Martin Compart


THRILLER, die man gelesen haben sollte: EVIL von JACK KETCHUM by Martin Compart

EVIL, oder wie der Originaltitel lautet: THE GIRL NEXT DOOR, ist einer der furchtbarsten und erschreckendsten Thriller, die je geschrieben wurden. Dabei entwickelt Jack Ketchum einen erzählerischen Sog, den man nur als Malstrom bezeichnen kann.

evil

Der Ich-Erzähler David, inzwischen vierzig Jahre alt und erfolgreich, erzählt rückblickend eine entsetzliche Geschichte aus seiner Kindheit, die sich 1958 abgespielt hat.
Alles beginnt in einer scheinbar idyllischen Kleinstadt, wie sie Stephen King so vortrefflich zu entzaubern weiß. David ist der Nachbar der geschiedenen und allein erziehenden Ruth und deren drei Söhne. Ruth ist unter den Heranwachsenden äußerst beliebt, da man bei ihr rauchen und Bier trinken darf. Ihre Scheidung hat sie verbittert und sie hasst Männer, da diese nur auf Sex aus sind und Frauen ausnutzen. Nach dem tödlichen Autounfall der Eltern, muss Ruth auch noch ihre Nichten Meg und deren jüngere Schwester Susan aufnehmen. Susan, die schwer verletzt wurde, muss Beinschienen tragen und wird von der älteren Schwester, die sich für sie verantwortlich fühlt, behütet und geliebt. David verliebt sich in Meg und beobachtet, wie sich die Situation in der Nachbarsfamilie zuspitzt. Zuerst demütigt Tante Ruth nur die ältere Nichte, die sie als Schlampe betrachtet, die hinter den Männern her ist. Als Druckmittel gegen Meg setzt sie Susan ein, die an ihrer statt bestraft wird wenn sie Ruth sadistische Rituale nicht befolgt. Eine Spirale aus Vergewaltigung, Folter und Vernichtung wird in Gang gesetzt, die der Leser kaum aushält. Ruth sozialisiert kleine- zu großen Barbaren. Und alle sehen weg – bis hin zur Polizei, die nur mal kurz an Ruth Fassade kratzt. Meg ist inzwischen im Atombomben sicheren Keller, den Megs Mann anlegen ließ, den Quälereien der Kinder ausgesetzt, die dem voller Freude nachgehen. Der Schutzraum wird zum Folterkeller.

evil_01

Könnte das nicht auch bei uns jederzeit im Nachbarhaus passieren? Kaum ein Monat vergeht, ohne dass ein Fall von Kindesmißbrauch oder Mord durch die Medien gejagt wird. Und nie haben die Nachbarn etwas bemerkt. Unsere Gesellschaft hat die Kunst des Wegsehens perfektioniert. Jeder ist seines Glückes Schmied – da bleibt keine Zeit für Anteilnahme. Ketchum enttarnt Passivität als Illusion, die in den Abgrund führt – auch die Wegseher.

Am erschreckendsten für den Leser ist vielleicht die Figur des Ich-Erzählers. Man wünscht sich, dass sie endlich handelt und dem Grauen ein Ende setzt. Aber David bleibt lange untätig, hin und her gerissen zwischen seiner Sympathie für Meg und der Faszination an den Quälereien. Damit vermittelt der dem Leser ein höchst ungutes Gefühl, macht ihn mit seiner Passivität fast zum Komplizen. Bei der grausamsten Szene blendet David aus, weil er sich selbst nicht mehr erinnern will. Der Leser dankt es ihm, dürfte sich aber inzwischen selbst im Schock-Zustand befinden.

jack-ketchum_bw Ketchum erzählt zwar distanziert, aber Schmerzen und Qualen der gepeinigten Meg vermitteln sich dadurch so intensiv, als würde man daneben stehen. Ein großer Autor kann mit einem Roman einen Leser tatsächlich immer noch mehr aufwühlen als es jedem anderen Medium gelingt. Das macht das Buch auch so außergewöhnlich.
David zögert zu lange, um etwas gegen Megs Martyrium zu unternehmen. Dann macht er das falsche und es ist sowieso schon zu spät. Ketchum zeigt die ebenso triviale wie wahre Grundwahrheit, dass nicht rechtzeitiges Handeln in den Untergang führen kann, dass Entsolidarisierung am Ende jeden zum Opfer macht. Der Kritiker Thomas Harbach nannte den Roman „ein Plädoyer für Zivilcourage“.

410bxfXr2bL._SL500_AA300_ Der Roman basiert auf dem wahren Fall der sechzehnjährigen Sylvia Likens, deren abgezehrte Leiche 1965 in Indianapolis in einem Zimmer der Gertrude Baniszewski aufgefunden wurde. Gertrude, drei ihrer Kinder und zwei Jungen aus der Nachbarschaft wurden anschließend abgeurteilt. 1979 hatte Kate Millet ein Sachbuch darüber geschrieben: IM BASEMENT – MEDITATIONEN ÜBER EIN MENSCHENOPFER. Millett enttarnt die puritanische Ideologie als eine Ursache hinter Ruth/Gertrudes Zerstörung der Weiblichkeit ihrer Opfer. Es ist dieselbe Ideologie, die hinter der Tea-Party-Bewegung steckt.
Dieses Sachbuch mit seiner intellektuellen Betrachtung des Themas ist vielleicht das einzige wirksame Gegenmittel für das Nervengift, das Ketchum dem Leser in den Körper pumpte.

Der eventuelle Leser sei gewarnt: Dies ist eines der Bücher, die sich gnadenlos ins Gedächtnis einbrennen und die man nie wieder los wird. Jeder sollte sich genau überlegen, ob er sich dieser Lektüre, die zur Erfahrung wird, aussetzen will.

f-101154-1EVIL von Jack Ketchum

Die Originalausgabe erschienen 1989 unter dem Titel The Girl Next Door, deutsche Ausgabe erstmals 2006 bei Heyne Hardcore und ist inzwischen in der 5.Auflage, 334 Seiten. Es gibt sowohl ein eBook, wie auch ein Hörbuch der deutschen Ausgabe.

Das Buch wurde 2007 unter der Regie von Gregory M. Wilson unter dem Titel Jack Ketchum’s Evil verfilmt. Bei allen Kompromissen ist die Adaption gut gelungen (im Gegensatz zu BEUTEGIER). Zuvor wurde das Sujet schon mal verfilmt als AMERICAN CRIME.

P.S.: Im Übrigen bin ich der Meinung, dass Monsanto vernichtet werden muss.


1 Kommentar so far
Hinterlasse einen Kommentar




Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s



%d Bloggern gefällt das: