ich
dir.

Kommentar von Ghijath Naddaf

Nimm´s locker! Ich kann, spätestens seit DEADWOOD, diese verlogenen US-Heimatfilme mit ihrer verblödeten Homeland-security-Ideologie einfach nicht mehr sehen. Aber natürlich wünsche ich Dir auch angenehmste Feiertage. Und hier – falls Du sie noch nicht kennen solltest – eine McMurtry-Verfilmung:

Nicht gerade LONESOME DOVE, aber immerhin McMurtry und ein großartiger Val Kilmer. Und da wir gerade bei Kilmer sind, noch ein toller Western: THE MISSING von Ron Howard mit Tommy Lee Jones! Leider bisher nicht verfilmt ist FLASHMAN UND DIE ROTHÄUTE.
All the best,
Martin

Kommentar von Martin Compart

Und für die theoretische Unterfütterung der super Tipps empfehle ich Mao Tse-tungs Guerillakriegs Buch
(hab das alte aus dem Rowohlt-Verlag,funktioniert auch ohne Akku!)
dann „Art of War“ mit dem Vorwort von Basil Lidell Hart(erklärt auch Hintergründe),
Strategeme -Anleitung zum Überleben von Harro v. Senger das Olle von dtv

Kommentar von Martin Däniken

Da würde ich auch noch zwei alte Rowohlts dazu legen wollen: BRANDSTIFTUNG ODER NEUER FRIEDE?. Aufsätze von Che Guevara uns seine AUFZEICHNUNGEN AUS DEM KUBANISCHEN BEFREIUNGSKRIEG 1956-1959. Es gab tatsächlich mal eine Zeit, da haben sich solche Bücher verkauft!

Kommentar von Martin Compart




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