Martin Compart


THRILLER, DIE MAN GELESEN HABEN SOLLTE: DIE LOVEJOY-SERIE VON JONATHAN GASH by Martin Compart

Als 1977 mit THE JUDAS PAIR (LOVEJOYS DUELL) der erste Lovejoy-Roman von Jonathan Gash in England veröffentlicht wurde, ahnten sicherlich die wenigsten Kritiker und Leser, daß hier eine der erfolgreichsten Serienfiguren der Pop-Kultur sein Debut gab. 41msDJA-RPL._SL500_SS500_Zwar konnte man sofort erkennen, welche Potenz der liebenswerte Mistkerl hat, aber würde der bisher unbekannte Autor Jonathan Gash auch das Stehvermögen haben, auf diesem hohen Niveau regelmäßig weitere Abenteuer vorzulegen? Zu unser aller Glück gelang das Mr.Gash bis 2008 mit 23 Fortsetzungen (wobei nicht verschwiegen werden soll, daß auch die Lovejoy-Serie Höhen und Tiefen mit besseren und schlechteren Romanen durchläuft). Das Lovejoys erstes Auftreten gleich den John Creasey Award der Crime Writers Association als bester Erstling des Jahres erhielt, war nur noch eine Formsache. In den nächsten Jahren erschienen in immer höheren Auflagen weitere Romane und machten aus dem Antiquitätenhändler einen der populärsten fiktionalen Helden der angelsächsischen Literatur. Vielleicht nicht in derselben Liga wie Sherlock Holmes, James Bond, Phil Marlowe, Tarzan oder Flashman – aber sein Ruhm wächst ja noch. Nachdem er die Länder des Commonwealth erobert hat, ist sein Erfolg in den die USA, wo die TV-Serie äußerst erfolgreich im Kabel ausgestrahlt wurde und die Romane im renommierten Verlag Mysterious Press erscheinen, eher begrenzt. Die bisherigen Versuche, die Serie auch bei uns zu etablieren, sind leider gescheitert: Scherz veröffentlichte den ersten Lovejoy in der damaligen Krimi-Reihe (ohne weitere folgen zu lassen), und ich die ersten drei Romane in der DuMont-Noir-Reihe. Vielleicht ist die Mischung aus hartem Thriller, höherem Bildungsniveau und Zynismus nichts für das deutsche Publikum, das sich eher mit flachen Regionalkrimis oder tumben Serienkiller-Blutorgien erfreut. Gash ist eher etwas für Leser mit einem gewissen Anspruch (und die lesen wahrscheinlich sowieso nur die Originale).

Gash

Lovejoy war eine neue Form des Antihelden, der einiges den angry young men der 50er Jahre verdankt. Ein Frauenheld, immer etwas schmuddlig, skrupellos und tierlieb. Ein Ich-Erzähler, der den Leser von der ersten Zeile an in den Bann schlägt und nicht mehr los lässt. Auch wenn die Plots des Autors Gash manchmal ziemlich schräg sind und gelegentlich auch schon mal weniger originell, legt man die Romane befriedigt aus der Hand. Denn letztlich liest man Lovejoys haarsträubende Abenteuer vor allem wegen des Tons und der Stimme des Ich-Erzählers, der einen mit Witz und Sarkasmus durch die Seiten jagt und dem es trotzdem gelingt atemlose Thrillerspannung aufzubauen. Es gibt zwar immer deduktive Elemente in den Romanen, aber sie sind doch eher dem Thriller als dem Detektivroman zuzuordnen. Gash ist großartig, wenn er Lovejoy durch physische Ausnahmesituationen jagt.

