Martin Compart


WO DIE WILDEN KERLE HAUSEN – Kannibalismus im Film by Martin Compart
30. Oktober 2014, 10:13 pm
Filed under: Backwood, Film, Rezensionen | Schlagwörter: , ,

In meinem Aufsatz über Backwood-Thriller (siehe: https://martincompart.wordpress.com/2013/05/28/hinterwaldler-kannibalen-und-monster-zum-backwood-genre/ ) hatte ich anthtropophagische Themen angerissen und dem Backwood-Genre zugeordnet. Ich halte dies und meine Begründung nach wie vor vertretbar. Allerdings, wie zuvor dargelegt, definiert sich dieses relativ neue Genre Backwood-Thriller vornehmlich nicht durch den Topos des Kannibalismus. Anthropophagie wird von vielen Genres und Subgenres, vom Reisebericht über die Robinsonade bis zum Kriminal-, Fantasy- und Abenteuerroman, genutzt. Als eigenständiges Genre, wie kurzfristig im Film, gibt es die Anthopophragie in der Literatur nicht. Auch wenn sie zu einem viel genutzten Motiv der Weird Fiction zählt.
http://www.amazon.de/Vom-Fressen-Gefressenwerden-Re-Inszenierung-Kannibalen/dp/3828832768/ref=sr_1_1?s=books&ie=UTF8&qid=1414685174&sr=1-1&keywords=paul+drogla

Paul Drogla hat sich, literarische Einflüsse berücksichtigend, ausführlich dem Thema Kannibalismus im Film gewidmet in seiner beeindruckenden Arbeit VOM FRESSEN UND GEFRESSENWERDEN – FILMISCHE REZEPTION UND RE-INSZENIERUNG DES WILDEN KANNIBALEN (Tectum Verlag, Marburg, 2013). Beginnend mit den ersten anthropophagischen Erwähnungen im Altertum (Homer, Herodot), zeigt er ein durchgehendes ideologisches Konzept auf, mit dem sich die westliche Welt der Fremde gegenüber moralisch scheinbar überlegen definiert um koloniale Eroberung zu rechtfertigen: „In der Fremde wohnen immer Ungeheuer, weil die Fremde nicht geheuer ist“. In der Abgrenzung zum Kannibalismus intendiert die europäische Kultur sittliche Überlegenheit, die „gewaltsame Eroberung und Versklavung“ rechtfertigt“. Er zeigt in seinem Buch auf, wie der Kannibalen-Topos zum intramedialen Phänomen wird.

Bevor er die mir bisher am vollständigsten erscheinende Aufarbeitung (er bezieht auch Kannibalendarstellungen in der Comedy, historischen Film und im Zeichentrickfilm mit ein) der Anthropophagie im Film beginnt, gibt er einen aktuellen Überblick über den zwiespältigen Forschungsstand der Anthropologie seit William Arens Thesen, die den aggressiven Kannibalismus leugnen.

Er zeigt auf, wie die Entdeckung Amerikas und der karibischen Bevölkerung unsere Vorstellung vom Kannibalen bis heute prägen. Bei der Lektüre eines Exkurses über die „Robinsonade“ zwang sich mir der Gedanke auf, dass Backwood-Thriller häufig und in vielen Mustern den Robinsonaden folgen.
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Im Kapitel über Zombie-Filme weist Drogla darauf hin, dass sich im ursprünglichen Mythos des Zombie als von Voodoo-Zauber verhext, noch mal der Gegensatz zwischen „unserer“ und fremder Zivilisation wiederholt. Ausgehend von George Romeros NIGHT OF THE LIVING DEAD verschwindet der haitianische Kulturhintergrund der Zombies und die lebenden Toten mutieren zum Symbol des Kapitalismus, der sich selber frisst.

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Eli Roth (HOSTEL) versucht das Film-Genre neu beleben.

 

In den Kapiteln über den italienischen Kannibalenfilm (überzeugend und erhellend die genaue Einzelbetrachtung von Ruggero Deodatos CANNIBAL HOLOCAUST) enttarnt Drogla eine neue, zeitgemäße ideologische Strategie des anthropophagischen Horrors: „der italienische Kannibalenfilm konterkariert… die kannibalische Bestialität gern mit Gier, Raubbau, Vergewaltigung und Mord durch die Weißen um einen oberflächlichen Vorwand und Rechtfertigungsgrund für die anschließenden Gewaltausbrüche der Nativen vorweisen zu können… Diese Aussagekraft zu Gunsten fremder, nativer Kultur wird durch Rassismus und strengen Ethnozentrismus jedoch vor dem Rezipienten verborgen… wird als schmutziger und kulturfreier Gegenentwurf jeglichen Identifikationspotenzials für den Betrachter entrückt.“
http://www.amazon.de/Eaten-Alive-Italian-Cannibal-Zombie/dp/085965379X/ref=sr_1_2?s=books-intl-de&ie=UTF8&qid=1414773857&sr=1-2&keywords=jay+slater

Vermeidbare Fehler wie die Behauptung, dass die TARZAN-Filme auf Comics basieren, schmälern den Gesamteindruck nicht. Großes Vergnügen über die Analyse hinaus bieten die Kapitelüberschriften, wie etwa: „Ridley Scotts Wahrhaftigkeitsanspruch im Spiegel geifernder Kariben“, „Hans Staden reloaded“ oder „Frühe Einblicke in die Kochtöpfe“.

