Martin Compart


SPYTHRILLER: THE LOSERS by Martin Compart
20. November 2012, 4:53 pm
Filed under: Comics, Conspiracy, LOSERS, Rezensionen, Spythriller | Schlagwörter: , , , , , , , , ,

Ein intelligenter Geist schrieb über diesen Polit-Thriller: „der Comic, den nicht mal Hollywood kaputtmachen konnte“. Und fürwahr – Sylvain Whites Verfilmung aus dem Jahre 2010 bescherte uns nette Unterhaltung für Sonntagnachmittage. Ich halte mich jedoch lieber an Andy Diggles gezeichnete Vorlage und ihren düsteren Zynismus.

Er wolle einen Comic für Leute machen, die sonst keine Comics lesen, verkündete Autor Andy Diggle zum Start der Serie 2003. Das ist ihm wohl gelungen; dieser Comic wird auch Conspiracy-Thriller- und Robert-Ludlum-Leser in den Bann schlagen. Vielleicht habe ich in den letzten paar Jahren so wenige Comics gelesen, weil die Story selten hielt, was das Artwork versprach. Und mit Superhelden in lächerlichen Karnevalsklamotten kann ich sowieso nicht mehr viel anfangen.

Polit-Thriller im Comic sind relativ selten. Auf Anhieb fallen mir lediglich „XIII“, „Largo Winch“, „Black Op“ (dazu demnächst mehr) und Greg Ruckas „Queen & Country“-Comics (die er auch zur Romanserie verarbeitete) ein. Diggles Comic scheint mir auch von TV-Serien wie „La Femme Nikita“ oder „24“ beeinflußt – jedenfalls mehr als vom manichäischen Dualismus eines J. J. Abrams („Alias“), der uns den Kampf einer guten CIA gegen eine böse CIA verkaufen will. Tempo und Komplexität der Nebenhandlungen sind mit modernen Polit-Thrillern wie den Werken von Vince Flynn, Gayle Lynds, Tom Cain oder Daniel Silva vergleichbar. Auch kann man Diggle nicht jene politische Naivität vorwerfen, die das Medium zu noch oft kennzeichnet. Der Autor hat jedenfalls seine Hausaufgaben bezüglich des Themas CIA gemacht. Durch die Recherche hat sich sein ganzes Weltbild verändert:

„Very much for the worse, I´m sorry to say. The CIA running drugs pales into insignificance next to some of the stuff that´s going on out there. I can almost see why people would rather just bury their heads in the sand and pretend it isn´t happening. It´s just too depressing for words. I´ve discovered a lot of stuff that made my hair stand on end, frankly. People think I just invented stuff like the ‚Proactive Pre-emptive Operations Group – the top-secret Defense Department operation specifically designed to provoke terrorism. And because it´s run out of the Pentagon, it´s not accountable either to Congress or to the American people. Don´t believe me? Google it. The ‚Policy Analysis Market‘ is another one. Seriously, you can´t make this shit up.“

Der Zynismus amerikanischer Politiker schockierte ihn zusätzlich:

„Over half a million children died as a direct result of our sanctions on Iraq, and when U.S. Secretary of State Madeleine Albright was asked whether this price was worth it, she replied, ‚I think this is a very hard choice, but the price … we think the price is worth it.‘ That gave me a moment of pause. So half a million dead children is a price these people gladly pay to get one over on their old buddy Saddam – a monster who was still being subsidized by British and American taxpayers even after he started gassing his own people. Nice.“

Natürlich ist Diggle Engländer. Seit Alan Moore, Garth Ennis und Neil Gaiman heißt es ja, daß die besten US-Comics von Briten gemacht werden (die oft aus dem Umfeld des Magazins „2000 AD“ stammen, dessen Redakteur Diggle war).

Ursprünglich wollten Diggle und Zeichner Jock irgendeine alte Serie wiederbeleben. Beim Durchforsten der DC-Welt stießen sie auf die Zweite-Weltkriegs-Reihe „The Losers“. Die von Robert Kanigher erfundene Commando-Serie, die zeitweilig von Jack Kirby gestaltet und geschrieben wurde, lief von 1970 (Nr. 123) bis 1978 (Nr. 181) in „Our Fighting Forces“. Am Ende der Serie gehen dann alle drauf, inklusive Sergeant Clay, der wohl der Großvater – dies eine Reverenz von Diggle an die ursprüngliche Serie – des neuen Loser-Chefs Franklin Clays ist.
Kollege Florian Lieb charakterisierte zum Filmstart 2010 die Serie recht treffend im EVOLVER: Der Comic „handelt vom Black-Ops-Teams der Loser, einer Einheit rund um Lieutenant Colonel Franklin Clay und dessen vier Untergebene. Nach einer verdeckten Mission von ihrem Kommandeur abgeschossen und für tot gehalten, haben sie es sich zum Ziel gesetzt, ihr Leben zurückzuholen und jenen Vorgesetzten, den mysteriösen Max, zu liquidieren.

Dabei stoßen sie auf eine Verschwörung weltweiten Ausmaßes, in die neben dem Königreich Katar anscheinend auch das Verteidigungsministerium der USA verwickelt ist. Schnell verwischen die Grenzen zwischen Freund und Feind, und immer wieder fragen sich die Losers, ob sie nicht bloß Spielball und Mittel zum Zweck sind. Mit jedem Band vergrößert sich das Komplott, wird die Verschwörung immer komplexer. …
Jocks Zeichenstil variiert von Ausgabe zu Ausgabe, wodurch die Bilder manchmal mehr, manchmal weniger gelungen sind. Mehr Konstanz und Realismus (wie etwa bei Pia Guerra in Brian K. Vaughans ‚Y: The Last Man‘) wären wünschenswert gewesen. So wirken die Figuren vereinzelt wie aus einem Samstag-Morgen-Cartoon – ein ziemlich störender Wechsel.“

Jocks kantiger, grobflächiger, an Storyboards erinnernder Stil ist auch nicht immer nach meinem Geschmack. Trotzdem muß ich zugeben, daß er die Geschichte dynamisch und effektiv vorantreibt. Die kinematischen Seitenaufteilungen und Perspektiven saugen den Leser mitten ins Geschehen. Die weiteren Zeichner – Nick Dragotta, Alé Garza und Ben Oliver – paßten sich dem vorgegebenen Stil von Jock an, behielten aber ihre Eigenheiten bei. Als alten Colin-Wilson-Fan freute es mich besonders, daß der Neuseeländer in den Heften 26 bis 28 zum Zuge kam. „The Losers“ ist vor allem die Serie des Szenaristen, und alle Zeichner stellten sich in den Dienst der Story. Diggle liefert auch gerne einmal bestens zitierfähige Zeilen ab, wie zum Beispiel: „Der Weg ins Verderben wird ständig instandgehalten.“ Oder: „So eine beschissene Operation habe ich seit Michael Jacksons letztem Facelifting nicht mehr gesehen.“ Und schließlich: „Wir sind in ein billiges Lagerhaus umgezogen. Washington bezahlt weiter für das Büro, und wir kassieren die Differenz. Clever, was? Alle anderen macht der Krieg gegen den Terror reich. Warum sollen wir nicht auch ein Stück vom Kuchen abkriegen?“

„The Losers“ war von Anfang an als Serie mit begrenztem Umfang geplant. Zuerst waren nur vier Hefte projektiert, dann baute Diggle die Story auf 32 Hefte aus. Der Erfolg hielt sich in Grenzen. In den 20er-Nummern sank die Auflage auf 7000 Exemplare – das übliche Schicksal eines Kult-Comics. Mit der Veröffentlichung der Sammelbände als Trade-Paperbacks setzte dann der Profit ein. Das hatte sogar Vertigos Vertrieb geahnt: Bei einer ängstlichen Nachfrage von Diggle, ob die Serie abgesetzt würde, versicherte ihm die Vertriebschefin, daß man sie bis zum geplanten Ende durchziehen würde. Nun liegen auch bei uns die kompletten „The Losers“ in fünf Paperbacks vor, in der gewohnten Panini-Qualität und der sauberen Übersetzung des alten Comic-Cracks Bernd Kronsbein.

„The Losers“ wird gern mit der TV-Serie „The A-Team“ verglichen (wohl auch, weil beide Filmversionen fast gleichzeitig in die Kinos kamen). Der Vergleich stimmt jedoch nur sehr oberflächlich. In beiden Serien geht es um ein Ex-Special-Force-Team, das betrogen wurde und dann auf der offiziellen Abschußliste landet. Aber Stephen J. Cannels (den ich ansonsten sehr geschätzt habe, schon wegen „Wiseguy“) Schrott-TV ist naiver Kinderkram, während Diggles Comic politische Dimensionen hat, deren zynische Weltsicht in der Realität verankert ist. Während Jean Van Hamme für „XIII“ schamlos Ludlum geplündert hat (und „Largo Winch“ einiges dem inzwischen vergessenen Bestsellerautor Paul-Loup Sulitzer verdankt), ließ sich Diggle von den modernen Commando-Thriller-Autoren (Andy McNab oder Chris Ryan) inspirieren. Er langweilt nicht und beleidigt auch nicht (trotz des umstrittenen Endes) die Intelligenz der Leser.
Und deshalb kann man als Polit-Thriller-Fan guten Gewissens zur Abwechslung auch einmal Comics lesen …

DIGGLE VORTRAG PART.2

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