Jonathan Gash ist ein Pseudonym des britischen Autors John Grant (ein weiteres ist „Graham Gaunt“, unter dem er 1981 den Thriller THE INCOMER veröffentlichte). Er wurde am 30.September 1933 in Bolton, Lancashire geboren. Er studierte Medizin in London und absolvierte seinen Wehrdienst im Sanitätscorps, das er im Rang eines Majors verließ. Als Pathologe arbeitete er u.a. von 1962 bis 1965 in Hannover und Berlin. Anschließend führte ihn ein Lehrauftrag an die Universität von Hongkong. Er war von 1970 bis 1988 Mitglied der Royal Society of Medicine und war abt 1988 privater Spezialist für Infektions- und Tropenkrankheiten. 1955 heiratete er Pamela Richard, mit der er drei Töchter hat, die ihn bisher zum vierfachen Großvater machten. Seinen ersten schriftstellerischen Erfolg feierte er am Theater: 1976 wurde in Chester, Cheshire sein Stück TERMINUS aufgeführt. Ein Jahr später betrat sein Held Lovejoy die Bühne in seinem ersten Roman: LOVEJOYS DUELL (THE JUDAS PAIR).
205 Nach seiner Rückkehr aus Hongkong hatte Gash mit dem ersten Lovejoy-Roman begonnen. „Ich dachte an eines dieser Phantome, die durch die Literatur und Kunstwelt geistern: Shakespeares verloren gegangenes Stück oder die verschwundenen Tagebücher von Dr.Johnson. Und ich dachte an diese Antiquitätenjägerlegenden wie der zufällig auf einem Dachboden entdeckte Rembrandt. Das Judas-Paar ist so ein Mythos. Man weiß, dass Durs zwölf Paare Duellpistolen angefertigt hat, aber kein dreizehntes.“ Gash wählte bewusst ein Pseudonym, da Ärzte damals keine Werbung für sich machen durften und auch die Veröffentlichung eines Buches als unerlaubter Wettbewerbsvorteil zu seinem Ausschluss aus der Ärztekammer hätte führen können. Der Slangausdruck „gash“, der unter den Antiquitätenhändlern des Eastends viel benutzt wurde, entsprang ursprünglich der Roma-Sprache des 18.Jahrhunderts und bedeutet soviel wie „absolut wertlos“.

Gashs Interesse für Antiquitäten entwickelte sich in jungen Jahren. Als Medizinstudent arbeitete er für einen Antiquitätenhändler in der Cutler Street, um sein Studium zu finanzieren. Hier traf er viele der merkwürdigen Typen, die später verschlüsselt als Charaktere in den Romanen wieder auftauchten. „In den 5oer Jahren war das Business in den Händen einiger wirklich harter Jungs. Ich nenne keine Namen, aber einige sind heute noch bekannt und berüchtigt. Wenn man für die arbeitete, musste man schnell lernen und durfte keinen Fehler machen. Sonst bekam man Ärger, schlimmen, lebensgefährlichen Ärger.“ Einige der brutalsten Szenen in den Büchern sind nicht der Phantasie des Autors entsprungen, sondern der Realität entlehnt. Er begann sich auch dafür zu interessieren, wie Kunstwerke hergestellt werden, welche handwerklichen Voraussetzungen nötig sind. Er nahm Malunterricht bei Tom Keating, und er entwickelte ein Talent zum Aufspüren von Antiquitäten. Sein Doppelleben faszinierte ihn: „In der Medizin muss man einfach stur gewisse Dinge lernen. Weiß ist weiß und schwarz ist schwarz. Es gibt Gesetze, auf die man sich verlassen kann. Im Antiquitätengeschäft gilt das nur teilweise. Vieles hat mit Instinkt zu tun. Es gibt Leute, die brauchen einen Gegenstand nur anzusehen und wissen, ob er echt ist. Die machen keine Untersuchungen oder Spektralanalysen. Die wahren Könige der Szene. Ich wurde oft mit einem Stück zu so einem Kerl, Divvie genannt, geschickt. Manchmal sah er nur kurz aus den Augenwinkeln hin und schüttelte den Kopf. Das war’s dann. Er fasste es nichtmal an. Bis zu einem gewissen Grad verfüge ich ebenfalls über diese Fähigkeit. Aber sie läßt mit dem Alter nach.“ gashrag

