Martin Compart


SHAMANS BLUES: JIM MORRISON & THE DOORS by Martin Compart
14. November 2013, 5:23 pm
Filed under: DOORS, MUSIK, Politik & Geschichte, Porträt, Rezensionen | Schlagwörter: , ,

Jim Morrison ist der Che Guevara der Rock-Musik.

Sein Gesicht ist genauso zur Ikone der Revolution geworden wie das von Che (und ähnlich häufig kommerziell entstellt). Im Todesjahr von Che war Morrison mit einer Gang aufgebrochen um den Überbau zu befreien. Wie Che scheiterte er am fehlenden Bewusstsein der „Unterdrückten und Beleidigten“ und starb jung um unsterblich zu werden.

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Natürlich gibt es über beide inzwischen haufenweise Literatur, Dokumentationen und sogar Hollywoodfilme.

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Nik Cohn schrieb über Jim: „Er sah aus, als hätten ihn sich zwei Schwule am Telefon ausgedacht.“ Auch die Polizei fotografierte ihn gern.

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Keine andere Band hat die Entwicklung der 1960er Revolte so intensiv widergespiegelt: Vom Optimismus von FIVE TO ONE („The old get older, the young get stronger, they have the guns, but we got the numbers“) bis zur Resignation von RIDERS ON THE STORM („Into this world we thrown, like a dog without a bone“).
„Es sieht so aus, als ob man sich in einer permanenten Revolution befinden muss, oder man stirbt. Revolution muss immer sein, sie muss permanent sein, nicht etwas, das die Dinge verändert und damit hat sich´s dann. Die Revolution wird alles lösen. Sie muss täglich stattfinden“, sagte Morrison 1970 zu „Zigzag“. Zusammen mit seinem Freund, dem Beat-Poeten Michael McClure, machte Morrison Lesungen um Geld für Norman Mailers Wahlkampf um das New Yorker Bürgermeisteramt zu sammeln. Revolte innerhalb und außerhalb des Systems – Jim war für jeden Spaß zu haben.

Seit Jims Tod wurden von den Doors-Tonträgern ein Vielfaches mehr verkauft als zu seinen Lebenszeiten. Seit den 1970er Jahren etwa eine Million Alben pro Jahr. Von der ersten Morrison Biographie, KEINER KOMMT HIER LEBEND RAUS, wurden bis 1992 über 5 Millionen Exemplare verkauft. Die Doors werden anscheinend von jeder Generation neu entdeckt. Keine technologische Entwicklung lässt die Songs der Doors besser klingen als bei ihrer Erstveröffentlichung auf Vinyl. Da kann man remastern soviel man will. Sie klingen heute so zeitlos, frisch (blödes Wort im Zusammenhang mit den Doors) und einzigartig, als wären sie erst gestern aufgenommen worden.
Sehr zum Unwillen des Schlagzeugers John Densmore, der mit RIDERS ON THE STORM auch die beste Erinnerung an die Band geschrieben hat, betrieben Robby Krieger und Ray Manzarek, der dieses Jahr gestorben ist, eine Art Ausverkauf der Doors. Sie gingen sogar wieder auf Tour – mit Sängern, die Densmore verächtlich „Jimitator“ nennt. Wie es sich für eine richtige Krawallkapelle gehört, verklagten sie sich gegenseitig und führten einen langen Prozess (geschildert aus Densmores Sicht in: „The Doors Unhinged: Jim Morrison’s Legacy Goes on Trial“; Percussive Press, $14.95).

Zu einer ersten Friktion zwischen Morrison und der Band kam es 1968 als die anderen Band-Mitglieder hinter seinem Rücken ihren Hit LIGHT MY FIRE für einen Buick-Werbespot an General Motors verkauften. Jim rastete aus: „Ihr könnt das nicht ohne mich entscheiden. Ich dachte, wir wären Brüder. Damit hat sich alles geändert. Ihr habt einen Vertrag mit dem Teufel gemacht.“ Er teilte GM mit, er würde Sendezeit kaufen und jede Woche im Fernsehen einen Buick mit einem Vorschlaghammer zerlegen, falls sie LIGHT MY FIRE einsetzen. Danach war nichts mehr wie vorher. Von nun an wurden die einzelnen Songs nicht als „Doors“ gezeichnet, sondern die Komponisten namentlich. “We created this magic in a garage that got so much bigger than all of us, I’d say the Buick incident was sort of the beginning of troubles about art vs. economics.”, sagt Densmore.
So brillant Densmore, Krieger und Manzarek als Musiker waren und sind – ohne Morrison ging nichts. Wenn man die beiden Alben der übrig gebliebenen Doors hört, glaubt man einer anderen Band zu lauschen, einer Band ohne Hirn und Seele.

