Martin Compart


WER IST SIR HARRY PAGET FLASHMAN? by Martin Compart
28. April 2014, 8:57 am
Filed under: FLASHMAN, Hörbücher, Politik & Geschichte, Porträt, thriller | Schlagwörter: ,

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Er tauchte erstmals literarisch in Thomas Hughes´ biographischem Buch TOM BROWN´S SCHOOLDAYS (1857) auf. Ein offensichtlich liederlicher Charakter, der wegen Trunkenheit der Schule verwiesen wurde. Unerwartet stieg er zum höchst dekorierten Soldaten des Viktorianischen Empires auf. Zu den vielen Orden und Auszeichnungen des Brigadegenerals Flashman zählen das Viktoria Kreuz, Ritter der Ehrenlegion, die US-Ehrenmedaille und der San-Serafino-Orden für Reinheit und Wahrheit 4.Klasse.
Das Familienvermögen der Flashmans erwirtschaftete vor allem Harrys Ur-Großvater Jack Flashman durch Piraterie und Rum- und Sklavenhandel mit der Neuen Welt.

Harry Paget Flashman lebte von 1822 bis 1915. Sein Vater kaufte ihm zu Beginn seiner Karriere ein Offizierspatent beim 11.Regiment der leichten Kavallerie. Er erlebte einige der wichtigsten politischen und militärischen Ereignisse seiner Epoche in der ersten Reihe mit: den 1.britisch-afghanischen Krieg, die Schleswig-Holstein-Frage, den amerikanischen Bürgerkrieg (auf beiden Seiten), den Krim-Krieg (Balaclava!), den indischen Sepoy-Aufstand, den 1.Sikh-Krieg, die Taiping-Rebellion, die Indianer-Kriege, den Feldzug gegen die Zulu (Isandlwhana, Rork´s Drift), Brookes Feldzüge gegen die Dayak-Piraten, den Feldzug Napiers in Abessinien und den mexikanischen Feldzug unter Kaiser Maximilian.

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Sein Frauenverschleiß war erheblich und ist in den Memoiren zum Teil semi-pornographisch dargestellt. Ende der 1850er Jahre bezifferte er bis dahin 478 Frauen als Bettgefährtinnen. Da er aber als Lügner und Aufschneider decouvriert ist, wird man vermutlich zehn bis zwanzig Bettgefährtinnen weniger veranschlagen dürfen.

Seine Memoiren, bekannt als „Flashman-Papers“, sind verblüffend ehrlich und gelegentlich sogar selbstkritisch. Auch wenn man ihretwegen die Geschichte nicht umschreiben muss, geben sie doch einen erstaunlich neuen und frischen Blick auf die geschilderten Ereignisse. Ich schließe mich Kingsley Amis, der New York Times und führenden angelsächsischen Historikern an, indem ich sie als langjähriger Student menschlicher Abgründe ebenfalls zu den bedeutendsten autobiographischen Aufzeichnungen der Epoche zähle. Sie eröffnen zweifelsfrei neue Perspektiven auf zeitgeschichtliche Personen und Ereignisse.
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Entdeckt wurden die „Flashman Papers“ 1965 durch eine Haushaltsversteigerung in Ashbury Leicestshire. Aufgezeichnet wurden sie von Flashman zwischen 1900 und 1905 was vielleicht auch ihre Objektivität erklärt. Der alte Harry Flashman beschönigte nichts, als er gegen Ende seines Lebens Bilanz zog. Sie lagen 50 Jahre unberührt in einer Teekiste (die Bearbeitung des 3.Bandes durch eine spätere Familienangehörige ist eine gesonderte Betrachtung wert).

news-graphics-2008-_437471a[1]Der schottische Journalist George MacDonald Fraser wurde von einem Nachfahren mit der Herausgabe, der um 1915 erstmals geordneten, Memoiren betraut. Nach der Edition des ersten Bandes bemühte er sich zwei Jahre vergeblich um einen Verlag, bevor er ihn 1969 im renommierten englischen Buchverlag Herbert Jenkins unterbringen konnte. Dort erschienen auch die weiteren Bände als Erstveröffentlichung. Wie alle elf Folgebände, wurden die veröffentlichten „Flashman Papers“ von MacDonald Fraser äußerst sorgfältig ediert und mit einem umfassenden Fußnotenapparat („…hier irrt Flashman“) versehen.

Harry Flashman in seiner Blütezeit war groß, gut aussehend (besonders stolz auf seine Koteletten, die Frauen laut seiner Aussagen bezauberten) und arrogant.
Seine herausragendsten Fähigkeiten waren ein ungewöhnliches Talent Sprachen schnell zu erlernen, und seine Reitkünste hoch zu Ross und zu Weibe. Eine devote Haltung Vorgesetzten gegenüber beflügelten seine Karriere ebenfalls.
Charakterlich werfen die Aufzeichnungen ein höchst ungünstiges Licht auf den Verfasser, aber auch auf viele Zeitzeugen.

Er betrog, log und lieferte zu seinem eigenen Vorteil oder um Gefahren von sich abzuwenden auch diejenigen ans Messer, die ihn liebten. Er gab sogar eine Vergewaltigung zu und einen von ihm durchgeführten Verkauf einer jungen Frau als Sklavin an einen Indianerstamm.
Seine Aufzeichnungen weisen ihn als Glückspilz, Lügner, Schwindler, Aufschneider, Weiberhelden, Dieb, Betrüger und Feigling aus. Nur durch Glück, Feigheit und Skrupellosigkeit ging er aus jeder gefährlichen Situation für die Öffentlichkeit als Held hervor. Ein ihn begünstigendes Schicksal sorgte fast regelmäßig dafür, dass Personen, die ihn demaskiert erlebten, ums Leben kamen oder unglaubwürdig erschienen.
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Aus den Memoiren geht hervor, dass er nur aus einem Grund ein solcher Rabauke mit niederer Gesinnung war: Er wollte die Bedingungen der Gesellschaft erfüllen, ihr gefallen und an den Möglichkeiten der Herrschenden partizipieren. Nicht einmal bei Dickens finden sich erschreckendere Darstellungen der Viktorianischen Gesellschaft. Wobei sich Flashman keinen Illusionen hingab und diese zynisch analysierte. Zu seiner Ehre sei gesagt, dass er nicht religiös war und Religionen verachtete, insbesondere das Christentum.

Dank dem Kübler-Verlag sind dem deutschen Leser die „Flashman Papers“ wieder zugänglich gemacht. Obwohl es fraglich ist, ob nach der „geistig-moralischen Verblödungs-Wende“ noch ein paar Zehntausend gebildete Alphabeten in Deutschland vorhanden sind, die dieses Kleinod der Geschichtsschreibung zu würdigen wissen. Aber solche kleingeistigen Überlegungen dürfen bei einem elitären semi Universitätsverlag keine Rolle spielen. Schließlich muss Kübler einen Bildungsauftrag erfüllen, den die „Bundeszentrale für politische Bildung“ offensichtlich nicht erfüllen kann.
flashman[1]
http://www.kueblerverlag.de/index.php/fraser-flashman


2 Kommentare so far
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Jetzt bin ich total verwirrt, ist Flashman nun ein fiktiver Charakter, oder hat es ihn wirklich gegeben?

Kommentar von gracchus

Bin jetzt beim dritten Band. Absolut grossartig.
Kann bislang auch kein Nachlassen der Qualität feststellen,
wie das in einigen Kritiken behauptet wurde.
Der dritte Band gefällt mir sogar bis jetzt am besten.
Danke nochmal für den Tip.

Kommentar von Ghijath Naddaf




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