Jonathan Gash nimmt seine Lovejoy-Romane nicht besonders ernst. Das heißt nicht, dass er sich nicht sehr viel Mühe mit ihnen gibt. Aber das zunehmende Interesse durch Akademiker an der Figur verwundert ihn. „Es ist reine Unterhaltung. Aber heutzutage kann man ja schon eine Doktorarbeit schreiben, wenn man herausfindet, wo G.K.Chesterton seinen Tabak gekauft hat.“ Da fröhnt ein großartiger englischer Autor dem typisch britischen understatement. Schließlich verlangt es einem Schriftsteller ein hohes Maß an Können ab, sich in eine Figur wie Lovejoy konsequent über hunderte von Seiten zu versetzen und die Welt durch seine Augen zu betrachten, den oft kunstvollen Handlungsaufbau gar nicht berücksichtigt. Gash erreicht, was nur den wirklich großen Autoren des Genres gelingt: eine völlig individuelle, unverwechselbare Figur erzählen zu lassen, die in ihrem Kosmos absolut glaubwürdig ist. Ohne Titel und Autor zu kennen, wüsste der Gash-Leser nach wenigen Sätzen, dass er einen Lovejoy-Roman vor sich hat.

Gash ist ein instinktiver Schriftsteller: „Ich plane nichts, mache keine Outline. Ich setze mich vor ein leeres Blatt Papier und weiß nicht, was dabei rauskommt“, sagt er. „Erst beim Schreiben überlege ich, was als nächstes passieren wird.“ Er schreibt seine Bücher mit dem Füllfederhalter. Dann korrigiert er das Manuskript zuerst mit roter Tinte und bei einem zweiten Durchgang mit grüner. „Am Ende sieht es aus wie der Plan der Londoner U-Bahn.“ Anschließend geht das Manuskript zum Abtippen. „Für meine medizinische Arbeit benutze ich einen Computer, aber einen Roman könnte ich nie darauf schreiben.“

In seiner spärlichen Freizeit ist er ein leidenschaftlicher Leser, der sich für alles interessiert. Auch Kriminalliteratur liest er gerne, nur keine police procedural mehr. „Wahrscheinlich habe ich zulange als Pathologe gearbeitet. Ich kann diese harten Sachen von Wambaugh und seinen Epigonen nicht mehr lesen. Ich liebe William Goldman und Elmore Leonard, und ich mag Colin Dexter und Ruth Rendell. Ich mag Trevanian sehr und Adam Halls Quiller-Romane. Und ich bewundere Mario Puzo, Morris West und James Hadley Chase. Mein absoluter Favorit, auch in literarischer Hinsicht, ist der leider völlig in Vergessenheit geratene P.M.Hubbard. Er schrieb nur sechzehn Thriller. Aber die gehören zum Allerbesten. In keinem ein überflüssiges Wort. Wer lernen will, wie man einen erstklassigen Thriller schreibt, sollte Hubbard studieren.“ Der Schotte Philip Maitland Hubbard (1910-1980) konnte ähnlich schweißtreibende Menschenjagden erzählen wie Gash.

lovejoy-season-3

Der Bestsellererfolg in der englischsprachigen Welt führte 1987 zu einer langlebigen Fernsehserie der BBC, in der Ian McShane bis 1994 in 90 Folgen einen gesofteten Lovejoy spielte. Selbst bei den Wiederholungen lockt die Serie in Großbritannien bis zu vierzehn Millionen Zuschauer an und ist damit eine der erfolgreichsten englischen TV-Serien. Es sagt viel über die deutsche Fernsehlandschaft mit ihren andauernden Wiederholungen der immer selben Serien aus, dass kein Sender diesen potentiellen Hit auf deutsche Bildschirme gebracht hat. „Anfangs hat mir das nicht gefallen. Sie haben einiges verändert, aber das Fernsehen gehorcht anderen dramaturgischen Prinzipien. Außerdem sind sie erfolgreich. Man muss sich damit abfinden, dass eine TV-Adaption eben eine Interpretation der Bücher ist. McShane ist nicht schlecht. Der Charakter von Lovejoy ist da, auch wenn es eine harmlosere TV-Version ist.“ Gerade der Erfolg in den USA führte dazu, dass Lovejoys Charakter in der TV-Serie immer mehr verwässert wurde. Während er in den Büchern immer am Rande des völligen Bankrotts agiert, war der Volvo-Fahrer der Fernsehserie nie ohne Strom und Gas und nahm als anerkannter Weinkenner an den Polospielen der Windsor Castle-Elite teil. „Ich mag die Serie, weil sie das wunderschöne ländliche England zeigt. Ich mochte sie aus mehreren Gründen, aber keiner davon hat etwas mit den Originalgeschichten zu tun. Die Produzenten haben mich x-mal gebeten Drehbücher zu schreiben. Aber das ist eine Horrorvorstellung. Damit will ich nichts zu tun haben.“ Trotz aller berechtigter Kritik: Für mich wird Lovejoy immer das Gesicht von Ian McShane haben.