Nun ist ein neues Buch über die Doors erschienen. Ein Buch, das sich vor allem mit ihrer Musik auseinandersetzt. Geschrieben von einem der bedeutendsten Theoretiker der Populärkultur: Greil Marcus.

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Der 1949 geborene Kalifornier Greil Marcus gehört seit Jahrzehnten zu den besten Analytikern der Populärkultur. Ausgehend von Musikern oder Songs beschreibt er die gesellschaftlichen und historischen Ursachen und Wirkungen dieser. Er bleibt nie sklavisch am Ausgangssujet, sondern entwickelt ganze Panoramen, beleuchtet Emotionen, benennt politische Zusammenhänge. Er ist einer der umfassendsten Pop-Kritiker, der auf Grund seiner breiten thematischen Bildungen immer wieder verblüffende Erkenntnisse gewinnt, die über das gesetzte Thema hinaus unsere westliche Kultur erfahrbar machen. Er war neben Lester Banks und Hunter S.Thompson einer der großen Autoren des ROLLING STONE und vielleicht der Intellektuellste im „New Journalism“.

Wenn Greil Marcus also ein Buch über Jim Morrison und die Doors schreibt, ist das genauso wenig „nur“ ein Buch über die Doors wie MYSTERY TRAIN ein Buch über Elvis, oder BOB DYLAN´S LIKE A ROLLING STONE ein Buch über Dylans Song ist. Der Künstler alleine ist zu wenig für Marcus, vielleicht nur Katalysator (ohne dass er deshalb sein Genie oder seine Wirkung unterschlägt). Greil Marcus versucht die Welt zu erklären. Eine Welt in der Popgruppen mehr ausmachen als ihre „einzige anerkannte konkrete soziale Rolle, einen weiteren Hit zu landen“. Marcus geht oft assoziativ vor um die Songs in einen größeren Kontext zu betrachten. Das kann faszinieren, aber auch in die Hose gehen. Leser, die keine Vorkenntnisse über die Doors haben, werden mit dem Buch nur sehr begrenzt etwas anfangen können – Sekundärliteratur für Fortgeschrittene. In einem Interview beklagte Marcus, dass es in keinem Buch über die Doors, das er gelesen hatte, um die Musik gegangen war, sondern immer nur um Morrison als byronschen Helden.

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„Morrison war kein Typ, der auf der Bühne eine Schau abzog und dann nach hause ging und ein Bier trank, der bloß an die Kohle dachte. Nein, er war der Typ, der das Leben, das er auf der Bühne präsentierte, die ganze Zeit über lebte… Er führte ständig ein Leben am Abgrund, und die Leute im Publikum spürten das… Ich kann nur sagen, er führte ein Leben, das ganz und gar der Revolution gewidmet war.“
Robbie Krieger 2006

In THE DOORS rechnet Marcus gnadenlos mit den Sixties, bzw. mit dem kommerziellen Interessen gehorchenden Bild der 1960er Jahre ab. „Es kam mir so vor, als hätten meine Kinder erst dann eine Chance, ihre eigene Kultur zu schaffen, ihre eigene Geschichte zu erzählen, wenn die Sixties endlich dort gelandet waren, wo sie hingehörten: in die Mottenkiste… Denjenigen, die eine Generation jünger sind als ich, ist immer wieder erzählt worden, dass der Sound, von dem sie lediglich das Echo beanspruchen könnten, nur ein einziges Mal ertönt sei und dass er nie wieder ertönen werde.“

Auch die heute so geschätzte Hippie-Musik, der so genannte „West Coast Sound“ aus San Francisco kriegt sein Fett weg: „Die Musik aus San Francisco hatte einen weichen Kern…sie glaubte an ein Happy End.. vieles vom sagenumwobenen San Francisco Sound kann man heute als einen Versuch hören, genau die Art von Geschichten abzuwehren, die implizit in der Musik enthalten war; wie sie Moby Grape…und die Doors zu jener Zeit machten.“

In dem faszinierenden Kapitel über Oliver Stones Doors-Film tastet er sich durch die von der begleitenden Medienkampagne erzeugten Fehl- und Vorurteile in den Film hinein und sieht aufklärerisches in Stones Inszenierung des legendären Miami-Konzerts: „Dieses fast schon körperliche Gefühl, dass etwas fehlt, ist das, was die Sixties als Kultur, mit all ihren Albernheiten, Mystizismen, Solipsismen, Selbstbeweihräucherungen und Falschheiten, den folgenden Jahrzehnten hinterlassen haben: das Gefühl, dass es eine andere Welt gibt“.