 

Von Drogla und anderen Autoren ausgehend, könnte man eine Betrachtung des Kapitalismus als Form des Kannibalismus anregen: Wenn wir, zum Beispiel, von Menschen unter erzwungenen selbst zerstörerischen Bedingungen hergestellte Güter konsumieren, also uns einverleiben – ist dies nicht auch ein kannibalistischer Akt? Ähnliches gilt auch für den Katholizismus, der in seinen Riten Oblaten und Wein als Symbol für das Fleisch und das Blut des Gekreuzigten verzehren lässt.Der Kapitalismus strebt in allem (Umwelt, Menschen, Ziere, Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit) der Destruktion entgegen um sich dies als Konsum oder Profit einzuverleiben.

Paul Droglas Buch, das aus einer Dissertation hervorgegangen ist, gehört in die sekundärliterarische Basisbibliothek zur Populärkultur.

http://www.amazon.de/Kannibalen-unerh%C3%B6rten-Abenteuer-deutschen-Konquistadoren/dp/3726367055/ref=sr_1_14?s=books&ie=UTF8&qid=1414687926&sr=1-14&keywords=kannibalen

(Eine der entscheidenden Quellen des Kannibalenbildes in Europa)

http://www.amazon.de/Die-Lucifer-Connection-Martin-Compart/dp/3950255842/ref=tmm_other_meta_binding_title_0?ie=UTF8&qid=1414855233&sr=1-3

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6 Kommentare so far
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Mich würde mal deine Meinung zu Deodatos Cannibal Holocaust interessieren. Ich will dem Film eine gewisse
Wucht gar nicht absprechen, finde den Tier Snuff aber nicht
zu entschuldigen. Ich weiss das einigen Fans des Films die
Diskussion zu den Ohren raushängt, aber es will mir nicht
gelingen den Film losgelöst davon zu betrachten.

Kommentar von Ghijath Naddaf

Drogla analysiert den Film treffend. Er untersucht genau, wie dort ein Realitätsgefühl vermittelt wird und wie der Film Reaktionen beim Zuschauer hervor ruft.Ich kann diesen Tier-Snuff nicht ertragen und anschauen. Aber ich kann diesen Film auch nicht vergessen; er hat etwas diabolisches, falls man das so ausdrückenn kann. Vielleicht ist das dieses archaische, das er vermittelt und unseren zivilisatorischen Panzer durchdringt.Zutiefst unangenehm. im Gegensatz zu den restlichen Kannibalen-Filmen, wühlt er sich in die Eingeweide. Ich will ihn mir seit Jahren mal wieder ansehen, schrecke aber davor zurück, Er hinterläßt bei mir keine angenehmen Gefühle.

Kommentar von Martin Compart

Noch etwas: Im Gegensatz zu Drogla finde ich WELCOME TO THE JUNGLE ziemlich gut.

Kommentar von Martin Compart

Als letzte Woche die Debatte zur Sterbehilfe stattfand und dann eine Doku zum Thema wie Cranberries zu „Kirschen“ verzaubert wurden kam mir doch „Soylent Green“ in den Sinn!
Und ich überlegte weiter Joseph D`Lacey hat einen Roman mit dem Titel „Meat“ geschrieben- Es ging um das Aussterben unserer Nutztiere und wie man den Bedarf deckt und es mit Religion abschmeckt,hmmm. Eine kleine zivilisatorische Überlegung-Haarmann verkaufte das Fleisch seiner Opfer…aber war er der einzige der diese 20er Jahre Notzeit in dieser Art nutzte? Es gab bestimmt noch andere z.B.1.Wk Veteranen.Meine Vermutung ist das Deutsche sowas nicht tun und daher ein blinder Fleck besteht…

Kommentar von Martin Däniken

Haarmann hatte sicherlich noch anderes (margeres) Qualitätsfleisch zur Verfügung. Bei dieser (2.) McDonalds-Generation kann ich mir vorstellen, dass Kannibalen zu Veganern werden.

Kommentar von Martin Compart

Was die Zukunft wohl bringt ..Burger aus tierischen Stammzellen sind ja in Arbeit aber unerschwinglich -oder auch wenn es kommerziell funktioniert aus menschlichen.
„Ich hab dich zum Fressen gern!“ aber ohne mit ethischen oder sonstigen Gesetzen in Konflikt zukommen. Und als Ersatzhaut/organerzeugung aus den eigenen Stammzellen-Fremd-Dna-Verteilungsmöglichkeit an Tatorten für Operatives😉 oder Kriminelle weil man Fremd-Dna „anziehen“ kann..
Bladerunner/Battlestar Galactica- Skinjobs lassen grüssen,hmmm!

Kommentar von Martin Däniken




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