Merkwürdigerweise sind die meisten Fans des nicht gerade angenehmen Weiberhelden Lovejoy Frauen. Gashs Verlag hatte vor einigen Jahren eine Untersuchung gemacht. Demnach werden seine Bücher zu 63% von Frauen und zu 37% von Männern gekauft. „Ich dachte schon, ich bin ein Autor für Frauen. In der Woche nach der Veröffentlichung eines neuen Romans bekomme ich ungefähr fünfzig Briefe; sie sind immer von Frauen. Ich glaube, Frauen kriegen genau mit, dass Lovejoy kein dumpfer Macho ist, sondern ein großer Junge. Wie die meisten Kerle tief in ihrem Inneren. Frauen durchschauen uns: Sie wissen, wann wir bluffen und den starken Mann markieren. Immer wieder fragt man mich in Interviews nach Lovejoys Chauvinismus. Es ist ein beharrliches Missverständnis, das offensichtlich nicht auszurotten ist. Er ist kein Chauvi, er ist das ganze Gegenteil davon. Und es sind immer Männer, die damit anfangen.“
Seit einigen Jahren schreibt Gash auch noch historische Romane und eine weitere Thriller-Serie um die Protagonistin Dr.Clare Burtonall,

DIE LOVEJOY-ROMANE:

1. LOVEJOYS DUELL (THE JUDAS PAIR), 1977
2. LOVEJOYS GOLD (GOLD FROM GEMINI), 1978.
3. LOVEJOYS GRAL (THE GRAIL TREE), 1979.
4. SPEND GAME, 1980.
5. THE VATICAN RIP, 1981.
6. FIREFLY GADROON, 1982.
7. THE SLEEPERS OF EDEN, 1983.
8. THE GONDOLA SCAM, 1983.
9. PEARLHANGER, 1985.
10. THE TARTAN RINGERS, 1986.
11. MOONSPENDER, 1986.
12. JADE WOMAN, 1988.
13. THE VERY LAST GAMBADO, 1989.
14. THE GREAT CALIFORNIA GAME, 1990.
15. THE LIES OF FAIR LADIES, 1992.
16. PAID AND LOVIN EYES, 1993.
17. THE SIN WITHIN HER SMILE, 1993.
18. THE GRACE IN OLDER WOMEN, 1995.
19 .POSSESSIONS OF A LADY, 1996.
20. THE RICH AND THE PROFANE, 1999.
21. A RAG, A BONE AND HANK OF HAIR, 1999
22. EVERY LAST CENT, 2001.
23. TEN WORD GAME, 2003.
24, FACES IN THE POOL, 2008.


http://www.amazon.de/PAINT-BLACK-%C3%BCber-Noir-Fiction-ebook/dp/B00F5FUIZ2/ref=sr_1_39?s=books&ie=UTF8&qid=1379059878&sr=1-39&keywords=martin+compart


2 Kommentare so far
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Ich habe einem soliden Lesetipp gesucht und natürlich prompt gefunden. Sehr schön auch der Seitenhieb auf die inzwischen mehr als unerträglichen Regional- und Serienkillerkrimis, die einem zur Zeit das Stöbern in der Krimi-Sektion von Buchhandlungen völlig vergällen.
Also schon mal herzlichen Dank.

Kommentar von Frank Westenfelder

Danke. Ich könnte mir vorstellen, dass Sie die beiden letzten Romane von Boston Teran interessieren könnten (Mexikanische Revolution u. Völkermord an den Armeniern). Näheres unter:
https://martincompart.wordpress.com/category/boston-teran/

Kommentar von Martin Compart




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