Marcus geht von einem Doors-Song aus und analysiert sie dann in den einzelnen Kapiteln in einer Tiefe, wie man sie in den üblichen Musik-Gazetten nicht oder selten findet.

Er zerlegt und beschreibt die Songs, dass man sie zu hören glaubt und beim Wiederhören neue Aspekte wahrnehmen kann. CRYSTAL SHIP: „…schwebt der Song zwischen Träumen und Wachen, zwischen Reden und Schweigen, zwischen Fantasie und Wirklichkeit, zwischen dem Tod und dem nächsten Morgen. Und der Song verharrt dort oben, er landet nicht. Die Musik ist von schwerelosen, bedächtigen Figuren erfüllt – die beiden ersten Wörter des Songs, die in die widerhallende Stille eines leeren Hauses hineingesprochen werden…die vollkommene Metapher, das Geisterschiff des Herzens.“

Aber manchmal schreibt er auch bodenlosen Mist, wie etwa den Verriss von STRANGE DAYS. WAITING FOR THE SUN und THE SOFT PARADE erkennt er nicht mal ansatzweise als die gewaltigen Alben, die sie sind. Lieber schwadroniert er ausgehend von dem Song TWENTIETH CENTURY FOX über Pop-Art, oder was er dafür hält. Zugegeben: höchst originell. Im Kapitel zu END OF THE NIGHT unterstellt er der Doors-Musik düstere Antizipation des Zeitgeistes: „Nach Charles Manson konnten die Leute auf THE END, STRANGE DAYS etc. zurückblicken und hören, was Manson getan hatte, so als müsste es erst noch geschehen, als hätten sie es wissen müssen… Im Sommer 1969 hörten sich die Leute wieder ihre Doors-Alben an, und sie sagten sich: Ja, es war alles darin enthalten.“

Dass Jim nach dem 1969er Miami-Konzert vor Gericht gezerrt wurde weil er sich angeblich auf der Bühne entblößt hatte, lag wohl eher an der Publikumsbeschimpfung, mit der er ein für allemal mit der zusammengebrochenen Gegenkultur abrechnete: „Ihr seid nichts weiter als ein Haufen Idioten! Lasst euch von anderen sagen, was ihr tun sollt! Wie lange soll das noch weitergehen? Wie lange wollt ihr das noch zulassen? Wie lange wollt ihr euch noch von anderen herumschubsen lassen? Vielleicht gefällt es euch ja. Vielleicht lasst ihr euch gerne herumschubsen. Vielleicht fahrt ihr ja darauf ab. Vielleicht fahrt ihr darauf ab, mit der Nase in den Dreck gestoßen zu werden. Los, kommt. Ihr fahrt darauf ab, oder? Es gefällt euch. Ihr seid nichts weiter als ein Haufen Sklaven!“ Es war der 1.März 1969 und der wirkliche Todestag von Jim Morrison. Der Tag, an dem er die Hoffnung verlor. Che in Bolivien: „die Bauern sind wie Steine.“ Er hielt noch eine Weile durch, glaubte aber nicht mehr wirklich daran, dass er etwas verändern könne. Da er sich vornehmlich als Poet verstand, ging er 1971 nach Abschluss des sechsten Studio-Albums, L.A.WOMAN, nach Paris um dort unter mysteriösen Umständen zu sterben. Marat in der Badewanne. Er wurde auf dem Père-Lachaise beigesetzt. Seitdem ist sein Grab eine dauerhaft aufgesuchte Kultstätte alter und junger Rebellen.

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Neben Literatur, Musik und Revolution galt seine intellektuelle Leidenschaft den Drogen. Besonders der Alkohol hatte es ihm angetan:
„Trinken ist ein Weg, mit dem Leben in einer überfüllten Umgebung fertigzuwerden, zudem ein Produkt von Langeweile. Es ist deine Entscheidung, jedes Mal wenn du einen Schluck nimmst. Du hast eine Menge kleiner Entscheidungen. Es ist wie der Unterschied zwischen Selbstmord und langsamer Kapitulation.“

Das Buch von Marcus ist auch deshalb lesenswert, da sich der Hardcore-Fan an ihm reiben kann. Auch wenn Marcus gelegentlich nicht nachvollziehbaren Quatsch schreibt – es ist nie dummer Quatsch.

Greil Marcus: The Doors. Kiepenheuer & Witsch, 2013;258 Seiten. 9,99 €


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